HOME
Interview

Wir, die Kohls - das erste und letzte stern-Interview des Altkanzlers

Mit dem stern hatte es Helmut Kohl nicht so. 2014 sprach er zum ersten Mal mit dem stern - zusammen mit seiner Frau Maike. Über das Leben, über Enttäuschungen und das Glück der späten Jahre. Ein Hausbesuch.

Altbundeskanzler ist im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Ludwigshafen gestorben. Am 6. November 2014 erschien das erste und gleichzeitig letzte stern-Interview mit dem Kanzler der Einheit und seiner Ehefrau Maike Kohl-Richter.

Ein goldener Oktobertag in der Pfalz. Das Haus des Altbundeskanzlers liegt in einer ruhigen Straße des Ludwigshafener Stadtteils . Auf dem Rasen hinter dem Anwesen zieht ein kleiner Mähroboter einsam seine Kreise. Elstern starten und landen auf dem bunten Stück der Berliner Mauer, das hier als Andenken im Garten des Kanzlers der Einheit steht.

Vor Monaten schon haben wir uns mit Maike Kohl-Richter zu einem persönlichen Gespräch verabredet. Damals gab es die Empörung über den früheren Ghostwriter Heribert Schwan noch nicht, der Tonbandaufzeichnungen mit dem Exkanzler ausgeschlachtet und zu einem Buch verarbeitet hatte.

Das erste und letzte Interview mit Helmut Kohl

An jenem Oktobertag steht sie dann in einem schmalen schwarzen Kleid und Lackpumps an der Haustür und begrüßt das stern-Team. Das Gespräch beginnt mittags um zwei am großen Esstisch der Kohls, zwischen Bildern des Matisse-Schülers Hans Purrmann und des Impressionisten Otto Dill. Eines zeigt den "Weg zur Maxburg". Ein anderes bildet einen Dompteur ab, der einen Tiger in der Arena bändigt. Wird ihr Mann tatsächlich kurz dazukommen, wie sie es angedeutet hat? Wird er Fragen beantworten? Noch nie hat Helmut Kohl dem ein Interview gegeben.

Das Gespräch beginnt - zuerst mit seiner Frau:

Frau Kohl-Richter, ärgert es Sie, dass die Erinnerung an den Mauerfall vor 25 Jahren vom eines früheren Ghostwriters überschattet wird?

Maike Kohl-Richter: Ach, du liebe heilige Güte - wollen wir unser Gespräch wirklich damit beginnen?

Mit den "Kohl-Protokollen", dem angeblichen "Vermächtnis" Ihres Mannes.

Maike Kohl-Richter: Ärgert mich das? Also, es handelt sich hier um einen unglaublichen Rechtsbruch, vor allem einen Diebstahl geistigen Eigentums. Das prüfen und verfolgen die Anwälte meines Mannes zivil¬ und strafrechtlich. Hinzu kommt: Dies ist ein besonders schlimmes Beispiel für einen Vertrauensbruch.

Warum?

Maike Kohl-Richter: Lassen Sie mich so sagen. Das Ganze hat alle Elemente eines klassischen Dramas: Liebe, Eitelkeit, Geld, Rache, Wut. Die Wahrheit ist: Mein Mann hatte nur ein Arbeitsverhältnis mit einem Menschen … 

… mit … 

… der sich angeboten hatte, ihn bei den Memoiren zu unterstützen. Und der hat vertraglich alles unterschrieben, was ihn zu einem Zuarbeiter für Helmut Kohl machte. So war die Absprache, das ist ein übliches Verfahren. Punkt. Und in diesem Zusammenhang sind auch die Tonbänder entstanden, auf die mein Mann damals für sich - für seine Memoiren und seinen Nachlass - seine Geschichte gesprochen hat.

Und jetzt gibt es das "Vermächtnis" … 

Maike Kohl-Richter: Nun, dieses Buch wird verkauft, weil Helmut Kohl draufsteht und in Teilen drin ist. Aber es hat in Wirklichkeit weder mit dem Menschen noch mit dem Politiker Helmut Kohl viel zu tun. Es ist ein Zerrbild. Was an dieser traurigen Geschichte allerdings ein Vermächtnis ist, das sind besagte Tonbänder meines Mannes. Und man kann nicht oft genug betonen, dass sich hier ein Mensch auf das Vermächtnis von Helmut Kohl gesetzt hat und sich auch noch als sein Interpret bezeichnet, der dazu nicht berechtigt ist. Das zeigt auch, wie dieser Mensch mit dem Selbstbestimmungsrecht eines anderen umgeht. Und dass er zugleich von mir als "künftiger Witwe" spricht, sagt alles. Dazu kann mein Mann jetzt vielleicht selbst etwas sagen.

