29. März 2008, 16:17 Uhr

Mit dem Kopf durch die Wand

Man kann nicht zweimal mit demselben Kopf durch dieselbe Wand. Hat Kurt Beck, der SPD-Parteivorsitzende, gesagt. Trotzdem will Hessens SPD-Chefin mit Unterstützung ihrer Partei ein rot-grünes Minderheitsbündnis - toleriert von der Linken - weiterhin nicht ausschließen. In Wahrheit aber hat die hessische SPD keine Ahnung, wohin die Reise geht. Von Dorit Kowitz, Hanau

Die Hessen-SPD steht hinter Andrea Ypsilanti. Aber ob sie mit ihrer Vorsitzenden gut fährt, ist eine andere Frage©

Der Kopf in diesem Bild war der von Andrea Ypsilanti, die Wand ihre erwünschte rot-grüne Minderheitsregierung in Hessen unter dem duldenden Blick der sechs neuen Linksabgeordneten im Landtag. Die hessische Parteivorsitzende war kurz zuvor das erste Mal erfolglos gegen diese Wand gerannt. Sie hatte die Kürze der Strecke unterschätzt, ihre Unwägbarkeiten. Hart prallte sie am Widerstand einer Abgeordneten aus ihren eigenen Reihen ab. Außerdem stand Ypsilanti als Lügnerin da. Denn sie hatte vor der Wahl strikt ausgeschlossen, mit der Linken zu reden.

Das waren die Vorzeichen für Ypsilantis SPD, die nun Sonnabend in Hanau Parteitag hielt, mit Blick auf den erblühenden Schlosspark. Eigentlich wollte man an diesem Tag eine rot-grüne Koalitionsvereinbarung absegnen. Nun blieb nichts weiter übrig, als über das Wie-weiter zu befinden - und damit ja ein wenig auch über die Zukunft der Bundespartei.

Die Frühlings-Hoffnung umfängt die Hessen-SPD

Die Hoffnung allen Frühlings schien die hessische SPD umfangen zu halten, denn sie beschloss, mit großer Mehrheit und nach emphatischen Geklatsche für die Rede der Chefin: dass man wieder mit dem selben Kopf auf die selbe Wand zurennen werde. Sie wolle, sagte die hessische Parteichefin, eine rot-grüne Minderheitsregierung weiter nicht ausschließen. Und sie verweigerte sich gleichzeitig weiter einer großen Koalition. Der Antrag ihres Vorstands wurde damit angenommen. Darin stand, dass man zwar mit allen Parteien reden wolle, aber niemals mit der Hessen-CDU zusammengehen werde. Aussichtslos der Änderungswunsch einiger Genossen, doch nicht den gleichen Fehler wie vor der Wahl noch einmal zu begehen und Bündnisse rigoros zu verteufeln: abgelehnt.

In Ypsilantis Rede klang alles nach Strategie, nach Mut, nach Aufbruch, auch nach Ignoranz ihrer eigenen Schwächen. Die Wahrheit hinter der behaupteten Stärke ist: Die hessische SPD hat keine Ahnung, wohin die Reise geht, sie segelt auf Sicht. Sie gibt sich das nächste Vierteljahr. Sie will ausprobieren, wie sich mit den Grünen und der Linken Anträge im Landtag durchbringen lassen, ob sich die geschäftsführende Landesregierung von Roland Koch dauerhaft schwächen lässt, ob sich letztlich der neue riskante Versuch zu toleriertem Rot-Grün lohnt. Aber das erfährt man nur im Hinterzimmergeflüster, das traut sich ein Parteitag heute nicht mehr öffentlich zu debattieren. Denn die Medien werden als Feind und störend empfunden. Sogar das Schimpfwort "die Springer-Presse" war 40 Jahre nach 68 wieder einmal zu hören und das aus dem Mund der Parteichefin.

