Die FDP ist abgestürzt, die SPD kriselt - immer noch. Ein Gespräch mit SPD-Vizechefin Manuela Schwesig über liberale Revolutionen, das Elend des Gesundheitssystems und norddeutsche Hoffnungen.
Welche revolutionären Umtriebe? Bis jetzt hat die FDP nur einen halbherzigen Schritt gemacht. Die alten Köpfe - Rainer Brüderle, Birgit Homburger, - bleiben, wo sie sind. Programmatisch ist keine Erneuerung in Sicht. Also warten wir mal ab. Philipp Rösler hat sich bisher nicht durchsetzen können.
Ich habe ihm gratuliert und viel Kraft gewünscht.
Ich habe überlegt, ob ich ihm herzliches Beileid wünschen soll, dann aber doch gratuliert. Es ist gut und ich habe davor Respekt, wenn sich jemand aus unserer Generation einer solchen Herausforderung stellt. Die Herausforderung, vor der Rösler steht, ist eine Herkulesaufgabe. Dass Rösler sie löst, sehe ich aber noch nicht.
Rösler hat sich schon schwer damit getan, in der Gesundheitspolitik seinen eigenen Ansprüchen zu genügen. Er wollte die Versorgung verbessern, das System effektiver machen und die Bürger nicht belasten. Was aber ist passiert? Die Krankenkassenbeiträge sind gestiegen, auf dem Land fehlen mehr Ärzte denn je und alles ist mindestens so bürokratisch wie vorher Ob dieser Gesundheitsminister die kranke FDP retten kann - ich mache da ein dickes Fragezeichen dahinter.
Ja. Aber kein kalendarisches, sondern ein inhaltliches. Wenn ich wirklich nichts mehr für die Menschen bewegen kann und Politik mich nur noch auffrisst - das wäre für mich ein Grund zu gehen.
Er ist gerade einem massiven politischen Zwang gefolgt. Das ist kein Vorwurf, ich sehe die Lage, in der er war. Aber dann kann ein Politiker nicht mehr mit der Aussage kokettieren: Ich bin so anders als die anderen, ich bin so frei. Er ist es spätestens jetzt nicht mehr.
Grundsätzlich lehne ich das nicht ab. Aber ich sehe nicht, dass sich die FDP inhaltlich in diese Richtung entwickelt. Ich habe Rösler bislang nicht als Sozialliberalen erlebt, auch nicht als Pragmatiker. In der Gesundheitspolitik ist er ein neoliberaler Ideologe.
Ja. Wer auf Bundesebene etwas durchsetzen will, zum Beispiel in der Gesundheitspolitik, muss sich eine starke rot-grüne Mehrheit wünschen. Wir wollen keine Zwei- oder Drei-Klassen-Medizin, sondern eine Bürgerversicherung, in der die starken Schultern mehr tragen.
Die Grünen haben derzeit starken Aufwind, weil das urgrüne Thema Atomausstieg die Menschen bewegt, das pusht die Grünen und wir profitieren nicht so davon. Aber das wird auf Dauer nicht so bleiben. Trotzdem muss die SPD ihre politische Kernkompetenz schärfer herausarbeiten: Soziale Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Fortschritt.
Ich glaube nicht, dass die SPD auch nur eine Wählerstimme mehr gewinnt, wenn sie jetzt Personaldiskussionen führt.
Ich glaube, dass Peer Steinbrück als anerkannter Finanz- und Wirtschaftsexperte in der SPD eine wichtige Rolle spielen wird.
Erstens: die Finanzierung des Gesundheitssystems. Medizin und Pflege dürfen keine Luxusprodukte werden. Darauf hat die SPD eine klare Antwort, nämlich die Bürgerversicherung. Zweitens: Die Menschen wollen, dass ihre Kinder eine Zukunftsperspektive haben, eine gute Kita besuchen können, eine gute Schule - und dann, wenn sie sich anstrengen, auch einen guten Ausbildungsplatz bekommen. Sprich: Es geht um Bildungspolitik und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Drittens stellt sich die Frage: Wo kommen die Arbeitsplätze her? Da spielt der Arbeitsmarkt im Bereich Erneuerbare Energien und anderen Zukunftstechnologien eine Rolle, aber auch die Bereiche Gesundheit und Pflege gehören dazu.
Wir sind besten Mutes. Zwei Umfragen aus den vergangenen Monaten sehen die SPD klar vor der Union mit 32 beziehungsweise 34 Prozent und Ministerpräsident Erwin Sellering deutlich vor seinem Herausforderer von der Union. Die Linke spricht mit 16 Prozent nicht mehr ernsthaft von einem eigenen Ministerpräsidentenkandidaten und die Grünen hoffen erstmals auf den Einzug in den Landtag, erwarten aber selbst keine zweistelligen Ergebnisse. Und schon vor der Katastrophe in Japan haben die SPD Mecklenburg-Vorpommern und Erwin Sellering das Thema Ausbau regenerativer Energien als Wirtschaftsstrategien für Mecklenburg-Vorpommern klar besetzt.
Wir schließen keine Koalitionsoption aus, wir kämpfen dafür, stärkste Fraktion zu werden und mit Erwin Sellering weiter den Ministerpräsidenten zu stellen.
Nein, ich habe eine Verantwortung auf Zeit, diese Haltung versuche ich mir zu bewahren. Es macht Spaß, etwas voranzubringen, auch wenn man immer drei Mal mehr will, als sich sofort einlösen lässt. Und glauben Sie mir - es ist ein Vorteil, wenn man wie ich sehr jung in die Politik kommt. Dann kann man sich ohnehin nicht vorstellen, bis zur Rente mit 67 weiterzumachen.