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5. August 2009, 10:05 Uhr

"Am Preis kann ich nichts machen"

Seit Wochen können sich Supermarktkunden über extrem billige Milchprodukte freuen. Doch für die Milchbauern sind die Tiefstpreise eine Katastrophe. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner streitet im stern-Interview jede Mitschuld am Milch-Desaster ab und verspricht den Landwirten Finanzhilfen - auch in Form umstrittener Exportsubventionen.

Ilse Aigner, Milchpreis, Landwirtschaft, Subventionen

Milch ist billiger als Mineralwasser, Butter auf dem Preisniveau von 1950 - Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU): "da ist etwas aus dem Lot geraten"© Timm Schamberger/DDP

Frau Aigner, was ist denn Ihr Lieblingsgetränk?

Das hängt von der Tageszeit ab. Wenn es um gemütliches Beisammensein am Abend geht, trinke ich am liebsten Weißwein.

Wir hätten von Ihnen in diesen Tagen eigentlich die politisch korrekte Antwort "Milch" erwartet.

Milch trinke ich natürlich auch sehr gerne.

Da werden sich die Milchbauern aber freuen. Einige waren ja mittlerweile so verzweifelt, dass sie vor dem Kanzleramt zum Mittel des Hungerstreiks gegriffen haben. Geht Ihnen das nahe?

Sicher. Mir geht es immer nahe, wenn Menschen sehr verzweifelt sind. Und viele Bäuerinnen waren und sind natürlich in einer sehr schweren Situation.

Wie groß ist der Druck, der damit auf Sie ausgeübt wird?

Der ist schon hoch, keine Frage. Ich stamme ja zudem aus einer Gegend, in der ich pausenlos mit Landwirten zusammenkomme. Wenn man den verzweifelten Menschen, die um ihre Existenz bangen, in die Augen schaut, dann geht das nicht spurlos an einem vorbei.

Und was sagen Sie den Bauern und Bäuerinnen?

Ich versuche, zu helfen, wo ich helfen kann. Nur am Preis kann ich halt nichts machen.

Als Verbraucherschutzministerin müssten Sie sich darüber freuen, dass Milch inzwischen billiger ist als Mineralwasser.

Nein, Milch sollte nicht zur Leitwährung für Billigprodukte werden. Diejenigen, die Milch herstellen, müssen auch davon leben können. Butter ist zum Beispiel auf dem Niveau von 1950 - da ist etwas aus dem Lot geraten.

Was wäre denn ein fairer Preis für einen Liter Milch?

Den Preis legt ja nicht die Politik fest. Aber einige Betriebe sind bereits bei 18 Cent pro Liter angekommen. Das ist bitter. Aber auch 23, 24 Cent reichen nicht, um die laufenden Kosten zu bestreiten.

Tragen Sie und Ihre EU-Kollegen nicht auch Mitschuld an der Entwicklung? Sie haben doch die Öffnung der Milchquote, also die Steigerung der erlaubten Milchmenge, mitgetragen.

Wir haben immer klargemacht, dass eine Quotenerhöhung nur bei richtiger Marktlage umgesetzt werden kann. Im Übrigen ist nicht allein die Erhöhung schuld am Preisverfall. Schon in diesem Jahr haben die deutschen Milchbauern nur etwa 98 Prozent der erlaubten Milchmenge produziert und trotzdem ist der Preis abgestürzt. Die Nachfrage ist einfach zu gering.

Was wollen Sie gegen die Not auf den Höfen tun?

Die Landwirte bekommen jetzt ihre Direktzahlungen aus Brüssel früher, außerdem wollen wir ihnen mit zinslosen Krediten weiterhelfen. Auch die Steuer auf Agrardiesel haben wir gesenkt. Außerdem habe ich in Brüssel ein Milchbegleitprogramm durchgesetzt.

Trotzdem werden nicht alle Bauern die Krise überstehen.

Das ist nicht gesagt. Der Preis wird sich hoffentlich bald wieder erholen. Langfristig hat die Landwirtschaft sehr gute Prognosen, weil wir mit einer steigenden Weltbevölkerung rechnen, die wir ja ernähren müssen.

Und bis es soweit ist, soll die EU durch Exportsubventionen mithelfen, überschüssige Milchprodukte zu Dumpingpreisen auf den Weltmärkten zu verschleudern?

