Ist solch eine Welle von Gewalt und Gegengewalt wie in den Niederlanden auch bei uns denkbar? stern-Reporter besuchten Sicherheitsexperten, Terrorfahnder und Allahs höchst unterschiedliche Gemeinden.

Am Al-Quds-Tag demonstrierten vergangenes Wochenende 1000 Muslime in Berlin gegen den Staat Israel. Der letzte Freitag des Fastenmonats Ramadan wurde 1979 von Ayatollah Khomeini zum internationalen Kampftag für die Befreiung Jerusalems ausgerufen© Maurice Weiss
Wiesbaden Deutschlands Sicherheitsexperten treffen sich am 2. November zur Herbsttagung des Bundeskriminalamtes. Thema der Veranstaltung: "Netzwerke des Terrors - Netzwerke gegen den Terror". Innenminister Otto Schily spricht von der "Asymmetrie des Terrors". Er meint damit den prinzipiellen Vorteil von Terroristen gegenüber ihren Verfolgern: "Wir sind nur erfolgreich, wenn wir alle Anschläge verhindern - denen genügt ein einziger Erfolg, um das Chaos auszulösen." Fünf Stunden zuvor ist der niederländische Filmemacher Theo van Gogh von einem radikalen Muslim regelrecht abgeschlachtet worden; bis in den Saal aber ist die Nachricht noch nicht gedrungen. Beim anschließenden Häppchenessen im Casino ist Holland kein Thema.
Soest/Essen Nach Schätzungen des Islamarchivs in Soest und des Zentrums für Türkeistudien in Essen leben heute 3,4 Millionen Muslime in Deutschland, doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Genaue Zahlen kennt niemand, denn der deutsche Islam ist ein amorphes Gebilde. Es gibt keine Amtskirche, keine Taufurkunden, keine Priesterweihen. Als Muslim gilt, wer vor zwei anderen Muslimen bekannt hat: "Ich bezeuge, dass Allah der alleinige Gott ist und Mohammed sein Diener." Das genügt. Die 2400 Moscheen in Deutschland werden meist von örtlichen Vereinen betrieben, oft in Hinterhöfen und Industriebauten. Etwa jeder zehnte Muslim soll Mitglied in einem dieser Vereine sein.
Köln Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BMV) spricht in seinem jüngsten Jahresbericht von 24 aktiven islamistischen Organisationen mit 31000 Mitgliedern. Ihr gemeinsames Merkmal: Sie lehnen Demokratie und Integration mehr oder weniger deutlich ab. Die größte Gruppe ist die türkische Milli Görüs mit 26500 Mitgliedern und rund 300 Moscheegemeinden. Obwohl sich Milli Görüs zum deutschen Rechtsstaat bekennt, werfen ihr die Verfassungsschützer "desintegrative Bildungsarbeit" vor sowie die Förderung "islamistischer Milieus". Als Anhänger gewaltbereiter Gruppen gelten rund 3000 Muslime - knapp 0,1 Prozent der deutschen Muslime -, als potenziell terroristische "Gefährder" rund 200. Die These von terroristischen "Schläfern", die plötzlich zuschlagen, wurde aufgegeben. "Schläfer gibt es nicht", so Verfassungsschützer Jan Keller. Die bisherigen Terroranschläge und Planungen zeigten, dass alle Täter eingewoben waren in weit verzweigte Netzwerke, die man bei genauer Beobachtung vermutlich rechtzeitig hätte aufdecken können. Wenn also geschlafen wurde, dann seitens der Behörden.
Dietzenbach Wenn Steven Smyrek sich auf seinem Balkon das Fahrrad schnappt, beobachten ihn die Staatsschützer vom gegenüberliegenden Wohnblock aus, wo sie sich häuslich eingerichtet haben. Kommt der 33-Jährige aus dem Haus, wartet dort schon ein mobiles Einsatzkommando. Sobald der in einem libanesischen Terrorcamp ausgebildete Hisbollah-Kämpfer losradelt, sprinten zwei Polizeikräfte auf Dienstfahr- rädern hinterher. Dicht gefolgt von motorisierten Kollegen, die aus einem zivilen Überwachungsfahrzeug die Tour durch die südhessische Kleinstadt observieren. Smyrek ist ein zum Islam konvertierter Deutscher, der wegen Terroraktivitäten sechs Jahre in israelischer Haft saß, bevor er im Januar nach Deutschland zurückkehrte. "Für uns ist es eine Ehre, in den Tod zu gehen, für den Islam, für Allah", sagte er kurz vor seiner Freilassung. Jetzt wird der Mann rund um die Uhr bewacht, was rechnerische Kosten von über 300000 Euro im Monat verursacht. So wie Smyrek halten die Behörden deutschlandweit die rund 200 islamistischen "Gefährder" ständig "unter Wind". Nicht 24 Stunden lang, aber eng genug, so hoffen sie.
Berlin "Diese Deutschen, diese Atheisten, rasieren sich nicht unter den Armen. Ihr Schweiß verbreitet einen üblen Geruch, und sie stinken. (...) Im Jenseits kann der Deutsche wegen seiner Ungläubigkeit nur das Höllenfeuer erwarten." So die Worte eines Predigers in der Kreuzberger Mevlana-Moschee, wie ein Tonbandmitschnitt beweist, der vergangene Woche bekannt wurde. Die Moschee gehört zur "Islamischen Föderation", dem Dachverband von zwölf der insgesamt 33 Moscheen von Berlin. Der Föderation, die sich gerichtlich die Zuständigkeit für islamischen Religionsunterricht an 37 Berliner Schulen erstritten hat. Der Verwaltungsratsvorsitzende der Föderation, Burhan Kesici, hat in Berlin Politologie studiert. "Auf unseren Druck wurde der Geistliche seiner Ämter enthoben", sagt er. Wer kann es nachprüfen?