Eigentlich ist das Thema in der SPD derzeit tabu. Im stern.de-Interview hat Ex-Ministerpräsident Peer Steinbrück dennoch das Programm für eine große Koalition skizziert - und beschrieben, wie die SPD künftig mehrheitsfähig werden kann.

Er selber sagt nichts über seine Zukunft - und dennoch gilt er als möglicher Vizekanzler einer großen Koalition: Peer Steinbrück, der ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident© Felix Heyder/DPA
Peer Steinbrück: Jede Antwort darauf beschwert die letzten Tage des Wahlkampfes. Wir kämpfen um einen maximalen Stimmenanteil für die SPD.
Das klärt sich in den Gesprächen mit der Führung meiner Partei und ihren Gremien. Da ist es schon allein eine stilistische Frage - aber auch eine darüber hinausgehende Frage der Vernunft, dies abzuwarten. Ich kann Ihre Neugier verstehen. Aber die Reihenfolge ist anders. Wir warten jetzt erst einmal das Wahlergebnis ab.
Ja. Ich wäre gerne Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen geblieben. Das Ergebnis der Wahl sprach dagegen. Ich habe versucht, in einer Niederlage auch Haltung und Respekt gegenüber den Spielregeln in einer Demokratie auszudrücken.
Der Wähler weiß genau, was er wählt. Wenn er die SPD wählt, drückt er seine Präferenz dafür aus, dass Gerhard Schröder Bundeskanzler bleiben soll. Meine Aufgabe ist es, alles zu tun, damit er es bleiben kann.
Ich schließe doch gar nicht aus, mich weiter für meine Partei zu engagieren. Ich habe auch Gerhard Schröder und Franz Müntefering gesagt, dass ich mich in diesen Bundestagswahlkampf einbringe. Das tue ich. Aber ich möchte die Wahl haben, gegebenenfalls mein Leben auch frei bestimmter als bisher zu gestalten. Aber das heißt ja nicht, dass ich mich vom Acker mache.
Nein. Es ist zu respektieren, dass ich gerne Wahlmöglichkeiten hätte. Das bedeutet ja nicht, dass ich mich deshalb Verpflichtungen innerhalb der SPD entziehen will. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es stilistisch und auch politisch nicht sauber wäre zu sagen, ich bewerbe mich um ein Bundestagsmandat - und dann zu sagen: April, April! Das geht nicht. Dann nimmt man dieses Mandat auch wahr - was aber weitgehende Konsequenzen für mein Leben hätte.
Gemessen an der Entwicklung vor einem halben Jahr oder einem Jahr ist die SPD sehr viel konsolidierter – sie unterstützt den Reformkurs von Gerhard Schröder. Ich glaube, dass der Kanzler nach vielen Rückschlägen die Notwendigkeit eines solchen Reformkurses vermitteln konnte. Das ist sein Verdienst. Insofern sehe ich die SPD stabiler als noch in der Folge seiner Regierungserklärung vom März 2003. Im übrigen legt er einen grandiosen Wahlkampf hin. Der Aufwind, den wir spüren, ist maßgeblich gekoppelt an seine Person und seine politische Position. Deshalb halte ich das Rennen nach wie vor für offener als viele in den Medien nahe legen.
Ja sicher.
Da gibt es eine Reihe von Persönlichkeiten, die sich nicht verstecken müssen. Dass die SPD vor Herausforderungen steht, daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Wir müssen strategiefähiger werden. Wir werden auch stärker eine Personalentwicklung betreiben müssen. Die SPD wird intensiver als bisher ihre Programmdebatte aufnehmen müssen: Was antworten wir auf die Herausforderungen zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts? Wie werden wir mit manchen neuen, auch bedrückenden Realitäten fertig? Die SPD steht vor der Herausforderung, zwei Dinge zur gleichen Zeit zu tun. Das ist nicht leicht. Das erste ist: Diese Gesellschaft und ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu modernisieren - und auf der anderen Seite, diese Gesellschaft zusammenzuhalten. Das unterscheidet uns von anderen politischen Parteien. Diejenigen, die sich da links formieren, setzen sehr einseitig auf alte Rezepte, von denen sie wissen, dass sie diese letztlich nicht realisieren müssen. Die Konservativen in der CDU / CSU, von den Ordoliberalen in der FDP will ich gar nicht reden, die tun so, als ob man die Achse der Sozialpartnerschaft in der Bundesrepublik Deutschland versetzen sollte – und alles wird besser. Die SPD muss die politische Kraft sein, die zwischen diesen rigiden Positionen einen Kurs der kritischen Vernunft und der Balance fährt. Sie muss für einen handlungsfähigen, nicht fetten Staat eintreten. Ich glaube, dass man darüber mehrheitsfähig werden kann.
