Jamaika, Ampel, rot-rot-grün, große Koalition - in Hessen scheint gar nichts zu gehen. Also bleibt CDU-Ministerpräsident Roland Koch vermutlich im Amt. Grünen-Chef Tarek Al Wazir erklärt im stern.de-Interview, warum das nicht die schlimmste aller Vorstellungen ist.

Al-Wazir ist sich der grünen Macht in Hessen sehr bewusst© Frank Rumpenhorst/DPA
Wir Grünen sind vor und nach der Wahl bei unseren Inhalten geblieben, und wir haben nach der Wahl – als einzige Partei – mit allen geredet, von der Linkspartei bis Roland Koch. Das Irrenhaus müssen Sie woanders suchen.
Ja, natürlich. Der Tag, als ich ihm nicht die Hand gegeben habe, war ein besonderer. Koch hatte im Wahlkampf gerade öffentlich das Jugendstrafrecht für Kinder gefordert und über Hausschlachtungen in Wohnküchen fabuliert. Da war für mich der Ofen aus. Das Abschneiden der CDU hat allerdings glücklicherweise gezeigt: Mit solchen Kampagnen, mit der Stimmungsmache gegen Minderheiten, gewinnt man keine Wahlen mehr, sondern verliert sie krachend. Das wissen nun auch alle anderen CDU-Landesverbände und das ist gut so.
Schockiert. Weil wir ja die Hoffnung hatten, dass wir – um der Sache willen – einen Politikwechsel in Hessen einleiten können.
Ja. Aber nach dem, was sich in der SPD intern abgespielt hat, gibt es dafür keine Basis mehr. Wir haben deshalb schon am Montag gesagt, dass wir keine Möglichkeiten für Koalitionsverhandlungen sehen.
Dieses Problem hat zwei Facetten. Erstens: Auch wir Grüne finden es völlig unverständlich, dass Metzger in den Urlaub gefahren ist, statt ihr Problem in der entscheidenden Sitzung zu äußern. Und man muss Dagmar Metzger daran erinnern, dass sie ihr Direktmandat auch deshalb gewonnen hat, weil die Menschen die Bildungspolitik ihrer Gegenkandidatin Karin Wolff
… nicht mehr wollten. Zweitens: Frau Metzger ist gewählte Abgeordnete und in ihrer Entscheidung frei. Man kann ihre Haltung bedauern, aber man muss sie akzeptieren.
Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann der SPD nur raten, jetzt erstmal durchzuatmen und sich neu zu sortieren. Bis zum 5. April wird hier sowieso nichts entscheidendes mehr passieren.
Das amüsiert uns schon. Jahrzehntelang hat die Hessen-CDU die Grünen für den Untergang des Abendlandes gehalten. Jetzt sagt sie auf einmal, wir seien so vernünftig, hätten einen realistischen Politikansatz und würden ihr näher stehen als die Sozialdemokraten. Das alles lässt sich nur daraus erklären, dass Roland Koch keine Mehrheit mehr hat.
Ja, aber das heißt noch lange nicht, dass wir gemeinsam Politik machen können. Denn die hessische CDU ist etwas Besonderes, und zwar im negativen Sinne. Sie steht besonders weit rechts und bezeichnete sich selbst als Kampfverband. Da gibt es keine inhaltlichen Brücken zu den Grünen.
Roland Koch ist nur das Symbol für eine Politik, die von der ganzen hessischen CDU getragen wird. Allein eine Person wie Petra Roth dort zu installieren, würde nicht funktionieren. Die hessische CDU muss sich an Haupt und Gliedern erneuern. Aber das kann dauern. Für die grünen Inhalte – eine Energiewende, eine andere Schulpolitik, die Abschaffung der Studiengebühren, um nur ein paar Beispiele zu nennen – sehe ich mit dieser Partei keine Chance.
Ich sehe keine Perspektive.
Ich würde mit der FDP gerne mal über Inhalte reden. Aber sie weigert sich leider, Verhandlungen in der Sache aufzunehmen.
Der Ministerpräsident hat die Aufgabe, Gesetze, die der Landtag beschließt, umzusetzen. Punkt. Er kann sich nicht weigern, sie zu unterzeichnen. Er hat zwar verfassungsmäßig das Recht, zu widersprechen, aber der Landtag kann diesen Widerspruch außer Kraft setzen. Ich bin gespannt, wie das laufen wird. Ich kann nur sagen: Wir als Grüne werden verantwortungsvolle Politik für unsere Inhalte machen.
Von der Verfassungslage her ist das möglich. Die Ergebnisse einer Situation ohne Koalition im Parlament hängen von der Bereitschaft der Parteien ab, über Sachpolitik zu sprechen. Warten wir mal ab, bis sich der Landtag konstituiert hat. Den Bürgern jetzt schon zu sagen: Ihr habt Euch leider verwählt, keine Regierung unter dieser Nummer – das ist für uns keine realistische Option.
Ich habe seit dem Rückzieher von Andrea Ypsilanti nicht mehr mit ihm gesprochen. Er wird vermutlich den Kopf schütteln. Aber das unterscheidet ihn nicht von vielen anderen Beobachtern.
Zur Person Tarek Al-Wazir wurde als Kind eines jemenitischen Vaters und einer deutschen Mutter in Offenbach im Jahr 1971 geboren. Seit 1989 ist er Mitglied der Grünen. 1995 zieht Al-Wazir in den Hessischen Landtag ein. Im September 2007 folgte die Wahl zum Landesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen Hessen. (Foto: DPA)