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Sie sind noch sehr jung - und stehen schon unter Terrorverdacht

In gleich drei Fällen wird in Hannover gegen noch sehr junge mutmaßliche Islamisten ermittelt: angebliche Anschlagspläne gegen ein Fußball-Länderspiel, eine Messerattacke auf einen Polizisten und ein Radikalisierter, der Richtung Syrien aufbricht. 

Islamisten werden immer jünger

Diese Kinder sind gegen Terrorismus. Aber immer mehr junge Menschen werden islamistisch radikalisiert.

Früher gerieten junge Menschen in diesem Alter allenfalls wegen Ladendiebstahls in den Fokus der Polizei - jetzt stehen in Hannover eine 15-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Bruder sowie ein 19-Jähriger unter Terrorverdacht. Nach der Messerattacke der 15-Jährigen auf einen Polizisten verdichtete sich nicht nur der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund. Die junge Deutsch-Marokkanerin stand offenbar in regelmäßigem Kontakt zu dem 19-jährigen Hannoveraner, gegen den die Bundesanwaltschaft ermittelt, weil er mit den angeblichen Terrorplänen zu tun haben könnte, die zur Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover am 17. November führten.

Die Gymnasiastin hatte Ende Februar einem Polizisten im Bahnhof Hannover ein Messer in den Hals gerammt. In der vergangenen Woche hatte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen, weil der Angriff eine Attacke zur Unterstützung der Terrormiliz Islamischer Staat gewesen sein könnte. Wie kurz zuvor ihr 17-jähriger Bruder war die Schülerin Anfang des Jahres in die Türkei geflogen, um sich in Syrien dem IS anzuschließen. Während ihr Bruder an der syrischen Grenze inhaftiert wurde, wurde die 15-Jährige von ihrer Mutter aus Istanbul zurückgeholt.

Märtyrertat in Deutschland? Lieber doch erst nach Syrien reisen

In Chatnachrichten an den 19-Jährigen schrieb die Schülerin laut den Ermittlungen, sie beabsichtige grundsätzlich eine Märtyrertat in Deutschland, wie der "Spiegel" berichtet. Der junge Mann riet ihr demnach, davon abzusehen und zunächst nach Syrien zu reisen. Zum Umfeld der 15-Jährigen gehörte nach Informationen der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" auch ein anerkannter Flüchtling aus Afghanistan, gegen den die Stadt Hannover ein Ausreiseverbot verhängte, weil er nach Einschätzung der Behörden Anschläge in Kabul verüben will.

Was aber treibt die jungen Menschen in noch immer wachsender Zahl in die Fänge der Islamisten? Der Vater der 15-Jährigen vermutete, es müsse Propaganda aus dem Internet gewesen sein - ein Medium, mit dem die IS-Terrormiliz laut Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen geschickt Jugendliche ins Visier nimmt, deren Charakter noch nicht gefestigt ist. "Die Propaganda ist jedenfalls sehr jugendgerecht und spricht junge Leute an, die auf der Suche nach Hilfe und Orientierung in einer schwierigen Lebensphase sind", sagte Maaßen der dpa. Die Propaganda-Videos im Internet seien "hochprofessionell". 

Zunehmend gerieten dabei auch Mädchen in den Fokus. "Wir sehen es als Phänomen an, dass die Mädchen immer jünger werden", sagte der Geheimdienst-Chef. Geschlechterspezifisch sei die Motivation der radikalisierten jungen Menschen völlig verschieden. "Für viele junge Männer hat das Ganze eine Art Event-Charakter. Bei den Mädchen spielt eher die Romantik eine große Rolle; in den sozialen Gruppen gibt es da oft gegenseitige Stimulation." 

Und kriegen Behörden, Lehrer oder Eltern von all dem gar nicht mit? 

In Hannover bestätigte die Polizei vor einigen Tagen, dass sie bereits vor der Messerattacke Informationen aus dem familiären und schulischen Umfeld hatte, die sich auf eine mögliche islamistische Radikalisierung bezogen. Ob der Staatsschutz damit adäquat umging, wird derzeit intern geprüft, von möglichen "Optimierungserfordernissen" ist die Rede.

Nicht zuletzt das ist für die CDU/FDP-Opposition im niedersächsischen Landtag Anlass, in der kommenden Landtagssitzung die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zu beantragen. Ziel sei es, mögliche Sicherheitslücken in der Abwehr islamistischer Bedrohungen in Niedersachsen zu beleuchten. "Die verschiedenen Vorfälle in Niedersachsen mit islamistischem Hintergrund erwecken den Eindruck, dass die Frühwarnsysteme der Sicherheitsbehörden in Niedersachsen nicht mehr ausreichend funktionieren", sagte CDU-Fraktionschef Björn Thümler vor wenigen Tagen.

Michael Evers/DPA
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