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10. März 2008, 08:20 Uhr

Koch macht den Buddha

Noch im Januar galt Roland Koch als der große Verlierer der Hessenwahl. Doch während sich die Hessen-SPD seit der Wahl etappenweise selbst demontiert, lächelt Koch - und schweigt. Das Chaos bei der Konkurrenz beschert ihm ungeahnte Möglichkeiten. Von Sebastian Christ

Er lächelt, schweigt und schaut der SPD bei ihrer Selbstdemontage zu: Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU)© Arne Dedert/DPA

Es gibt einen Mann, der am Hessen-Chaos momentan seine helle Freude hat. Jemand, der nichts mehr zu verlieren hat, und deswegen eigentlich nur gewinnen kann. Ein Mann, der sich selbst ins Abseits geschossen hat, und sich dort momentan sehr wohl fühlen dürfte. Die brachial hustende SPD hat ihn aus der öffentlichen Wahrnehmung fast verdrängt, den immer noch amtierenden Regierungschef. Sein Name: Roland Koch.

Koch am Boden, Ypsilanti heult

Wiesbaden, vor sechs Wochen. Die Jusos skandieren: "Koch ist weg, Koch ist weg". Dann steigt Andrea Ypsilanti aufs Podium des SPD-Fraktionssaals, strahlt ein selbstbewusstes Siegerlächeln und verkündet ihren Wahlsieg. Ministerpräsident Roland Koch dagegen muss einige Zimmer weiter, blass vor Enttäuschung, seine Niederlage eingestehen. Er hatte sein Wahlziel nicht erreicht. Schlimmer noch: Der CDU-Spitzenkandidat bescherte seinem Landesverband mit einem äußerst fragwürdigen Wahlkampf den zweitschwersten Stimmenverlust seiner Geschichte. Bildlich gesprochen: Koch lag am Boden.

Und eigentlich hat der Eschborner Polarisierungspolitiker nicht anderes gemacht als in Meditationsstarre am Boden liegen zu bleiben. Von dort aus hatte er die beste Aussicht auf das, was danach folgte. Noch am Wahlabend brach Ypsilanti in Tränen aus, weil die SPD ausgerechnet in ihrem eigenen Wahlkreis die entscheidenden Stimmen verlor, um die Christdemokraten als stärkste Partei in Hessen abzulösen. Gemäß früherer Ankündigungen erklärte die FDP am folgenden Tag eilig, dass sie nicht mit der SPD koalieren wolle - und blieb dabei. Der Spitzenkandidat der Liberalen, Jörg-Uwe Hahn, gab trotz innigster Avancen keinen Millimeter nach und zerstörte damit sämtliche sozialdemokratische Ampelträume.

Des einen Leid, des Koches Freud

Mit der CDU wollte Ypsilanti nicht. Schließlich schielte sie mit dem Segen von Kurt Beck nach links - und bekam schon wieder eine Abfuhr, diesmal von der SPD-Abgeordneten Dagmar Metzger. Die tat eigentlich nichts anderes, als auf die eigenen Wahlversprechen zu pochen. Dann sollte Metzger dafür vom eigenen Parteivorstand auch noch abgestraft werden, doch auch ihr Stellvertreter als Wahlkreisabgeordneter deutete an, dass er nicht so einfach mit der Linken kooperieren wolle. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil musste Ypsilanti nun die rote Karte zeigen. Dumm gelaufen.

Sollte Koch immer noch am Boden liegen, dann krümmt er sich dort mittlerweile vor Lachen. Das Chaos in der SPD und die offensichtliche organisatorische Unfähigkeit Ypsilantis bringen den immer noch amtierenden Ministerpräsidenten in die bestmögliche Situation. Er schaut einfach dabei zu, wie die SPD ihren beachtlichen Wahlerfolg binnen Wochen verjuxt. Nicht, dass ihm das selbst in eine bessere Machtposition in Hessen brächte. Aber er hat nun die Chance, aus dem Wahldebakel unbeschädigter heraus zu kommen, als viele zunächst vermuteten.

Der Scharfmacher bleibt ruhig - und im Amt

Bis vor drei Wochen sah sich Koch nämlich heftiger interner Kritik ausgesetzt. Die Basis meuterte - und das schon während des Wahlkampfs. Die Beteiligung von Ortsfunktionären und einfachen CDU-Mitgliedern an der Anti-Ausländerkriminalitätskampagne war nach stern.de-Informationen viel niedriger, als ursprünglich von der Parteizentrale eingeplant. Nach dem enttäuschenden Wahlergebnis meldeten sich dann auch noch Kritiker zu Wort, die auf Parteiversammlungen einige wichtige Reformprojekte der Ära Koch infrage stellten - zum Beispiel die Einführung von Studiengebühren. In die Parteispitze reichte der Widerstand jedoch nicht - was den Umstand erklärt, das Koch immer noch Ministerpräsident und Landesverbandschef ist. Während dieser Zeit äußerte sich Hessens oberster Christdemokrat kaum in der Öffentlichkeit. Wenn die Hessen-CDU austeilte, dann übernahm Generalsekretär Michael Boddenberg die Arbeit.

