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3. Oktober 2008, 10:32 Uhr

Koch wirbt verzweifelt um die Grünen

Es wird ernst für die hessische CDU. An diesem Wochenende will die SPD die Weichen für Koalitionsverhandlungen mit den Grünen stellen. Anfang November soll Roland Koch aus dem Amt gejagt werden. Kochs letzte Chance: vorweihnachtliche Geschenke an die Grünen. Von Lutz Kinkel und Tiemo Rink

Angebot steht: Hessens geschäftsführender Ministerpräsident Roland Koch© Michael Probst/AP

Die Weihnachtszeit in Wiesbaden beginnt in diesem Jahr wohl etwas früher. Mit prall gefülltem Sack zieht ein einsamer Herr durch die Flure des Wiesbadener Landtags und sucht Abgeordnete der Grünen. Wenn er einen findet, gibt’s politische Geschenke. Vor zwei Wochen zum Beispiel kassierte Roland Koch, geschäftsführender Ministerpräsident von Hessen, den Gesetzentwurf der CDU zur Beamtenbesoldung. Stattdessen stimmte seine Fraktion für einen Entwurf der Grünen, der eine geringere Anhebung der Gehälter vorsieht. Die Schlagzeilen am Tag danach dürften Koch gefallen haben: "Jamaika-Mehrheit im Landtag" war zu lesen.

Jamaika, eine schwarz-gelb-grüne Koalition. Das ist es, was Weihnachtsmann Koch herbei regieren will. Denn die Gefahr, dass ihn SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti aus dem Amt drängt, wird täglich größer. Am Samstag hält die hessische SPD einen Parteitag ab, auf dem sich Ypsilanti das erwünschte Linksbündnis absegnen lassen will. Danach sollen Koalitionsverhandlungen mit den Grünen beginnen. Geht alles glatt, will sie sich im November mit den Stimmen der Linkspartei zur neuen Regierungschefin wählen lassen. Dann könnte Koch einpacken.

Also versucht die CDU mit immer größerem Druck, die Grünen aus Ypsilantis Bündnis herauszubrechen. "Die CDU wird in der nächsten Zeit immer wieder deutlich machen, dass es eine Alternative zu Ypsilanti gibt", sagt CDU-Generalsekretär Michael Boddenberg zu stern.de. "Die Grünen haben gesagt, dass sie einen ausgeglichenen Haushalt wollen. Das wollen wir auch. Unser Angebot an die Grünen steht!"

Unvergessener Wahlkampf

Doch wer nun bei den Grünen glänzende Augen erwartet, hat sich getäuscht. "Dass die CDU plötzlich uns Grüne so umwirbt, ist erstaunlich. Schließlich waren wir für die Hessen-CDU bis vor kurzem doch noch der Untergang des Abendlandes", sagt Grünen-Chef Tarek Al- Wazir zu stern.de. Al-Wazir hat es ebenso wie seine Kollegen in der Fraktion nicht vergessen, dass Koch im Wahlkampf den Slogan "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten verhindern" plakatieren ließ. Auch Kochs frühere Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und seine Märchen von den "jüdischen Vermächtnissen" in der CDU- Spendenaffäre sind noch in lebhafter Erinnerung. "Wir wissen, wo die hessische CDU innerhalb der deutschen CDU steht - nämlich ziemlich weit rechts", sagt Kai Klose, Geschäftsführer der hessischen Grünen. "Von da ist der Weg zu uns ziemlich weit." Nicht einmal den Sparwillen, den die CDU bei der Abstimmung über die Beamtengehälter demonstrierte, nehmen die Grünen sonderlich ernst. "Die CDU ist zwar auf dem Papier für die Haushaltskonsolidierung", sagt Al-Wazir. "Allerdings stellen wir fest, dass in den vergangenen Jahren in Hessen die Verschuldung immer weiter angestiegen ist - während die CDU regierte."

Die SPD-Fraktion macht sich deshalb keine großen Sorgen, dass die Grünen noch zur CDU umschwenken könnten. Schwieriger ist für Ypsilanti die Auseinandersetzung mit der eigenen Partei: Sie operiert gegen den Willen der Berliner Parteiführung, die hessischen SPD-Abgeordneten musste sie in Vier-Augen-Gesprächen in die Mangel nehmen, die Basis auf einer Serie von Regionalkonferenzen überzeugen. Auf Wunsch der Grünen musste die SPD-Fraktion am Dienstag sogar zu einer Probeabstimmung antreten. Zweck der Übung war es, den Druck auf eventuelle Abweichler zu erhöhen: Bei der realen Wahl zum Ministerpräsidenten kann Ypsilanti aufgrund der hauchdünnen Mehrheit auf keine Stimme verzichten. Zumindest bei der Probe stand die Mehrheit. Nun glaubt SPD-Sprecher Frank Steibli, für den Parteitag gut gerüstet zu sein. "Wir haben deutliche Signale von den Regionalkonferenzen bekommen", sagt er zu stern.de. "Ich gehe davon aus, dass auf dem Landesparteitag die Weichen für Koalitionsverhandlungen gestellt werden."

