Seit Wochen können sich Supermarktkunden über extrem billige Milchprodukte freuen. Doch für die Milchbauern sind die Tiefstpreise eine Katastrophe. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner streitet im stern-Interview jede Mitschuld am Milch-Desaster ab und verspricht den Landwirten Finanzhilfen - auch in Form umstrittener Exportsubventionen.

Milch ist billiger als Mineralwasser, Butter auf dem Preisniveau von 1950 - Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU): "da ist etwas aus dem Lot geraten"© Timm Schamberger/DDP
Das hängt von der Tageszeit ab. Wenn es um gemütliches Beisammensein am Abend geht, trinke ich am liebsten Weißwein.
Milch trinke ich natürlich auch sehr gerne.
Sicher. Mir geht es immer nahe, wenn Menschen sehr verzweifelt sind. Und viele Bäuerinnen waren und sind natürlich in einer sehr schweren Situation.
Der ist schon hoch, keine Frage. Ich stamme ja zudem aus einer Gegend, in der ich pausenlos mit Landwirten zusammenkomme. Wenn man den verzweifelten Menschen, die um ihre Existenz bangen, in die Augen schaut, dann geht das nicht spurlos an einem vorbei.
Ich versuche, zu helfen, wo ich helfen kann. Nur am Preis kann ich halt nichts machen.
Nein, Milch sollte nicht zur Leitwährung für Billigprodukte werden. Diejenigen, die Milch herstellen, müssen auch davon leben können. Butter ist zum Beispiel auf dem Niveau von 1950 - da ist etwas aus dem Lot geraten.
Den Preis legt ja nicht die Politik fest. Aber einige Betriebe sind bereits bei 18 Cent pro Liter angekommen. Das ist bitter. Aber auch 23, 24 Cent reichen nicht, um die laufenden Kosten zu bestreiten.
Wir haben immer klargemacht, dass eine Quotenerhöhung nur bei richtiger Marktlage umgesetzt werden kann. Im Übrigen ist nicht allein die Erhöhung schuld am Preisverfall. Schon in diesem Jahr haben die deutschen Milchbauern nur etwa 98 Prozent der erlaubten Milchmenge produziert und trotzdem ist der Preis abgestürzt. Die Nachfrage ist einfach zu gering.
Die Landwirte bekommen jetzt ihre Direktzahlungen aus Brüssel früher, außerdem wollen wir ihnen mit zinslosen Krediten weiterhelfen. Auch die Steuer auf Agrardiesel haben wir gesenkt. Außerdem habe ich in Brüssel ein Milchbegleitprogramm durchgesetzt.
Das ist nicht gesagt. Der Preis wird sich hoffentlich bald wieder erholen. Langfristig hat die Landwirtschaft sehr gute Prognosen, weil wir mit einer steigenden Weltbevölkerung rechnen, die wir ja ernähren müssen.
Das ist eine Pauschalisierung, die ich so nicht gelten lassen kann. Die EU-Kommission hat die Exporterstattungen für Milch vor dem Hintergrund der derzeit sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation am EU-Milchmarkt im Januar 2009 wiedereingeführt. Wir haben dabei immer wieder darauf hingewiesen, dass keine Erstattungen bei der Ausfuhr von Milchprodukten in besonders sensible, wenig entwickelte Länder gewährt werden...
...im Übrigen sind viele Entwicklungsländer auch aus klimatischen Gründen auf die Einfuhr von Milchprodukten angewiesen und sind daher an niedrigen Verbraucherpreisen interessiert. Zudem lässt sich feststellen, dass sich der Weltmarktpreis für Milchprodukte nach Wiedereinführung von Erstattungen im Milchbereich sogar erhöht hat. Von einem Preisdumping auf dem Weltmarkt kann also keine Rede sein.
Was heißt Chance? Die haben auch ganz andere Schwierigkeiten. Man kann eine Kuh nicht einfach abstellen wie eine Maschine. Deswegen versuchen wir, den Bauern dabei zu helfen, die schlechte Zeit zu überbrücken. Ich möchte mal darauf hinweisen, dass es um 100.000 Milchbetriebe geht.
...Es ist jedenfalls schon eine Größenordnung, über die man sich Gedanken machen sollte - auch wenn die Neigung bei unserem Koalitionspartner SPD in dieser Hinsicht eher zurückhaltend ist. Eine eigenständige Landwirtschaft ist von heute auf morgen nicht wieder aufzubauen. Wenn so ein Bauer erstmal die Tür zugesperrt hat, ist die Frage, ob der wiederkommt.
Auf alle Fälle ist wichtig, dass wir Landwirtschaft flächendeckend betreiben. Ich möchte dieses Land ungern abhängig machen von Importen im Lebensmittelbereich.
Im Allgäu werden sie eher stärker auf Regionalvermarktung und auf unterschiedliche Qualität setzen müssen - von Bioproduktion bis zum geschlossenen Kreislauf. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, einen neuen Markt aufzumachen. Auf dem Biomarkt haben wir zu wenige Produkte. Da müssen wir sogar importieren.
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