(In diesem Moment kommt Helmut Kohl im Rollstuhl zum Gespräch dazu, begleitet von einem jungen Mann, der sich dann zurückzieht.)


Herr Bundeskanzler, ich habe mit Ihrer Frau gerade über Ihren früheren Ghostwriter gesprochen. Schwan glaubt, wenn Sie sein Buch läsen, würden Sie sagen: "Fein gemacht, Volksschriftsteller." Was sagen Sie dazu?

Helmut Kohl: Gar nichts. Der ist verrückt.

Haben Sie sich in Schwan getäuscht, menschlich?

Helmut Kohl: Ja. Am Anfang nicht, aber dann schon. Es war mein Fehler, dass ich dem vertraut habe.

Sie haben sich 2009 von ihm getrennt. Das war Ihr Wunsch, oder?

Helmut Kohl: Ja. Es war mein Wunsch.

Kohl über Heribert Schwan: "Ist mir völlig egal"

Es gibt nun viele Bücher über Sie. Lesen Sie eigentlich alle?

Helmut Kohl: Nein.

Es ist Ihnen egal, was die Menschen, auch jetzt Heribert Schwan, über Sie schreiben?

Helmut Kohl: Dieser Mann ist mir völlig egal.

Frau Kohl-Richter, Sie haben von 1994 bis 1998 als Redenschreiberin im Kanzleramt gearbeitet. Waren Sie auch Ghostwriter?

Maike Kohl-Richter: Nein, wir waren Redenschreiber. Die Vorgaben kamen immer von Helmut Kohl. Es war immer seine geistige Leistung, seine Politik. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir im Kanzleramt diesen Begriff benutzt hätten.

… wie jetzt Heribert Schwan.

… ja, und es ist auch eine Legende, die versucht wird aufzubauen, dass hier jemand für Helmut Kohl etwas verfasst habe, das dieser in der Endfassung nur noch abgesegnet habe. Die Wahrheit ist, dass mein Mann in jeder Phase des Entstehungsprozesses seiner Memoiren dabei war. Er hat oft, auch in seinem Büro - das wird jeder bestätigen - sinngemäß gesagt: "Was sind die Memoiren doch für eine Arbeit." Sie klagen gegen den Autor, den Verlag. 

Wie ist da der Stand?

Maike Kohl-Richter: In den Verfahren zu den einstweiligen Verfügungen wird es am 13. November ein Urteil der ersten Instanz geben. Nach allem, was wir von unseren Anwälten hören, wird das für uns positiv ausfallen. Damit ist das Ganze aber nicht erledigt. Das wird uns leider noch länger beschäftigen.

Schwan behauptet, Sie hätten ihn abserviert, Frau Kohl-Richter … 

Helmut Kohl: Das ist Quatsch.

Maike Kohl-Richter: Die Aussagen von Herrn Schwan über mich sind so fehlerhaft wie dieses ganze Buch. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Er schreibt, zu seinem 60. Geburtstag sei Helmut Kohl als Gast und mit Blaulicht angefahren gekommen - zu seinem Entsetzen. Das ist schlicht falsch. Herr Schwan ist einfach ein Wichtigtuer. Mein Mann fährt übrigens fast nie mit Blaulicht, schon gar nicht zu privaten Terminen.


Herr Bundeskanzler, sind Ihnen manche Ihrer damaligen Äußerungen über Ihre Wegbegleiter heute unangenehm?

Helmut Kohl: Ich finde das Ganze unerträglich, auch, dass wir jetzt hier überhaupt darüber reden.

Gut, wechseln wir das Thema. Jeder weiß, wo Helmut Kohl am Abend des 9. November 1989 war - in Warschau. Wo aber waren Sie, Frau Kohl-Richter?

Maike Kohl-Richter: In München, im Studium.

Sie waren 25. Wie haben Sie als Studentin gelebt?

Maike Kohl-Richter: Ich war fleißig, aber ich hatte schon auch Spaß am Leben, natürlich. Ich bin nie ein großer Partygänger gewesen, aber ich habe auch nicht im Kämmerchen gesessen und immer nur gelernt. Ich habe Tennis gespielt mit Freunden. Und ich habe nebenbei Hörfunk und Fernsehen gemacht.

Wo genau?

Maike Kohl-Richter: Ich habe für den Bayerischen Rundfunk und zwischendurch auch für das ZDF, für "Mona Lisa", gearbeitet.


