Er kämpft um den CSU-Vorsitz. Er kämpft um sein Privatleben. Er kämpft um seinen Ruf. Seit Anfang Januar steckt Horst Seehofer in der tiefsten Krise seines Lebens. Im stern-Gespräch erzählt der CSU-Politiker von seiner "begnadeten Konstitution" und den vergangenen sieben Monaten: "Das C heißt nicht Unfehlbarkeit" Von Franziska Reich und Stefan Braun

Der CSU-Politiker Horst Seehofer in einer Stahlplastik vor dem Alf-Lechner-Museum Ingolstadt© Volker Hinz
Sehr gut.
Ja.
Dass ich mich rundum wohlfühle.
zu sein? Die Geburt eines Kindes ist ein Wunder. Ich freu mich, dass alles gut ging.
Ja schon, aber meistens mit der Einleitung: Ich weiß gar nicht, ob dir das recht ist.
Das war ein Stahlbad.
Nein. Man muss auch schwierige Lebenslagen mit Anstand bewältigen. Das Stahlbad war das lückenlose mediale Trommelfeuer.
Als Politiker wird man immer mit Privatangelegenheiten konfrontiert. Das gehört dazu. Nicht aber, dass Privates instrumentalisiert wird. Bei mir war das teilweise kampagnenartig. Ich möchte die Schlagzeile einer Ausgabe der „Bild am Sonntag“ herausgreifen: „Papa eiskalt“. Ich habe in 40 Jahren nichts Widerwärtigeres erlebt. Ich habe mein Ministeramt in der Zeit der Geburt meiner Tochter voll ausgeübt und wie die allermeisten, die hart engagiert sind, zu wenig Zeit gehabt für das Private. Daraus zu schließen, das ist der Papa eiskalt – das war die giftige Spitze dieser Kampagne. Das hat mit Informationsbedürfnis der Bevölkerung nichts zu tun.
überstanden? Ich habe von Geburt aus eine begnadete Konstitution mitbekommen, körperlich und seelisch. Das ist ein Geschenk. Und ich denke, den Umgang mit solchen Angriffen kann man auch lernen. Spätestens seit meiner schweren Erkrankung 2002 beherrsche ich das optimal.
Das wäre Resignation gewesen. Die hilft Ihnen für den Augenblick, aber nicht auf Dauer.

Seehofer kehrte an die Seite seiner Frau Karin zurück© Frank May/ DPA
Ich kann es Ihnen nicht erklären. Vielleicht liegt es auch an mir. Weil ich manchen Medien gegenüber einen Nicht-Kontakt gepflegt habe. Denen habe ich gesagt, ihr schreibt sowieso, was ihr wollt, von mir bekommt ihr dazu nichts.
Nur ganz am Anfang. Im Januar. Aber als ich das erste Mal mit meiner Familie ausführlich gesprochen habe, haben alle gesagt: Das darfst du nicht tun.
Nach den Veröffentlichungen der letzten Wochen ist mir noch klarer geworden, dass ich meine Sicht der Privatdinge für mich behalten muss.
Ja. Ich nehme in Kauf, dass viele Leute Hochämter der Fantasie feiern. Aber das muss ich aushalten. Mein Schweigen ist die beste Lösung für alle Beteiligten.
Ja. Und die halte ich auch aus.
Haben Sie sich verschätzt? Nein, zumal es jeden Monat eine andere Strategie gegen mich gibt. Am Anfang hieß es, ich sollte meine Kandidatur für den CSU-Vorsitz zurückziehen. Dann wollte man die Zeit bis zur Wahl verkürzen. Dann hat man ein paar abenteuerliche Gerüchte gestreut, ich hätte Stoiber erpresst, um Minister zu werden. Dann kam ständig die Forderung: Der muss sich jetzt entscheiden. Und als ich mich für meine Frau entschieden hatte, kam der Vorwurf, das sei nur ein politisches Kalkül. So variiert man die Dinge pausenlos. Aber das kenne ich. So ist es wahrscheinlich nicht nur in der Politik.
Um das auch mal klar zu sagen: Es geht dabei nur um eine verschwindend kleine Zahl von Journalisten und Medien. Und die haben ihren Ankerplatz bei wiederum einer kleinen Zahl von Politikern. Es sind immer dieselben, die sich äußern, die Gerüchte pflegen. So will man die Angelegenheit frisch halten.
Nein. Wir gehen korrekt miteinander um.
Ich bin nicht fehlerlos, aber ich sehe nichts Gravierendes. Wenn ich jetzt zurückdrehen könnte auf Januar, würde ich nicht anders agieren.
Ja. Davon nehme ich nichts weg. So wie die Werte Werte bleiben.
Das werde ich nie öffentlich begründen, weil das wirklich eine sehr komplexe, private Angelegenheit ist. Die können nur die beurteilen, die sie betrifft. Es ist eine Illusion zu glauben, ich hätte es politisch leichter gehabt, wenn ich mich früher entschieden hätte. Wenn man einen Politiker in der Sache nicht so richtig packen kann, versucht man, eine solche Privatgeschichte eben ewig am Leben zu erhalten. Sie sehen doch, dass es jetzt auch so ist.
Das halte ich für vorgeschoben. Einfach oberflächlich. Die ganze Geschichte ist gerade deshalb ein Problem für manche in meiner Partei, weil es eine ernste Sache war. Das macht die Angelegenheit besonders schwer.
Ja. Ich kann verstehen, dass Leute, die seit sieben Monaten nur auf Informationen aus Medien angewiesen sind, Fragen stellen oder sogar an mir zweifeln. Die Alternative aber wäre gewesen, meine Privatsache total aufzublättern. Aber ich werde meine Sicht der Dinge heute und auch in Zukunft nicht abgeben. Das ist politisch ein Handicap, aber privat die beste Lösung.
Das ist wie immer in der Politik: Die müssen Sie überzeugen.
Durch die Realität.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 34/2007