Er ist ein Großer. Er hat das Charisma des weisen Alten. Und er hat uns viel zu sagen. Der Weltökonom, Altkanzler und Genussraucher wird 90 Jahre alt - und die Deutschen verehren ihn wie nie. stern-Fotograf Volker Hinz hat ihn über vier Jahrzehnte porträtiert. stern-Autorin Ulrike Posche beschreibt die Menschwerdung eines Machers.

Rauchzeichen: Helmut Schmidt am 6. Dezember 2008 nach einer Rede in Hamburg© Volker Hinz
Es ist die Zeit der Finsternis und Wunder. Am Ende dieses turbulenten Jahres fürchten viele Menschen eine ungewisse Zukunft. Sie warten auf ein beherztes Wort, einen weisen Fingerzeig, ein Quäntchen Trost von oben. Lange warten sie vergebens. Doch während die Welt im Strudel einer Finanzkrise immer weiter zu Boden sinkt, geschieht zumindest in Deutschland ein kleines Aufstiegswunder. Wir erleben die Menschwerdung eines Machers: Welt ging verloren, Schmidt war geboren. Und ganz Deutschland bringt ihm Weihrauch und Myrrhe.
Ja, es ist so: Wir alle beobachten die märchenhafte Verwandlung eines zornigen Besserwissers zum weisen Greis. Eines politischen Krisenmanagers zum Schutzheiligen in der Not. Wie ein Komet ist der ehemalige Staatskanzler und Welten-Erklärer Helmut Schmidt aus dem Dunkel erschienen. Und auf einmal ist da das Wort, der Fingerzeig, das bisschen Trost. Was für eine Koinzidenz! Wenn Krise ist, ist Helmut Schmidt in seinem Element. Dann schärft sich sein Blick, Meinungen und Fakten bündeln sich zu Analysen, zu den Elixieren des Doktor Schmidt. Wenn Krise ist, ist Helmut Schmidt ein Retter. Aber das ist es nicht allein.
Kurz vor seinem 90. Geburtstag und kurz vor einer weltweiten Rezession ist der Mann aus Hamburg-Langenhorn auf dem Gipfel seines Ruhmes. Es ist ihm endlich etwas zugewachsen, das er früher stets mit Zähnen an sich reißen wollte - Bewunderung. Er wollte, auch wenn er sich zeitlebens hinter seiner Hamburger Arroganz und hinter einer "bisweilen unhöflichen Direktheit" gegenüber anderen, wie er selbst findet, verschanzte - Schmidt wollte geliebt werden, wie Willy Brandt geliebt wurde. Jetzt, da es so ist, scheint er es zu genießen. Er wirkt plötzlich milde. Wie ein Kirchturm mit alter Patina.
Er lässt es zu, dass ihn die Menschen nicht nur respektieren, sondern an seinen Lippen und Worten hängen. Er lässt sich bejubeln, mit Standing Ovations feiern. Wenn er in Beckmanns Talkshow, in Theatersälen und Kirchen die Welt erklärt, fühlen die Menschen sich geborgen. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem der disziplinierte Weltökonom nicht in einem Saal säße, um mit geraden Sätzen vom Blatt aufs Publikum einzupriestern oder die länglichen Fragen einer prominenten Fernsehnase mit irritierend kurzen Antworten zu kontern. Gestern in einem Berliner Dom, heute im Münchner Volkstheater, morgen in einem Passauer Verlagsgebäude. Anschließend kaufen die so Verzauberten sein neues Buch "Helmut Schmidt. Außer Dienst" und katapultieren es dankbar auf den Spitzenplatz der Bestsellerlisten.
"Es ist immer so schön, wie er erst lange nachdenkt, bevor er etwas sagt", erklärt eine Kundin ihrer Buchhändlerin den Erfolg. Helmut Schmidt hat sich das Pausieren vor dem Antworten über Jahrzehnte antrainiert. Oft dauert es so lange, wie man braucht, um den Rauch einer Mentholzigarette in die Lunge zu saugen und durch die Nase zurück ins Freie zu pusten.
Gerade trat er mal wieder zwischen zwei Zeitungsinterviews, zwischen Fernseh-und Radioaufzeichnungen in Hamburg auf. 800 Chirurgen hörten sich an einem Samstagmorgen im Dezember mit angehaltenem Atem an, welche Antworten Sir Helmut auf die Tücken der globalen Wirtschaft hat. Die Gattinnen der angereisten Ärzte hatten sogar auf das Shopping verzichtet und spitzten stattdessen im Ballsaal des Hotels die Ohren. Sie haben mit Applaus quittiert, wie Schmidt der "nonchalanten Ignoranz der Regierenden" eine Rüge erteilte. Das war besser als die Luxusläden am Jungfernstieg. Schmidt misst sie, die Regierenden, nämlich erst an sich selbst, um sie anschließend als Minderleister und Low-Performer niederzuqualifizieren. "Ich habe seit zehn Jahren vor der Weltfinanzkrise gewarnt. In dem Moment, als der amerikanische Finanzminister Lehman Brothers fallen ließ, musste Europa reagieren, konnte es aber nicht, weil niemand da war!" Kein Brown, keine Merkel. Niemand, außer Schmidt. Aber der war ja leider aus dem Spiel.
