Mit seiner Attacke auf die Juden brach Martin Hohmann das Tabu, dass Antisemitismus in demokratischen Parteien keinen Platz hat. Die CDU-Führung entschloss sich spät zum Rauswurf, denn der Hesse steht für ein mächtiges Milieu am rechten Rand der Union.

CDU-Bundestagsabgeordneter Martin Hohmann: "Was können wir tun?"© Markus Schreiber/AP
"Juden waren es, die den Marxismus erfanden, Juden sind es, die mit ihm die Welt zu revolutionieren versuchen" (Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, September 1941)
Mitten in Jubel und Trubel wurde es bitterernst für die CDU-Vorsitzende. Ein rüstiger alter Herr nahm ihre Hand und zog sie energisch in eine ruhige Ecke der neuen Berlin-Repräsentanz des Bertelsmann-Konzerns, die vergangene Woche eröffnet wurde. "Herr Brauner", fragte Angela Merkel dort, "was meinen Sie, was können wir tun?"49 Verwandte des Filmproduzenten Artur ("Atze") Brauner, 85, sind im Konzentrationslager ermordet worden. Noch heute suchen ihn die Toten in seinen Träumen heim. "Es ist so, als ob sie aufstehen würden, mich umarmen und sagen: Du musst uns rächen." Daher hat er sich an diesem Abend eingemischt in den Skandal um den Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann. Der hatte in einer Rede am Tag der Deutschen Einheit behauptet, man könnte die Juden als "Tätervolk" bezeichnen, weil sie Hand in Hand mit den Bolschewisten die Mordtaten der Russischen Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs begangen hätten. Aber sie seien ja Gottlose gewesen, wie die Nazis, und daher seien auch die Deutschen kein "Tätervolk". Ziel der haarsträubenden Beweisführung: Entschuldung der Deutschen mit antisemitischen Mitteln.
Er habe der Parteivorsitzenden gesagt, so Brauner zum stern, dass er die Strafversetzung des hessischen Antisemiten vom Innen- in den Umweltausschuss des Bundestags nicht für eine angemessene Reaktion halte. "Diese Hetze war eine Bösartigkeit." Und er fügte resigniert hinzu: "Ich habe lange Zeit auf einen anderen Geist der Menschen in Deutschland gehofft und darauf, dass sie zur Vernunft kommen - doch das ist nicht der Fall. Ich habe eher das Gefühl, dass hier eine Art Revanchismus entsteht. Es gibt leider zu viele Hohmanns, überall, bei der CDU vielleicht mehr, bei den anderen weniger."
Brauner hatte die Dimension des Skandals schneller begriffen als die CDU-Führung. Denn die Rede Hohmanns war weit mehr als der entschuldbare Ausrutscher eines Hinterbänklers. Jürgen Möllemann wurde für seine Angriffe auf Michel Friedman aus seiner Partei ausgeschlossen. Dabei hatte sich der Liberale einen im Vergleich geradezu harmlosen antisemitischen Ton zuschulden kommen lassen. Der Christdemokrat aber hatte als erster Bundestagsabgeordneter seinen Antisemitismus in ein geschlossenes ideologisches Konstrukt eingebettet. Hinter der Oktoberrevolution, so behaupten die Protagonisten dieser Geschichtsfälschung, hätten Juden als mordlüsterne Kräfte der Bolschewisten gestanden. "Danach könnte man Juden mit einiger Berechtigung als "Tätervolk" bezeichnen." Diese Argumentation entspricht exakt jener, mit der die Nationalsozialisten den Holocaust rechtfertigten: als Abrechnung mit der angeblichen jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung.
"Das ist noch nicht da gewesen", stellt Wolfgang Benz fest, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. "Zum ersten Mal ist Antisemitismus als geschlossenes Gedankensystem von einem Parlamentarier präsentiert worden." Goebbels lupenrein.
Ohne Folgen konnte das nicht bleiben. Die Schwesterpartei CSU hatte Hohmanns Verirrung von vornherein eindeutig kommentiert. Ihr neuer Generalsekretär Markus Söder rief ihm zu, wer "dumpfe antisemitische Klischees bedient, stellt sich außerhalb unserer Ordnung". Für den nordrhein-westfälischen CDU-Chef Jürgen Rüttgers war ebenfalls klar: Wer derartiges vertrete, "hat in der CDU nichts zu suchen".
Hatte er aber zunächst doch: denn die CDU-Führung ließ es bei einer "Abmahnung" bewenden. Weder wörtlich noch sinngemäß dürfe Hohmann seine Thesen wiederholen. Glaubhafte Distanzierung und aufrichtige Entschuldigung wurden dem Worttäter nicht abverlangt. Taktischer Rückzug genügte. Erst als der Fall außer Kontrolle zu geraten drohte, als Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Hohmann das Recht absprach, weiter die Interessen des deutschen Volks im Parlament zu vertreten, erst als bei einem Auftritt des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch in der Frankfurter Synagoge Gemeindemitglieder protestierend den Saal verließen, erkannte man, dass das Feuer zum Flächenbrand wurde. Während CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer noch am Montagmorgen auf das Risiko eines Parteiausschlusses hinwies, schritt die Parteichefin zur Tat. Ihr Ultimatum, das sie Hohmann von Fraktionsvize Wolfgang Bosbach und Geschäftsführer Volker Kauder übermitteln ließ: "Entweder gibt es eine glasklare Distanzierung und das Eingeständnis, dass Ihre Theorie völlig unhaltbar ist, oder Sie fliegen!" Er weigerte sich - nun fliegt er.
Merkel hatte den Schnitt schon vergangene Woche erwogen. Bei einem Gespräch mit amerikanischen und britischen Juden in der Berliner Repräsentanz der Deutschen Bank nannte sie Hohmann "crazy" und wies darauf hin, dass am Ende sehr wohl der Rauswurf aus der CDU stehen könne. Doch zunächst folgte sie Ratgebern wie Norbert Lammert und Wolfgang Schäuble, die eine Reaktion "mit Augenmaß" empfahlen.
Das einwöchige Wegducken vor der Dimension des Skandals, die teils offene, teils klammheimliche Rückendeckung, die dem Abgeordneten an der Parteibasis zuteil wurde, die bemühte Verharmlosung seiner Gedankenwelt - all das war exemplarisch im Mikrokosmos seines hessischen Geburtsorts Neuhof zu besichtigen. Man werde ja doch wohl noch mal "die Wahrheit sagen können", tönten die Herren, die im Schützenhof oder im Alt Neuhof beim Bier saßen. Recht habe er, der Hohmann, "irgendwann muss Schluss sein". Die konservative "Fuldaer Zeitung" druckte spaltenlang überwiegend zustimmende Lesermeinungen. "Schade, dass es in unserem Lande nicht mehr Hohmanns gibt", schrieb da ein Leser aus Neuhof.