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Vorhang auf für Heinz Buschkowsky

Lange haben sie ihn gemieden, nun ist er ein Star: Heinz Buschkowsky, der bessere Sarrazin der SPD. Auf dem Berliner Parteitag diskutierte er zur Integration.

Von Sebastian Kemnitzer, Berlin

Sie haben ihn lange gemieden, den Heinz Buschkowsky, seit neun Jahren SPD-Bezirksbürgermeister im Problembezirk Berlin-Neukölln. Vor allem die Linken in der Partei fremdelten mit dem 62-jährigen, der bekannt ist für seine markigen Sprüche. Er beobachte aufgrund der Integrationsverweigerung einen " Rückmarsch ins Mittelalter", sagte er dem stern. Mittlerweile jedoch kommt die SPD nicht mehr ohne ihren Neuköllner Poltergeist aus. Buschkowsky scheint der Einzige zu sein, der die SPD aus dem Sarrazin-Dilemma befreien kann. Deswegen darf er zur One-Man-Show antreten auf dem "Arbeitsparteitag" der SPD an diesem Sonntag in Berlin.

Noch vor der offiziellen Eröffnung des Parteitags bestreitet Buschkowsky eine Diskussionsrunde. Titel: "Ohne Angst und Träumereien: Praxis der Integration in Deutschland." Die gesamte SPD-Spitze hat in den ersten Reihen Platz genommen, Parteichef Sigmar Gabriel hält das Eingangsstatement. Die SPD will demonstrieren, welchen Stellenwert das Thema Integration besitzt. Buschkowskys Hauptfeind in Berlin, der Bürgermeister der Stadt, Klaus Wowereit, bleibt außen vor - obwohl er Partei-Vize und für das Thema Integration zuständig ist. Wowereit darf im Laufe des Tages eine Resolution zur Integration vorstellen und zum Schluss des Parteitags warme Abschiedsworte sprechen. Aber die Bühne gehört dem kleinen, stämmigen Buschkowsky. Ein klarer Punktsieg für ihn. Und so tritt er auch auf.

Integration? Nur ein Schlagwort

Lachend steht der Bezirksbürgermeister mit einem Boxtrainer und einer Wissenschaftlerin zusammen und macht, was er am besten kann: Klartext reden. "Ich bin ja nur ein Dorfschulze und habe die Flunderperspektive", steigt er ein. Es gehe nicht um Genetik, es gehe darum, alle mitzunehmen. Die Probleme der jungen Menschen müssten endlich ernst genommen werden. "Wir müssen uns auch entscheiden, ob wir Jugendknäste oder Gymnasien bauen", sagt Buschkowsky. "Jahrelang haben wir in Deutschland nur halbherzig gehandelt. Integration darf nicht nur pseudomäßig nach Landtagswahlen angepackt werden." Tosender Applaus für den Mann, der damit auch die Defizite seiner Partei kritisiert.

Integration war viele Jahre nur ein Schlagwort für die Genossen. Immer wieder wollte sich die SPD kümmern, viel passiert ist nicht. Bis Thilo Sarrazin kam, sein Buch die ganze Republik in Aufregung versetzte und die SPD in ein Dilemma stürzte. Wohin mit diesem Mann, der bizarre biologistische Thesen vorträgt? Und was tun mit Volkes Stimme, die darauf beharrt, dass Sarrazin ein wesentliches, zentrales Thema angesprochen hat?

Modellversuch Neukölln

Parteichef Sigmar Gabriel marschierte voran. Parteiausschluss für Sarrazin einerseits, harsche Worte zur Integration andererseits. Hartnäckige Integrationsverweigerer müsse man aus dem Land schmeißen, dröhnte Gabriel. Sofort ruderten einige SPD-Politiker zurück, unter ihnen der Innenexperte Sebastian Edathy. Nach heftigen Debatten in den Gremien der Partei werden nun moderatere Töne angeschlagen. In der Resolution, die am Nachmittag von den Delegierten verabschiedet werden soll, fordert die Partei unter anderem ein Anreizsystem zur besseren Eingliederung. "Wir wollen diejenigen, die schneller Deutsch lernen, auch schneller zu einem verfestigten Aufenthaltsstatus führen", heißt es in dem Papier. Trotzdem soll es schärfere Sanktionen gegenüber Integrationsverweigerer geben.

Klingt ebenso vage wie interessant - und ist damit nichts für Heinz Buschkowsky. Er ist kein Visionär, er ist ein Macher. Aus der Skandalschule Rütli formte er den "Rütli-Campus", Schulen, die Bewachung brauchen, bekommen sie auch. Für Schulkinder initiierte er einen Mitmachzirkus. Außerdem sind seit Jahren in Neuköllns Straßen so genannte Stadtteil-Mütter unterwegs. Junge Frauen mit Migrationshintergrund machen Hausbesuche, sorgen für ein besseres Miteinander im Bezirk. Ein Modell, das als Vorbild taugt.

Gestelzte Worte von Wowereit

Buschkowsky spricht von den Erfolgen in Berlin in den letzten Jahren. Die kostenlosen Kita-Plätze seien ein Meilenstein, die Schulreform in der Stadt eine kleine Revolution. Die Zuschauer im Raum spüren, dass er auf dem Parteitag eine Absicht verfolgt: Er möchte die Genossen aufrütteln. "In Ruhe lassen, ist keine Integration", ruft er hinaus. "Wir müssen aufpassen, dass sich Milieus nicht verstetigen."

Buschkowsky fühlt sich wohl in seiner Haut. Oben, auf der Bühne, im Rampenlicht. Konkurrent Wowereit muss noch auf seinen Auftritt warten. Dafür ist er auf der neu gestalteten SPD-Homepage mit einem Interview zu finden. "Deshalb wollen wir uns an einer rein problemfixierten und defizitgetriebenen Debatte zum Thema Integration, die oftmals nur zu neuerlichen Stigmatisierungen führt, nicht beteiligen", sagt Wowereit da. Gestelzte Worte.

Auf ein Neues

Ein weiteres Indiz: Der User findet das Thema auch nur, wenn er es explizit sucht - Integration ist auf der Homepage der Innen- und Rechtspolitik zugeordnet. Wenn Heinz Buschkowsky das wüsste, würde er vermutlich den Parteioberen die Leviten lesen. Das wird er im Parteirat, in den berufen wurde, künftig noch häufiger machen. Ansonsten hat der stämmige Mann konkrete Pläne: 2011 will er erneut für das Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln kandidieren. Wird er das Gesicht seiner Partei zum Thema Integration? Dafür müsste auch die SPD eine Integrationsleistung erbringen - nämlich die Realität abseits der Wowereitschen Rhetorik wahrnehmen.

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