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Politiker? Männlich? Schwul? Glückwunsch!

Klaus Wowereit in Berlin, Ole von Beust in Hamburg und jetzt Peter Kurth in Köln: Homosexualität von Politikern ist in der Gesellschaft akzeptiert. Allerdings nur, wenn es um Männer geht.

Von Laura Himmelreich und Johannes Schneider

Er ist gebürtiger Rheinländer, Christdemokrat und nach eigener Aussage "erzkatholisch". Dass Oberbürgermeister-Kandidat Peter Kurth nebenbei noch schwul ist, stört in Köln die wenigsten. Das bestätigen Parteifreunde, Verbände und sogar das katholische Stadtdekanat. Die Gay Community hat eh allen Grund zu jubeln: Gewänne Kurth die Wahl am kommenden Sonntag, würden drei der vier größten deutschen Städte von offen schwulen Oberbürgermeistern regiert - nur Christian Ude in München ist außen vor. Neben dem Christdemokraten Ole von Beust ging bei der Hamburger Bürgermeisterwahl übrigens ein schwuler FDP-Kandidat ins Rennen, auch Kurth hat einen schwulen FDP-Mitbewerber - es ist eine neue Entwicklung, dass selbst bürgerliche Politiker offen zu ihrer Homosexualität stehen.

Zugegeben: Kurths Chancen stehen schlecht, zu spät ist der ehemalige Berliner Finanzsenator als Schramma-Nachfolger an den Rhein beordert worden. Das Bild von der schwulenfreundlichen Republik bleibt trotzdem: Nach der Bundestagswahl könnten ein schwuler Außenminister (Guido Westerwelle, FDP) oder - in einem anderen Szenario - ein schwuler Mittelstandsexperte im Kanzleramt (Harald Christ, SPD) sogar bundespolitisch aktiv sein.

Neu ist dabei auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Wähler dem Thema begegnen: Seine Sexualität sei in der Stadt kein Thema, sagt etwa Peter Kurth zu stern.de. Darüber sprechen muss er trotzdem: "Zur Glaubwürdigkeit gehört, dass man zu jedem Aspekt seiner Persönlichkeit steht. Alles andere würden die Wähler heute nicht mehr durchgehen lassen."

Das bestätigt auch der Dresdner Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt: "Wenn ein Politiker mit seiner Homosexualität offen umgeht, wirkt er authentisch." Bis Klaus Wowereit den Halbsatz " ... und das ist auch gut so" 2001 zum geflügelten Wort machte, sei es unklar gewesen, wie die Öffentlichkeit auf einen schwulen Spitzenpolitiker reagieren würde. "Wowereits Outing war ein Befreiungsschlag", sagt Patzelt.

Outing ist keine Karrierebremse mehr

Ein Outing könne das Image eines Politikers sogar verbessern, sagt der Soziologe Andreas Heilmann von der Berliner Humboldt-Universität. So sei Guido Westerwelle als kühler Karrierist wahrgenommen worden. Seitdem er zu seiner Sexualität stehe, wirke er menschlicher. Heilmann untersucht Politiker-Outings, er kommt zu dem Schluss: Die Öffentlichkeit skandalisiert schwule Politiker zwar nicht mehr, doch das liegt auch daran, dass sie einem bestimmten Männertyp entsprechen. "Sie werden von der Öffentlichkeit akzeptiert, weil sie Homosexualität mit Männlichkeit verknüpfen", sagt Heilmann.

In der Tat: Hamburgs Oberbürgermeister Ole von Beust inszeniert sich als Landesvater, der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs lässt sich in Bundeswehruniform ablichten - das Foto stellt er auf seine Homepage. Zur Männlichkeit kommt die wohldosierte Spießigkeit: FDP-Chef Westerwelle führt mit seinem Lebensgefährten eine bürgerliche Zweierbeziehung, Urlaub auf Mallorca und Besuch der Wagner-Festspiele inklusive. Dass Westerwelle erst mit einem festen Partner an seiner Seite an die Öffentlichkeit ging, ist für viele kein Zufall. Die Männerdomäne Politik erlaubt Vielfalt - so lange sie nicht zu vielfältig wird.

Lesbische Politikerinnen haben es schwerer

Und nur so lange es um homosexuelle Männer geht: Geoutete Lesben sind in der Spitzenpolitik weiterhin rar, und wenn es sie gibt, möchten sie sich lieber nicht äußern: "Das ist Privatsache", heißt es aus der Pressestelle der grünen Hamburger Umweltsenatorin Anja Hajduk, und auch Hessens ehemalige Kultusministerin Karin Wolff (CDU) möchte zu diesem Thema lieber kein Statement abgeben.

"Ich halte nichts davon, dass geoutete Politiker immer nur zu ihrer Libido befragt werden", verteidigt Renate Rampf, Pressesprecherin des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD), die beiden Frauen. Zugleich bedauert sie, dass Bekenntnisse zur eigenen sexuellen Identität gerade bei lesbischen Frauen noch lange nicht normal seien. Die Ursachen hierfür sieht sie in den Geschlechterbildern der Gesellschaft: "Allgemein scheinen homosexuelle Männer an heterosexuelle Frauen deutlich besser vermittelbar zu sein als homosexuelle Frauen an heterosexuelle Männer", so Rampf.

In der Tat ist das Bild von Lesben immer noch von Stereotypen geprägt: feministische "Mann-Weiber" auf der einen Seite, die nymphomanen Pärchen aus den Porno-Filmen auf der anderen. Daher seien Outings seriöser und erfolgreicher Lesben wie Anne Will wichtig, sagt Rampf. Der nächste Schritt wäre dann eine Spitzenpolitikerin, die aufsteht und sagt: "Ich bin lesbisch - und das ist auch gut so."

Mitarbeit: Georg Fahrion
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