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Zorro reitet wieder

Er war der Paria in der Union. Zufall, Glück und Stoiber brachten ihn ins Kabinett - als Minister für Rüben und Kühe. Aber Horst Seehofer reicht das nicht. Er fingert längst wieder bei der Gesundheit mit.

Er lehnt sich entspannt zurück, und sein Blick gleitet hinaus aus dem Amtszimmer und hinein in den grauen März hinter den Fenstern. Er faltet bedächtig die Hände. Das macht er gern, dieses Falten, rechte Hand um die linke, und so ruhen sie also in seinem Schoß. Ganz zahm. Dann legt er seinen Kopf ein bisschen schräg, und seine Lippen spielen mit einem flüchtigen Lächeln. "Manche sagen, Sie spielen falsch", sagt man, und er lauscht ruhig diesen Worten. "Manche sagen, man muss Ihnen alles zutrauen, alles", sagt man, und er lauscht weiter und sagt schließlich: "Ja" und "ja, ich weiß". Und sein Blick kehrt zurück aus dem grauen März und richtet sich geradeaus zum Gegenüber und er sagt: "Ja, es gibt diese Etiketten für meine Person, die nehme ich aber nicht so ernst", und sein Lächeln verfängt sich in den Winkeln des Mundes. Da hängt es dann, das Lächeln, sekundenlang, hängt einfach fest. Ein bisschen hämisch jetzt. Ein bisschen spöttisch auch, erkaltet.

Horst Seehofer trägt seine Maske.

Es ist der Tag nach dem Abend, dem wichtigsten Abend im politischen Berlin der vergangenen Woche, jenem Abend also, an dem sich die schwergewichtigsten Politiker der Republik im Kanzleramt trafen, um fünf Stunden lang über das Thema des Jahres zu beraten - über die Gesundheit. Herr Stoiber war dabei und Herr Müntefering auch, Herr Struck eilte heran und Herr Kauder sowieso, und auch wenn Herr Platzeck wegen seines Hörsturzes nicht konnte - eingeladen war der SPD-Vorsitzende natürlich schon. Es saßen also alle Schwergewichte des Landes beisammen. Alle. Außer Herrn Seehofer. "Oh, gestern", sagt dieser Herr Seehofer am Tag nach dem Abend in seinem Büro, "gestern habe ich mich noch bis spät um zehn um die Legehennen gekümmert." Dabei lächelt er dieses Lächeln, das in den Mundwinkeln hängt, unverblümt hämisch jetzt, und sagt schließlich: "Aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich aus dem Kanzleramt höre." Dann macht er eine kleine Pause, sehr effektvoll, und sagt wieder: "Ja, sehr zufrieden."

Horst Seehofer,

Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Comeback-Star der CSU nach der letzten Bundestagswahl, er gibt zurzeit den gelassenen Herrn. Ein Bild voller Seele, ein Bild voller Ruhe. Weil er weiß, dass er am gestrigen Abend irgendwie mit am Tisch der Kanzlerin saß und ihre Gespräche lautlos dirigierte. Weil er weiß, dass er schon lange nicht mehr physisch anwesend sein muss, um seine Wirkung zu entfalten. Unsichtbar und doch dabei. Nach außen hin haben sie ihm die Gesundheitspolitik, sein Herzensthema, genommen. Doch er ist berühmt geworden durch seinen erbitterten Kampf gegen Merkels Kopfpauschale, gegen "das Ende der Solidarität", wie er das damals so gerne nannte. Diesen Ruhm, den lässt er sich niemals mehr nehmen - Horst Seehofer, dieser Name soll für immer untrennbar mit der Gesundheit des Landes verbunden bleiben.

Und so wandelt er heute, am Tag danach, hochzufrieden durch sein Büro, mit federnden Schritten und dynamischen Knien. Telefoniert hier. Rotiert dort. Süffisant. Ganz und gar aufgeräumt. Und als man sagt: "Gesundheitsministerin Schmidt behauptet, sie telefoniere zwar oft mit Ihnen, aber dabei gehe es immer nur um kranke Vögel", da lacht er schallend und sagt: "Ach, behauptet die Ulla das? Ausschließlich um Vögel? Ist ja herrlich!" Und als man fragt: "Haben Sie mit der Kanzlerin über das Thema Gesundheit gesprochen?", da zieht er nur spöttisch die Brauen hoch und antwortet: "Frau Merkel und ich reden viel miteinander. Und das ist auch gut so."

