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17. Juni 2008, 18:34 Uhr

Krach im Parlament

SPD, Grüne und Linke haben in Hessen im zweiten Anlauf die Studiengebühren gegen den Willen von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) abgeschafft. Die Debatte am Nachmittag zeigte eindrucksvoll, wie tief die Gräben im hessischen Parlament sind. Von Mathias Schlosser

Andrea Ypsilanti spricht auf der Sondersitzung im Hessichen Landtag© Martin Oeser/ddp

Knapp zwei Wochen ist es her. Da stimmte der Wiesbadener Landtag schon einmal über das Gesetz ab. SPD-Chefin Andrea Ypsilanti feierte anschließend mit den Grünen, den Linken und Studenten bei Sekt und Kuchen die Abschaffung der Studiengebühren und musste zwei Tage später einen herben Rückschlag hinnehmen. Die Landesregierung hatte einen gravierenden Fehler gefunden. Roland Koch verweigerte als geschäftsführender Ministerpräsident die Unterschrift. Ypsilanti war blamiert.

Weil Koch und der CDU der Fehler schon vor der Abstimmung bekannt war, schäumte die SPD vor Wut. Entsprechend giftig trat Andrea Ypsilanti in der heutigen Sondersitzung auf, in der der Fehler korrigiert werden sollte. Immer wieder kippte ihre Stimme über, als sie Roland Koch vorwarf, einen Machtkampf mit ihr und der linken Mehrheit im Parlament ausfechten zu wollen. Der Fehler und die anschließende Inszenierung des Nicht-Unterschreibens hätten ihm eine "diebische Freude" bereitet. In der Sache nütze ihm das aber nichts, keifte sie, die Studiengebühren würden trotzdem abgeschafft.

Zum Für und Wider derselben gab es nichts Neues. Dafür keilten die Redner kräftig aufeinander ein. SPD und Grüne warfen Roland Koch "Mätzchen" und "miese Tricks" vor. CDU und FDP wiederum ziehen SPD, Grüne und Linke des Dilettantismus. Und im wilden Geschrei der Zwischenrufer fand am Rednerpult einzig FDP-Fraktionsvorsitzender Jörg-Uwe Hahn ein wenig Humor, als er sehr frei Michail Gorbatschow zitierte: "Wer den Kuchen zu früh anschneidet, den bestraft das politische Leben."

Ein Ausweg aus den hessischen Verhältnissen, in denen weder schwarz-gelb noch rot-grün eine tragfähige Mehrheit haben, war nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Die FDP stand fest zur CDU, die Grünen genauso fest zur SPD und Janine Wissler von den Linken beendete ihre Rede im Stile einer Volkskammerabgeordneten mit den Worten: "In diesem Sinne: für Solidarität und freie Bildung!" Nun liegt das Gesetz wieder auf dem Schreibtisch von Roland Koch. Ob er es dieses Mal unterschreibt, hat er noch nicht gesagt. Auf Sekt und Kuchen haben SPD, Grüne und Linke aber vorsichtshalber verzichtet. Und tatsächlich: Jörg-Uwe Hahn von der FDP hat schon wieder einen Krümel gefunden: Der Finanzierungsvorschlag müsse im Gesetzestext stehen und nicht in der Begründung. Nach der hessischen Verfassung sei das eigentlich unzulässig.

Von Mathias Schlosser
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Buureremmel (19.06.2008, 10:00 Uhr)
@ kellerkat: Kleiner Exkurs.
Die Bevölkerung wählt keine Regierung, egal, ob "anständig" oder nicht. Sie wählt die Abgeordneten, und auch davon nur gut die Hälfte, Die andere Hälfte wird von den Parteien "aufgestellt", nach Kriterien, die wir hier besser nicht beleuchten. Die Abgeordneten wählen den Ministerpräsidenten und der ernennt die Regierungsmitglieder.
Am Beispiel Hessen: Man kann dort eine parlamentarischen linke Mehrheit wählen, die Bildung einer "anständigen" Regierung dürfte aber mit Blick auf die in Frage kommenden Personen ein Ding der Unmöglichkeit sein.
kellerkat (19.06.2008, 01:28 Uhr)
Lügenbaron und Chaostage
Hessen ist m.E. das beste Beispiel für willkürliche Herrschaft in Deutschland. Nicht nur dass Herr Koch wissentlich gelogen hat, nein er verweigert seinem Land nun auch noch die Möglichkeit, aktiv regiert zu werden. Hier wird der Auftrag, eine Regierung zu bilden und das Volk zu leiten und möglichst auch noch vorbildlich dabei zu sein, ins Irrsinnige geführt. Wie kann eine Bundesregierung solch einen alle demokratischen Regeln verachtenden Menschen auch noch dulden? Ihm hätte schon längst ein Rücktritt ans Herz gelegt werden müssen. Eine Neuwahl ist das einzige, was Hessen vielleicht noch aus dieser trostlosen und eigentlich unregierbaren Lage hilft. Allerdings muss man sich bei der Mehrheit der Bevölkerung fragen, ob sie überhaupt in der Lage ist, eine anständige Regierung zu wählen, leider repräsentiert die "politische Elite" ja den Zustand unserer Bevölkerung.
Die Abschaffung der Studiengebühren ist doch nur ein Beispiel von vielen, die zukünftig nur noch aus Prinzip auf Formfehler o.ä. untersucht werden, hier geht es nicht um Politik sondern um Macht und Willkür. Eine Schande für Hessen und leider auch für unser gesamtes Land. Ich frage mich, wie es nach der Bundestagswahl in Deutschland aussehen wird, ich denke, Hessen ist ein gutes Beispiel für unsere zukünftige politische Chaoslage.
ganzbaf (18.06.2008, 19:54 Uhr)
I say: Ysylanti wird...