Über eine große Koalition wird nicht öffentlich geredet

Aber Andrea Ypsilanti wurde gefeiert für das, was sie sagte. Die Stimmen, die Herzen flogen ihr nur so zu in Hanau. Ihre Partei steht hinter ihr. Aber ob sie mit ihrer Vorsitzenden gut fährt, ist eine andere Frage: Denn stets betont Ypsilanti, dass nicht der Wille zur Macht sie leite, sondern der Wille zu einem Politikwechsel in Hessen. Bloß sind das zwei Seiten derselben Medaille. Was offiziell alles nicht gesagt wurde, weil es wahrscheinlich zu sehr nach Strategie klingen würde, nach Taktik, nach Kalkül: Über eine große Koalition reden sie und ihre engsten Berater vor allem deshalb nicht (öffentlich), damit sich die Grünen nicht ermuntert fühlen, trotzig doch noch eine Jamaika-Koalition mit einer (Roland-Koch-freien) CDU und FDP zu prüfen.

Von Dorit Kowitz, Hanau
 
 
KOMMENTARE (10 von 33)
 
NeoBa (31.03.2008, 11:49 Uhr)
Zusammenhänge
der Seeheimer Kreis gehört nicht in die eine Sozial Partei, übrigens SPD heisst Sozial Partei Deutschlands, für alle die das nicht wussten. Linke Politik ist soziale Politik und ich verstehe nicht, was das mit der Stasi zu tun hat!
Georges13437 (31.03.2008, 10:30 Uhr)
@vegefranz
Ich stelle die Frage weil dich meine Antwort zur genüge kenne.
Weißt du denn was ein Stasi-Knast ist? Wenn ich Stasi-Knast sage meine ich auch Stasi-Knast.
Bei der Haftdauer rede ich nicht von ein paar Wochen oder Monate, ich rede von Jahren. Nur wer trotz der Jahre ohne Hass ist, weiß wovon ich rede.
MfG GeorgesP.
Georges13437 (31.03.2008, 10:21 Uhr)
@ganzbaf
Da hast du vollkommen recht, beide Parteien CDU und SPD, sind in Wirklichkeit für ihre bevölkerungsfeindliche Politik auf Bundesebene abgestraft worden. So lange die Schröderianer diese SPD in ihrer Umklammerung haben, wird es immer weiter abwärts gehen. Dem verräterischen Seeheimer Kreis, sollten die Genossen mal kräftig dorthin treten wo es weh tut.
Für Schröder, Clement, Müntefering und Konsorten, darf nur eins gelten, Daumen nach unten.
MfG Georges P.
cobdet (30.03.2008, 23:23 Uhr)
Schlimm was hier abgesondert wird
Bei all dem was hier in den Kommentaren zu lesen ist fällt mir nur noch ein Zitat von Oscar Wilde ein :
.
"gesegnet seien jene,
die nichts zu sagen haben
und trotzdem den mund halten"
Das Beleidigungen Argumente ersetzen (und das gilt hier für einige/reichlich viele) war mir bisher neu.
Einige haben hier scheinbar das Lebensmotto : "Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich gehört habe was ich sage."
Aber wie sagte schon meine Grossmutter : "Jeder blamiert sich halt so gut er kann. Also macht weiter so wer keine Argumente hat kann auch niemanden überzeugen und das ist doch bei diesen Fronten hier auch schon was wert.
singen (30.03.2008, 11:12 Uhr)
Der alte Winter in seiner Schwäche
Die Reden von Richter und Eppler, waren die Interessantesten. Frau Ypsilanti, hat auf zu viele Parteimänner gehört. Sie muss politisch in Hessen die Nacht der langen Messer durchziehen. „Then let not winter's ragged hand deface
In thee thy summer, ere thou be distill'd…aus William Shakespeare
vegefranz (30.03.2008, 10:38 Uhr)
@Ex-SED/Linke-Fan
Demokratischer Sozialismus?? Weisst Du, eigentlich, was ein STASI-Gefängnis war?
dumiok (30.03.2008, 10:36 Uhr)
Mit dem Kopf durch die Wand
Auch wenn mir die Politik von Frau Ypsilanti in Sachen Energiepolitik nicht gefällt, macht sie es richtig, sich nicht vor den Linken zu verstecken. Die Linke ist genauso eine bürgerliche Partei, wie die anderen. Und sie wurden von vielen Bürgern gewählt. Warum wohl? Man muss sie beim Worten nehmen und mit in Regierungsverwantwortung einbindne. So hat man es mit den Grünen auch gemacht. Heute sind sie zahm. Es rächt sich, wenn man nur redet und nichts für alle Bürger tut. Von allen Seiten wird jetzt wieder geklagt, wie die Rentenerhöhung die Jungen belastet. Wo bleiben diese Klagen bei den Pensionen der Beamten und Politiker.
Werden die Jungen nicht viel mehr durch die hohen Energiekosten, zum großen Teil durch den Staat verursacht, belastet? Durch die hohen Lebensmittelpreise. Die Regierung lobt sich über die hohe Reduzierung der Arbeitslosen, die bringen doch auch mehr Gelder in die Rentenkasse.
Es sei dann, dass die neuen Arbeitsplätze mit niedrigen Löhnen von den Leiharbeitsfirmen und den Postkonkurrenten zur Verfügung gestellt werden.
ganzbaf (30.03.2008, 10:31 Uhr)
Die SPD mit Beck...

