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26. Oktober 2008, 12:20 Uhr

"Dann muss Ackermann weg!"

Hans-Ulrich Wehler ist einer der bedeutendsten deutschen Historiker. Die Blindheit der Banker gegenüber der Geschichte und ihre verantwortungslose Gier machen ihn zornig. Er fordert den Rauswurf des Chefs der Deutschen Bank.

Professor Wehler empfängt Gäste gern im Arbeitszimmer seines Hauses in Bielefeld© Volker Hinz

Herr Wehler, haben Sie in den vergangenen Tagen Karl Marx gelesen?

Nein, aber ich interessiere mich seit Langem dafür, wie die moderne Wirtschaftswissenschaft die Konjunkturtheorie von Marx weiterentwickelt. Dass der Turbokapitalismus zu einer enormen Belastung der Finanzmärkte führen würde, war zu erkennen.

Über die Profitgier des Finanzkapitals schrieb Marx: Bei 10 Prozent Rendite wird es wach, bei 20 Prozent lebhaft, bei 50 Prozent positiv waghalsig, bei 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, und bei 300 Prozent gibt es kein Verbrechen, das es nicht riskieren würde.

Heute werden Banker schon bei geringeren Prozentzahlen kriminell. Die aberwitzige Fixierung auf 25 Prozent Rendite, die Josef Ackermann noch vor Kurzem der Deutschen Bank verordnet hat, ist charakteristisch für die Phase einer fehlenden Regulierung der Finanzmärkte. In so einem überhitzten Geschäftsklima treten dann all die Eigenschaften zutage, die derzeit beklagt werden: die Habgier, die Fahrlässigkeit, aber auch die Dummheit der beteiligten Banker.

Der Historiker Leopold von Ranke fragte im 19. Jahrhundert: Warum haben Gesellschaften und Institutionen den Ruin vor Augen und gehen dennoch hinein?

Das ist eine Mentalität, die ich für kriminell halte. Die Banker sind zwar nicht gewöhnt, dass man mit so harten Worten über sie urteilt - aber wenn man sich vergegenwärtigt, wie in Deutschland die Hypo Real Estate den Finanzminister tagelang über die Löcher in ihrer Finanzdecke belogen hat! Wenn die Politik die Banken jetzt zum Teil verstaatlicht, wäre es geboten, einen radikalen Wechsel auf den Führungsetagen zu machen. Eines ist ganz klar: Die Leute im zweiten Glied können das so gut wie die Vorstände. Wenn also die Deutsche Bank Staatsgelder in Anspruch nimmt, müssen Ackermann und der gesamte Vorstand weg. Diese Hasardeure in den oberen Rängen müssen zurücktreten, auch wegen der politischen Wirkung. Zweiter Schritt: Die Managergehälter müssen drastisch gesenkt werden. Die Gewinne der Banken müssten dann auf absehbare Zeit auf Staatskonten fließen.

Es ist ja schon erstaunlich, wie sehr Manager, die bis vor Kurzem den Staat noch als ineffizient verhöhnt haben, ihn nun zu Hilfe rufen.

Das ist genau wie in den Finanzkrisen 1873 und 1929, da kam auch über Nacht unisono der Ruf: Jetzt muss uns geholfen werden. Es kann einem ganz schwindlig werden, wie schnell die Marktradikalen ihre Meinung ändern. Aber das sind genauso Hasardeure wie der georgische Präsident Saakaschwili, der durch Krieg zwei abtrünnige Provinzen heimholen will. Banker, die als Hasardeure auftreten, sollte man aber nicht unterstützen oder zumindest, wenn es systemrelevante Banken sind, einen personellen Schnitt machen.

In der Weltwirtschaftskrise hatte die Reichsregierung 1931 auch erst eine Garantie für alle Einlagen abgegeben und wenige Tage später die Deutsche und die Dresdner Bank verstaatlicht, indem sie Hauptaktionär wurde. Was unterscheidet die Krise damals von der heutigen Lage?

Der Unterschied ist, dass damals sofort die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Darmstädter und Nationalbank kontrollierte 22 bis 24 Prozent der gesamten deutschen Industrieinvestitionen, und ihre Krise schlug sofort durch. Unternehmen wie Ford, Opel oder Daimler hängen heute nicht mehr direkt an einer Bank, deren Absturz sie mitreißen würde. Der deutsche Reichskanzler Brüning hat sich damals geweigert, die Konjunktur mit staatlichen Investitionen anzukurbeln, wie die USA das in den 30er Jahren gemacht haben, deren Wirtschaftspolitik dann den Rezepten des britischen Ökonomen Keynes entsprach. Amerika ging als gestärkter Wohlfahrtsstaat aus der Krise hervor. Bei uns zog der Reichskanzler eine eiserne Sparpolitik durch, Beamtengehälter wurden gekürzt, Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe ebenso. Das alles verschlimmerte die Krise. Der Preis, den wir bezahlt haben, ist Hitler.