Später an diesem Tag

wird er sich ausgiebig zum Gespräch unter vier Augen mit dem Kopfpauschalenerfinder Rürup treffen. Den nennt er gern "den netten Herrn Professor" oder schlicht "den Bert". Noch später wird er bei einem Bierchen auch mit dem SPD-Gesundheitsexperten Lauterbach in einer Eckkneipe zusammensitzen und über das Für und Wider der Kinderversicherung durch Steuern palavern. Die finden "der Karl" und er nämlich beide gut. Ja, an diesem Tag nach jenem Abend im Kanzleramt ist beim Thema Gesundheit noch nichts entschieden und doch eines sicher: Horst Seehofer lässt sich nicht auf Legehennen reduzieren. Ohne ihn soll bei der großen Reform des Gesundheitssystems gar nichts gehen. Hinter der Maske des gelassenen Herrn brennt dieser Mann, brennt lichterloh - vor Energie, vor Ehrgeiz.

Zorro reitet wieder.

Als Kind, so hat er einmal in einer Kneipe im bayrischen Kösching bei Schmalzbrot und Bier erzählt, als Kind fand er die Mutter manchmal zu streng. Doch er hat niemals aufbegehrt. Er hat sich ängstlich und brav gefügt. Damals wäre der Horst niemals zum Punk geworden. Erst in der CSU wurde er dazu gemacht. Ein Rebell. Ein Kämpfer. Einer, der als Gesundheitsminister 1998 die Macht verlor und dennoch niemals aufgab. Einer, dessen Herz 2002 tödlich erkrankte und wider alle medizinischen Prognosen nach einem halben Jahr doch wieder gesundete. Einer, der zwei Jahre später bei seinem einsamen Feldzug gegen die Kopfpauschale den Posten als Gesundheitsexperte der Unionsfraktion verlor. Einer, der für seine Überzeugung sogar mit dem politischen Leben bezahlt. So zeichnet er seinen Weg. So umgibt er sich mit der Aura des Überlebenden, des unbezähmbaren Kämpfers.

Wie gern spricht dieser Horst Seehofer von den vielen Beerdigungen, die ihm schon widerfuhren. Davon, wie die Damen und Herren Politiker ihn zum Aussätzigen machten. Zum Irren. In seinen Reden zitiert er oft den verstorbenen Papst Johannes Paul II. "Freiheit ist Gabe und Aufgabe zugleich", sagt er dann mit dunkler Stimme in die dunklen Säle hinein. Und all die Bauern und Landfrauen und Rentner - sie setzen sich noch ein bisschen aufrechter und lauschen ergeben.

Er sagt, er habe diesen Menschen alles zu verdanken. Und irgendwie stimmt das auch. Sie haben ihm bei der letzten Wahl das zweitbeste Unionsergebnis der Republik beschert. Sie haben seiner dickköpfigen Ablehnung "gegen den neoliberalen Radikalkurs" ihre Stimmen zu Tausenden gegeben und damit seine Traum-Koalition aus SPD und Union ermöglicht. "Ich danke Ihnen", sagt Horst Seehofer also immer wieder, wenn er so groß und aufrecht am Rednerpult steht. Dann macht er eine dieser effektvollen Pausen und fährt fort: "Ich weiß, Politiker bedanken sich normalerweise erst, wenn eine Wahl ansteht. Ich will es aber schon heute tun. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen", und die Menschen seufzen tief. Er ist eben ein Meister der rührenden Rede. Hier ein Scherz, dort eine Anekdote, und besonders gern spricht er Einzelne mit Namen an. Herr Schmidt. Frau Müller. Das bringt sie näher zum fernen Herrn Minister. Dann blühen sie auf. Dann glauben sie tatsächlich, er sei einer von ihnen, den einfachen Leuten - nicht einer von denen, diesen intriganten Politikern, denen es nur um Macht und Einfluss geht.

