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7. Dezember 2004, 09:00 Uhr

"Manchmal bäumt sich in mir alles auf"

Jeden Tag Streit, jeden Tag neue Schlagzeilen. Ist Horst Seehofer für die normale Politik verloren? Der CSU-Gesundheitsexperte über seinen Rücktritt, Intrigen und die Sehnsucht nach neuer Macht.

Was geht vor in diesem Kopf? In CDU und CSU wissen viele nicht mehr, was sie von ihrem ehemaligen Gesundheitsminister halten sollen© Jens Neumann

Herr Seehofer, nach Ihrem Rücktritt als Fraktionsvize haben Sie im Bundestag keinen Platz mehr in der ersten Reihe. Wie fühlt man sich als Hinterbänkler?

Hinten sitzt es sich gar nicht schlecht. Man hat die Kollegen nicht im Rücken, das ist ganz angenehm. Man bekommt mehr Informationen, und es ist alles ein wenig lockerer.

Was sagen Ihre Fraktionskollegen denn?

Die fragen mich: Wer hat denn nun dich aufs Kreuz gelegt - Merkel oder Stoiber?

Und was antworten Sie?

Ich stelle zurzeit immer nur Gegenfragen. Ich frage: Wie siehst du die ganze Geschichte? Meine Kollegen sagen dann: Unser Gesundheitskonzept wird in dieser Form sowieso nie umgesetzt. Das war deinen Rücktritt nicht wert, du hast einen viel zu hohen Preis bezahlt.

Aber Sie haben den Preis trotzdem bezahlt.

Es ging um eine Richtungsentscheidung für die Union, die ich nicht mittragen konnte. Und um meine persönliche Integrität.

Hat einer Ihrer Kollegen auch gefragt: Warum zerstörst du dich selbst?

Ja; aber ich zerstöre mich nicht selbst. Ich bin mit mir im Reinen. Was im Moment hängen bleibt, ist einfach Erschöpfung nach so vielen Tagen höchster Konzentration, wo man nicht einen Fehler machen darf. Ich bin sehr müde jetzt.

Aber politisch leben Sie weiter über Ihre Kräfte. Ihr Verhältnis zu Edmund Stoiber und Angela Merkel ist zerrüttet ...

Ich habe eine unglaubliche Rückendeckung in der Bevölkerung. Wenn ich auf der Straße bin, kommen die Leute und sagen: "Recht so!" Für wen machen wir eigentlich Politik? Für die Parteivorsitzenden und für die Medien? Oder für die Bevölkerung?

Das heißt, die Menschen auf der Straße sind wichtiger als Stoiber oder Merkel?

Ich habe Loyalität in der Politik immer gedrittelt. Die Loyalität zur Bevölkerung ist die wichtigste. Die Loyalität zur politischen Grundüberzeugung kommt an zweiter Stelle und die Loyalität zu den Verantwortlichen in Parteien an dritter Stelle.

Muss Stoiber jetzt damit leben, dass er von Ihnen nur ein Drittel Loyalität bekommt?

Das ist eine sehr mathematische Betrachtung. Wenn ich meine Grundüberzeugung verraten würde und mit meinen Vorsitzenden blendend auskäme - dann wäre ich mit mir jedenfalls nicht im Reinen.

Monatelang hat Stoiber Sie an die Front geschickt, um Merkels Gesundheitsprämie kaputtzuschießen. Dann knickt er im letzten Moment ein. Werden Sie ihm jemals wieder richtig vertrauen können?

Wir werden vernünftig zusammenarbeiten. Natürlich werde ich solche Erlebnisse immer im Hinterkopf haben. Das ist doch wohl klar.

Sie haben einmal gesagt, ich muss nicht ständig unter den Tisch kriechen, wenn Stoiber den Raum betritt. Kann es sein, dass er das ganz gern gehabt hätte?

Ja, das kann schon sein. Das tue ich aber nicht, jedenfalls nicht, wenn es um wichtige Fragen geht.

Sie haben großen Rückhalt bei den einfachen CSU-Mitgliedern, Sie können berauschende Reden halten. Hat der Kopfmensch Stoiber vielleicht auch ein wenig Angst vor Ihnen?

Also Angst hat er mit Sicherheit nicht. Aber dass ich Verankerung in der Bevölkerung und in der Parteibasis habe, das wird man in diesen Tagen wahrscheinlich weder in der CSU-Landesleitung noch in der Münchner Staatskanzlei übersehen.

Das ist eine Drohung.

Nein, das ist keine Drohung. Aber das ist nicht unwichtig.

Hat Edmund Stoiber schlechtere Nerven als Angela Merkel?

Ich kann nur sagen, wie ich das jetzt erlebt habe. Wer Frau Merkel unterschätzt, hat schon verloren.

In der CSU heißt es, wenn Sie weiter querschießen, müssen Sie auch noch Ihr Amt als stellvertretender CSU-Chef aufgeben. Stoiber lässt über seine Büchsenspanner verbreiten, dass Sie jetzt eine Bewährungsfrist haben ...

Ja, wo sind wir denn? Noch werden die Co-Vorsitzenden in der CSU nicht wie im Beamtenrecht vom Chef der Behörde in einem hoheitlichen Akt ernannt, sondern sie werden gewählt, und zwar von der Parteibasis. Wenn man mich weghaben will vom Parteivorsitz, können wir das gerne auf dem nächsten Parteitag austragen. Ich werde um mein Amt kämpfen.

Gibt es in der Union und speziell in der CSU ein Demokratie-Defizit?

Vielleicht im Denken derer, die mir jetzt androhen, was noch so alles passieren kann.

Stoiber hat gedroht, die Einheit der Union stände auf dem Spiel, wenn die Parteibasis dem Gesundheitskompromiss nicht zustimme. War das Erpressung?

Das ist so in der Politik. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob es klug war, das Gesundheitsthema mit dieser Tiefe jetzt zu diskutieren, wo wir nicht regieren und auf diesem Feld gar nichts in Kraft setzen können. Das war sicher überflüssig.

Von ganz hoher Stelle in der Union hört man: Der Seehofer hat was am Kopf, der muss sich mal am Gehirn operieren lassen. Kriegen Sie das mit? Das muss Sie doch anwidern!

Ja, ich kriege das mit. Aber das ist ein Erfahrungswert in der Politik. Wenn Sie unbeirrt an einer abweichenden Meinung festhalten, gibt es so eine Stufenfolge. Zunächst zieht man den Gesundheitszustand und die Glaubwürdigkeit des Abweichlers in Zweifel. In der zweiten Stufe werden Drucksituationen aufgebaut, plötzlich kommt von allen möglichen Seiten der diskrete Hinweis, man sollte jetzt möglichst nicht mehr öffentlich auftreten, man sollte sich zurückhalten in seinem eigenen Interesse. Die dritte Stufe ist dann brutale Ausgrenzung.

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