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5. Oktober 2008, 14:02 Uhr

"Böse Hunde gehören an die Kette"

Lange hat er geschwiegen. Nun spricht der gestürzte SPD-Vorsitzende zum ersten Mal ausführlich über seine Gefühle nach dem Putsch, über seine Würde als Mann und den Judas in den eigenen Reihen. Seinen Nachfolger Franz Müntefering wird er nicht wählen - dem Parteitag am 18. Oktober will er fernbleiben. Eine Abrechnung aus der Provinz. Interview: Andreas Hoidn-Borchers, Hans-Ulrich Jörges

Ich bin Kurt! Der stern traf in Mainz einen Verlierer, der wieder zu sich findet. Sogar zur Selbstironie ist er plötzlich fähig© Volker Hinz

Wie geht es Ihnen, Herr Beck?

Ganz ordentlich.

Können Sie wieder ruhig schlafen?

Ach, wenn man einen Job hat wie ich, dann schläft man nie so ruhig.

Träumen Sie schlecht?

Ich erinnere mich selten an Träume.

Was haben Sie getan, um zu entspannen?

Bisher überhaupt nichts. Nächste Woche fahre ich für ein paar Tage mit meiner Frau nach Andalusien.

Hat sich Angela Merkel nach Ihrem Rücktritt mal bei Ihnen gemeldet?

Ja, mehrfach. Wir haben telefoniert und uns auch in Berlin getroffen.

Hat Sie menschliche Zuwendung gezeigt?

Ja, aber das sollte persönlich bleiben.

Wie weit haben Sie Ihren Sturz als SPD-Chef verarbeitet?

Ich bin mir sicher, dass ich richtig entschieden habe. Aber man braucht ein bisschen Zeit und Abstand, um es wirklich in Ruhe zu verarbeiten.

Sind Sie erleichtert, dass das Abenteuer zu Ende ist?

Ich hatte eine klare Vorstellung, was ich wollte, und deshalb ist es kein Gefühl der Erleichterung, nicht weiter als SPD-Vorsitzender arbeiten zu können. Aber erleichtert bin ich darüber, dass ich mich nicht habe drängen lassen, eine unerfüllbare Mission weiterzuführen.

Was hat Ihnen Ihre Frau geraten?

Sie hat mir sehr zugeraten, bei meiner Entscheidung zu bleiben.

Wie haben Sie das Herumgehacke auf Ihnen über Monate hinweg erlebt?

Mit einer wachsenden Distanz. Es ist so übertrieben und überzeichnet worden, dass ich mir am Ende die Frage, was machst du falsch, gar nicht mehr stellen wollte. Man weiß nach 30 Jahren Politik und nach drei Wahlsiegen, dass man nicht alles verkehrt machen kann.

Welche Verletzungen sind von Dauer?

Das würde ich gerne in fünf, sechs Wochen beantworten. Im Moment glaube ich, dass es keine bleibenden Verletzungen gibt. Aber es war schon ein gravierender Einschnitt.

Ist Ihr Selbstvertrauen erschüttert?

Das habe ich mich auch gefragt, weil es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich etwas nicht zu Ende bringen konnte. Aber ich glaube es nicht.

Hat man Ihnen Ihre Würde genommen?

Man hätte, wenn ich nicht entschieden hätte.

Es war kurz davor?

Man kann in diesem Geschäft viele Angriffe ertragen, aber wenn es an die Substanz geht, darf man nicht an dem Amt hängen.

Sie wurden am Ende als Trottel dargestellt, der Historiker Hans-Ulrich Wehler hat Sie sogar als "Pfälzer Waldschrat" bezeichnet.

Das kann man nur arrogante Dümmlichkeit nennen. Ich habe das nur noch schulterzuckend zur Kenntnis genommen.

Ihr Äußeres, Frisur und Bart, wurde verspottet. Konnten Sie sich selbst noch sehen?

Wenn das über eine Frau gesagt und geschrieben worden wäre, wäre es blanker Sexismus gewesen. Das war alles nur ein Zeichen für die Maßlosigkeit der Kritik.

Wie verletzend ist es, als Provinzler abgetan zu werden?