"Ich war kein Groupie von Helmut Kohl"

Nach dem Examen, so las man in Porträts über Sie, hätten Sie sich zielstrebig an Helmut Kohl rangemacht. War das so?

Maike Kohl-Richter: Nach dem Examen habe ich beim Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung gearbeitet. Dann ist über mehrere Ecken ein Angebot aus dem Kanzleramt zu mir gekommen. Das habe ich nicht sofort angenommen, weil ich in einem festen Vertragsverhältnis und mitten in der Promotion war. Ich bin dann im April 94 ins Bundeskanzleramt gegangen, was ich keinen Tag bereue. Auch diese Geschichte war - wie die meisten Geschichten über mich in der Öffentlichkeit -, sie war eine ganz andere.

Es heißt auch, Sie seien als Kind bereits Kohl-Anhängerin gewesen?

Maike Kohl-Richter: Wir waren immer ein politischer Haushalt. Unsere Inhalte, unsere Ziele, unser Leben verkörperte das, was auch die CDU verkörperte, und für uns waren die Kanzler der CDU auch unsere Bundeskanzler. Insofern war ich kein Groupie von Helmut Kohl, aber ich war ein Anhänger der CDU-Politik, und er war unser Bundeskanzler, gar keine Frage.

Und deshalb sind Sie früh in die Junge Union eingetreten?

Maike Kohl-Richter: Nicht wegen Helmut Kohl. Wir haben das gemacht, weil das für uns ein Stück Verantwortung, Verpflichtung, Gestaltung war.
Sie haben einmal von den beiden Jugendströmungen Ihrer Generation gesprochen. Waren Sie Popper oder Punk?

Maike Kohl-Richter: Weder noch. Wir waren zu Hause vier Kinder. So viel Geld, dass wir alle Moden hätten mitmachen können, war nicht da. Ich war sicher eher bei den Poppern, aber ich hatte nie diese Frisur.

Hatten Sie mal den Wunsch, Politikerin zu werden?

Maike Kohl-Richter: Nein. Das war für mich kein Thema, das war nicht mein Weg.

Herr Dr. Kohl, könnte Ihre Frau Politikerin sein?

Helmut Kohl: Ja, sie ist sehr begabt.

Frau Kohl-Richter, nach der verlorenen Wahl 1998 haben Sie das Kanzleramt verlassen. Warum?

Maike Kohl-Richter: Ich glaube, dass man sich, wenn man Redenschreiber ist, im Laufe der Zeit auch mit dem Menschen, für den man diese Reden schreibt, auseinandersetzt.

Da kann man nicht gleich zu einem anderen umschwenken.

Maike Kohl-Richter: Manche können das, was ich völlig wertfrei sage. Ich konnte das nicht.

Maike Kohl-Richter verliebte sich in ihren Chef

Und irgendwann, Frau Dr. Kohl-Richter, haben Sie sich in Ihren früheren Chef verliebt?

Maike Kohl-Richter: Ja.

Wann haben Sie gemerkt, dass es so ist?

Maike Kohl-Richter: Das kann ich zeitlich überhaupt nicht einordnen. Das war ein langsamer Prozess. Also, es gibt kein Ereignis, keinen Tag, keine Stunde.

Ein Sohn Ihres Mannes schreibt in einer Biografie seiner Mutter, dass Ihre Berliner Wohnung wie ein "Helmut-Kohl-Museum" ausgesehen habe, wie die Wohnung eines Stalkers. Stimmt das?

Maike Kohl-Richter: Das ist alles totaler Unsinn. Und das ist beleidigend.


Warum wehren Sie sich nicht gegen solche Schilderungen und Pathologisierungen?

Maike Kohl-Richter: Ich will mich nicht damit beschäftigen, was andere sich ausdenken, sondern mit dem, was uns wichtig ist. Wenn ich mich gegen alle Lügen wehren wollte, die vor allem seit unserer Hochzeit in die Welt gesetzt und als Wahrheit verbreitet werden, dann müsste ich laufend Gegendarstellungen schreiben und Klagen einreichen. Dafür ist mir unser Leben zu schade.

Frau Kohl-Richter, Ihr Mann erlitt 2008 bei einem Sturz hier im Haus ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er sitzt seither im Rollstuhl und tut sich mit dem Sprechen schwer. Warum sind Sie nach dem Unfall eigentlich hier in Oggersheim geblieben?

Maike Kohl-Richter: Wir sagen ja immer Ludwigshafen - Oggersheim ist ein alter Kampfbegriff der Linken, um Helmut Kohl als Provinzler zu verunglimpfen. Wir sind hier geblieben, weil wir keine andere Wahl hatten. Mein Mann wäre, glaube ich, nicht mehr am Leben, wenn ich in dieser Phase auch noch versucht hätte, ihn örtlich umzupflanzen. Das wäre auch rein praktisch gar nicht möglich gewesen.