die nächste Bildungsministerin! Wowereit Vizekanzler, Ströbele Wirtschaftsminister und Lafontaine Superminister.
(;-D
Buureremmel (18.06.2008, 08:45 Uhr)
Zu studiengebühren kann man unterschiedlicher Auffassung sein - aus guten Gründen,
Darum ging es in Hessen aber gar nicht. Der Katzenjammer wird bald aus den Unis selbst zu vernehmen sein.
Das Ideologie-behaftete Thema war nur als kleinster gemeinsamer Nenner ausgeguckt, um den Schulterschluss im "Linksblock" zu erproben. Das scheint vordergründig gelungen. Es hat sich aber im Ergebnis das aus individueller Inkompetenz ergebende Gesamtbild der Unfähigkeit des Blocks ergeben. Insofern ging der Schuss gehörig nach hinten los, womit sich auch die hitzige Gereiztheit der "Sieger" erklärt. Fortsetzung folgt ...
Zuechter (18.06.2008, 07:57 Uhr)
wahre Demokratie
Hier zeigt sich endlich mal was wahre Demokratie ist - die vom Volk gewählten Parlamentarier regieren und nicht irgendwelche Staatsangestellten wie die Minister, allen voran unser brutalstmöglicher Oberminister. Allerdings sollten sich die Minister auch wie Angstellte benehmen und einfach das tun, was ihre Arbeitgeber ihnen auftragen.
sternenhagel (18.06.2008, 04:30 Uhr)
Farbenspiel
Nur weil euer Koch nicht mal Würstchen kochen kann, bin ich noch keines. Aber in euren schwarzen Löchern seht ihr halt schlecht. Wenn der Hahn auf dem Mist kräht geht rot die Sonne auf und wirft ein rosiges Licht auf die grüne Wiese. Die Sonne steht links und ich auch, denn 'cogito ergo sum' ich denke, also bin ich links.
Ní thuigeann an sách an seang.
manesse (18.06.2008, 00:27 Uhr)
Wenn Frau Ypsilanti
der Ansicht ist, eine Mehrheit hinter sich zu haben, soll sie sich gefälligst zur Wahl stellen. Der hessische Landtag kommt derzeit seiner Pflicht nicht nach, einen Ministerpräidenten/eine Ministerpräsidentin zu wählen. Nicht die Regierung versagt, sondern der Landtag. Wenn die dortigen Parlamentarier Anstand haben, wählen sie unverzüglich eine Regierung oder sie lösen dieses pflichtvergessene Parlament endlich auf.
elliottsmith (18.06.2008, 00:24 Uhr)
Einfach super
Ich freu mich für Hessen! Das ganze ist einfach super! Ich hab auch schon die ersten positiven Rückmeldungen bekommen. Koch, der selbst nie Studiengebühren gezahlt hat, soll sich mal mit seiner Minderheitenregierung nicht so dick machen!:-) Mehr Geld für Bildung, dann wäre schon viel erreicht.
tagora-sagittara (17.06.2008, 23:58 Uhr)
die Studiengebühren gehören abgeschafft!!...
Punkt, Ende, aus. Die Entscheidung ist richtig!!.
stwberlin (17.06.2008, 23:13 Uhr)
Kein Ausweg ?
Eine Seite ist gegen kostenfreie, hochqualifizierte Ausbildung, obwohl Deutschland einen Mangel an Akademikern (vor allem an Ingenieuren) hat => unwählbar.
Die andere Seite ist nicht in der Lage, einen verfassungskonformen Gesetzesvorschlag zu formulieren => unwählbar.
Die Meinung des Autors, dass deswegen kein Ausweg in Sicht sei, sagt alles über die derzeitige deutsche Mentalität aus.
Es stehen auch in Hessen mehr als diese 5 Parteien auf dem Wahlzettel ! Wie stehen denn die weiteren Parteien dazu ?
Die sogenannten "Sonstigen" könnten nämlich sehr wohl ein Ausweg sein. Und zwar nicht nur ein Ausweg aus dem aktuellen Problem der Finanzierung einer einem hochtechnisierten Industrieland angemessenen Bildung, sondern evt. auch ein Ausweg aus der Politikverdrossenheit der Bürger.
Also fragt die doch mal und veröffentlicht das Ergebnis anschliessend ... es gibt keine gesetzliche Grundlage, die die Wahl kleiner Parteien verbietet - übrigens auch keinen logischen Grund, warum diese, wenn sie an der Macht sind, nicht auch die Presse finanziell unterstützen würden.
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