Angehörige der Amoklauf-Opfer in Winnenden haben ein Verbot von Killerspielen und einen erschwerten Zugang für Jugendliche zu Waffen gefordet. Im stern.de-Interview plädiert der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer (SPD), in dessen Wahlkreis das Massaker stattfand, ebenfalls für strengere Waffengesetze.

Die Albertville-Realschule in Winnenden: Kerzen und Blumen erinnern an die Opfer des Amoklaufs.© AP Photo/Thomas Kienzle
Das ist ja ein Schulzentrum in meinem Wahlkreis. Ich war in dem Schulzentrum, zu dem diese Schule gehört. Ich habe dort mit der klassenübergreifenden Arbeitsgemeinschaft Politik eine Diskussion geführt.
Alles war normal. Es war wie bei jeder anderen Schule auch. Mir ist überhaupt nichts Besonderes aufgefallen.
Es gibt bestimmte Dinge, die man nicht kurzfristig ändern kann. Dazu gehört, dass sich immer mehr "No-Future-Mentalitäten" aus Existenzängsten ausbreiten, die dann vereinzelt zu nihilistischen Exzessen führen.
Nein. Es gibt schon Möglichkeiten, einzugreifen. Wir müssen das Waffenrecht verschärfen.
Gelegenheit macht Diebe, lautet eine alte Volksweisheit. Gelegenheit macht auch andere Taten. Glaubt jemand im Ernst, dass es auch zu den Amokläufen in Deutschland gekommen wäre, wenn die Täter vorher in ein Schützenhaus hätten einbrechen, die Waffe klauen und verstecken müssen? Mir leuchtet es nicht ein, dass rund acht Millionen Waffen in Privathaushalten herumliegen und es dazu keine Alternative geben soll.
Das bringt nicht viel. Es veranlasst die Leute nur dazu, das zu tun, was sie vom Gesetz her ohnehin tun müssen, nämlich die Waffen richtig weg zu schließen und zu codieren. Aber gibt es eine Gewähr dafür, dass nicht einer der Familienangehörigen diesen Code dann doch herausfindet? So schwer ist das im Regelfall nicht.
So ist es, zumindest im Sportschützen-Bereich.
Unabhängig von der Frage, ob diese Videospiele nun ursächlich für die Gewaltexzesse sind - darüber streiten sich viele Psychologen bereits seit vielen Jahren- ist auffallend, dass alle Amoktäter zu den Nutzern dieser Spiele gehörten. Das gilt übrigens nicht nur für Deutschland, sondern auch für Amerika. Allgemein stellt sich folgende Frage: Passen derartige Spiele in das Wertesystem einer humanitär ausgerichteten Gesellschaft? Passt es, dass Spiele, die zwangläufig zu Abstumpfung und Verrohung führen, quasi ohne Altersbeschränkung verbreitet werden? Es tut mir leid, aber das tut es nicht.
Ja, aber durch diese Spiele werden Hemmschwellen unter Umständen entscheidend gesenkt.
Was nützt dass, wenn trotzdem Zwölfjährige davor sitzen? Offenbar verfehlen die Verbote ihre Wirkung.
Nein. Der Amoklauf Jugendlicher ist in dieser Form ein neuartiges Phänomen. Es ist eine Serie, die hier stattfindet. Da hat sich etwas verändert. Der leichte Zugang zu den Waffen bietet dem Täter im Grunde die Möglichkeit zum assoziativen Reflex. Die Hintergründe für eine solche Tat liegen in der Regel tiefer. Da braut sich untergründig etwas zusammen, was man manchmal gar nicht erkennt. Wenn sich diese Menschen dann auch noch verschließen und in eine virtuelle Scheinwelt begeben, in der die normalen Hemmungen zwischenmenschlicher Rücksichtsnahme verschwinden, entsteht ein im Grunde zwanghaftes Kompensationsbedürfnis. Dieses kann verschiedene Ausmaße annehmen, bis hin zu denen eines Amoklaufes. Das hängt von der psychologischen Disposition des Einzelnen ab, aber da liegt doch offensichtlich der Hintergrund.
