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Bahn verschwieg Kosten für S21

Interne Dokumente zeigen: Bürgern und Parlamentariern sollte mit geschönten Zahlen S21 schmackhaft gemacht werden.

Von Arno Luik

Ist S 21 wirtschaftlich? Rentiert sich dieses milliardenschwere Bahn- und Bauprojekt in Stuttgarts Untergrund irgendwann? Das sind die Fragen, um die es kommenden Freitag bei den S-21-Schlichtungsgesprächen zwischen Heiner Geißler, den Befürwortern und den Gegnern gehen wird.

Die Basis der bahninternen Wirtschaftlichkeitsberechnung werden die offiziellen Kosten des Baus sein: 4,0878 Milliarden Euro gab Bahnchef Rüdiger Grube unlängst bekannt, werde das Projekt kosten. Allerdings, so Grube im Juli zum stern: "Bei so einem Projekt kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren, auf Heller und Cent lassen sich Infrastrukturprojekte nicht kalkulieren."

Heller und Cent? Oder eher: Millionen und Milliarden? Die Geschichte von S 21 ist eine Geschichte explodierender Kosten. So geht etwa das Münchner Verkehrsbüro Vieregg und Rößler in einer Studie für die Grünen davon aus, dass der Bau in Stuttgarts Untergrund teurer wird als von der Bahn angekündigt ist: S 21 werde 6, 9 bis 8, 7 Milliarden Euro kosten.

Kosten standen schon 2002 in der "BAST"

Dass die Münchner Planer mit ihren Schätzungen Recht haben könnten, zeigen auch bahninterne Dokumente, die stern.de vorliegen – etwa die streng geheimgehaltene "BAST", die "betriebliche Aufgabenstellung zur Umsetzung der Konzeption Netz 21". Diese BAST ist nicht irgendein Bahn-Dokument. Es ist die Bibel für die Planer, Entwickler, Ingenieure des umstrittenen Großprojekts. Sie ist vom Jahr 2002, sie ist aber die gültige Grundlage aller Arbeiten bei S 21. Alle Dinge, die für S 21 wichtig sind, sogar "ein Wetterschutzhäuschen" für 15.000 Euro, sind dort aufgelistet, sie geht von "der Analyse des Ist-Zustands" über die "Möglichkeiten für die bauliche und betriebliche Streckenoptimierung" zur "Überprüfung des geplanten Sollzustands" hin zu den "Kostenbetrachtungen".

Seit Wochen bemühen sich die S-21-Schlichter Einblick in dieses umfängliche Dokument zu erhalten – vergebens. Dass sie das Verhalten der Bahn AG ärgert, zeigten sie bei der Sitzung am vergangenen Freitag. Dass die Bahn dieses Dokument unter Verschluss hält, ist aus Sicht der Bahn verständlich.

Die BAST enthält brisante Zahlen

Warum wurden "BAST"-Zahlen verschwiegen?

Denn in dieser BAST aus dem Jahr 2002 heißt es in der Anlage 15, in der die "Kosten nach Jahresscheiben und Bereichen" aufgelistet sind, Stuttgart 21 werde 4, 203,0 Milliarden Euro kosten.

4,2030 Milliarden Euro. Das ist etwas mehr als die 4,0878 Milliarden Euro, die Bahnchef Grube diesen Juli verkündete. Ist es wahrscheinlich, dass heute S 21 billiger sein soll als vor acht Jahren? Wohl kaum.

Aber noch etwas macht diese Zahl aus dem Jahr 2002 so brisant: Acht Jahre lang wurde von den Verantwortlichen der Bahn, von den S-21-Befürwortern in der Politik mit Kosten argumentiert, von denen sie wussten, wissen mussten, dass sie weit unterhalb der bahninternen Kalkulation lagen – 4,203 Milliarden Euro. Im Klartext: Das Gros der Parlamentarier votierte für ein Projekt, dessen Kosten es nicht kannte, nicht einschätzen konnte.

2003 hieß es, S 21 kostet 2,5 Milliarden Euro. 2007 hieß es, S 21 kostet 2,8104 Milliarden Euro. 2008 hieß es, S 21 kostet 3,1 Milliarden Euro. Und jetzt, 2010, S 21 soll 4,1 Milliarden Euro kosten.

Setzten Bahn und Politik all die Jahre auf die niedrigen Zahlen, um das umstrittene Projekt akzeptabler zu machen, um es überhaupt durchsetzen zu können?

Und so wirft diese Zahl aus der BAST – 4,203 – vom Jahre 2002 eine wichtige, eine überaus unangenehme Frage auf: die nach der Glaubwürdigkeit.

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