Man fühlte fast die Bestürzung im Saal, als die Erkenntnis dämmerte, dass dieser Greis bei aller medizinischen Finesse die Lücke nicht mehr würde füllen können. Sie hatten ja gesehen, wie schwer Schmidt sich beim Betreten der Bühne auf seinen verhassten Stock stützen musste, den er im Platznehmen verächtlich von sich auf den Boden warf. So macht er das immer mit dem Ding, auf das er angewiesen ist. Dieser Mensch war nur noch Hirn und Mund. Den drahtigen Staatskörper hatte Schmidt vor Jahren schon verloren. Sein Geist allein hält ihn lebendig, das Nachdenken, das lebenslange Lernen, Lesen, Diskutieren. Noch heute sitzt Schmidt fast täglich in seinem Büro bei der Wochenzeitung "Die Zeit" oder in den Politik-Konferenzen seiner Redaktion - egal, welche Veranstaltung er am Vorabend absolviert hat.
Irgendwann an jenem Samstagmorgen hörte man die versammelten Ärzte dann erleichtert seufzen. Denn der Altkanzler kam nach einer Stunde harscher Kapitalismuskritik zum versöhnlich sanften Ende: "Gleichwohl erscheinen mir diese Prognosen nicht als ausreichender Grund für Pessimismus." Es war beinahe andachtsstill. Herr Schmidt sprach nur ein Wort, und alle Seelen wurden gesund. Kein Grund zum Pessimismus! "Oh, guter Alter, wie so wohl erscheint in dir der treue Dienst der alten Welt. Da Dienst um Pflicht sich mühte, nicht um Lohn." Shakespeare. Es ist schwer zu sagen, wann genau Helmut Schmidt zu einem fleischgewordenen Denkmal wurde. Man weiß auch nicht, wann sich dieses Charisma des weisen Greises über ihn legte, das nun über uns leuchtet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag jedenfalls sieht es so aus, als habe er nur Jahr um Jahr an sein Leben gehängt, um diesen einen Moment nicht zu verpassen. Er wollte wohl wissen, wie es ist, wenn sich alle, aber wirklich alle nach ihm zurücksehnen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 52/2008
ZUR PERSON: 23. Dezember 1918 Geburt in Hamburg
1937 Abitur in Hamburg und Wehrdienst
1939 bis 1945 Soldat der Wehrmacht,
zuletzt als Oberleutnant, Kriegsgefangenschaft
von April bis August 1945
1942 Heirat mit Hannelore Glaser ("Loki")
1946 Eintritt in die SPD
1947 Geburt von Tochter Susanne
1949 Abschluss des Studiums zum
Diplomvolkswirt, danach erste Anstellung
bei der Hamburger Wirtschaftsbehörde
1953 bis 1961 Abgeordneter im Bundestag
1961 bis 1965 Hamburger Innensenator,
der sich 1962 während der Flutkatastrophe
seinen Ruf als Krisenmanager erwirbt
1965 Rückkehr in den Bundestag und
stellvertretender SPD-Fraktionschef
1967 Nach dem Tod von Fritz Erler
Fraktionsvorsitzender der SPD
1968 Stellvertretender SPD-Vorsitzender
1969 Verteidigungsminister in der sozial-
liberalen Regierung von Willy Brandt
Juli 1972 Wirtschafts- und Finanzminister
1972 Nach der Bundestagswahl Finanzminister
im zweiten Kabinett Brandt
16. Mai 1974 Wahl zum Bundeskanzler
nach dem Rücktritt von Willy Brandt
1975 Erster Weltwirtschaftsgipfel auf Vorschlag Schmidts und des französischen Präsidenten Giscard d'Estaing
1976 und 1980 Wiederwahl zum Kanzler
1977 Als Terroristen Arbeitgeberpräsident
Hanns Martin Schleyer und die Lufthansa-
Maschine "Landshut" entführen, lehnt
Schmidt jede Erpressung des Staates ab
1979 Nato-Doppelbeschluss zur Raketenstationierung in Europa
1. Oktober 1982 Nach dem Scheitern der
Koalition mit der FDP der Sturz als Kanzler
seit 1983 Herausgeber der Wochenzeitung
"Die Zeit" in Hamburg
1987 Abschied aus dem Bundestag