Er glaubt das sogar selbst.

Um von der anderen, der berechnenden Seite des Horst Seehofer zu erfahren, muss man nicht bis nach München fahren. Man kann auch in die Abgeordnetenbüros des Bundestages gehen. Es sind böse Geschichten, die man dort vor allem von seinen Unionskollegen zu hören bekommt. Dem Seehofer kann man niemals trauen, sagen sie. Keiner wird zur Kontrolle so oft von der Kanzlerin angerufen wie der, wispern sie. Ein Heckenschütze, vom Ehrgeiz zerfressen, ein gnadenloser Egoist. Einmal habe eine Sekretärin zu ihm gesagt, er müsse auch mal seine Mitarbeiter loben, und da habe der nur erwidert "Wieso denn? Ich bin doch nicht der Pfarrer!" Eiskalt eben. Der wolle doch nur den Job vom glücklosen Wirtschaftsminister Glos ergeiern. Und den CSU-Vorsitz vom Stoiber gleich mit. Manche dieser bösen Geschichten leuchten in neidischem Gelb. Andere glühen in wütendem Rot. Nirgends aber strahlen sie in kräftigeren Farben als in München.

Dort ist es ein offenes Geheimnis, dass Ministerpräsident Stoiber den Konkurrenten vor allem deshalb ins Agrarministerium schickte, damit er dessen kalten Atem nicht mehr im Nacken spüren muss. Damit er sich in Ruhe von seinem verunglückten Ausflug nach Berlin erholen kann. Soll sich doch die Merkel mit dem Amok-Horst herumschlagen.

Doch wie so oft - das Schicksal meint es gut mit dem mediensüchtigen Seehofer. Kaum ist er in sein Ministerium in der Wilhelmstraße eingezogen, quillt auch schon das Gammelfleisch aus den Tiefkühltruhen in Bayern, und vergrippte Schwäne krepieren in Kompaniestärke auf der Insel Rügen. Dutzende Interviews, Hunderte Bilder - Seehofer auf allen Kanälen. Er mag diese krisenhaften Zeiten. Er läuft dann immer zur Hochform auf. Und so brilliert er auch diesmal in seiner liebsten Rolle: als Retter vor Pest und Cholera. Plötzlich führt er die Rangliste der beliebtesten Politiker des Landes an - knapp vor der Kanzlerin und Meilen vor Edmund Stoiber. Spätestens seit diesem Moment wissen in München alle: Der Ingolstädter Riese ist nicht zu stoppen. Eine Rakete: jederzeit bereit, aus der Bahn zu brechen. Frei. Unkontrollierbar.

Das macht ihnen Angst.

Zu Beginn des Seehoferschen Aufstiegs haben sie noch geglaubt, diese Rakete werde sich bald schon wieder selbst entschärfen. Das war zu der Zeit des politischen Aschermittwochs, als sich die Granden der CSU zum rhetorischen Hobeln in Passau trafen. "Das Thema Vogelgrippe kann der Horst nicht gewinnen. Und wenn er sich auf den Kopf stellt - die Vögel fallen weiter tot vom Himmel", haben die CSU-Herren da mit ihrer Maß in der Hand gebrummt. Und in ihrem Brummen lag mehr Hoffnung als Mitleid. Jetzt aber können sie nur noch zusehen, wie souverän "dieser Egomane" die Seuche für sich und sein Image genutzt hat.

Die Vogelgrippe

ist aus den Schlagzeilen, Horst Seehofer aber grinst ihnen trotzdem aus der ersten Reihe der Macht entgegen. Und so drehen sie bei, die Herren aus München. Sagen: "Es gibt selbstredend bei uns keinen außer dem Horst, der solch ein hervorragendes Format für den Parteivorsitz hätte." Murmeln: "Ja mei, die Gräben kann man doch immer wieder zuschütten. Da san mir in der CSU doch nie allzu lange gram." Sie wissen: Wie sie die Lage auch drehen und wenden - Horst Seehofer sitzt nicht nur wieder mit am Kabinettstisch im fernen Berlin, nein, er ist auch zurück im Rennen um den CSU-Vorsitz in Bayern.