Kann sich so eine Entwicklung wiederholen?

Davon sind wir weit entfernt. Insofern finde ich es glücklich, dass Merkel und Steinbrück immer wieder daran erinnern, dass nicht die Gesamtwirtschaft vor einem Kollaps steht. Ein Mann wie Steinbrück ist in dieser Situation ein Glücksfall, der beste Finanzpolitiker, den die SPD seit Karl Schiller gehabt hat, ein sehr kühler, aber glänzender Ökonom.

Welche Folgen wird diese Krise für die Wirtschaftspolitik haben, nachdem die aktuellen Verwerfungen gebannt sind?

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gelingt es den europäischen Nationalstaaten, den wildwüchsigen Privatkapitalismus zu zähmen. Durch den Sozialstaat, durch die Tarifpolitik, durch das Steuerrecht gibt es eine Zähmung ...

Aber in den vergangenen 20 Jahren schlug doch das Pendel zurück: Weniger Zähmung, weniger Regulierung lautete das Mantra.

Das ist das, was man unter dem Schlagwort Neoliberalismus fasst. Die Schule des amerikanischen Ökonomen Milton Friedman hat darauf gesetzt: Autonomer Markt, bloß keine Intervention, wenn es mal kriselt, greifen die Selbstheilungskräfte des Marktes. Der Markt ist zwar das beste aller Systeme, aber er hat zwei Schwächen: Er kann seine Krisen nicht selbst regulieren. Nach 1873 greift Bismarck ein mit der Zollpolitik, mit der neuen Finanzpolitik. 1929 greifen die Staaten ein, wenn auch zunächst mit fatalen Folgen. In Deutschland ist die Rüstungspolitik von Hitler dann die massivste Staatsintervention in irgendeinem westlichen Staat.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 43/2008

Zur Person Geschichtsschreiber Der Historiker Hans-Ulrich Wehler, 77, gehört zu den Begründern der historischen Sozialwissenschaft. Keiner hat die Veränderungen der deutschen Gesellschaft seit 1700 so gründlich und umfassend untersucht wie er. Der vor Kurzem erschienene letzte Band seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" behandelt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Folgt man Wehler, dann versteht man die Vergangenheit am besten, indem man soziale Ungleichheiten erforscht und dabei Politik, Wirtschaft und Kultur gleichermaßen analysiert. Der Historiker ist verheiratet, hat drei Söhne und fünf Enkel. Zu seinen Freunden zählt der Philosoph Jürgen Habermas.

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KOMMENTARE (10 von 36)
 
