Jeden Tag Streit, jeden Tag neue Schlagzeilen. Ist Horst Seehofer für die normale Politik verloren? Der CSU-Gesundheitsexperte über seinen Rücktritt, Intrigen und die Sehnsucht nach neuer Macht.

Was geht vor in diesem Kopf? In CDU und CSU wissen viele nicht mehr, was sie von ihrem ehemaligen Gesundheitsminister halten sollen© Jens Neumann
Hinten sitzt es sich gar nicht schlecht. Man hat die Kollegen nicht im Rücken, das ist ganz angenehm. Man bekommt mehr Informationen, und es ist alles ein wenig lockerer.
Die fragen mich: Wer hat denn nun dich aufs Kreuz gelegt - Merkel oder Stoiber?
Ich stelle zurzeit immer nur Gegenfragen. Ich frage: Wie siehst du die ganze Geschichte? Meine Kollegen sagen dann: Unser Gesundheitskonzept wird in dieser Form sowieso nie umgesetzt. Das war deinen Rücktritt nicht wert, du hast einen viel zu hohen Preis bezahlt.
Es ging um eine Richtungsentscheidung für die Union, die ich nicht mittragen konnte. Und um meine persönliche Integrität.
Ja; aber ich zerstöre mich nicht selbst. Ich bin mit mir im Reinen. Was im Moment hängen bleibt, ist einfach Erschöpfung nach so vielen Tagen höchster Konzentration, wo man nicht einen Fehler machen darf. Ich bin sehr müde jetzt.
Ich habe eine unglaubliche Rückendeckung in der Bevölkerung. Wenn ich auf der Straße bin, kommen die Leute und sagen: "Recht so!" Für wen machen wir eigentlich Politik? Für die Parteivorsitzenden und für die Medien? Oder für die Bevölkerung?
Ich habe Loyalität in der Politik immer gedrittelt. Die Loyalität zur Bevölkerung ist die wichtigste. Die Loyalität zur politischen Grundüberzeugung kommt an zweiter Stelle und die Loyalität zu den Verantwortlichen in Parteien an dritter Stelle.
Das ist eine sehr mathematische Betrachtung. Wenn ich meine Grundüberzeugung verraten würde und mit meinen Vorsitzenden blendend auskäme - dann wäre ich mit mir jedenfalls nicht im Reinen.
Wir werden vernünftig zusammenarbeiten. Natürlich werde ich solche Erlebnisse immer im Hinterkopf haben. Das ist doch wohl klar.
Ja, das kann schon sein. Das tue ich aber nicht, jedenfalls nicht, wenn es um wichtige Fragen geht.
Also Angst hat er mit Sicherheit nicht. Aber dass ich Verankerung in der Bevölkerung und in der Parteibasis habe, das wird man in diesen Tagen wahrscheinlich weder in der CSU-Landesleitung noch in der Münchner Staatskanzlei übersehen.
Nein, das ist keine Drohung. Aber das ist nicht unwichtig.
Ich kann nur sagen, wie ich das jetzt erlebt habe. Wer Frau Merkel unterschätzt, hat schon verloren.
Ja, wo sind wir denn? Noch werden die Co-Vorsitzenden in der CSU nicht wie im Beamtenrecht vom Chef der Behörde in einem hoheitlichen Akt ernannt, sondern sie werden gewählt, und zwar von der Parteibasis. Wenn man mich weghaben will vom Parteivorsitz, können wir das gerne auf dem nächsten Parteitag austragen. Ich werde um mein Amt kämpfen.
Vielleicht im Denken derer, die mir jetzt androhen, was noch so alles passieren kann.
Das ist so in der Politik. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob es klug war, das Gesundheitsthema mit dieser Tiefe jetzt zu diskutieren, wo wir nicht regieren und auf diesem Feld gar nichts in Kraft setzen können. Das war sicher überflüssig.
Ja, ich kriege das mit. Aber das ist ein Erfahrungswert in der Politik. Wenn Sie unbeirrt an einer abweichenden Meinung festhalten, gibt es so eine Stufenfolge. Zunächst zieht man den Gesundheitszustand und die Glaubwürdigkeit des Abweichlers in Zweifel. In der zweiten Stufe werden Drucksituationen aufgebaut, plötzlich kommt von allen möglichen Seiten der diskrete Hinweis, man sollte jetzt möglichst nicht mehr öffentlich auftreten, man sollte sich zurückhalten in seinem eigenen Interesse. Die dritte Stufe ist dann brutale Ausgrenzung.