Sie haben hier einen Aufzug einbauen lassen … 

Maike Kohl-Richter: … richtig.

Sie haben ein Therapieschwimmbad … 

Maike Kohl-Richter: Nein, wir haben ein ganz normales Schwimmbad. Wir haben allerdings ein paar Dinge eingebaut, die es meinem Mann ermöglichen, im Schwimmbad seine Übungen zu machen.

Sie beschäftigen Pfleger, Sie haben ein behindertengerechtes Auto.

Maike Kohl-Richter: Auch hier nein. Wir haben ein normales Auto mit einem ausschwenkbaren Sitz, der meinem Mann das Aus- und Einsteigen erleichtert.

Hier kommt endlich die Frage: Wie finanziert man das alles?

Maike Kohl-Richter: Es gibt Menschen, die müssen sicher mit weniger Geld das Gleiche oder Ähnliches leisten wie wir, und es ist sicher richtig, dass Geld diese Dinge sehr erleichtert. Unser Glück ist, dass wir die finanziellen Möglichkeiten haben, das Leben so zu gestalten. Dazu gehört, dass ich mich beurlauben lassen konnte.

Ist es Ihnen schwergefallen, Ihre Wohnung in Berlin und den Job im Wirtschaftsministerium aufzugeben?

Maike Kohl-Richter: Ja und nein. Ich liebe meinen Mann sehr. Ich würde das alles wieder tun. Die Jahre waren furchtbar hart. Das Leben ist immer noch anstrengend. Aber wir haben auch unglaublich viel Glück gehabt. Also nein, es ist mir nicht leichtgefallen, Berlin zu verlassen. Aber ja, es ist mir leichtgefallen, bei meinem Mann zu bleiben. Es gibt da nicht immer ja oder nein, schwarz oder weiß. Ich sage immer, wir haben eine Entscheidung in einer schwierigen Situation getroffen, und ich glaube, wir haben die richtige Entscheidung getroffen.

Helmut Kohl: Ja, das haben wir.

Maike Kohl-Richter: Dieses Haus war für uns der einzige Weg, zusammenzubleiben, und für meinen Mann die einzige Chance, gesund zu werden.

Zum Tod von Altkanzler Kohl: Stationen eines bewegten und bewegenden Lebens
Helmut Kohl löst 1973 - damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz - Rainer Barzel (hinten) auf einem Sonderparteitag als CDU-Vorsitzenden ab

Helmut Kohl löst 1973 - damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz - Rainer Barzel (hinten) auf einem Sonderparteitag als CDU-Vorsitzenden ab

Helmut Kohl: Wir sind beide gesund geblieben.

Maike Kohl-Richter: Vielleicht darf man das an dieser Stelle einmal sagen: Mein Mann hat großartige Fortschritte gemacht. Das merke ich gerade in diesen Tagen. Der Unfall war vor sechseinhalb Jahren, und was mein Mann seitdem erreicht hat, auch von der Sprachfertigkeit her …

Helmut Kohl: … das ist viel.

(Helmut Kohl lacht. "Da lachst du jetzt", sagt seine Frau, steht auf und umarmt ihn.)

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Maike Kohl-Richter: Ich gehe morgens an den Schreibtisch oder einkaufen oder erledige Dinge. Mein Mann steht auf, hat ein leichtes Frühstück und macht am Vormittag die notwendigen Übungen, damit der Tag im Rollstuhl nicht zu lang wird. Er geht also ins Schwimmbad oder benutzt das Trainingsfahrrad.

Helmut Kohl empfing auch Viktor Orbán

Und dann kommen Besucher, Doktoranden, Historiker, Staatsgäste.

Helmut Kohl: … wie der Ungar, der Österreicher, der Italiener.

Maike Kohl-Richter: Wollen wir deine Besucher für den stern einmal benennen? Also, das waren zuletzt zum Beispiel Miklós Németh, Wolfgang Schüssel, Romano Prodi und Rocco Buttiglione.

Man könnte fast den Eindruck haben, Sie führten hier ein kleines Kanzleramt.

Maike Kohl-Richter: Nein, nein. Die Namen, die wir jetzt aufgezählt haben, das sind echte Freunde. Auch in der Politik gibt es Freunde. Manchmal mehr über die Grenzen hinweg als im eigenen Land. Aber wir haben auch ganz normale Besucher. Mein Mann mag zum Beispiel meine Freundinnen und Freunde auch sehr.