Das ist so eine versteckte Frage, die wieder in das Koalitions-Spielchen einmünden soll. Um die Antwort jedoch im Grundsatz nicht schuldig zu bleiben: Ja, ich glaube, dass eine Gesellschaft wie die Bundesrepublik Deutschland in einigen zentralen Fragen auch eine Kooperation über Parteigrenzen hinaus braucht - gerade, wenn es sich um wegweisende und wirklich langfristige Vorhaben handelt. Das betrifft die Altersvorsorge, das betrifft die Pflegeversicherung, das betrifft das Gesundheitssystem, das betrifft den Föderalismus. Das kann auch das Steuersystem betreffen. Ich würde nur nicht - wie die CDU - versprechen, dass es darüber zu Steuersatzsenkungen kommt, weil ich diese angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte für unmöglich halte. Mein Eindruck ist, dass die Menschen Lösungen haben wollen – und nicht parteipolitische Rituale, mit denen man sich nur voneinander abgegrenzt.
Diese Gegensätze gibt es. Das ändert nur nichts daran, dass die meisten Menschen mehr denn je sagen: 'Wir wollen die Ritualpolitik nicht mehr, die nach dem Motto abläuft: Wenn der eine dafür ist, ist der andere automatisch dagegen.' Zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts steht diese Republik vor einer Reihe von Herausforderungen. Sie steht nicht vor dem Ruin, wie die Propaganda von CDU und CSU darlegt, aber es gibt unabweisbare Probleme, vor denen die Politik nicht flüchten darf. Die Neigung allerdings, ständig an den liebsten Ausflugsort der Deutschen, das Jammertal zu fahren, empfinde ich mittlerweile fast schon als ein größeres Problem als manche Strukturfrage. Teilweise habe ich den Eindruck, dass die mentalen Probleme dieser Republik sehr viel mehr ins Gewicht fallen als die so genannten 'Hardware'-Probleme, die wir haben. Ich bin an Grenzgängern interessiert - Leuten, die über den eigenen Tellerrand gucken können und nach praktischen Lösungen suchen.
Ich bin seit 1969 Mitglied der SPD, aber das schließt Neugier an anderen Positionen und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Entwicklungen ja nicht aus.
Nach meinem Eindruck ist das Gegenteil der Fall. Ich habe in einem anderen Interview die Wahrnehmung von Beobachtern wiedergegeben, nach der ich über diesen nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf in meiner Partei stärker denn je angekommen bin – und dass die Partei mich stärker als früher ins Herz geschlossen hat. In der Lage fühle ich mich ziemlich wohl.
Zur Person Peer Steinbrück, Ex-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, gilt innerhalb der SPD als Pragmatiker. Den Reformkurs von Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Steinbrück in den vergangenen Jahren vehement verteidigt. Für den Fall einer großen Koalition wird er als möglicher Vize einer Kanzlerin Merkel gehandelt - und als Minister für Wirtschaft oder Finanzen. Derzeit ist der 58-jährige Volkswirt einfacher Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag. Nach seinem Studium arbeitete Steinbrück, seit 1969 SPD-Mitglied, in mehreren Bundesministerien, im Bundeskanzleramt und in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Nach einiger Zeit als Büroleiter des damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau wechselte er als Staatssekretär nach Schleswig-Holstein. 1993 wurde er in Kiel zum Wirtschaftsminister ernannt, 1998 wechselte er in gleicher Funktion wieder zurück nach Nordrhein-Westfalen, wo er ab 2000 das Finanzministerium leitete. Zwischen 2002 und 20005 war Steinbrück als Nachfolger Wolfgang Clements Ministerpräsident in Düsseldorf. Bei der Landtagswahl am 22. Mai dieses Jahres verlor die rot-grüne Landesregierung ihre Mehrheit. Steinbrück ist verheiratet und hat drei Kinder.