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"Die Radikalen sind fantasielos"

Kriminelle und nicht länger Neonazis soll man jene nennen, die Ausländer angreifen. Sagt Graf von der Groeben, Kapitalgeber der Amadeu Antonio Stiftung. Ein Gespräch über Geld, Moral und die Verrohung der Jugend.

Graf von der Groeben, warum engagieren Sie sich heute gegen Rechtsextremismus?
Ich habe unter den Nazis gelebt und weiß, wie viel Unheil sie anrichten. Ich will das nie mehr erleben.

Für Sie Grund genug, Ihr Vermögen zu verschenken?


Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt und hatte nach dem Verkauf meiner Betriebe mehr Geld, als ich brauchte. Meine Kinder sind versorgt, und da habe ich nach einer nützlichen Aufgabe gesucht. Insgesamt habe ich vier Stiftungen gegründet. Ich unterstütze den Tübinger Theologieprofessor Hans Küng, der sagt, es gibt keinen Weltfrieden ohne den Frieden der Religionen. Meine Groeben-Stiftung kümmert sich um die dreieinhalb Millionen friedlich in Deutschland lebenden Muslime, die oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Und die Bürgerstiftung Hannover fördert Projekte, die der Staat nicht oder schlecht und teuer macht.

Und Sie sparen nebenbei Steuern?


In Deutschland gründet man keine Stiftungen, um Steuern zu sparen. Ich kann höchstens zehn Prozent von meinem zu versteuernden Einkommen dagegenrechnen. Das sind aber nicht so hohe Beträge, im Gegensatz zu Amerika, wo man fast den größten Teil des gestifteten Kapitals von der Steuer abziehen kann.

Sie sind offenbar sehr wohlhabend.
So schlimm ist es nicht. Mittlerweile habe ich den größten Teil, den ich nicht brauche, an Stiftungen gegeben. Ich kann dies auch nur jedem empfehlen, der Geld übrig hat. Wenn meine Generation stirbt, werden zwei Billionen Mark frei. Vererbt man das Geld, kriegt ein Großteil das Finanzamt, mit dem Rest machen die Erben oft Blödsinn.

Erinnern Sie die jungen Rechtsextremisten von heute an die jungen Nationalsozialisten von damals?


Nein. Ich kann aus meiner kurzen Zeit bei der Hitlerjugend sagen, dass dort eine straffe Ordnung herrschte. Die Verrohung von heute ist für mich ein Zeichen von Überdruss und innerer Leere und weniger von politischen Zielen.

Macht es einen Unterschied, ob man geordnet Menschen terrorisiert?


Sicher nicht. Aber der Alltag früher war wesentlich militärischer strukturiert, die Leute folgten wie selbstverständlich Befehlen, so grausam sie auch waren. Heute treffen sich Jugendliche mit ein paar Kumpels und entscheiden autonom: Jetzt wollen wir mal ein paar Ausländer verprügeln. Ich glaube gar nicht, dass sie dabei programmatische Ziele verfolgen. Mich stört es, dass man die heutigen Rabauken überhaupt als Neonazis bezeichnet.

Warum?


Weil man die Zeiten nicht miteinander vergleichen kann, es liegt mehr als ein halbes Jahrhundert dazwischen. Nazis müssten allmählich ausgestorben sein. Heute haben die Radikalen keine eigenen Ideen und sind fantasielos. Sie greifen auf das zurück, was vorgegeben ist, Heil Hitler, SS-Runen und Ähnliches. Wie wäre es, wenn man die so genannten Neonazis fortan nur noch Kriminelle nennt?

Wenn heute die Jugendlichen sagen, sie seien stolz, Deutsche zu sein: Was denken Sie da?


Das würde ich niemandem ausreden. Aber man muss immer wieder sagen, du kannst stolz sein, Deutscher zu sein, aber es darf daraus keine Wertung entstehen. Ich muss deswegen doch nicht auf andere Völker hinabsehen.

Hat für Sie der Begriff Nation eine große Bedeutung?


Ja, unbedingt. Für mich zählen religiöse und nationale Werte. Schon weil unsere Familie über viele Jahrhunderte dem Staat gedient hatte. Heute ist Geld für viele Leute der letzte wirkliche Wert.

Ihr Freund Axel von dem Bussche wollte 1944 Hitler umbringen. Was waren seine Beweggründe?


Axel war Offizier im sehr angesehenen Potsdamer Infanterieregiment 9. 1942 erlebte er in der Ukraine, wie SS-Leute Juden erschossen. Die mussten ihre Kleidung ausziehen und wurden dann in eine Grube geführt. Bussche hat mir damals gesagt, er war so entsetzt, dass er sich in diesem Moment überlegt hatte, auch seine Kleider abzustreifen und in die Grube zu gehen.

Das hat er dann doch nicht getan?


Nein, er erzählte das seinem Oberst, und gemeinsam überlegten sie, ob man mit den eigenen Soldaten die SS-Einheit festnehmen oder sogar erschießen sollte. Der Oberst meinte, dies würde nur bedeuten, dass alle seine ihm anvertrauten Soldaten später erschossen würden. Von diesem Augenblick an war Bussche zur Rebellion entschlossen. Er suchte Kontakt zum Widerstand und gelangte zu der Überzeugung, sein Leben einzusetzen und Hitler umzubringen.

Wie alt war er da?


Axel war 24 Jahre alt. Wissen Sie, wie Bussche das Attentat vorbereitet hatte? Er war sehr groß und sah fantastisch aus, ein Prototyp des nordischen Offiziers. Anfang 1944 sollte er Hitler die neuen Winteruniformen der Deutschen für den Russlandkrieg vorführen. Bei der Gelegenheit wollte er Hitler umarmen und dann die Bombe zünden, ein Selbstmordattentat. Leider ist es nicht dazu gekommen, weil der Zug mit den Uniformen vor Berlin zerbombt worden war und der Termin platzte.

Wann haben Sie davon erfahren, dass Bussche Hitler umbringen wollte?


Nach dem 20. Juli 1944, den Bussche in einem Lazarett überlebt hatte. Ich hatte ihn dort besucht. Er war in Russland schwer verwundet worden, ein Bein musste amputiert werden. Er sagte mir: Gut, dass du kommst, in meinem Koffer unter dem Bett liegt noch die Bombe. Bussche hatte diese die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt und keine Gelegenheit gehabt, sie zu entfernen. Ich habe sie dann nachts um zwei in einen See geworfen. Das war keine große Sache.

Einer Ihrer Lieblingssätze ist: "Es ist keine Schande, reich zu werden. Es ist eine Schande, reich zu sterben." Sie haben der Amadeu Antonio Stiftung bereits 250 000 Mark zur Verfügung gestellt, jetzt wollen Sie sogar noch einmal eine Million Stiftungskapital hineingeben.


Ich gebe unter der Bedingung eine Million, dass sich ein weiterer Mensch findet, der den gleichen Betrag zahlt. Wir können es auch anders machen: Für jeden, der 100 000 Mark gibt, lege ich weitere 100 000 drauf.

Interview: Uli Hauser/print
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