Was ich nicht verstanden habe, Herr Kohl, Sie empfangen viele Staatschefs … 

Maike Kohl-Richter: … es sind ja auch ein paar "außer Dienst" dabei … 

Aber warum empfängt ein großer Europäer wie Sie den ungarischen Premier Viktor Orbán, der alles andere als ein Europäer ist?

Helmut Kohl: Weil er ein großer Europäer ist.

Er giftet gegen Brüssel, gegen das Parlament, gegen die Pressefreiheit.

Helmut Kohl: Ich bleibe dabei: Er ist ein großer Europäer, er denkt und handelt europäisch.

Herr Kohl, Ihr neues Buch heißt "Aus Sorge um Europa". Müssen wir Angst haben vor einem neuen Krieg?

Helmut Kohl: Ja und nein. Ich teile nicht die Kriegsangst mancher Menschen, aber auch ich habe Sorge vor allem wegen der Entwicklung um die Ukraine.

Besorgt es Sie auch, dass Deutschland und Russland ein so angespanntes Verhältnis haben?

Helmut Kohl: Ja. Aber das gilt nicht nur für Deutschland. Es gilt auch für Europa und die USA. Die Gesamtsituation ist angespannt.

Was würden Sie der Bundeskanzlerin sagen, wenn sie Sie um Rat fragte?

Helmut Kohl: Das, was ich allen sage: dass man jetzt viel und miteinander reden muss. Man muss die Dinge im Gespräch lösen.

Das macht sie doch!

Helmut Kohl: Ich war mit Jelzin eng befreundet, bis zu seinem Tod. Wir haben keine Probleme gehabt, wir haben viele Sachen gemeinsam erlebt, sind in die Sauna gegangen und alles Mögliche …

… das kann Angela Merkel mit Putin ja schlecht machen …

… und wir haben immer alles im Gespräch miteinander gelöst.

Herr Bundeskanzler, zu Ihrer Zeit galten Sie als der Motor Europas.

Helmut Kohl: Der bin ich auch heute noch. Ich sehe mich weiter in der Pflicht. 

(Helmut Kohl tippt auf den kleinen grauen Band, der auf dem Tisch liegt, seinen Europa-Appell.) 


Gibt es sonst noch jemanden?

Helmut Kohl: Ja, Jean-Claude Juncker, der jetzt neuer Kommissionspräsident ist. An ihn glaube ich. Das ist mein Mann.


Richtig, Frau Kohl-Richter, dass Sie täglich gemeinsam arbeiten?

Maike Kohl-Richter: Ja, das kann man so sagen.

Helmut Kohl: Wir schreiben viel, auch viele Bücher …

Aktuell dieses hier, das Europa-Buch. Wie ist das entstanden?

Maike Kohl-Richter: Es sollte ursprünglich ein Essay zu dem vor einigen Wochen erschienenen Mauerfallbuch meines Mannes sein. Der Essay wurde dann so lang, dass wir gemeinsam mit dem Verlag entschieden haben, daraus ein eigenes Buch zu machen.

Wie das Ehepaar sein Buch schrieb

Wie geht das konkret? Ihr Mann diktiert Ihnen, Sie gehen in die Archive?

Helmut Kohl: Beides. Ich erzähle aus der Erinnerung, ich habe vieles noch im Kopf. Und die Archive sind auch wichtig. Meine Frau schreibt es dann auf.

Maike Kohl-Richter: Es geht etwas anders natürlich als früher, aber auch nicht wesentlich anders. Wie früher seinen Mitarbeitern sagt mein Mann heute eben mir, was ihn bewegt und was er in seinen Texten haben möchte. Bei dem Europa-Buch war es auch so: Ich habe ergänzend zu unseren Gesprächen seine Reden und Interviews hierzu von früher herausgesucht und meinem Mann den Text etappenweise vorgelegt. Dann haben wir fröhlich diskutiert, mein Mann hat korrigiert und ergänzt oder gestrichen, und dann ging es in die nächste Runde. So ist der Europa-Appell entstanden.

Helmut Kohl: So war es.

Und als es fertig war, sagte Ihr Mann: Schön gemacht?

Maike Kohl-Richter: Als es fertig war, hat er gesagt, jetzt ist es gut. Und er war stolz und hat sich gefreut, dieses für ihn so wichtige Buch geschafft zu haben.

Kann man sagen, dass inzwischen niemand so gut mit Ihrer Geschichte vertraut ist wie Ihre Frau?

Helmut Kohl: Ja, niemand. Sie weiß alles.

