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27. April 2004, 17:13 Uhr

Eine Religion unter Verdacht

Mit jedem Attentat islamischer Fundamentalisten wächst die Angst vor den über drei Millionen Muslimen, die hier leben. Eine Reise durch die Ghettos einer entwurzelten Minderheit.

Kampf fürs Kopftuch: Junge deutsche Muslimas demonstrieren in Berlin dafür, dass sie mit ihrer Kleidung nicht nur in den Himmel und die Küche, sondern überallhin dürfen - auch ins Lehramt© Sven Kästner/AP

Hamburg-Wilhelmsburg liegt angeblich in der Bundesrepublik. Doch wer die deutschen Staatsbürger Izzet und Türkan Akyl besucht, landet ganz woanders. Zusammen mit ihren Kindern Aysegül, 16, Gökan, 15, und Muhammed, 10, leben die beiden an einem eigentümlichen Ort, irgendwo nirgendwo gelegen zwischen dem Dorf Ocakli in der Westtürkei und der Süderelbe.

Das Universum der Akyls ist gastfreundlich und staubfrei, dafür sorgt Türkan, die einerseits alle mit Tee und Selbstgebackenem beglückt, andererseits mit einer Palette von Reinigungsmitteln rastlos hinter Gast, Gatten und Kindern herwischt. Sie liebt ihr Land über alles, schon wegen der Hygiene. Einmal war die Familie bei Verwandten in Paris, Türkan, 33, fand dort alles "völlig durcheinander".

Schlimmer sei es nur in der Türkei, wohin die Akyls alle Jahre wieder unter Umgehung der Großstädte Istanbul oder Ankara nach Ocakli reisen. "Wir bleiben immer sechs Wochen, aber schon nach der dritten habe ich Sehnsucht nach Hause", sagt sie. Mühsam sucht sie nach den Worten, die sie während des Jahrzehnts gelernt hat, in dem sie eine Hamburger Grund- und Hauptschule besuchte. Die Frau, die als Kleinkind aus der Türkei wegzog, hat in Deutschland ihr Deutsch verlernt. Ihr Kontakt zur Bundesrepublik beschränkt sich auf Elternabende. Das Reden dort überlässt sie allerdings lieber Izzet.

Er sollte Geld verdienen

Der 38-jährige Izzet Akyl ist ein charmanter Tyrann, der seine Familie fest im Griff hat. Deutsch spricht er fließend falsch, er war 14, als seine Eltern ihn aus Ocakli zu sich holten. Sie fanden, sein türkischer Grundschulabschluss genüge, er sollte nicht lernen, sondern Geld verdienen. Seither hat er gearbeitet, zunächst für eine Putzfirma, dann bei einer Baumschule, schließlich als Rangierer bei der Bahn, in doppelter Schicht. Zwischendurch machte er den Taxischein, jetzt fährt er Kunden durch die Stadt.

Wann immer er Zeit hatte, versuchte Izzet, seine Bildungslücken zu füllen. Vor drei Jahren beschloss er, ein guter Muslim zu werden, "denn wenn man auf die 40 zugeht, macht man sich so seine Gedanken. Ich möchte gerne ins Paradies, und dafür muss man bezahlen. Das ist wie bei einem Bausparvertrag."

Mit solchen selbst gebastelten Ansichten, allesamt fest wie Stahlbeton, beglückt Izzet beständig seine Familie. Seine Söhne hören dann weg, sie machen lieber Computerspiele. Nur seine Älteste lauscht ihm gebannt, Aysegül, sein Augapfel, die Einzige, der er zutraut, dass sie seinen Traum verwirklichen und studieren wird. Sie ist ein ernstes, gehorsames Mädchen, zur Welt gebracht nach sieben Monaten Schwangerschaft von ihrer damals 16-jährigen Mutter. Je älter sie wird, desto mehr fürchtet ihr Vater um ihre Tugend, obwohl es dazu keinerlei Anlass gibt. Denn im Gegensatz zu ihren Brüdern betet Aysegül voller Hingabe fünfmal am Tag und ist fest entschlossen, stets "so zu leben, wie es der Koran vorschreibt", wie sie mit leuchtenden Augen sagt. Ihr Vater allerdings findet: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Auch er liebt seine zweite Heimat, schon deswegen, weil ihm hier so sehr dabei geholfen wird, über das Leben seiner Tochter zu bestimmen.