Koch bewahrte sich eine bemerkenswerte Ruhe gegenüber den Ereignissen, die vor der Tür seiner Staatskanzlei stattfanden. Erst am Freitag hatte er wieder einen Auftritt, kurz nachdem Andrea Ypsilanti ihre Niederlage erstmals eingestanden hatte. Essenz seines Statements: Erstmal werdet ihr mich nicht los. Koch berief sich auf Paragraph 113 der hessischen Verfassung. Sollte kein anderer Kandidat zum Ministerpräsidenten gewählt werden, bleibt der alte im Amt.

Das Kettensägenmassaker von Wiesbaden

Das wird freilich nicht lange gut gehen. Im Landtag haben die linken Parteien eine Mehrheit, und Koch könnte von ihnen gezwungen werden, seine eigenen Gesetze zurück zu nehmen. Realistisch gesehen muss die CDU deshalb bald selbst die Regierungsbildung übernehmen. Der Name Koch fällt im Zusammenhang mit dem dabei zu wählenden Ministerpräsidenten allerdings relativ selten. Favorit bei den hessischen CDU-Abgeordneten ist wohl derzeit Innenminister Volker Bouffier. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth genießt zwar bei einigen Bundespolitikern ein hohes Ansehen, doch in der Landtagsfraktion gibt es massive Aversionen gegen die gebürtige Bremerin. Sie gilt vielen als zu liberal und allzu "präsidentiell" in ihrem Auftreten. Ein CDU-Funktionär dazu: "Eher wird Dick Cheney UN-Generalsekretär".

Und Koch? Man munkelt, dass er entweder schon im Herbst oder spätestens im nächsten Jahr nach Brüssel gehen könnte. Als EU-Kommissar könnte er dort seine Karriere in Würde beenden. Ohne von einer meuternden Basis gestürzt worden zu sein, und ohne dass seine Kontrahentin Andrea Ypsilanti ihn jemals aus der Staatskanzlei hätte hinaus jagen können. Und wer weiß? Wenn die SPD weiterhin daran arbeitet, das christdemokratische Wahldesaster vergessen zu machen, dann werden die Karten womöglich noch einmal ganz neu gemischt. Damit wäre Koch nach all den Nackenschlägen im Januar einer der wenigen Sieger im großen politischen Kettensägenmassaker von Wiesbaden.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
ganzbaf (10.03.2008, 16:31 Uhr)
Buddha, ha ha..