Streitpunkt Frankfurter Flughafen

CDU-Generalsekretär Boddenberg schätzt die Lage ebenso ein, hofft aber, dass die SPD danach noch auf die Nase fällt. "Wir haben eine Inszenierung der SPD bei den Regionalkonferenzen und den Probeabstimmungen mit bestelltem Beifall erlebt. Ich erwarte dasselbe beim Landesparteitag am Wochenende", sagt er. "Spannender werden für uns die nächsten Wochen, in denen sich SPD und Grüne erstmal inhaltlich einigen müssen." Tatsächlich sind sich die Koalitionspartner in spe noch lange nicht einig. Streitpunkte bei den anstehenden Verhandlungen werden der Ausbau der Flughäfen in Frankfurt und Kassel- Calden sowie die nordhessischen Autobahnprojekte sein. Die SPD ist dafür, die Grünen dagegen. Auch der sozialdemokratischen Plan, flächendeckend Gesamtschulen einzuführen, gefällt den Grünen nicht. Wie Kompromisse aussehen könnten, ist noch völlig unklar. Im Gespräch mit stern.de räumt SPD-Sprecher Steibli ein, dass die konkreten Koalitionsverhandlungen mit den Grünen sicherlich nicht einfach werden würden.

Auch die Einbindung der Linkspartei, die nach der Wahl Ypsilantis die rot-grüne Minderheitsregierung tolerieren soll, wird noch einige politische Bauchschmerzen bereiten. "Die Linke ist ein neuer Spieler auf dem Feld, deshalb bestehen wir auf verlässlichen Zusagen", sagt Grünen-Chef Al Wazir. Ähnlich argumentiert SPD-Mann Steibli. "Wir brauchen ein handfestes Signal von der Linkspartei, eine Tolerierungsvereinbarung. Es geht um die grundsätzliche Bereitschaft, bis 2013 einen mehr oder weniger gemeinsamen Weg beschreiten zu können. Es kann nicht sein, dass man ständig neue Mehrheiten suchen muss." Just auf diese Unsicherheit hatte die Bundes-SPD in den vergangen Monaten immer wieder hingewiesen. Der designierte SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hält deshalb - wenn schon, denn schon - eine feste Koalition mit der Linkspartei für sinnvoller. Doch die hessischen Linken sträuben sich gegen eine Koalition, also verfolgt Ypsilanti notgedrungen ein Tolerierungsmodell.

Die Problemzonen in den Verhandlungen mit den Linken sind auch bereits zu erkennen: Die Partei sperrt sich ebenso wie die Grünen gegen einen Ausbau der Flughäfen. Außerdem will sie, dass Ypsilanti die Positionen der Linken künftig auch im Bundesrat vertritt. Dies allerdings lehnt die hessische SPD-Chefin ab. Kaum zu lösen ist auch das Problem, dass die Linke Geld für Sozialprogramme fordert, die Grünen hingegen den Haushalt konsolidieren wollen. Der gemeinsame Schlachtruf "Koch muss weg" hat solche inhaltlichen Differenzen bisher völlig übertönt.

Bei der Wahl brennt der Baum

Nach dem SPD-Parteitag muss sich Ypsilanti genau diesen Differenzen stellen. Gut möglich, dass dann auch sie ins Kostüm der Weihnachtsfrau schlüpft und politische Geschenke verteilt, um Grüne und Linkspartei auf ein gemeinsames Regierungsprogramm festzulegen. Weihnachtsmann und Weihnachtsfrau: Im hessischen Landtag werden sich die Wohltäter drängeln. Aber spätestens bei der erneuten Wahl zum Ministerpräsidenten brennt der Baum. So oder so.