Maike Kohl-Richter: Das weiß ich nicht.

Helmut Kohl: Doch, du weißt am meisten. Du hast die größten Kenntnisse. Das ist meine Meinung.

Und manchmal weckt Ihre Frau Sie morgens um vier und liest vor, was sie geschrieben hat?

Helmut Kohl: Ja, das ist wahr. Nicht immer um vier, manchmal auch um drei. Sie weiß, dass sie die ganze Nacht kommen darf.

Arbeiten Sie eigentlich immer? Oder gucken Sie auch mal gemütlich und gemeinsam "Tatort"?

Maike Kohl-Richter: Mein Mann sieht bis auf die Nachrichten nicht mehr sehr viel fern. Wir schauen manchmal Filme.

Planen Sie, selbst ein Buch über Ihren Mann zu schreiben?

Maike Kohl-Richter: Ein Buch ist nicht in Planung. Aber natürlich gibt es bestimmte Dinge, die mich an meinem Mann besonders interessieren. An Weihnachten 1949 hat er zum Beispiel in dieses Rembrandt-Buch folgende Widmung geschrieben - als 19-Jähriger, vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs: "In den Tagen der Wirren und der Bedrängnis tut uns allen ein wenig Besinnung bitter Not …"

Helmut Kohl: Ja, das war so.

Maike Kohl-Richter: "… Vielleicht zeigt uns die Kunst einen Weg in ein besseres Halbjahrhundert." Das sind Dinge, die mich berühren, die mich beschäftigen. Außer dass er mein Mann ist, habe ich hier ja auch eine Aufgabe. Einerseits unterstütze ich meinen Mann bei seinen Büchern, damit er sich weiter zu Wort melden kann, soweit er das möchte. Und darüber hinaus habe ich eine natürliche Neugierde, von oder über Helmut Kohl noch ein bisschen mehr zu erfahren, und möchte dies dann irgendwann auch einmal seriös in die Öffentlickeit bringen.

Es ist oft die Rede von 400 Aktenordnern, die bei Ihnen im Keller lagern. Das hat für Argwohn und Kritik gesorgt.

Maike Kohl-Richter: Das stelle ich gerne einmal klar. Mein Mann hat einen Vertrag mit dem Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dieses Archiv war dem Bundeskanzler Helmut Kohl immer wichtig, damit die CDU sozusagen ein Gedächtnis hat. Mein Mann hat dem Archiv deshalb auch seine Handakten übergeben, weil ihm immer bewusst war: Das Material muss zusammenbleiben. In dem Vertrag war auch vereinbart, dass die Adenauer-Stiftung die Akten meines Mannes noch nicht nutzen durfte. Dadurch, dass wir sie zu uns geholt haben, ermöglichen wir auch den Zugang. 

Und Helmut Kohl bleibt somit arbeitsfähig?

Helmut Kohl: Ja (spontan).

Sie haben die alleinige Entscheidungsbefugnis über den historischen Nachlass Helmut Kohls. Was heißt das?

Maike Kohl-Richter: Ja, das wird irgendwann einmal so sein. Natürlich sind mein Mann und ich uns im Klaren darüber, dass der Nachlass in gute Hände kommen, zusammenbleiben und zugänglich sein muss.

Helmut Kohl: Seriös zugänglich.

Denken Sie an eine Stiftung?

Maike Kohl-Richter: Wie auch immer das am Ende heißen wird - gehen Sie davon aus: Es wird eine gute Lösung geben. Wir kennen unsere Verantwortung.

Ihr Mann hat vieles bereits testamentarisch verfügt. Werden Sie Alleinerbin?

Maike Kohl-Richter: Was den historischen Nachlass betrifft - ja.


Ihre Kritiker fürchten, dass Sie die alleinige Deutungshoheit über Helmut Kohls Wirken haben wollen. Was sagen Sie dazu?

Maike Kohl-Richter: Ich tue mich schon mit dem Begriff Deutungshoheit schwer. Was soll das eigentlich heißen? Mir geht es darum, dass ich eine Sicht der Dinge habe und haben darf.

Kann es sein, dass mancher um die eigene Deutungshoheit fürchtet?

Maike Kohl-Richter: Ja. Und ich glaube vor allem, dass meine Kritiker immer von sich selbst reden, wenn sie über mich reden.

(Helmut Kohl nickt zustimmend.) 

Frau Kohl-Richter, Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie Ihren kranken Mann in die Öffentlichkeit zerren. Zuletzt bei der Frankfurter Buchmesse.

Maike Kohl-Richter: Habe ich dich auf die Buchmesse gezerrt?