Das ist eine Pauschalisierung, die ich so nicht gelten lassen kann. Die EU-Kommission hat die Exporterstattungen für Milch vor dem Hintergrund der derzeit sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation am EU-Milchmarkt im Januar 2009 wiedereingeführt. Wir haben dabei immer wieder darauf hingewiesen, dass keine Erstattungen bei der Ausfuhr von Milchprodukten in besonders sensible, wenig entwickelte Länder gewährt werden...

...eine Unterteilung, an deren Wirksamkeit viele Entwicklungshilfeorganisationen nicht glauben mögen. Misereor, Oxfam und sogar das Entwicklungshilfeministerium lehnen die Absatzförderung immer noch ab...

...im Übrigen sind viele Entwicklungsländer auch aus klimatischen Gründen auf die Einfuhr von Milchprodukten angewiesen und sind daher an niedrigen Verbraucherpreisen interessiert. Zudem lässt sich feststellen, dass sich der Weltmarktpreis für Milchprodukte nach Wiedereinführung von Erstattungen im Milchbereich sogar erhöht hat. Von einem Preisdumping auf dem Weltmarkt kann also keine Rede sein.

In der allgemeinen Krise wird doch derzeit für jede Berufsgruppe Geld mit vollen Händen ausgegeben - ist das nicht auch eine Chance für die Bauern?

Was heißt Chance? Die haben auch ganz andere Schwierigkeiten. Man kann eine Kuh nicht einfach abstellen wie eine Maschine. Deswegen versuchen wir, den Bauern dabei zu helfen, die schlechte Zeit zu überbrücken. Ich möchte mal darauf hinweisen, dass es um 100.000 Milchbetriebe geht.

Da sind die 25.000 Opel-Arbeiter ja eine bescheidene Zahl...

...Es ist jedenfalls schon eine Größenordnung, über die man sich Gedanken machen sollte - auch wenn die Neigung bei unserem Koalitionspartner SPD in dieser Hinsicht eher zurückhaltend ist. Eine eigenständige Landwirtschaft ist von heute auf morgen nicht wieder aufzubauen. Wenn so ein Bauer erstmal die Tür zugesperrt hat, ist die Frage, ob der wiederkommt.

Sagen Sie es ruhig: Die Bauern sind "systemrelevant"?

Auf alle Fälle ist wichtig, dass wir Landwirtschaft flächendeckend betreiben. Ich möchte dieses Land ungern abhängig machen von Importen im Lebensmittelbereich.

Aber welche Rolle können denn in Zeiten der industriellen Landwirtschaft noch beispielsweise die vielen Kleinbauern im Allgäu spielen?

Im Allgäu werden sie eher stärker auf Regionalvermarktung und auf unterschiedliche Qualität setzen müssen - von Bioproduktion bis zum geschlossenen Kreislauf. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, einen neuen Markt aufzumachen. Auf dem Biomarkt haben wir zu wenige Produkte. Da müssen wir sogar importieren.

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Interview: Roman Heflik und Axel Vornbäumen
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
utospatz (06.08.2009, 12:35 Uhr)
Man könnte, man könnte, man könnte,
und nix wird passieren! Denn wenns schief geht, sitz ich nach der nächsten Quahl eventuell im Europa-Parlament.! Wichtig für jeden Neugeborenen/ne wäre, dass er/sie, wenn er/sie zur Welt kommt, seine eigene Zitze mitbringt! Wir müssen versuchen den gesamten Kontinent inclusive Russland, Asien, Mongolei bis h.in zu den Fiddschi-Inseln in die EU einzubringen, damit es für politische Dummschwätzer und deren Konten leichter wird!
knilch_59 (05.08.2009, 16:18 Uhr)
Quatsch!
Wir wissen doch alle, dass diese Frau lügt: Natürlich hat der Staat die Möglichkeit in den Markt einzugreifen und einen Milchpreis vorzuschreiben. Natürlich könnte man im Gesetzgebungsverfahren den Preis für Milch, Käse und Joghurt festschreiben – das geht bei Büchern, Zigaretten, Benzin, … Klar könnte man, wenn man das wollte, eine „Milch-Steuer“ in Höhe von 15 cent je Liter einführen, die der Endverbraucher bezahlt. Und sollten die Landwirte mal wieder in Existenznöte geraten, könnte man daraus deren Existenz absichern.
.
Ausdrücklich: ich sage nicht, dass man das tun sollte. Aber sich die Hände in Unschuld zu waschen, steht Frau Aigner nicht zu!
tobix (05.08.2009, 12:43 Uhr)
Recht hartes (tendenziöses?) Interview
Mich überrascht etwas der Interviewstil. Klingt etwas nach Kreuzverhör, und dann noch in die Einleitung "streitet ab" sowie das Zitat in der Überschrift, das etwas komisch wirkt.
.
Ist man auf möglichst große Empörung aus?
milchsee (05.08.2009, 12:31 Uhr)
Cool bleiben...
,,,Leute.
2007, als die Nahrungsmittelpreise explodierten, haben alle ganz anders geredet, nun hat sich die Situation halt gedreht und das wird nicht da letzte Mal sein.
Agrardiesel wird weniger mit Steuern belastet, weil z.B. ich als Milchbauer ca. 95% auf dem Acker und nicht auf der Straße verbrauche. Und für die Straßen muss ich i.d.R. für die Unterhaltung selbst aufkommen (in diesem Jahr kostet mich dasz.B. 23.000€).
In den letzten 10 Jahren hat sich die Anzahl der Milchviehhalter in D nahezu halbiert und natürlich geht der Strukturwandel auch weiter, nicht zuletzt weil der technische Fortschritt genutzt wird.
Die Qualität der Produkte hat nicht gelitten i den letzten Jahren, im Gegenteil. Fast Fodd konsumieren und Bauern vorwerfen, schlechte Nahrungsmittel zu produzieren - das passt nicht.
Also locker bleiben, Leute. Alles wird gut.
cybertanne (05.08.2009, 10:52 Uhr)
Warum
sollen Bauern zinslose Kredite bekommen? Warum wird die Steuer auf Agrardiesel gesenkt? Warum gibt es überhaupt Agrardiesel? Warum werden die Sozialeinrichtungen der Landwirtschaft jährlich mit Millionen subventioniert? Sollten wir die Bauern dann nicht gleich verbeamten? Erst eine Überproduktion anzuzetteln und sich dann über sinkende Preise zu wundern ist schon dreist! Wenn sich 3 Bäcker in einem dorf nicht rechnen, dann muss halt ein Bäcker schließen. So einfach ist das und sollte auch für die subventionsverwöhnte Landwirtschaft gelten!
JB67 (05.08.2009, 10:33 Uhr)
...kann ich mich selber
Diese scheinheilige Gejammere seit Jahrzehnten ist einfach nur widerlich. Die EU fördert Masse statt Qualität, eine Milchkuh bekommt täglich mehr Subventionsgeld als die meisten Menschen in Entwicklungsländern zum Leben haben. Als Dank vergiftet die Agrarindustrie unsere Umwelt, produziert Folterfleisch und massenweise Skandale. Wie kommen die damit durch? Durch Lobbyarbeit. Auf Kölsch "Klüngel". Meine Lösung: Gesunde vegetarische Ernährung, gekauft auf Märkten, wo Bauern direkt anbieten. Ist meist sogar günstiger als im Supermarkt.
Wertlos (05.08.2009, 10:32 Uhr)
Überdenken & Anpassen
Das Zauberwort für Bauern heist:
Bioenergiehof wenn man es richtig aufzieht können kleine Städte duch Strom, Heiz & Warmwasser so versorgt werden. Wieso müssen sie auf Teufelkommraus alle Kühe haben.
raptor-xl (05.08.2009, 10:16 Uhr)
schon vor dreissig jahren...
lernte ich in der schule: deutsche bauern könnten morgen alle zumachen, es würde keiner merken. denn die überschüsse der EU sind derart groß, dass die preise stabil bleiben würden.
aber es ist eine wählerschicht und daher wird diese auch nicht abgeschafft. man hat halt nur kein konzept. mal acker brachlegen, mal tiere reduzieren, mal milchquote, mal auf ökohof machen...
gelöst ist da noch lange nix. toll wäre es doch, wenn man die bauern wie bei opel vollsubventioniert und dann alle erträge sofort nach afrika oder andere hungergegenden schickt, so dass die preise innerhalb der eu auf niveau bleiben.
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