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11. März 2008, 15:04 Uhr

Metzger bleibt im Parlament

Dagmar Metzger, die Rebellin wider die rot-grün-roten Pläne der hessischen SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti, hat sich nicht gebeugt. Trotz der innerparteilichen Empörung über ihren Widerstand bleibt sie im Parlament. Ihre Partei steht vor einem Scherbenhaufen. Der gefühlte Wahlsieg der SPD ist vorerst passé.

Bleibt im hessischen Landtag: die SPD-Abgeordnete Dagmar Metzger© Thomas Lohnes/DDP

Für Dagmar Metzger muss es ein Wechselbad der Gefühle gewesen sein: Fest entschlossen, selbstsicher, hatte sie zuerst Andrea Ypsilanti, dann die Welt wissen lassen, dass sie dieses Bündnis mit den Linken nicht mittragen könne. Aus Gewissensgründen. Den Traum von einer Regierungschefin Andrea Ypsilanti ließ sie so platzen - und die koalitionswilligen Genossen in Hessen furchtbar schlecht aussehen. In den Medien wurde sie gefeiert. Wegen ihrer Standhaftigkeit. Wegen ihrer Glaubwürdigkeit. In der Partei begann für Dagmar Metzger nun der Spießrutenlauf durch die Gremien. Von außen zischten, mehr oder minder laut, auch mächtige Genossen wie Ypsilantis designierter Minister Herrmann Scheer, dass sie das Mandat niederlegen müsse, dass man dann doch abtreten müsse, wenn man sich so gegen die Mehrheit stelle. Auch Ex-Ministerpräsident Hans Eichel hatte ihr ins Gewissen geredet.

Mutterseelenallein in der Fraktion

Am Wochenende war der Druck auf Metzger immens. In der Fraktion im hessischen Landtag war sie allein. Mutterseelenallein. Und deshalb geriet sie offenbar ins Zweifeln. Muss ich mein Mandat zurückgeben? Muss ich zustimmen? Muss ich den Weg frei machen? Die Fragen, die sie sich stellte, schneiden ins Herz des deutschen Abgeordnetensystems. Sie müsse sich das alles noch einmal überlegen, sagte Metzger. Bis zur Sitzung der Landtagsfraktion am Dienstag. Die anderen machten sich derweil Gedanken, wie es weitergehen könnte. Ohne Metzger - die Regierungsbildung immer im Auge.

Aber Dagmar Metzger hat ihnen noch einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie geht nicht. Sie legt das Mandat nicht nieder. Das verkündete Metzger am Nachmittag auf einer Pressekonferenz. "Die Emotionen kochen jetzt hoch, aber sie werden sich beruhigen", sagte sie. "Es ist eine reine Gewissensentscheidung. Und darin bin ich durch die Verfassung geschützt". Die Darmstädter Sozialdemokratin brachte wieder eine mögliche Ampelkoalition ins Spiel. "Es gibt ja noch andere Optionen. Vielleicht bewegt sich ja bei der FDP was."

Metzger zeigte sich enttäuscht darüber, dass es aus der Fraktion keine Unterstützung für ihre Entscheidung gegeben habe. "Viele hatten Bauchgrummeln."

Die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti hatte sich zuvor sehr zurückhaltend über Metzgers Hartnäckigkeit geäußert. Begeistert sei sie davon nicht. Und: "Die Fraktion hat das zur Kenntnis genommen." Man habe ausführlich diskutiert, sagte Ypsilanti.

Konkret heißt das: Der hessischen SPD bleibt eine Regierungsoption verwehrt, die sie sich zu einem hohen Preis eröffnet hatte. Zu dem Preis nämlich, dass sie nach der Wahl genau das tat, was sie vor der Wahl nie tun wollte: Mit den lokalen Vertretern von Oskar Lafontaines Linkspartei gemeinsame Sache zu machen.