Von Lutz Kinkel und Tiemo Rink
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Westerle.Merkwelle (05.10.2008, 12:04 Uhr)
Koch, der Fallensteller
Wer soll die Grünnen noch wählen, wenn Sie in Hessen den Versuchungen dieses Rattenfängers erliegen?
Die Genehmigung des Kohlekraftwerkes in Hamburg ist Verrat an der eigenen Sache. Das sage ich nicht ohne Bedauern, denn in den Gründerjahren war diese Partei ein Hoffungsträger und wichtiger Impulsgeber. Auch die Partei der Grünen ist aber später von neoliberalen Politikern gekapert worden, denen ökologische Ziele und Werte nichts bedeuten.
Diese Partei wird deshalb das gleiche Schicksal erfahren wie die SPD, wenn sie weiterhin ihre Grundsätze über Bord wirft oder den Koalitionsinteressen opfert.
Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zur SPD: Die SPD verfiel nach dem Verrat ihrer Prinzipien in ein schwindsüchtiges Siechtum und ihr Tod kann noch einige Jahre lang dauern. Die Grünen werden sehr viel schneller ableben, denn sie sind ja schon heute verdammt nahe an der 5% Hürde! Die könnte in Hamburg bei der nächsten Wahl schnell unterschritten werden.
Wenn die Grünen nun auch noch in Hessen umfallen, wird dies ihren Niedergang nur beschleunigen.
Watschdog39 (05.10.2008, 09:32 Uhr)
SethusCalvisius
Da sie mich direkt ansprechen;
Die zitierte Aussage ist deswegen interessant weil hier gezeigt wird wie eigentliche Gegensätze aufeinander zugehen.
SPD und die Nachfolgepartei der SED, also Kommunisten, sowie Grüne und Konservative. Letztere wären als Partei gar nicht so entfernt von den Konservativen. Doch nach der "Doppelpass" Kampagne des Herrn Koch ist es sehr interessant, wie er sich selber ad absurdum führt. Ich bin wohl alles mögliche, aber ganz sicher nicht naiv. Zudem habe ich keine Scheuklappen auf und kann freien Blickes nach rechts und links sehen. Und als Realist ist es mir auch vollkommen egal, ob in Hessen die Wirtschaft weiterhin floriert.
für jeden Betrieb dort, der pleite geht macht in einem anderen Bundesland ein anderer auf. Für mich und die meisten anderen Freiberufler und Unternehmer zählt das Ergebnis.
Und von diesem hängt letztendlich auch das Wohl der gesamten Bevölkerung ab. Und wer annimmt ein wohlhabender Bürger belässt sein Vermögen in einem Land, das von Leuten regiert wird die nur an der Steuerschraube drehen und von Enteignung faseln, muss einen an der Klatsche haben.
SethusCalvisius (04.10.2008, 22:12 Uhr)
@Watschdog39
So naiv können Sie doch nicht sein! Zitat vegefranz: "Was für ein Chaos: Lügilanti mit der Ex SED, Koch mit einem arabischen Grünen." Das ist ja wohl keine bloße Nennung von Fakten!
Watschdog39 (04.10.2008, 19:27 Uhr)
Schau
mal das Parteiprogramm der KPD und der NSDAP (1933) an!!
Da ist eben soviel Übereinstimmung wie heute mit SPD und den LINKEN.
Aber damals wie heute geht es nur um die Macht, sonst nichts.
Und was soll eigentlich die Leugnung von Fakten?
Wer so offensichtlich lügt wie KochYpsilanti muss sich gefallen lassen das man ihnsie so nennt.
Und das Al Wazir kein deutscher Name ist sollte jedem klar sein. Was also ist daran diskriminierend ihn als arabischen Grünen zu bezeichnen. Als Umkehrschluss wäre es ebenso diskriminierend mich als deutschen Unternehmer zu benennen. Wenn es also schon für einige ein Symptom der braunen Gesinnung ist einen Fakt auszusprechen, habe ich meine Probleme mit der Ehrenhaftigkeit dieser Leute.
Dies wollte ich doch mal klarstellen.
DasBertl (04.10.2008, 16:14 Uhr)
@luke888
denken Sie sich nichts dabei... der redet immer so. Der beisst nicht, der will nur spielen...
DasBertl (04.10.2008, 16:13 Uhr)
Und die Grünen mit der CDU?
Das wäre so als hätte 1932 die KPD mit der NSDAP koaliert....
DasBertl (04.10.2008, 16:12 Uhr)
SethusCalvisius
GENAU so ist es. Und die FDP mit Ihrer Totalverweigerung zur Ampel lässt der SPD dann auch keine große Wahl mehr. Mit Satanas in Kochgestalt kann man eben keine Regierung bilden, jedenfalls nicht die SPD. Andere tun sich da schon weniger schwer...
DasBertl (04.10.2008, 16:09 Uhr)
Toll! erierung wird Katastrophe
War schon bei TOLL-Collect nicht anders. Nein mal ernsthaft, Tolerierung ist doch schwachsinn, ist viel zu unsicher. Das Einzige, was eine einigermaßen stabile Regierung bringen kann, wäre eine echte Koalition. Alles andere ist ähnlich gefährlich, wie einem Terroristen die Bauanleitung für ne Atombombe zu geben, bloß weil man meint, an Plutonium kommt der eh nicht ran...
Salzsteuer (04.10.2008, 15:56 Uhr)
Lieber ein
arabischer Grüner als ein deutscher Brauner, auch wenn er sich schwarz gibt.
SethusCalvisius (04.10.2008, 14:15 Uhr)
Neuwahlen???
Ich weiß nicht, warum ständig nach Neuwahlen geschrien wird. Das vorliegende Wahlergebnis lässt doch außer dem Links-Bündnis genügend andere Möglichkeiten offen: Große Koalition, Jamaika oder Ampel. Warum sollen die Bürger jetzt schon wieder zu den Wahlurnen gerufen werden, nur weil die Politiker unfähig sind, eine tragfähige Regierung zu bilden? Wenn Koch, so wie jetzt Beckstein, nach dem Wahldesaster zurückgetreten wäre, hätte die SPD wenig Argumente gehabt, eine große Koaltion zu verweigern. Aber Koch ist nun einmal das, was seine Anhänger Frau Ypsilanti vorwerfen: machtgeil.
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