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Ich wohnte im Ausland und war sicher, Merkel zu wählen. Doch hier ändert sich mein Blick

Für stern-Korrespondentin Alexandra Kraft ist Angela Merkel der Gegenentwurf zu Donald Trump. Sie wollte die Kanzlerin wählen. Doch zurück in Deutschland sieht vieles anders aus. Wohin mit dem Kreuzchen?

Es ist keine acht Wochen her, da war ich mir sicher: Dieses Mal werde ich wählen. Damals urlaubte ich in Los Angeles, vier Jahre als Reporterin für den stern in New York waren gerade zu Ende gegangen und vor mir lag der Umzug zurück nach Hamburg. Ich war mir sicher, meine Entscheidung sei gefallen. Denn in all den Jahren in den USA lernte ich Merkel und ihre Art der Politik zu schätzen. So sehr, dass ich als langjährige Wählerin von Bündnis 90/Die Grünen diesmal wirklich ernsthaft plante, bei ihr und der CDU das Kreuz zu machen.

Was? Sie spinnen doch, mögen Sie jetzt vielleicht denken. Von den Grünen zur ? Wie passt das denn zusammen? Aber aus dem Ausland, mit vielen tausend Kilometern Entfernung hatte ich Angela Merkel schätzen gelernt. Unzählige Amerikaner hatten mich immer wieder angesprochen: "Oh Angela, she is doing such a great job. You must be proud of her." (Oh, Angela macht einen so großartigen Job, du musst stolz auf sie sein.) Ja, das war ich auch.


Angela Merkel, Gegenentwurf zu Trump

In den USA wird nur sehr selten über Europa oder berichtet. Wenn überhaupt, dann ging es um unsere Bundeskanzlerin. Und fast jeder dieser Berichte zeugte von allergrößtem Respekt für die 63-Jährige und wie sie einer Weltkrise nach der anderen mit großer Souveränität und Erfahrung begegnete. Griechenland-Krise, Flüchtlinge oder Brexit. Plötzlich nannten alle sie nur noch "Angela Merkel, leader of the free world", die Führerin der freien Welt. Ich spürte, wie ich sogar ein bisschen stolz auf "meine" Bundeskanzlerin war. In den US-Medien galt sie sympathisch, freundlich und extrem erfahren. Einer, der man vertrauen konnte, und die immer einen kühlen Kopf bewahrt. Mit ihr an der Spitze des Staates wird meinem Heimatland kein Schaden widerfahren. In unsicheren Zeiten fand ich diesen Gedanken sehr erleichternd.

So wurde sie für mich zum perfekten Gegenentwurf zu US-Präsident , dem man zutraut, aus einer Laune heraus, die Welt in Schutt und Asche zu legen.

Zurück in Deutschland: Entscheidung wankt

Als sie dann zum ersten Staatsbesuch nach Washington kam, saß ich natürlich vorm Fernseher. Alle waren aufgeregt, wie sie Trump begegnen und wie sie ihm die Stirn bieten würde. Ich auch. Und mit Genugtuung sah ich, wie sie bei der Pressekonferenz neben Trump, dem ahnungslosen Dampfplauderer, stand und unbeeindruckt ihr Ding durchzog. Bei den Fakten blieb, sachlich argumentierte und über die unpassenden Späße des Präsidenten nur mitleidig das Gesicht verzog. Sie musste gar nichts mehr sagen, trotzdem wussten alle, was sie über den "Neuen" im Weißen Haus dachte. Ich fand sie wirklich klasse. Ja, ich wollte ihr meine Stimme geben. Ihre Nüchternheit und ihr Wissen waren wohltuend für mich, nach dem monatelangen Kasperletheater mit und Donald Trump im US-Wahlkampf.

Nun bin ich seit zwei Wochen wieder zurück in Deutschland - und in einer neuen Realität angekommen. Die deutschen Medien berichten viel, viel kritischer über Merkel und ihre Politik. Ich habe das Duell mit ihrem Herausforderer, dem extrem farblosen Martin Schulz, geschaut, sowie einige Diskussionsrunden mit den kleinen Parteien. Fand den Grünen Cem Özdemir überraschend gut, Sahra Wagenknecht extrem erfrischend, Christian Lindner sehr farblos und die AfD-Frau Alice Weidel schrecklich und gefährlich. Es war für mich ein Crash-Kurs deutsche Politik. Mit jedem Tag spürte ich auch, dass meine Entscheidung Angela Merkel die Stimme zu geben, mehr und mehr ins Wanken geriet.