5.000 Emails am Sonntag

Und so steht die hessische SPD weiter vor dem Scherbenhaufen der vergangenen Wochen, als eine Partei, die bereit ist, alles zu tun, jeden Preis zu zahlen, um an die Macht zu gelangen - und die am Ende doch mit leeren Händen dasteht, weil es eine scheinbar Aufrechte gibt: Die Darmstädter Abgeordnete Dagmar Metzger. Ein Vertrauter Metzgers sagte dem stern, dass Metzger in den vergangenen Tagen sehr viel Unterstützung erfahren habe, mitunter habe sie alleine am vergangenen Sonntag 5.000 Emails erhalten. 90 Prozent der Absender hätten sie unterstützt, zehn Prozent der Schreiber hätten sie kritisiert, schätzt der Vertraute. Für Metzger dürfte das ein schwacher Trost sein. In der eigenen Fraktion stand sie, zumindest lange Zeit, alleine da.

Struck äußert Verständnis für Metzger

Dass man in Berlin begriffen hat, dass auch das Metzger-Mobbing der Partei jenseits aller Linkspartei-Debatten zusätzlich schadet, bewies die Tatsache, dass sich der mächtige Fraktionschef aus dem Bundestag, Peter Struck, sofort nach Bekanntwerden der Entscheidung zu Wort meldete. "Ich halte es für richtig, dass ein Abgeordneter entscheidet nach seinem Gewissen", sagte Struck in Berlin laut Nachrichtenagentur Reuters. Metzger müsse es mit ihrem Gewissen vereinbaren, wenn sie der Meinung sei, dass sie ihr Mandat behalten solle. "Niemand wird aus der SPD-Landtagsfraktion ausgeschlossen werden können", sagte Struck. Dies gelte auch für die Partei. Struck fügte hinzu, Metzger habe eine klare Position artikuliert. Niemand habe sie dafür persönlich attackiert, sondern nur politisch. Andererseits ist auch Struck einer jener Genossen, die den ganzen Linkspartei-Spuk in seiner Partei am liebsten sofort beenden würden. Auch politisch dürfte ihm Metzgers Entscheidung gefallen.

Florian Güßgen und Sebastian Christ. Mitarbeit: Regina Weitz
 
 
KOMMENTARE (10 von 72)
 
