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27. Juni 2006, 15:00 Uhr

Willkommen im Gute-Laune-Land!

Deutschland hat geladen und viele sind gekommen. Aber sind wir auch gute Gastgeber? Was wurde aus den No-Go-Areas? Und wie erleben holländische Fans Feindesland? stern.de hat nachfragt. Von Claudia Pientka

Mitjubeln für die anderen: Dieser Junge hat sich neben der deutschen Flagge auch die Costa Ricas auf die Wange gemalt© Thomas Lohnes/ddp

Der Zubringerbus ist getränkt von Schweißgeruch, da nutzen auch die azurblauen, atmungsaktiven Trikots nichts. Die meisten Fans haben eine lange Anfahrt hinter sich, nun trennen sie nur noch wenige Meter von der Hamburger AOL-Arena, derzeit Fifa WM-Stadion Hamburg. Bierselig stimmen die Italien-Fans erste Gesänge an, ihre tschechischen Konkurrenten halten sich noch dezent im Hintergrund. Es ist der vorletzte WM-Spieltag in der Hansestadt, die Azzurri kämpfen gegen die Tschechen um den Einzug ins Achtelfinale, Dutzende Fans um letzte Schwarzmarkt-Tickets. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch.

Tickets für das Match? "Nö, haben wir nicht." Aber warum steht Jonathan Jimenez aus Mexiko dann hier vor dem Stadion? "Weil ich die Atmosphäre spüren will - und natürlich noch ein Ticket ergattern möchte." Vor drei Monaten schon ist er nach Deutschland gekommen und hat sich Zeit genommen, das Land kennen zu lernen: "Hamburg, Berlin, München, Leipzig - Deutschland ist so toll", schwärmt er, "vor allem München hat eine umwerfende Atmosphäre und Berlin ist so kulturell und großstädtisch."

Atsuko Tokuda und Kanae Sakai schwärmen für die Italiener. Wie ihnen Deutschland gefällt? "Gutgut" sagen sie eifrig nickend© stern.de

Gute-Laune-Träger statt Miesepeter

Wie Jimenez geht es vielen Besuchern, die die Weltmeisterschaft als Anlass genommen haben, Deutschland zu besuchen. Toll finden es die meisten, alle seien so freundlich und hilfsbereit, Straßen und Plätze seien sogar noch viel sauberer, als sie es erwartet hatten, und dann noch dieses Wetter - wie haben die Deutschen das nur alles so gut organisiert? "Ich hatte immer schon ein gutes Bild von Deutschland, weil ich es schon so gut kannte", sagt der deutschstämmige Mexikaner Roberto Cavazos, "aber ich finde, die Leute sind sehr nett und sehr offen und es ist gerade eine gute Stimmung." Das Land scheint getränkt von Euphorie und Feierlaune, die auf die Besucher abfärbt. Und die WM-Republik punktet nicht nur mit Ordnung und Sauberkeit, endlich dürfen wir zeigen, dass wir auch feiern können, Gute-Laune-Träger statt Miesepeter sind.

Katerina Matkova kommt aus Tschechien und lebt seit acht Jahren in Hamburg. Findet sie, die Deutschen haben sich verändert dank der WM? "Naja, sie sind stolz auf ihre Mannschaft", sagt sie - und es ist erstaunlich, weil es erwähnenswert ist. "Und sie sind nicht gegen die tschechische Mannschaft. Ich hab schon ganz viele getroffen, die für uns sind."