Auch das ist nur dümmliche Arroganz. Ich ärgere mich und versuche, es in Stolz umzudrehen - auch im Namen der 80 Prozent, die in der deutschen Provinz leben.

Haben Sie am Ende nicht genauso herablassend über Berlin gesprochen wie die Berliner über Sie?

Vielleicht war das so. Man nimmt natürlich mit der Zeit eine gewisse Schutzhaltung ein.

Haben Provinzler nun überhaupt noch eine Chance in der Bundespolitik?

Ich fürchte, dass es sehr schwer geworden ist. Das halte ich für ganz schlimm. Das Spektrum von Leuten, die neue Ideen und Sichtweisen einbringen, wird immer enger.

Steckt im Begriff Provinzler nur kulturelle Herablassung oder auch soziale?

Beides.

Herr Beck, kann Politik krank machen?

Ich bin sicher. Wenn mir das Gleiche vor zehn Jahren passiert wäre, hätte ich gleich hinschmeißen müssen, weil ich in psychische Schwierigkeiten geraten wäre. Heute bin ich gestählter, mich schützt ein gewisses Maß an Selbstsicherheit.

In den vergangenen Monaten haben Mitarbeiter Sie vor allem gedrückt erlebt, gesagt: Das ist nicht mehr unser Kurt Beck, der lacht gar nicht mehr.

Man kann ja schwer in der Gegend rumrennen und lachen, wenn man einem solchen Trommelfeuer von Kritik - berechtigter wie unberechtigter - ausgesetzt ist. Manche Parteifreunde haben mir eben Backsteine statt Brot in den Rucksack gepackt.

Hatten Sie depressive Anflüge?

Nein, nein. In der Psychiatrie bin ich ganz gut bewandert. Deshalb habe ich mich das auch selber gefragt. Es ist ja in einem solchen Fall nicht auszuschließen, wenn man eine Grundveranlagung dazu hat. Die habe ich Gott sei Dank nicht.

Hatten oder haben Sie Rachefantasien?

Im Ärger habe ich schon mal gedacht, wenn ich eine abbekommen hatte, beim nächsten Zweikampf kriegst du's zurück - wie beim Fußball. Aber daran hindert mich eine zutiefst christliche Überzeugung.

Was haben Sie in der Krise über sich selbst gelernt?

Dass jede Kraft auch endlich ist. Ich konnte mir nicht vorstellen, mal an die Grenzen der psychischen Kraft zu kommen. Auf der anderen Seite aber auch, dass ich es durchhalten konnte, mich nicht verbiegen zu lassen.

Würden Sie heute sagen: SPD-Vorsitzender traue ich mir nicht zu?

Nein. Ich bin davon überzeugt, dass ich mit meiner Art, wenn sie auf entsprechende Offenheit stieße, die Partei weiter führen könnte.

Sind Sie zu harmoniesüchtig?

Ich halte das Streben nach Harmonie für eine Tugend.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 40/2008

Zur Person

Zur Person Mensch Beck Jetzt ist er wieder ausschließlich da, wo er sich am wohlsten fühlt: in Rheinland-Pfalz. Seit 14 Jahren regiert Kurt Beck, 59, in Mainz; der gelernte Elektromechaniker ist der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland. Als Kind litt der Maurer-Sohn an einer schweren Hautkrankheit; die Hänseleien und Zurücksetzungen in seinem Heimatdorf Steinfeld prägten ihn: "Ich habe gelernt einzustecken und trotzdem nicht aufzugeben." Ihm wird nachgesagt, er habe schon jedem Bürger von Rheinland-Pfalz die Hand geschüttelt. Bei der letzten Wahl im März 2006 holte die SPD dank ihres populären Landesvaters in dem eigentlich schwarzen Bundesland sogar die absolute Mehrheit. Kurz darauf übernahm Beck, der bereits seit 2003 Partei-Vize war, an Stelle des gesundheitlich angeschlagenen Matthias Platzeck den Vorsitz der Bundes-SPD. Es gelang ihm nicht, die Partei zu stabilisieren. Vizekanzler Franz Müntefering akzeptierte ihn nicht. Beck fremdelte in der Hauptstadt, wo er als Provinzler galt, machte Fehler, vor allem im Umgang mit der Linken. Die SPD fiel in Wählerumfragen zeitweise auf 20 Prozent, seine Autorität bröckelte. Am 7. September trat er zurück. Beck ist Fan des 1. FC Kaiserslautern, wandert gerne und ist seit 40 Jahren mit der Friseurin Roswitha verheiratet. Hier kommt er gerade zum stern-Interview.

