Der Deutsche Schulpreis bewegt. An der Siegerschule in Dortmund haben die Lehrer ihren Unterricht verbessert - und für viele Schüler ging ein Wunsch in Erfüllung: endlich mal raus in die Natur. Ein Gespräch mit der Rektorin.

Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart bei der Preisverleihung 2006 in Berlin© Franz-Peter Tschauner/Picture-Alliance
Ich bin sehr stolz auf den Schulpreis, das ist eine schöne Bestätigung für unsere Arbeit. Der Schulpreis sieht die Schule als Ganzes. Bei Pisa dagegen werden nur die drei Fächer Mathe, Deutsch und Englisch untersucht. Das ist zu wenig. Die Schule darf nicht zu einer Drei-Fächer-Schule verkümmern. Wenn man ihre Qualität beschreiben will, braucht man andere Kriterien. Der Deutsche Schulpreis untersucht: Wie geht die Schule mit der unterschiedlichen Herkunft und Bildung ihrer Schüler um? Wie verbessern die Lehrer den Unterricht? Überprüfen sie ihre Methoden? Wie entwickeln sie sich weiter? Das alles kann ich nicht erkennen, wenn ich nur auf Leistungstests oder die Übergangsquoten aufs Gymnasium schaue. Ich muss fragen: Wo stehen die Kinder am Anfang? Nur dann kann ich ermessen, was die Schule zwischendurch geleistet hat.
Der Schulpreis schafft Transparenz. Ich erlebe immer wieder, dass Eltern nicht wissen, worauf sie bei einer Schule achten sollen. Es ist kein Maßstab, wie groß die Klasse ist oder wie viele Kinder mit Migrationshintergrund darin sitzen. Stattdessen sollten Eltern fragen: Welche Konzepte habt ihr zum Umgang mit Konflikten? Wie werdet ihr den unterschiedlichen Kindern gerecht? Die sechs Kriterien des Schulpreises sind ein guter Leitfaden für Eltern.
Bei der Bewerbung haben wir Lehrer noch mal kritisch auf unser Schulprogramm geschaut und überlegt: Wo stehen wir? Wo sind wir stark? Wo sind noch Arbeitsfelder? Und es ist nicht nur das Geld, das lockt. Mindestens so wichtig ist die Teilnahme an der Akademie, dort kommen die Lehrer der Siegerschulen zusammen und diskutieren miteinander. Das ist hochspannend! An den Seminaren nehmen auch Schulen teil, die noch nicht ausgezeichnet sind, aber einen besonderen pädagogischen Schwerpunkt haben.
Mir liegt besonders der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule am Herzen. Viele Eltern glauben immer noch, der Kindergarten ist nicht wichtig, sondern nur die Schule. Dabei fängt Lernen bereits in der Familie an. Ich wünsche mir ein verpflichtendes Jahr im Kindergarten, kostenlos für alle. Dann könnten wir ganz anders in der Schule starten.
Wir brauchen eine sechsjährige Grundschule. Bislang teilen wir die Kinder zu früh auf. Nach vier Jahren können Lehrer oft noch nicht einschätzen, wie sich ein Kind intellektuell entwickeln wird. In der vierten Klasse haben die Kinder ihre Struktur, ihre Arbeitsform gefunden. Sie arbeiten ungeheuer intensiv an der Sache. In der fünften Klasse kommen sie in eine neue Schule, also in ein neues System. Dann müssen sie sich erst mal orientieren: Wo ist mein Platz in der neuen Gruppe? Wie komme ich mit den Lehrern zurecht? Welche Regeln und Rituale gibt es hier? Dabei kommen sie oft nicht zum Lernen.
Einen Teil des Geldes haben wir für einen Ausflug mit der ganzen Schule ausgegeben. Den hatten sich die Kinder gewünscht. Zusammen mit allen 380 Schülern waren wir einen Tag im Wald. Wir sind gewandert, haben Hütten gebaut und gegrillt. Das Interesse an unserer Schule ist nach wie vor riesig. Deshalb haben wir eine Broschüre herausgebracht und Mappen mit Materialien, wie zum Beispiel dem Erziehungsvertrag oder Wochenplänen. Außerdem haben wir ein Buch über unsere Schule geschrieben, das demnächst erscheint.
Interview: Catrin Boldebuck
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2008