Horst Seehofer weiß, dass er in der Münchner Staatskanzlei für Albträume sorgt. Er hat für solche Sachen ein feines Gespür. Am Aschermittwoch ist er also nicht ins riesige Bierzelt nach Passau gefahren. Stattdessen sitzt er mit den Karlshulder Bauern in der Gaststätte "Zum scharfen Eck". Hier haben ihn 65,9 Prozent der Leute gewählt. Hier ist er der erste und einzige Held. An der Wand in der guten Stube hängen in sauberen Rahmen die Fotos der prominenten Gäste vergangener Tage. Edmund Stoiber ist darauf zu sehen und die gestürzte Strauß-Tochter Monika Hohlmeier. Und natürlich der Held selbst, gleich auf zwei Bildern dieser hübschen Galerie. Horst Seehofer hält also wohl gelaunte Schwätzchen und beschaut sich schließlich auch die Bilder und sagt so nebenbei: "Dass mein Bild größer ist als das des Vorsitzenden, ist aber wirklich nur Zufall." Dann lacht er süffig, und alle fallen in sein Gelächter ein. Ja, da ist er mal wieder, der typische Seehofer - ironisch und beißend scharf.

Er darf sich nur um Gottes willen dabei nicht erwischen lassen. Er muss weiter den Gelassenen geben, den Mann mit den zahm gefalteten Händen. Das gilt für seinen Ehrgeiz in Bayern. Das gilt genauso für sein Herzensthema Gesundheit. Deshalb hat er sich von Anfang an wie ein Wilder in die Niederungen der Landwirtschaft begeben. Inzwischen weiß er alles über Bio-Diesel, Cross Compliance und den Zuckermarkt. Doch wenn er einen Stall im sachsen-anhaltinischen Cobbelsdorf besucht, so läuft er auf Zehenspitzen in seinen schwarzen Slippern über den lehmigen Boden. Er hat keine Gummistiefel im Kofferraum. Er hat Angst vor Hunden und fremdelt noch sehr mit der Kuh. Und wenn er brav in Brüssel mit seinen europäischen Agrarkollegen verhandelt, dann juckt es ihm schon mal in den Fingern. Dann lässt er anrufen bei einem Gesundheitspolitiker in der Berliner Fraktion, um nach dem Schicksal der verhassten Pauschale zu fragen. Und dieser beruhigt ihn dann: "Keine Sorge, diese minimale Prämie wird doch ohnehin wegverhandelt, das ist doch klar." Es sind kleine Ausflüge, die Horst Seehofer in die Gesundheitspolitik unternimmt. Klein und tunlichst geheim. Ihm bleibt zurzeit nichts anderes übrig, als tief in der Kulisse zu verharren und dort verborgen zu wirken.

"Stadium der Buße", nennt er den Zustand. Es klingt eher nach "Quarantäne".

Ja, Horst Seehofer

ist rückfällig geworden. Er süchtelt wieder nach Macht. Zur Faschingszeit, als er endlich mal ein paar lockere Tage genoss, hat er sich im Ferienhaus im Altmühltal entspannt. Da ist er wieder zu seiner Modelleisenbahn in den Keller gestiegen. Seit Jahren schon baut Horst Seehofer in dieser Fünfmal-drei-Meter-Miniaturwelt die Stationen seines Lebens nach. Der große Bahnhof in Bonn als Zeichen seiner Zeit als Kohls Minister. Die provinzielle Station "Schwarzburg" als Sinnbild für seine Wurzeln in Bayern. Das Krankenhaus als Symbol der Gesundheit. Zurzeit bastelt Herr Seehofer an einer neuen Brücke. Sie soll das tiefe Tal zwischen zwei Bergen überspannen. Stark und mächtig soll sie sein. Seit Fasching baut Herr Seehofer also an dieser Brücke im Keller. Man könnte sagen: Seit November baut er an einer ähnlichen in Berlin.

Franziska Reich/print

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