Katerina Matkova, 27, aus Techechien, lebt seit acht Jahren in Hamburg© stern.de

Auch das stimmt. Das Land steht nicht nur hinter seinen eigenen Spielern, sondern feuert auch fremde Mannschaften an. Die uralte Feindschaft zwischen Holländern und Deutschen - zumindest unter den Fans wie weggeblasen. Blitzkrieg gegen die Engländer? Auf dem Hamburger Fan-Fest am Heiliggeistfeld klopfen Schwarz-Rot-Gold-Trikots Trägern des Sankt-Georgs-Kreuzes aufmunternd auf die Schultern. Und besonders die Afrikaner scheinen es uns europäischen Bleichgesichtern angetan zu haben. Nicht nur Franz Beckenbauer bedauerte das Vorrunden-K.O. vieler afrikanischer Mannschaften, allerorten hörte man Freundschaftsbekundungen für die Kämpfer von der Elfenbeinküste, Wangen bejubelte seine Gäste aus Togo zum Abschied kräftig und so mancher Fan fiebert mit Ghana, die es im Achtelfinale mit dem fünfmaligen Weltmeister Brasilien aufnehmen müssen.

Es geht einfach keiner nach No-Go

Das empfindet auch Frans van Beurden aus Holland so. Trotz Oranje-Trikot hat er nur gute Erfahrungen im "Feindesland" gemacht. "Ich finde schon, dass die Atmosphäre sich verändert hat", sagt er, "besonders für ausländische Touristen, die Deutschland besuchen. Ich habe nur Deutsche getroffen, die für Holland waren. Die Deutschen unterstützen nicht nur ihre Mannschaft, sondern feuern auch anderen Länder wie Brasilien und Japan an. Das ist großartig."

Niloyer Momeni und Mani Yasrebj kommen aus Toronto, trotz italienischem Trikot feuerten sie Iran an, denn dort liegen ihre Wurzeln© stern.de

So viel Lob scheint nicht geheuer. Und hatten wir nicht auch das Problem der No-Go-Areas? Das scheint sich von selbst gelöst zu haben, kaum ein Tourist wagt sich abseits der Fifa-Pfade. Berlin, Hamburg, München, Leipzig - so lautet die typische Route eines ausländischen Fußballfans, wahlweise eines der abseitigeren Stadien, wenn man dafür eine Karte hat. Ein Hauch Kultur, ein bisschen Sightseeing und ganz viel Fußball, so setzen die meisten WM-Touristen ihre Prioritäten. Die Fan-Feste platzen aus allen Nähten, andere Angebote wie die Hamburger Sportsmile haben sich nicht zum Publikumsmagneten entwickelt. Obwohl sich die Stadt alle Mühe gibt, Yoga-Matten auslegen lässt, vor jedem Hamburg-Spiel Kletterwand und Ruder-Ergometer auf- und abbauen lässt, selbst will sich kaum ein Tourist sportlich betätigen. Trotz des herrlichen Wetters, der pittoresken Kulisse an der Außenalster und der freundlichen Helfer, die die Spaziergänger zum Mitmachen animieren. "Bei uns gibt's halt keinen Alkohol", resümiert einer der Freiwilligen und auch Mitorganisator Stefan Schubot vom Hamburger Sportbund sagt: "Von der Masse hätten es mehr sein können." Dabei seien die vorbeikommenden Touristen immer sehr angetan von der Idee und überrascht, dass alles kostenlos ist.

Servicewüste Deutschland

Es gibt auch Ausnahmen, wie Ivan Soto und Edgar Olmedo aus Denver, Colorado, die vor dem Michel in ihrem Deutschland-Reiseführer schmökern. Wenn sie kein Spiel sehen, besuchen sie Kirchen, Burgen, Altstädte, die Fan-Feste meiden sie. "Dumme, lärmende Besoffene haben wir auch bei uns zu Hause", sagen sie, mittelalterliche Burgen und hanseatische Innenstädte nicht.

Es bleibt dabei, an diesem Nachmittag will sich kein Deutschland-Besucher finden, der etwas zu meckern hätte über die Gastgeber. Naja, fast keiner. Jonathan Jimenez fällt dann doch noch eine Spezies ein, über die er sich beschweren möchte. Sein schlechtestes Erlebnis hatte er ausgerechnet beim Einkaufen: "Die Verkäufer in den Geschäften hier können ganz schön aggressiv sein."

Von Claudia Pientka
 
 
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