kralli19 (27.10.2008, 08:27 Uhr)
@ peterpan1001
Das habe ich mich auch schon gefragt. Unglaublich, das man den Schwachsinn von dem Idioten nicht kommentieren darf. Wahrscheinlich kann sich der Stern schon denken, wie die Mehrheit der Kommentare aussehen wird...unglaublich, was der so absondern darf und dafür auch noch ungestraft eine Bühne bekommt.
gmathol (27.10.2008, 03:27 Uhr)
Ackermann der Schweizer - deswegen die Hetzjagd.
Dabei haette es diese auf die Deutsche Bank geben muessen als noch Breuer und Catiliere das Sagen hatten.
Erinnern wir uns noch wie schaendlich die deutsche Bank ein deutsches Unternehmen Mannesmann D2 an den Konkurrenten Vodafone auslieferte?
Mannesmann und die Arbeitsplaetze gibt es mittlerweile nicht mehr.
Da ist mir doch ein Ackermann tausend mal lieber als die deutsche Gangstertruppe bei der deutschen Bank.
Uebrigens die Phase des Neoliberalismus haben wir doch schon laengst hinter uns gelassen und wir befinden uns mittlerweile in einer Plutokratie wo sich die Regierung und die Wirtschaft gegen das Volk verbuendet haben.
Dewerth (26.10.2008, 22:36 Uhr)
@ peterpan1001
Weil der Stern den ifo-Dummschwätzer Sinn für sinnvoll hält.
Bauersfeld (26.10.2008, 20:41 Uhr)
@putinki
sie wirken auf mich sehr verbittert.eine gesellschaft kann nur so mitfühlend und so gerecht sein wie ihre einzelnen Individuen.sie sind für mich das beste beispiel warum immer mehr die Ellenbogen raus gepackt werden,die menschen vereinzeln und vereinsamen,weil jeder nur noch an sich denkt.
peterpan1001 (26.10.2008, 18:50 Uhr)
hallo stern
warum darf man den ifo dummschwätzer sinn nicht kommentieren?
rogaskaslatina (26.10.2008, 16:29 Uhr)
Hetzjagd auf Josef Ackermann
Ich verstehe nicht, dass heute so ziemlich jeder auf Herrn Ackermann einschlägt. Josef ist ein guter Mensch. Er ist Oberst der Schweizer Armee, er kann singen und Klavier spielen, er liebt Opern und hat eine Finnin zur Frau - für einen Schweizer ein unglaublicher Akt der Toleranz. Als er 2006 über 6000 Mitarbeiter entlassen musste, hat er nächtelang geweint und seiner Putzfrau einen Apfel aus der Migros geschenkt. Wenn er an der Hochschule in St. Gallen Seminare gibt, verzichtet er auf 50% der Reisekosten und bietet den Studenten ein kostenloses Konto bei der Deutsche Bank an. Als ihn sein Freund Caio Koch-Weser um Unterstützung für die Ostsee-Pipeline bat, hat er keine Sekunden gezögert, die benötigte Hilfe zu gewähren. Fast alles, was er zum Leben braucht, zahlt er selbst. Sogar das Toilettenpapier. Einmal hat er sogar einer italienischen Bettlerin mit fünf Rappen und den aufmunternden Worten geholfen: „Dass Sie mir Ihre Einnahmen aber nicht vertrinken. Kaufen Sie lieber Derivate von der Deutschen Bank. So ist ist Ihr Geld sicher. Oder noch besser - Hedge-Fonds.“
Putinki (26.10.2008, 16:05 Uhr)
Bauersfeld
Sie haben meine Vermutumg voll bestätigt. Mitgefühl, Gerechtigkeit sind leere Floskeln, wenn sie nicht mit Leben gefüllt werden. In eine Massengesellschaft ist dafür wenig Raum. Überleben hat dort Priorität, wqie im Krieg. So ist das nun einmal. Trotzdem hat man Mitgefühl und ein Gerechtigkeitssinn, aber nur dort, wo es angebracht ist. Nicht notwendig ist das aber, wenn man in der U Bahn halb tot geschlagen wird und wenn die Gerichte die Gerechtigkeit anders definieren als Sie. MfG
Bauersfeld (26.10.2008, 15:57 Uhr)
...
nein leider haben sie sich hoffnungslos verlaufen.Sie haben das entscheidende Kriterium verloren wodurch sich der Mensch vom Tier unterscheidet,Mitgefühl.Auch von der Gerechtigkeit scheinen sie sich verabschiedet zu haben.Die gesellschaftliche Entwicklung wird sie sicher eines Tages überrollen,weil sie wohl wahrscheinlich zu egoistisch sind um mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen.
Putinki (26.10.2008, 15:45 Uhr)
Bauersfeld
Sie haben sich wirklich hoffnungslos verlaufen. Alles was Sie da dem Kapitalismus zuschreiben, ist wahrscheinlich das Beste, was gegenwärtig der Entwicklungsstand des "Homo Sapiens" zustande bringen kann. Wenn er über die Stränge haut, hilft die Natur mit der Korrektur aus (Seuchen, Naturkatastrophen, Knappheiten, Klimaerwärmung, etc.). Gewöhnen Sie sich bloß das Jammern und die Schuldzuweisungen ab. Es wird Sie unglücklich machen und bewirkt nichts, egal was die Alleswisser versprechen und prophezeien.
Bauersfeld (26.10.2008, 15:05 Uhr)
weiter so?
Ich kann diese Schutzkommentare für unsere "Elite" immer nicht ganz nachvollziehen.
Diese 10% Elite hat es doch faktisch geschaft 80% des Vermögens an sich zu reißen, jeder
8.wäre in unserem Land ohne staatliche Zuwendung arm.Das Kapitalistische Gesellschaftssystem lässt ca. 1Mrd Menschen hungern und die Not wird von Jahr zu Jahr größer.Es werden Unsummen um den Erdball gesand,Zahlen die wiederum größere Zahlen produzieren.Wo ist da der Sinn?Ein Hedgefond Manager verdient 3,7Mrd Dollar pro Jahr weil er so "tüchtig" ist.
Alle Regeln, Vorschriften werden an diesem Finanzsystem nichts ändern,wenn nicht wieder der Mensch im Mittelpunkt steht sondern das Geld.
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