Koch ist enfach nur die wandelnde Schnullerbacke unter den Aushilfs-Dalai Lahmärschen...;-PpP
miedelsbacher (10.03.2008, 13:08 Uhr)
Kaum verwunderlich
Denn die SPD hat sich in den letzten Jahren darauf verlegt, hauptsächlich DAGEGEN zu sein. Gegen alles eben. Kaum muß man argumentieren, fällt der SPD nichts gescheites mehr ein. Wenn man in die Regierung will, kann man leider nicht dagegen sein. Und überhaupt: Schon die Lüge von Frau Y. sie hätte die Wahl gewonnen. Sie hat am meisten profitiert, ok. Aber gewonnen hat immernoch Koch. Wenn auch nur mit 3511 Stimmen Vorsprung. Das sind Tatsachen, aber auch dagegen kann man offensichtlich sein. Inhaltsleer, aber typisch.
manesse (10.03.2008, 13:06 Uhr)
@asteriskina
Da verwechseln Sie etwas, Koch hat sich für diese leider richtige Aussage nicht entschuldigt. Er hat nur noch einmal, wie im Wahlkampf auch, betont, dass diese ausländischen Kriminellen selbstverständlich eine Minderheit unter den hier lebenden Menschen fremder Herkunft sind; und Koch hat richtigerweise darauf hingewiesen, dass diese gewaltttätige Minderheit fremder Herkunft den Ruf der hier im Land lebenden Ausländer insgesamt schädigt. Diese Positon ist nach wie vor untadelig und realistisch.
unheilig (10.03.2008, 12:02 Uhr)
löl
danke spd,so macht man andere stark.ihr seid schon eine super partei:)
Asteriskina (10.03.2008, 11:30 Uhr)
@manesse (
leider hat Koch eben doch diesen Eindruck vermittelt, indem er den Menschen ziemlich deutlich suggerierte, dass Kriminalität besonders unter jugendlichen Ausländern vorkomme. Er hat sich dafür ja - man staune - sogar entschuldigt, wobei ich eher glaube, dass das nicht aus tifster Überzeugung kam, sondern eher um die eigene Haut zu retten. Koch hat früher schon äußerst grenzwertige Äußerungen von sich gegeben, es war also nicht das erste Mal. Wie auch immer, als Ministerpräsident und auch sonst in der Poltik nicht mehr tragbar.
zeus166 (10.03.2008, 10:38 Uhr)
Wähler selbst Schuld
Wer die Linken wählt, braucht sich nicht zu wundern. Koch hat im Wahlkampf u.a. auf die Ausländerkriminalität hingewiesen? Stimmt das etwa nicht?? Aber das darf man ja nicht öffentlich sagen, obwohl das Problem definitiv vorhanden ist. Nur wer in feinen Gegenden wohnt und mit eigener Luxus-Limo ins Büro fährt weiß es evtl. nicht. Ferner hat er gesagt; die SPD wird mit den Linken zusammengehen. Auch damit hat er Recht behalten.
stesocom (10.03.2008, 10:32 Uhr)
Es hat sich wohl doch nicht ausge"Kocht"!!! Oder ???
Buddha Koch ! Wahrlich eine treffende Bezeichnung; allerdings nur für das Aussitzen. Roland Koch hat sehr viel von seinem Vorbild Helmut Hohl gelernt. Probleme einfach aussitzen. Die zeit heilt alle Wunden. Jetzt, wo sich Frau Ypsilanti nicht mehr zur Ministerpräsidentin von Hessen wählen lässt, hat Koch schon mehr als einfaches Spiel. In diesem Bundesland sind Neuwahlen unumgänglich. Da nach Ypsilanti`s Rücktritt von der Macht die SPD im Chaos versunken ist, braucht der „Aussitzer“ Koch einfach nur abzustauben , um den Ball ins Tor zu schießen. Ich hoffe, dass die Bürger(innen) von Hessen Koch noch vor dem Strafraum ein Bein stellen, denn nach der verlogenen Ypsilanti, soll doch wohl jetzt nicht ein machtgeiler, extrem rechter Politiker als Stürmer zurückkehren !!!
Nursery (10.03.2008, 10:08 Uhr)
Wahl zwischen Pest und Cholera
Es ist schon enttäuschend für die Wähler wie Ihre Entscheidung mit Füßen getreten wird.Die Truppe um Koch ist und bleibt an der Macht.So verkommen und abstoßend ihr Wahlkampf auch war.Lehren kann man als Wähler auf jedenfall ziehen.
Dem Land ist mit einer korumpierten (ich bin Unschuldig,Koch) CDU und Egozentrischen SPD keine Wahl
geblieben.Der Alptraum läuft halt jetzt in aller Öffentlichkeit ab .Bei der CDU vornehmlich im Hinterzimmer.
Perkins1975 (10.03.2008, 09:59 Uhr)
Koch noch nicht abschreiben
Die SPD hat sich in eine derart ausweglose Situation gebracht, dass es nun im Leben zu keiner großen Koalition mehr kommen wird - die Union ist nun klar in der besseren Verhandlungsposition und wird die SPD am ausgestreckten Arm verhungern lassen.
Jamaika wird meiner Einschätzung nach (wobei ich das nicht hundertpozentig ausschließen würde) mit oder ohne Koch an den Grünen scheitern. Der hessische CDU-Landesverband ist einer der konservativsten in ganz Deutschland, der Grünen-Landesverband einer der linksten. Die Wege, die man hier überbrücken müsste, sind deutlich größer als in Hamburg, sodass ich mir nicht vorstellen kann, dass das was wird.
Ich kenne die hessische Landesverfassung nicht und weiß nicht genau, welche Möglichkeiten Koch als geschäftsführender Ministerpräsindent, der sich dauerhaft mit einer linken Parlamentsmehrheit rumschlagen müsste, hätte, um Neuwahlen zu veranlassen. Hätte er hier eine Möglichkeit, wird er sie in absehbarer Zeit (dann, wenn sich in Hessen keiner mehr an seinen letzten Wahlkampf, aber immer noch genug an die Ypsilanten-Pannen-Show erinnert) nutzen. Und mit der SPD in ihrer gegenwärtigen Verfassung und mit klarer Koalitions-/Kooperationsaussage zugunsten von rot-rot-grün würde sogar Roland Koch eine solche Wahl wieder gewinnen (immerhin fehlte schon beim letzten Mal nicht viel für eine FDP-CDU-Koalition).
manesse (10.03.2008, 09:43 Uhr)
@asteriskina
Ich teile Ihre Auffassung, dass Koch sich nicht mehr zum Ministerpräsidenten wählen lassen sollte, weil er vom Wähler eine klare und deutliche Abfuhr bekommen hat. Freilich stimmt es nicht, dass Koch sich ausländerfeindlich oder latent fremdenfeindlich geäußert habe. Er hat nur gesagt, was Schröder vor zehn Jahren über Straftäter ausländischer Herkunft, auch gesagt hat.
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