Merkel ist nicht die Frau der Zukunft

Wenn ich sie so sah, bei ihren Auftritten und ihren Interviews, wirkte sie immer noch unglaublich gut vorbereitet, sie überzeugte mich mit ihrem Wissen und wirkte konzentriert. In Deutschland finden viele das langweilig und trutschig. Ich war dankbar.

Nach Donald Trump und den unsäglichen Diskussionsrunden mit seiner Gegnerin Hillary Clinton, in deren Verlauf er wie ein Perversling hinter ihr lauerte oder wild beleidigte und pöbelte, war ich froh, dass in Deutschland wirklich fast nur um Politik ging. Wie schön.

Aber bald setzte auch bei mir die Ernüchterung ein. Angela Merkel hat keine Vision und keine Ideen, die Deutschland nachhaltig verändern und nach vorne bringen könnten. Sie verwaltet nur - zwar auf hohem Niveau und sehr erfolgreich. Aber die Inspiration fehlt. Eigentlich auch keine Überraschung. Da steht eine 63-Jährige zur Wahl, die noch einmal vier Jahre die Regierung führen will. Dass sie danach erneut kandidiert, halte ich für ausgeschlossen. Warum soll sie sich also Gedanken über 2040 machen? Dann lebt sie vermutlich nicht mal mehr. Das prägt ihr Denken und steuert ihre Verhalten. Sie ist nicht die Frau der Zukunft.

Schwarz-Grün wäre mein Traum

Genau diese Erkenntnis brachte mich nun ins Zweifeln. Also doch wieder die Grünen? So wie es mir der Wahl-O-Mat mit fast 80 Prozent geraten hat? Ja, das ist jetzt wieder eine Überlegung wert. Wie gesagt, Cem Özdemir hat mich wirklich positiv überrascht – sogar so sehr, dass ich ihm den dummen Spruch "Auf ein Bier mit Özdemir" auf Wahlplakaten in Hamburg verziehen habe. Schluss mit Verbrennungsmotoren, weniger CO2-Ausstoß, dass sind Forderungen, die mir gefallen. So stelle ich mir eine Welt vor, in der mein Sohn leben wird.

Wo soll ich jetzt meine Kreuze machen? Mit dem Herzen würde ich gerne Grün wählen. Denn, eigentlich wäre eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene mein Traum. Auch angefeuert durch die Diskussionsrunde von Wolfgang Schäuble und Cem Özdemir am Sonntag bei "Anne Will". Am Ende hatte ich das wohlige Gefühl, dass die beiden sich in vielen Punkten sehr einig waren, sich gut ergänzen und sicher gut zusammen arbeiten würden. Aber ich weiß natürlich auch, dass die Chancen, dass eine solche Koalition zustande kommt, gering sind.

AfD - ein böses Erwachen wie in den USA?

Also doch Angela Merkel? Die Bewahrerin? Ja, vermutlich. Denn eines ist auch klar, ich werde am 24. September auf jeden Fall wählen gehen. Weil ich helfen will, die AfD mit meiner Stimme klein zu halten. Ähnlich wie in den Wochen vor dem Wahlerfolg von Donald Trump macht sich gerade auch in Deutschland eine befremdliche Wut breit. Ich fürchte, dass viel mehr die AfD wählen werden, als es derzeit zugeben. Ich fürchte ein ähnlich böses Erwachen wie in den USA.

Für eine sogenannte Protestwahl habe ich null Verständnis. Für mich ist das nur eine billige Ausrede, rechtsradikales Gedankengut stark zu machen. Ich bin in ein Land zurückgekehrt, dass stolz auf seine Demokratie sein sollte und sie mit allen Mitteln verteidigen sollte. Ein Land, das den Rechten die Stirn bieten sollte.

Wer nicht wählt, ist selber schuld

Und noch etwas: Wenn ich im vergangenen November etwas schmerzhaft gelernt habe, dann, was es bedeutet, nicht zu wählen. Vor allem junge Leute haben in den USA bei den Präsidentschaftswahlen ihre Stimme nicht abgegeben. Damit haben sie erst Trump möglich gemacht – und die Welt in den Wahnsinn gestürzt, den wir gerade alle erleben. Am Morgen nach der Wahl standen einige dieser Nicht-Wähler vor dem Trump-Tower in New York. Sie protestierten gegen den neuen Präsidenten, viele weinten sogar. Mein Mitleid für sie hielt sich wirklich in Grenzen. Denn am Ende ist es ganz einfach: Wer nicht wählen geht, ist selber schuld.

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