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
gsc777 (06.10.2008, 17:13 Uhr)
Nur nebenbei...
...das ist nicht das erste Interview in dieser Art von Beck. Er hat schon einige gegeben. U.s. bei Beichtvater Beckmann.
Aber ich stelle fest, seit er endlich seinen Vorsitz aufgeben musste, wird er mir fast sympathisch. Im Amt war er für mich eine Witzfigur und Antipolitiker.
Er hat meinen Blutdruck erhöht, schon wenn er den Mund aufgemacht hat. Aber jetzt habe ich nur noch Mitleid mit ihm. Aber es ist gut so wie es ist.
h-p-t (06.10.2008, 11:54 Uhr)
menschlich sehr symphatisch.....
....der kurt.
und an sich von seiner grundeinstellung nicht verkehrt , ich hoffe er wird glücklich in der pfalz...die pfälzer mögen ihn und seine politik offensichtich.
die spd ist für mich gestorben nachdem ich nun zum zweiten mal gesehen habe wie "genossenhaft" dort miteinander umgegangen wird.
wer so gewissenlos ist soll nicht ein land wie das unsere führen.
das die spd gewissenlos ist hat ja selbst der lügen gerd ( wir müssen den gazprom, ähhhh... gürtel enger schnallen...) schon bewiesen.
ausser die bundeswehr hat der staat auch nicht mehr viel zu verkaufen, also was soll schon schiefgehen, können wir auch gleich extrem links oder extrem rechts wählen....
armes deutschland....
vegefranz (06.10.2008, 10:22 Uhr)
Beck: Opfer von Lügilanti und der Linken/Ex SED
Beck: Opfer von Lügilanti und der Linken/Ex SED. Sein grosser Fehler war, daß er sich in der Hessenproblematik nicht klar positioniert hat. Das hat der SPD schwer geschadet (siehe Hamburg wahl)
DasBertl (06.10.2008, 03:13 Uhr)
PS
Nein ich hab nicht vergessen das ein haufen SEDler in die CDU und FDP eingetreten sind... wir werden schließlich von einer Ex-FDJ-Propagandasekretärin regiert...
DasBertl (06.10.2008, 03:11 Uhr)
@Jaynay
Also ich weiß ja ned... zum entzaubern der Linkspartei als bunter Haufen von Altkommis, Ex-SPDlern, Neukommis, Sozialismusträumern, Gewerkschaftern und napoleonischen Champagnermillionären würde es ja was taugen, aber muss man dafür wirklich ein Bundesland an den Karren fahren? Mir wärs am liebsten, die kleinen Parteilein würden wieder verschwinden, aber das wird wohl eher ein frommer Wunsch werden. Hoffentlich müssen wir uns nicht auf italienische Verhältnisse einstellen...
Jaynay (05.10.2008, 22:14 Uhr)
hm
So menschlich sympathisch mir dieser Mensch ist, politisch hat er sich mit den falschen Leuten eingelassen.
Tut mir leid für ihn.
Vielleicht steht er jedoch im Rheinland für eine Verbindung von SPD und Linkspartei zur Verfügung.
Würde mich freuen.
Marsmann (05.10.2008, 20:18 Uhr)
Der Müntefering
hat in Schwerin mit seinem Lügengesicht die sehr knappe Nichtwahl des SPD- Bürgermeisterkandidaten zu verantworten!
neotrade (05.10.2008, 19:31 Uhr)
..wird zeit..
..das der kandidat komplett von der bildfläche verschwindet.. das ist ja peinlich das verlierergebrabbel permanent..
SethusCalvisius (05.10.2008, 19:30 Uhr)
@vegefranz
Dann müssten Münte und Steini ja auch gleich zurücktreten, denn die lassen Ypse doch auch gewähren.
vegefranz (05.10.2008, 19:15 Uhr)
Sen Fehler: Er hätte Lügilanti in den ......
... Ar... treten müssen. Die hat in vorgeführt.
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