cool501 (14.03.2008, 10:27 Uhr)
Volksvertreter ?
Hätte die „heilige“ Frau Metzger(als Volksvertreterin)nicht eigentlich den Wählerauftrag über ihren persönlichen „McCarthyism“ stellen müssen??? Aber hier zeigt sich wieder mal deutlich: Wer meint, dass Volksvertreter das Volk vertreten, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten!
vegefranz (13.03.2008, 11:34 Uhr)
@nightmare
Koch ist mir keines falls "lieber" als ypse. Tatsächlich finde ich beide gleich schlimm. Ypse ist allerdings darüberhinaus heuchlerische, wenn sie selbst Kinder auf dem PRIVATGYMNASIUM hat, die Kinder der Bürger in komische Gesamtschulen schicken will. die Frage muss erlaubt sein: warum sind ihre eigenen Kinder nicht auf einer Gesamtschule?
nightmare_online (12.03.2008, 09:30 Uhr)
@Guppy1000
Nee, aber der Herr Koch und seine CDU dürften einige Dankbarkeit gegenüber Frau Metzger zeigen. Und das völlig zu recht. Sie ist der beste Wahlhelfer den die Schwarzen in den letzten Jahren hatten. Vermutlich tragen sie der Dame die Ehremmitgliedschaft an.
Was mich nun noch interessieren würde ist, ob Frau Metzger auch gegen die ANTRÄGE der eigene Partei stimmt. Es könnte ja sein das die Linke entsprechende Anträge unterstützt. Und das wäre ja unzweifelhaft Zusammenarbeit, die Metzger ja mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren kann. Also man darf gespannt sein.
Guppy1000 (12.03.2008, 09:05 Uhr)
Vor großer Blamage bewahrt
Frau Ypsilanti müsste Frau Metzger eigentlich Dankbarkeit zeigen. Nur durch ihr ööfentliches Nein wurde sie wahrscheinlich vor einer Abstimmungsblamage bewahrt. Der Mut von Frau Metzger ist vorbildlich, auch wenn sie vermutlich weiterhin großen Belastungen ausgesetzt sein wird. Eigentlich ist es an der Zeit, dass die Medien ihr den Rücken stärken und sie nicht alleine lassen. Es ist ein Zeichen für Hoffnung, wenn die Ehrlichen sich mal was trauen.
nightmare_online (12.03.2008, 09:04 Uhr)
@vegefranz
Ich verstehe das ihnen der Rechtspopulist Koch lieber ist als Frau Y. Der Mann ist ja auch ein Ausbund von Anstand, und steht als Nachfolger von so anständigen Politikern wie dem Bimbeskanzler, Manfrad Kanter und Uwe Barschel in einer Partei mit einer ausserordentlichen Tradition von Anstand.
bobbys (12.03.2008, 07:44 Uhr)
Wahlen...waehlen...Entscheidungen
Wenn ein gewaehlter Vertreter seine eigene Meinung nicht einmal mehr in seiner eigenen Partei vertreten kann
(wie Frau Metzger es tat)... sollten wir uns doch einfach von den Wahlen und Abstimmungen verabschieden und den "Grossen" Frau Yps...Beck... und allen anderen durch alle Parteien hindurch die Diktaturkrone reichen...
Ich bin auch entaeuscht ueber das Abschneiden der SPD und den Ausgang der Geschichte...allerdings habe ich nie verstanden weshalb man immer schoen den Parteikurs zu 110% unterstuetzen muss auch wenn man ihn nicht tragen kann oder will??? Frueher hat man solche Sachen innerpateiliche Dialoge genannt...heute nun "Verrat" schon komisch das ich mich langsam von der SPD entferne da es ihre Anhaenger aehnlich sehen wie Fussball Hooligans
alles fuer den Sieg des Clubs egal mit welchen Mitteln...Schwalben und Beleidigungen sind erlaubt und wer das Tor mit der Hand erzielt wird der Held des Abends...gesunde Einstellung und saubere Demokratie
stimmst Du nicht mit der Partei ueberein sollst du sie besser verlassen... schade schade was ich hier so lese...
vegefranz (12.03.2008, 06:05 Uhr)
keine Posten für Genossen
in Hessen - danach sieht es zumindest jetzt aus - gibt es keine Posten für Genossen. Da kann der SPDler leicht mal zum Stalinisten werden und den Kopf von Fr. Metzger fordern. Seltsames Demokratieverständnis und menschlich schwach. Dazu passt, daß Ypse die Kinder der Wähler in die Gesamtschulen stecken will, ihre eigenen Kinder aber natürlich auf dem PRIVATGYMNASIUM sind.
Bunsenbrenner (12.03.2008, 01:07 Uhr)
Demokratische Wahlen?
Ich dachte ja immer, dass zu demokrat. Wahlen auch gehört, dass man munter wählen kann, wen man will. Wenn man damit Probleme hat, muss man diese Wahlen eben abschaffen. Ist auch ehrlicher ;-) Ok, hier wählt nicht der Pöbel, sondern Leute, die die Pöbelmeinung nur noch abnicken sollen und deswegen fast gezwungen sind, ihre Partei zu wählen. Aber was sollen diese Wahlen dann? Immerhin hat die gute Frau Metzger einen guten Grund und man wird ihr auch Mut zugestehen müssen.
Robbespierre (11.03.2008, 23:51 Uhr)
Ach, Metzger
Schade um die Sachthemen, Frau Metzger. Studiengebühren werden weiter bleiben, das Schulsystem wird auch nicht modernisiert werden. Den Seeheimern gefällts und Hessen bleibt hinter dem zurück, was die Mehrheit der Wähler wollte... Ein guter Zulauf für ihre Wirtschaftskanzlei ist durch die Wucht der Ereignisse hingegen garantiert. Geschäftlich läufts also prima - aber menschlich? Jeder konnte in ihren Interviews mithören und sehen, welch eine aalglatte und eiskalte Advokatin sie abgeben können - schauderhaft. Aber dafür sind sie jetzt sogar die Heldin von Bildzeitungsdeutschland geworden. Zufrieden? Immerhin: Hartz IV ist für sie nun unerreichbar geworden...
Faber (11.03.2008, 23:06 Uhr)
Es ist nachvollziehbar,
daß Frau Metzger ihr Mandat behält, sie ist schließlich in einer demokratischen Wahl bestätigt worden. Andererseits muß man sich fragen, ob es nicht an der Zeit ist, daß Frau Ypsilanti Konsequenzen zieht.
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