In der Türkei wäre sie mit Kopftuch von der Schule geflogen

"In Deutschland kann jeder seine Kultur bewahren und glauben, was er will", sagt Izzet. Er etwa glaubt, dass muslimische Mädchen ihr Haar bedecken sollten und nicht mit jungen Männern zum Schwimmen gehen oder auf Klassenreise fahren dürfen. Niemals hat ihm hierzulande diesbezüglich jemand widersprochen. Aysegül war zwölf, als sie begann, ein Kopftuch zu tragen wie ihre Mutter. In der laizistischen Türkei wäre sie von der Schule geflogen, in Wilhelmsburg wurde ihr Vater von Aysegüls Lehrerin an der Gesamtschule Kirchdorf zu einem Gespräch gebeten. Sie wollte von ihm wissen, ob seine Tochter sich freiwillig dazu entschlossen habe. Izzet bejahte, dabei blieb es. Was wäre passiert, wenn Aysegül ihr Haar nicht bedeckt hätte? Sie betrachtet ihren Vater und lacht. "Das frage ich mich manchmal auch."

Seither ist Aysegül, die als kleines Kind das Seepferdchen gemacht hat, nie mehr mit ihren Mitschülern zum gemeinsamen Schwimmunterricht gegangen. Probleme hatte sie deswegen keine. Ein einziges Mal hat sie an einer Klassenreise teilgenommen, was der Vater nur erlaubte, weil die Lehrerin versprach, mit seiner Tochter ein Zimmer zu teilen. Die übrigen Male blieb sie weg, Ärger gab es deswegen nicht. Um ein Haar hätte sie im letzten Herbst auch kein Praktikum gemacht. Die Apotheke, in der sie arbeiten sollte, wollte sie nur ohne Kopftuch beschäftigen, was der Vater strikt ablehnte. "Eigentlich genügt es, wenn die Haare bedeckt sind", sagt Aysegül, "man kann auch einen Hut aufsetzen oder eine Mütze." - "Nein", widerspricht Izzet, "man muss sich muslimisch kleiden." Seine Tochter sagt nichts, es wäre auch zwecklos. In letzter Sekunde fand sie eine andere Praktikumsstelle.

Es gibt hunderte von Wilhelmsburgs in Deutschland, und Hunderttausende von Menschen, die in der Welt der Akyls leben. Es ist eine Welt, in der die Eltern auf alle schwierigen Fragen des Lebens eine klare Antwort haben, aber die einfachsten Dinge nicht lösen können. Sie wissen genau, wen ihre Kinder eines Tages heiraten sollen, sind aber nicht in der Lage, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Eine Welt, in der Frauen, junge Mädchen und manchmal selbst Sechsjährige nur verhüllt das Haus verlassen dürfen, während ihre Söhne und Brüder gegeltes Haar, Ohrringe und Skater-Klamotten tragen. Eine Welt, in der fünfmal am Tag gebetet wird, derweil unablässig halb nackte Moderatorinnen der türkischen Privatsender über den Bildschirm flimmern. In der die Männer von spärlich bekleideten Busenwundern wie der türkischen Chansonette Sibel Can schwärmen und von ihren Frauen Unterwerfung verlangen. In der die Kinder es besser haben sollen als ihre Eltern, aber nie an deren Autorität zweifeln dürfen. Und es ist auch eine Welt ohne Einsamkeit und mit unendlich viel Liebe und Solidarität.

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