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12. April 2008, 19:43 Uhr

Ruhiger Fels in globaler Brandung

Die SPD steht vor dem Abgrund. Die Umfragen sind verheerend, ihr Personal ist zerstritten, die Lage aussichtslos. Man könnte an den Sozialdemokraten verzweifeln - gäbe es ihn nicht: Altkanzler Helmut Schmidt, der letzte Held der SPD. Mit 89 Jahren ist er eine Kultfigur - über die Parteigrenzen hinweg. Von Ulrike Posche

Wenn Helmut Schmidt im Hamburger Thalia Theater Klartext redet, klatschen die Zuschauer stehend. Und nicht nur hier© Karin Rocholl

Die Bibel kennt keine älteren Herren mit weißen Einstecktüchern in blauen Jacketts. Und es gibt darin auch keine Männer mit parfümiertem Schnupftabak und einem Scheitel, der so messerscharf ist, wie es die Sätze sind, die sein Träger spricht. Doch als der 89-jährige Helmut Schmidt an einem Frühjahrsabend einsam und in sich hineinhorchend hinter der Tür eines noch leeren Festsaales auf das Eintreffen der anderen Gäste wartet - da wirkt er eben doch wie eine weise Gestalt aus der Bibel: ein Allwissender, auf den die Welt nicht verzichten will. Ein Denker, auf den sie nicht verzichten kann. Und es sitzt, wenn man es nüchtern betrachtet, ein Grandseigneur in Hamburger Farben dort, der eine Cola trinkt und Zigaretten raucht.

Den Wahnsinn in der EU angeprangert

Minuten zuvor hat Helmut Schmidt noch den Wahnsinn in der EU angeprangert. In kleinen Schritten war er zum Lesetisch im wappenverzierten Saal des Hamburger Rathauses geeilt, hatte einen beflissenen Herrn, der ihm den Arm reichen wollte, ignoriert. Hatte das Publikum während all dessen keines Blickes gewürdigt und seinen bambusfarbenen Krückstock verächtlich auf den Boden geworfen, so wie er es immer macht, wenn er irgendwo Platz nimmt. Dann hatte er die Regelungswut in Brüssel hingerichtet: "Sie sind sich nicht einmal über den Kosovo einig. Zehn Jahre nach der Intervention! Sie sind sich nur einig über den Bau von Drahtseilbahnen und das Beschriften von Zigarettenschachteln."

Einmal hatte er sogar selbst über seinen Furor gelacht. Es war dieses typische Helmut- Schmidt-Lachen, das beide Zahnreihen beim Zusammenbeißen zeigt. Der Redner Schmidt kann mit einer Kunstpause eine ganze Halle zum gespannten Luftanhalten zwingen. Oder sie zum Lachen befreien. Ob er fände, wurde er neulich gefragt, dass unsere Politiker ihre Schularbeiten ordentlich machten? Lange Pause. "Ich zögere mit der Antwort", schnarrte er plötzlich. Damit war alles gesagt.

Ein Politikertypus, den es heute nicht mehr gibt

Es ist sonderbar, aber manchmal scheint es, als buhlten derzeit die Ereignisse geradezu darum, dass der einstige Innensenator, Minister und Kanzler das Haupt kurz hebt und sie gewichtet. Der Niedergang der Sozialdemokratie, der Aufstand der Tibeter, Olympia und Rauchverbot, Kriege und Krisen. Es gibt kein Thema, das der Besserwisser aus Hamburg-Barmbek derzeit nicht durch seine Meinung werten oder adeln könnte. Seine Worte treffen beim Publikum auf eine merkwürdige Sehnsucht nach einem Politikertypus, den es heute nicht mehr gibt. Schon gar nicht mit solchen Einstecktüchern in solchen Jacketts und Hosenträgern. Eine Sehnsucht nach dem ruhigen Fels in einer globalen Brandung.

Der Ölkrisen-Kanzler, der Terrorismus- Kanzler, der Nato-Doppelbeschluss- Kanzler - alle alten Etiketten scheinen auf einmal verblasst. Der harte Macher war gestern. Das Alter hat Schmidt erhaben gemacht. Seine Schrullen, das ewige Schnupfen und Colasaufen, seine nordelbische Überheblichkeit und die Disziplin, mit der er seinen schwächer werdenden Körper täglich zur Arbeit treibt, tragen ihm endlich die Bewunderung ein, die er früher nie bekam.

Willy Brandt, den Visionär, den haben die Leute geliebt. Ihn, den Macher, haben sie bloß geachtet.

Schmidt als Mensch

Seit aber das Fernsehen Loki und Helmut entdeckte, seit auch das Wochenblatt "Die Zeit" ihn Woche für Woche neu inszeniert, seither erlebt das Publikum zum ersten Mal - den Menschen Schmidt. Und es staunt über private Geständnisse, die der sich früher nie gestattet hätte.

Selbst diejenigen, die einst gegen den Spezialdemokraten und seine Aufrüstungspolitik protestiert haben, jubeln heute über die Zurufe des Herausgebers im "Zeit-Magazin". "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt" heißt der kleine Talk, den er dort mit seinem Chefredakteur zu allem und jedem führt. Er denke überhaupt nicht daran, sagt er dort, sich das Rauchen abzugewöhnen - wow! Er habe immer zum HSV und nie zu St. Pauli gehalten - Wahnsinn! Er würde gern einmal den Koran lesen - Halleluja! Er beneide, wenn er Kinder sehe, deren Großeltern - rührend! Er habe nie in seinem Leben einen Döner bestellt.