Helmut Kohl: Nein. Ich bin hingegangen. Ich wollte mein Buch vorstellen. Aber noch lieber bin ich mit dir zu Hause.

"Alle wollen mit meinem Mann Geld verdienen", haben Sie einmal gesagt. Wie haben Sie das gemeint?

Maike Kohl-Richter: Das muss man natürlich differenzieren. Die Mehrheit der Menschen meint es gut mit uns. Das siehst du auch so, oder?

Helmut Kohl: Ja, das ist so.

Maike Kohl-Richter: Unser Leben ist nicht so negativ, wie die öffentliche Darstellung über uns ist. Unser Leben hat viel Schönes. Und das Interesse an Helmut Kohl ist groß, und das ist auch gut so. Wir erleben allerdings manchmal merkwürdige Dinge. Wenn wir in ein Hotel gehen oder in ein Restaurant, wo wir vorher noch nicht waren, dann werden wir immer ganz besorgt gefragt, also ich, ob ich mit meinem Mann durch einen Neben- oder Hinter- oder Seiteneingang gehen möchte und in welchem separaten Raum wir sitzen möchten. Ich sage dann immer, mein Mann hat gar kein Problem damit, wenn die Menschen, die ihn früher gewählt oder nicht gewählt haben, ihn heute wieder sehen. Im Gegenteil.

Helmut Kohl: Das ist wahr.

Maike Kohl-Richter: Und dann frage ich immer, ob der Haupteingang weiterhin für uns möglich ist. Zu Ihrer Frage: Es gibt Menschen, die mit Geschichten über meinen Mann und mich Geld verdienen wollen. Und das funktioniert, weil das Interesse an meinem Mann groß ist.

"Sie geht sehr gern auf die Straße, mit mir"

Wie halten Sie das eigentlich aus, dass oft so schlecht über Sie geredet und geschrieben wird?

Helmut Kohl: Das ist alles Quatsch.

Traut man sich da noch auf die Straße, Frau Kohl-Richter?

Helmut Kohl: Ja. Sie geht sehr gern auf die Straße, mit mir.

Kann Ihr Mann Sie trösten, wenn es auf Sie einprasselt?

Maike Kohl-Richter: Ja, sehr. Er hat das sein Leben lang auch selbst erlebt. Große Menschen erleben immer zwei Seiten der Medaille. Sie werden verehrt, und sie werden gehasst. Helmut Kohl hat wie wenige die Menschen polarisiert. Er polarisiert sie bis heute. Auch das muss man erwähnen: Es geht um mich, weil ich die Frau von Helmut Kohl bin. Man greift mich an …

Helmut Kohl: … um mich zu treffen. Das stört mich nicht, also für mich nicht. Aber das ist die Wahrheit.

Noch einmal die Frage: Wie gehen Sie damit um?

Maike Kohl-Richter: Indem ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen.

War es schwer für Sie, Frau Kohl-Richter, in das Haus von Helmut und Hannelore Kohl zu ziehen?

Helmut Kohl: Ja.

Maike Kohl-Richter: Ja, natürlich. Wir haben uns das jetzt schön gemacht. Doch es bleibt das alte Haus, das alte Gemäuer. Die Geschichte bleibt die alte Geschichte. Das darf man nicht dramatisieren, aber es ist natürlich nicht meins. Das kann es auch nie werden. Das geht nicht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, bei einem öffentlichen Auftritt Hosenanzug und Schmuck von Hannelore Kohl zu tragen?

Maike Kohl-Richter: Ach, das war sicher ein großer Fehler. Ich glaube auch, dass ich damit Gefühle verletzt habe, was mir leidtut. Aber es war nicht meine Idee, es war die Idee meines Mannes, und das ist die Idee einer Generation.

Ihr Mann wollte, dass Sie das tragen?

Maike Kohl-Richter: Ich bin nicht von mir aus an die Schränke gegangen und habe mir das geholt, sondern mein Mann hat vor diesen vollen Schränken gestanden, und es ist mir leider nicht erspart geblieben, dass ich das mit ihm aufräumen musste. Und dann hat mein Mann die Dinge verteilt. Der Familienschmuck ist an die Kinder gegangen, das hat er mir jedenfalls immer gesagt. Einen restlichen Teil hat er behalten. Dadurch, dass ich Hannelore Kohl nicht kannte und zu jener Zeit auch keine Nähe zu Helmut Kohl hatte, habe ich das sicher falsch eingeschätzt.

Sie haben keinen Kontakt mehr zu Ihren Söhnen, Herr Kohl, warum?

