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Buschkowsky ist nicht Sarrazin

Wenn Buschkowsky und Sarrazin über Integration schreiben, kracht es. Beide provozieren. Beide polarisieren. Nur, dass Buschkowsky weiß, wovon er spricht.

Von Jonas Gerding

  400-Seiten-Streitschrift: Seit vergangenem Freitag ist das Buch des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky auf dem Markt

400-Seiten-Streitschrift: Seit vergangenem Freitag ist das Buch des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky auf dem Markt

Keine zehn Stunden liegt das Werk in den Geschäften aus - schon setzt der Protest auf der Straße ein. Rund 100 Menschen sind es, sie hatten sich über Facebook verabredet und stehen nun vor dem Neuköllner Rathaus. "Rassismus ist überall", empören sie sich, "Buschkowsky, verpiss dich", schallt es über den Platz. Matthias Buchholz, einer der Organisatoren, ergreift das Mikro und gibt das Glaubensbekenntnis ab. "Multikulturalismus ist nicht tot", ruft er der Menge zu. Er lasse sich nicht ein auf die angeblichen Wahrheiten von Fackelträgern wie Heinz Buschkowsky oder Thilo Sarrazin. Jubel, Applaus und Getröte.

Zack, da ist er wieder, der Sarrazin-Stempel - als Antwort auf ein Buch, das noch fast niemand gelesen hat, das aber schon reichlich polarisiert. Der SPD-Bürgermeister rechnet in "Neukölln ist überall" (Ullstein-Verlag) mit dem Multikulti-Leben in seinem Berliner Kiez ab. Mit Parallelgesellschaften, die sich zementiert haben und Jugendlichen, die in Gewalt und Kriminalität abdriften. Er redet - wie gewohnt - Klartext. Wie schon 2006, als die Rütli-Schule bundesweit für Schlagzeilen sorgte und er Sicherheitsdienste engagierte, um die Schule unter Kontrolle zu bringen.

Aber: Wie viel Sarrazin steckt in Buschkowsky?

Zwei Genossen, ein Ziel: Aufmerksamkeit

Thilo Sarrazin selbst mimte sofort den Mentor und klopfte Buschkowsky auf die Schulter, "Natürlich ist Neukölln überall in Deutschland", sagte er der "Welt". Auch die sächsische NPD jubelte, Buschkowsky bestätige die ausländerpolitische Linie der Partei. Auf der anderen Seite echauffierte sich der grüne Bürgermeister des Nachbarbezirks Kreuzberg. "Rassismus" warf er seinem Kollegen vor, die Demo vor dem Rathaus dürfte ihm gefallen haben. Es sind, hier wie dort, die üblichen Reflexe. Und niemand kann den Autor vor falschen Freunden und falschen Feinden beschützen.

Gleichwohl: Es gibt Parallelen zwischen Buschkowsky und Sarrazin. Beide mögen die Provokation, die Kampfansage an die "Politisch Korrekten". Und beide wissen, wie sie ihre Thesen formulieren müssen, damit es gewaltig kracht und maximale Aufmerksamkeit entsteht. Thilo Sarrazin ließ vor zwei Jahren erste Auszüge seines Buches in der "Bild" drucken. Buschkowsky hat es ihm nachgemacht, Schlagzeile: "Die bittere Wahrheit über Multi-Kulti". In vier Folgen beschreibt er Neukölln als einen Bezirk am Rande der Zivilisation. Muslimische Familien, die von Hartz IV leben. Männer, die sich vier Ehefrauen halten und ihre Jungs zu Machomonstern erziehen. Migrantenkinder, die Schule schwänzen, sich Gangs anschließen und pöbelnd und prügelnd durch den Stadtteil ziehen. Ihr Feindbild: "Die verhassten Deutschen".

Die Absage ans Genetik-Gequatsche

Und auch die Zahlenkolonnen und Statistiken, mit denen Sarrazin seine Leser gequält hat, finden sich, wenn auch in sehr viel bescheidenerem Ausmaß, bei Buschkowsky wieder. Es sind die bekannten Daten: Ausländeranteile, Sozialstatus, Schulabbrecherquoten. Aber Buschkowsky bastelt sich nicht seine Welt daraus, er ist kein zynischer Rechenschieber wie Sarrazin. Er ist rausgegangen, hat mit den Menschen gesprochen und zugehört. Den Kita-Leiterinnen, die über vernachlässigte Kinder klagen, die kein Wort Deutsch sprechen. Den Vätern, die ihm von der Misere an den Schulen schreiben. Und den Polizeibeamten, die ihm beichten, dass sie angesichts der Gewalt nicht mehr weiter wüssten. Ich bin mittendrin und sitze nicht im Elfenbeinturm, suggerieren diese Passagen.

Das ist ein anderer Sound, und das soll er auch sein. Ein Kapitel seines Buches widmet Buschkowsky seinem Parteifreund Sarrazin, es soll seine Distanz belegen. Der Autor wusste schon, dass er in einer Ecke landen würde, in der er nicht stehen will. Er habe Sarrazin auf einen Kaffee besucht, nachdem sich die Empörung über dessen Buch etwas gelegt hatte, schreibt er. Und er habe dem Genossen herabwürdigende Formulierungen vorgehalten. Sätze wie: "Ich muss niemanden anerkennen, der diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert." Sarrazin habe sich in solchen Sätzen und biologistischen Debatten verrannt, mein Buschkowsky. Ihm gehe es um anderes. Um das Schicksal der Menschen.

Vorschläge aus der Praxis

Das ist so falsch nicht. Denn anders als Sarrazin präsentiert Buschkowsky politische Forderungen, für die er auf zwanzig Jahre Erfahrung als Bezirksbürgermeister zurückgreifen kann. Kita-Pflicht ab dem 13. Monat. Ausbau der Ganztagsschulen. Schuluniformen. Scharfe Sanktionen für alle, die sich den Regeln widersetzen - kein Kindergeld für Eltern, deren Nachwuchs die Schule schwänzt. Buschkowsky schreibt wie ein verzweifelter Vater, der erlebt, dass sein Sohn auf die schiefe Bahn gerät: zornig, aber in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist. Neukölln ist sein Sorgenkind.

Am Dienstagabend wird der Autor bei Maischberger im Studio sitzen - und polarisieren. Wie einst Sarrazin. Aber das Plakative, Alarmistische, Apokalyptische ist nur ein Teil seines Buches, es ist der Teil, der besonders öffentlichkeitswirksam ist. Wer die 400 Seiten komplett durchliest, weiß: Buschkowsky ist nicht Sarrazin. Und schon gar kein Rassist. Sondern einer, der mit dem politischen Schatten der Integration ringt. Täglich.

Jonas Gerding
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