Wollen die Menschen einen aufgeklärten Monarchen

Der Entertainer Harald Schmidt hat eine Erklärung dafür, weshalb das Charisma des anderen Schmidt gerade in einer zweiten Flutwelle sozusagen über das Land kommt: "Es weht einen so eine sanfte Demokratiemüdigkeit an", meint der Fernsehmann. Die Menschen wünschten sich "einen aufgeklärten Monarchen, einen, der die Mühen der Ebene einfach wegraucht". Ja, vielleicht ist das so in Zeiten der Becks und Kochs und Wulffs und Heils.

Sogar Helmut Kohl, 78, der andere Altkanzler, hatte offenbar vor Monaten Sehnsucht nach einem SPD-Mann von Format, nach dem hochmütigen Widersacher aus gemeinsamen Tagen. Zum Besuch in Schmidts Herausgeber-Büro bei der "Zeit" sei für Helmut Kohl eigens ein grauer Ledersessel angeliefert worden, so erzählen Beobachter. Er hätte sich sonst nicht angemessen bequem niederlassen können.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 15/2008

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KOMMENTARE (10 von 15)
 
zaxxon (13.04.2008, 14:07 Uhr)
Guter Mann...
mit klarer Linie und Prinzipien, zum Glück rauchend und Colatrinkend!
Kommentator21 (13.04.2008, 10:40 Uhr)
ein großer Staatsmann
Dr. Helmut Schmidt ist ein großer Staatsmann, ich glaube nicht das die SPD in nächster Zukunft einen würdigen Staatsmann und Nachfolgen mit diesem Format aufweisen kann.
88cui (13.04.2008, 09:57 Uhr)
Unglaublich...
... einen 89-jährigen, rauchenden Colatrinker derart zu beweihräuchern, können Sie nicht mal über nichtrauchende Bionadetrinker berichten? Der Stern wird auch immer einseitiger...
Rumtrauben (13.04.2008, 08:04 Uhr)
naja
ich versteh den Hype um die "alten" Politker nicht - wann kommt der Artikel, wie gut Kohl für die Republik war?
Schmidt war ein Kanzler wie jeder andere, ken besonderer Politkertypus. Wenn ihm ger(a)dliniegkeit zugesprochen wird, dann war das eine typische Sturheit.
Schmidt steht für NATO-Doppelbeschluss, um das verpennen des Umweltschutzes als Thema, usw. usf. Kein besonders toller Typ, will ich meinen. Der hätte auch eine Agenda 2010 gestartet - und würde mit seiner Arroganz wahrscheinlich noch wesentlich ungnädiger mit den Menschen umgehen. Bei allem Respekt - man sollte nicht vergessen, dass Schmidt nicht in einer Mediengesellschaft wie der heutigen Kanzler war.
ganzbaf (13.04.2008, 07:36 Uhr)
Dann war Schmidt...
also ein Art "Polit-U-Boot" oder Troll in seiner Funktion als SPD-Mitglied?
.
Wie aufrichtig.
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Für Deutschland hat Schmidt allerdings ebenfalls eher wenig vollbracht, in seiner Zeit als Kanzler.
.
Allerdings hinterher, seine Kommentare von der Zuschauertribüne aus, die waren sicherlich auch ganz reizvoll und launig.
Wenn man nicht in der Regierungsverantwortung steht, läßt es sich eben viel besser räsonieren und schwadronieren...
;-Pp
starmax (13.04.2008, 06:27 Uhr)
@ganzbaf: Das ist eben der Unterschied
H.S. hat sich gefragt, was er für sein Land tun kann, nicht was er für die Partei tun könnte. Das ist eben der feine Unterschied, der Menschen von Weitsicht und Charisma auszeichnet!!!
Das Ende der SPD hat diese Partei Totengräbern wie Schröder, Scholz, Gabriel, Münte und Clement etc. zu verdanken - nicht mal Lafo konnte es mit denen aushalten!
starmax (13.04.2008, 06:21 Uhr)
@gmathol: Der Nato-Doppelbeschluss
war richtig , wie die weitere Entwicklung ja gezeigt hat! Auch das verdanken wir Helmut Schmidts weitsichtiger und klarer Haltung. Was die USa heute daraus gemacht haben, steht leider auf einem anderen Blatt...
gmathol (13.04.2008, 04:16 Uhr)
Tschuldigung den NATO-Doppelschluss schon vergessen?
Schmidt hat die Stationierung von USA Atomwaffen ohne Not zugelassen.
Reden kann jeder.
Die SPD hat jeglichen Anspruch auf Glaubwuerdigkeit verloren - auch Typen wie Schumacher haben die Aufruesting der BRD sofort nach dem II. Weltkrieg mit vorangetrieben und uns die Mauer beschert.
ganzbaf (13.04.2008, 00:56 Uhr)
Die Friedens-...

und Ökologiebewegten aus der SPD ausgegrenzt (= Neugründung "Die Grünen"), den Seeheimer Scheiss begründet ( = Ausgrenzung der Linksbewegten)...
... Worin, bitteschön, liegt das Positivum für die SPD in der geschichtlichen Person Helmut Schmidt? )-:
martindemer (12.04.2008, 23:36 Uhr)
Bleib uns noch lange erhalten!
smoky i love you!
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