Helmut Kohl: Wir haben kein gutes Verhältnis.

Wollen Sie Ihre Söhne nicht sehen?

Helmut Kohl: Nein, das will ich nicht.


Und wie ist das mit Ecki Seeber, Ihrem langjährigen Chauffeur?

Helmut Kohl: Den auch nicht. Aber das ist ein anderer Fall.

Warum?

Helmut Kohl: Ich habe von alldem die Nase voll. Ich will jetzt leben, und ich will mein Leben leben.

Maike Kohl-Richter: Darf ich etwas ergänzen? Die Geschichte mit dem Ehepaar Seeber ist ein besonders trauriges Kapitel. Wenn ich lese, ich hätte sie rausgeworfen …

Helmut Kohl: Das ist großer Quatsch. Absurd.


"Eine schöne Ehe"

Frau Seeber hat lange als Haushälterin der Kohls gearbeitet.

Maike Kohl-Richter: Ja, und sie wollte schon vor dem Unfall aufhören. Herr Seeber wurde 70 Jahre alt, und während mein Mann 2008 in der Reha-Klinik war, hatte er eine Knieoperation.

Er hätte den Panzerwagen also gar nicht mehr fahren können?

Maike Kohl-Richter: Mehr will ich dazu nicht sagen. Es hat immer alles zwei Seiten.

Frau Kohl-Richter, Herr Bundeskanzler, warum haben Sie sich eigentlich erst so spät als Paar geoutet?

Maike Kohl-Richter: Haben wir das?

Erst 2005, nach dem 75. Geburtstag.

Helmut Kohl: Das war damals richtig, und ich habe eine wunderbare Frau.

Sie haben gemeinsam 2004 den Tsunami auf Sri Lanka erlebt. Ist das nicht ein Schicksalsmoment, der zusammenschweißt?

Maike Kohl-Richter: Das ist alles richtig, aber bevor man an der Seite eines solchen Mannes an die Öffentlichkeit geht, müssen sich beide Seiten sicher sein. Man kann nicht heute öffentlich erklären, wir sind ein Paar, und morgen auseinanderlaufen. Und was den Tsunami betrifft - so etwas muss man erst einmal verarbeiten, da sind Menschen umgekommen.

Helmut Kohl: Viele.

Maike Kohl-Richter: Heute, nach dem Unfall, sagt man sich natürlich, das hätte man alles auch anders machen können.

Aber ist man nicht hinterher immer schlauer?

Herr Bundeskanzler, Sie haben gesagt: "Ohne Maike wäre ich nicht mehr am Leben." Wie haben Sie das gemeint?

Helmut Kohl: Sie hat mich gepflegt, als es mir ganz schlecht ging. Ich war ganz unten, und sie hat viel investiert. Dass ich lebe, verdanke ich ihr.

Hilft Ihnen der Glaube, Ihr Leben, so wie es jetzt ist, zu bewältigen?

Helmut Kohl Ja. Der ist mir wichtig, mein katholischer Glaube ist mir wichtig.

Würden Sie sagen, auch wenn ich im Rollstuhl sitze - ich bin ein glücklicher Mensch?

Helmut Kohl: Ja. Ganz eindeutig. Ich bin glücklich.

Haben Sie noch ein Ziel, das Sie erreichen wollen?

Helmut Kohl: Ich sage dem lieben Gott jeden Tag: Ich will 90 werden.

Frau Kohl-Richter, Sie führen kein einfaches Leben. Aber Sie wirken sehr fröhlich und optimistisch … 

Helmut Kohl: Ja. Das ist sie, sehr. Sie hat mir viel geschenkt. Ich habe viel von ihr gelernt.

Das verblüfft mich jetzt. Was denn?

Helmut Kohl: Das Leben. Meine Freunde kommen alle gerne zu ihr.

Maike Kohl-Richter: Aber die kommen doch zu dir!

Helmut Kohl: Nein, die kommen zu neunzig Prozent zu dir.

Laut Statistik sprechen Ehepartner angeblich nur zehn Minuten am Tag miteinander. Wie ist das bei Ihnen?

Helmut Kohl: Wir sprechen Stunden, keine Minuten. Und manchmal reden wir auch nachts ganz viel.

Frau Kohl-Richter, mit welchem Adjektiv würden Sie Ihre Ehe beschreiben?

Maike Kohl-Richter: Liebe, tiefe Verbundenheit - das sind aber keine Adjektive. Ist unsere Ehe schön? Nein, "schön" ist ein falsches Wort, oder?

Helmut Kohl: "Schön" ist gut. Eine schöne Ehe.


wue

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools