Lange hat er geschwiegen. Nun spricht der gestürzte SPD-Vorsitzende zum ersten Mal ausführlich über seine Gefühle nach dem Putsch, über seine Würde als Mann und den Judas in den eigenen Reihen. Seinen Nachfolger Franz Müntefering wird er nicht wählen - dem Parteitag am 18. Oktober will er fernbleiben. Eine Abrechnung aus der Provinz. Interview: Andreas Hoidn-Borchers, Hans-Ulrich Jörges

Ich bin Kurt! Der stern traf in Mainz einen Verlierer, der wieder zu sich findet. Sogar zur Selbstironie ist er plötzlich fähig© Volker Hinz
Ganz ordentlich.
Ach, wenn man einen Job hat wie ich, dann schläft man nie so ruhig.
Ich erinnere mich selten an Träume.
Bisher überhaupt nichts. Nächste Woche fahre ich für ein paar Tage mit meiner Frau nach Andalusien.
Ja, mehrfach. Wir haben telefoniert und uns auch in Berlin getroffen.
Ja, aber das sollte persönlich bleiben.
Ich bin mir sicher, dass ich richtig entschieden habe. Aber man braucht ein bisschen Zeit und Abstand, um es wirklich in Ruhe zu verarbeiten.
Ich hatte eine klare Vorstellung, was ich wollte, und deshalb ist es kein Gefühl der Erleichterung, nicht weiter als SPD-Vorsitzender arbeiten zu können. Aber erleichtert bin ich darüber, dass ich mich nicht habe drängen lassen, eine unerfüllbare Mission weiterzuführen.
Sie hat mir sehr zugeraten, bei meiner Entscheidung zu bleiben.
Mit einer wachsenden Distanz. Es ist so übertrieben und überzeichnet worden, dass ich mir am Ende die Frage, was machst du falsch, gar nicht mehr stellen wollte. Man weiß nach 30 Jahren Politik und nach drei Wahlsiegen, dass man nicht alles verkehrt machen kann.
Das würde ich gerne in fünf, sechs Wochen beantworten. Im Moment glaube ich, dass es keine bleibenden Verletzungen gibt. Aber es war schon ein gravierender Einschnitt.
Das habe ich mich auch gefragt, weil es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich etwas nicht zu Ende bringen konnte. Aber ich glaube es nicht.
Man hätte, wenn ich nicht entschieden hätte.
Man kann in diesem Geschäft viele Angriffe ertragen, aber wenn es an die Substanz geht, darf man nicht an dem Amt hängen.
Das kann man nur arrogante Dümmlichkeit nennen. Ich habe das nur noch schulterzuckend zur Kenntnis genommen.
Wenn das über eine Frau gesagt und geschrieben worden wäre, wäre es blanker Sexismus gewesen. Das war alles nur ein Zeichen für die Maßlosigkeit der Kritik.
Auch das ist nur dümmliche Arroganz. Ich ärgere mich und versuche, es in Stolz umzudrehen - auch im Namen der 80 Prozent, die in der deutschen Provinz leben.
Vielleicht war das so. Man nimmt natürlich mit der Zeit eine gewisse Schutzhaltung ein.
Ich fürchte, dass es sehr schwer geworden ist. Das halte ich für ganz schlimm. Das Spektrum von Leuten, die neue Ideen und Sichtweisen einbringen, wird immer enger.
Beides.
Ich bin sicher. Wenn mir das Gleiche vor zehn Jahren passiert wäre, hätte ich gleich hinschmeißen müssen, weil ich in psychische Schwierigkeiten geraten wäre. Heute bin ich gestählter, mich schützt ein gewisses Maß an Selbstsicherheit.
Man kann ja schwer in der Gegend rumrennen und lachen, wenn man einem solchen Trommelfeuer von Kritik - berechtigter wie unberechtigter - ausgesetzt ist. Manche Parteifreunde haben mir eben Backsteine statt Brot in den Rucksack gepackt.
Nein, nein. In der Psychiatrie bin ich ganz gut bewandert. Deshalb habe ich mich das auch selber gefragt. Es ist ja in einem solchen Fall nicht auszuschließen, wenn man eine Grundveranlagung dazu hat. Die habe ich Gott sei Dank nicht.
Im Ärger habe ich schon mal gedacht, wenn ich eine abbekommen hatte, beim nächsten Zweikampf kriegst du's zurück - wie beim Fußball. Aber daran hindert mich eine zutiefst christliche Überzeugung.
Dass jede Kraft auch endlich ist. Ich konnte mir nicht vorstellen, mal an die Grenzen der psychischen Kraft zu kommen. Auf der anderen Seite aber auch, dass ich es durchhalten konnte, mich nicht verbiegen zu lassen.
Nein. Ich bin davon überzeugt, dass ich mit meiner Art, wenn sie auf entsprechende Offenheit stieße, die Partei weiter führen könnte.
Ich halte das Streben nach Harmonie für eine Tugend.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2008
Zur Person Mensch Beck Jetzt ist er wieder ausschließlich da, wo er sich am wohlsten fühlt: in Rheinland-Pfalz. Seit 14 Jahren regiert Kurt Beck, 59, in Mainz; der gelernte Elektromechaniker ist der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland. Als Kind litt der Maurer-Sohn an einer schweren Hautkrankheit; die Hänseleien und Zurücksetzungen in seinem Heimatdorf Steinfeld prägten ihn: "Ich habe gelernt einzustecken und trotzdem nicht aufzugeben." Ihm wird nachgesagt, er habe schon jedem Bürger von Rheinland-Pfalz die Hand geschüttelt. Bei der letzten Wahl im März 2006 holte die SPD dank ihres populären Landesvaters in dem eigentlich schwarzen Bundesland sogar die absolute Mehrheit. Kurz darauf übernahm Beck, der bereits seit 2003 Partei-Vize war, an Stelle des gesundheitlich angeschlagenen Matthias Platzeck den Vorsitz der Bundes-SPD. Es gelang ihm nicht, die Partei zu stabilisieren. Vizekanzler Franz Müntefering akzeptierte ihn nicht. Beck fremdelte in der Hauptstadt, wo er als Provinzler galt, machte Fehler, vor allem im Umgang mit der Linken. Die SPD fiel in Wählerumfragen zeitweise auf 20 Prozent, seine Autorität bröckelte. Am 7. September trat er zurück. Beck ist Fan des 1. FC Kaiserslautern, wandert gerne und ist seit 40 Jahren mit der Friseurin Roswitha verheiratet. Hier kommt er gerade zum stern-Interview.