Das ist ein Problem. Da ist ein Spannungsverhältnis zwischen Medienfreiheit und Verantwortung, das generell kaum aufhebbar ist.
Damit meine ich, dass Leute eine düstere Zukunftserwartung haben. Das betrifft zum Beispiel die Finanzkrise, die Massenarbeitslosigkeit oder die Klimagefahren. Es gibt eine Reihe existenzieller Gefahren, die man nicht einfach verleugnen kann. Daraus entstehen dann fast zwangsläufig "No-Future-Mentalitäten". Es ist ja nicht zufällig, dass die Selbstmordraten zunehmen. Es ist aus dem Gefühl individueller Aussichtslosigkeit heraus. Leute, die psychologische Problemfälle ganz besonderer Art sind, sagen sich dann, bevor ich gehe und nichts weiter als ein Namenloser gewesen sein will, komme ich zu Weltruhm, wenn ich andere mitnehme. Auch wenn ich den Ruhm nicht mehr selbst erlebe, meinen Namen wird man nicht vergessen. Es gibt nicht zufällig so viele Ankündigungen von Nachahmungen des Amoklaufes, auch wenn die meisten, Gott sei Dank, nicht ernst gemeint sind.
Die Täter machen sich damit selbst zu Helden. Sie setzen darauf, dass die mediale Welt ihnen dabei hilft. Und zwar umso mehr hilft, je exzessiver die Tat wird. Denn eine kleine Tat interessiert keinen. Doch je exzessiver die Tat, desto mehr setzen sie darauf. Sie erwarten nicht, dass sie gelobt werden. Es geht ihnen schlicht und einfach darum, dass ihre Existenz zur Kenntnis genommen werden soll.
Das ist klar. Dann kommt die Stunde der politischen Wahrheit für diejenigen, die jetzt tiefsinnige, betroffene Reden halten, aber keine praktischen politischen Konsequenzen daraus ziehen. Dann sind wir bei den harten Konflikten wie der Energiewende. Weil die beschleunigt und ausgeweitet werden muss, von fossilen hin zu erneuerbaren Energien, damit dieser Klimawandel mit katastrophalen Folgen sich nicht noch weiter entwickeln kann. Dann kommt die Stunde der Wahrheit für viele, die jetzt im Grunde genommen tiefsinnige Reden halten, aber keine Konsequenzen daraus ziehen. Diese "No-Future-Mentalität" ist nicht nur ein Problem dieses einen jungen Nihilisten aus Winnenden. Das ist ein Problem, was weit verbreitet ist.
Die Politik auf die Abwendung der Zukunftsgefahren konsequent genug orientieren. Das muss sie tun. Es ist ja nicht nur der Klimawandel.
Auf die Gesellschaft auf jeden Fall. Auf die Jugend nicht zuletzt über die Bildungspolitik.
Sie erwarten zu wenig. Außerdem gibt es ein zu pauschales Verständnis von der Politik. Es ist nicht so, dass Fehlentscheidungen unser aller Schuld sind. Es gibt immer eine konkrete Verantwortung dahinter. Wenn man diese jedoch verallgemeinert, ist das nichts weiter als ein Selbstfreispruch der tatsächlich für eine Fehlentwicklung Verantwortlichen. Das ist das Gegenteil von Aufklärung und richtiger Konsequenz.
Zur Person Hermann Scheer ist Bundestagsabgeordneter und Mitglied des SPD-Bundesvorstandes. Kürzlich scheiterte der Umwelt- und Wirtschaftspolitiker mit dem Versuch, ein Regierungsamt zu übernehmen: In Hessen war er im Schattenkabinett von Andrea Ypsilanti als Wirtschaftsminister vorgesehen. Sie konnte jedoch keine Regierung bilden.