ist nicht WEGEN eines ominösen "Linksrucks" 2 % in den Umfragen abgeschmiert, sondern WEIL nach den "78 Rechtsrucken" der Vergangenheit die angedachte - bescheidene - Linkskorrektur wegen ein bisschen Geplärre von CDU und Seeheim schon wieder augegeben wurde...!
.
Die SPD geht von Links BIS Mitte! Und sonst nichts.
Und will man hier Terrain wie Kompetenz zurückgewinnen, muß man endlich lernen stolz zu sein, auf den Demokratischen Sozialismus und alles was damit zusammengehört. DIES repräsentiert die Partei! Nicht ein paaar fehlgeleitete CDU U-Boote vom rechten, Seeheimer Scheiss... ;-PP
Die sollen endlich die Klappe halten und die Partei wechseln!
Nursery (30.03.2008, 10:15 Uhr)
Nursery
Ich bin ja mal gespannt will lange sich die die Medien auf das einschießen der SPD noch andauert.Die Folgen werden am Ende alle haben.Macht sie nur nieder, wie verkommen und wie durchschaubar dieses Spiel ist.Das unglaubliche, die SPD glaubt es es jetzt auch selbst, das die Linken die Schuldigen sind. Das die Konservativen und die sogenannte, Mitte der SPD, die Kiste so weit in den Dreck gefahren haben redet keiner .Ob Arbeitnehmerrechte,Steuerhöhe für Normalbürger bis zum abwürgen.Arbeiten lohnt schon lange nicht mehr.Bespitzelung und Medienhype über Terror usw. Glaubt einer wirklich diese Ergébnisse der letzten Monate und Jahre sind von den Linken gemacht worden? Medienmanipulation ist ja kein neues Instrument in Deutschland, damit hat man in den dreißiger Jahren ja schon gute Erfahrungen gemacht.Ist einfach nur als Krank zu bezeichnen diese Entwicklung, einschließlich der Kömödianten die an diesem Spiel ihre Fäden ziehen.Und nun laßt die Yppsylanti endlich mal in Ruhe!
Salzsteuer (30.03.2008, 09:45 Uhr)
Koch muß weg.
Alles andere ist nachrangig.
Basta!
MEHR ZUM ARTIKEL
Hessen-SPD Ypsilanti hält Rot-Grün für möglich

Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti hat für eine rot-grüne Minderheitsregierung geworben. Auf einem Landesparteitag der SPD verteidigte sie ihren gescheiterten Versuch, sich mit Hilfe der Linken zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Unterdessen bemüht sich Ministerpräsident Roland Koch ebenfalls um eine Koalition: Er umgarnt die Grünen.

Andrea Ypsilanti Die müde Kriegerin

Wann das Polit-Chaos in Hessen ein Ende hat, wüsste wohl nicht einmal das Orakel von Delphi. Die vergangenen zwei Monate haben ihre Spuren hinterlassen bei Beinahe-Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti, die am frühen Wahlabend noch wie die strahlende Siegerin aussah. Nach zwei Wochen Pause betrat sie jetzt wieder die Bühne.

SPD-Rebellin Dagmar Metzger Schicksalstage einer Abgeordneten

Bis vor kurzem war Dagmar Metzger eine unauffällige SPD-Abgeordnete im hessischen Landtag. Doch ihr Widerstand gegen die rot-rot-grünen Pläne Andrea Ypsilantis machte sie schlagartig bekannt. stern TV hat die Rebellin getroffen.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?