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Wer uns wirklich regiert

Sie haben mehr Macht als Minister, entscheiden über Banken, Firmen und Milliarden: Ein Beamten-Duo steuert Deutschland fast im Alleingang durch die Krise.

Von Andreas Hoffmann

Kennen Sie eigentlich Jörg Asmussen? Oder Jens Weidmann? Nein? Sollten Sie aber. Denn die beiden gehören zu den derzeit mächtigsten Männern der Republik. Angela Merkel zum Beispiel eröffnet Gesprächsrunden schon mal mit der Bemerkung: "Wo ist der Weidmann? Vorher können wir nicht anfangen." Und wenn Finanzminister Peer Steinbrück einen Fehler gemacht hat, sagt er oft: "Herr Asmussen muss mich korrigieren." Der sitzt fast immer daneben.

Jetzt sitzt Jörg Asmussen, 42, in seinem Büro und schaut tief in eine Tasse Kräutertee. Mächtig? Ach, Macht. Er mag das Wort nicht, sagt er. Klingt ihm zu monströs. "Ich bereite politische Entscheidungen nur vor. Ich treffe sie nicht." Seine Haare sind kurz geschoren, als trüge er eine graue Kappe als Frisur. Er spricht langsam, wägt jedes Wort. Erneuter Blick in die Tasse. "Das ist die Aufgabe des Ministers." Gleich muss Asmussen aufbrechen. Die Kanzlerin wartet.

Krisenmanager? "Ich sehe mich nicht als Krisenmanager", sagt Jens Weidmann. Er spricht laut, was selten geschieht. "Ich bin Beamter, der für Politiker Optionen prüft und vorbereitet." Erst gegen 23 Uhr wird ihn der Fahrer nach Hause bringen, Weidmann, 41, wird einige Hundert Meter vor der Wohnung aussteigen, den Rest laufen und dabei den zurückliegenden Tag durchdenken. Seine Gedanken werden sich, wie an allen Tagen, um Milliarden drehen.

Sie reden sich klein

Peer Steinbrücks Staatssekretär und Angela Merkels Abteilungsleiter Wirtschaft sprechen nicht gern über ihre Rolle in der Wirtschafts- und Finanzkrise - und wenn, dann reden sie sie klein. Dabei gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik kein einflussreicheres Beamten-Duo als sie. Die beiden denken vor, was Kanzlerin und Finanzminister exekutieren. Sie können praktisch im Alleingang über das Überleben von Firmen und Finanzinstituten entscheiden und unvorstellbare Summen Steuergeld verteilen: 480 Milliarden Euro zur Bankenrettung im "Lenkungsausschuss" des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin); 115 Milliarden Euro, um mithilfe eines staatlichen Bürgschaftsprogramms Unternehmen vor der Pleite zu bewahren.

Opel, Hypo Real Estate (HRE), Arcandor, Commerzbank, Bad Banks - überall haben die beiden im Hintergrund die Fäden gezogen.

"Asmussen und Weidmann haben mehr Macht als Minister", sagt die Grünen-Finanzpolitikerin Christine Scheel.

Ein kleines Schattenkabinett

Die zwei Beamten regieren insgeheim ein kleines Schattenkabinett, das während der Krise in einer Nische der Macht entstanden ist, unbehelligt von der Öffentlichkeit, kaum kontrolliert vom Bundestag. Walther Otremba gehört noch dazu, 57, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Ihre Macht tarnen sie, um sie zu erhalten - schließlich möchte kein Spitzenpolitiker als Beamtenmarionette gelten. Nach Fehlern droht ihnen allenfalls der politische Ruhestand, finanziell meist gut gepolstert.

Asmussen, Weidmann, Otremba denken ähnlich. Reden ähnlich. Entscheiden ähnlich. Dabei gehört Otremba der CDU an, Asmussen der SPD, Weidmann ist parteilos. "Wir kloppen uns überhaupt nicht. Wir diskutieren Sachpunkte", sagt Otremba.

Wichtigster Helfer des Trios ist Axel Weber, 52, Bundesbankchef. Er besitzt genaueste Informationen über die Finanzmärkte. Sitzt oft im echten Kabinett dabei. Und leitet Sätze zuweilen ein mit: "Ich und die Bundeskanzlerin …"

Brandstifter zum Feuerlöschen

Allerdings schätzen längst nicht alle die Schattenmänner so wie Merkel und Steinbrück. Viele Abgeordnete glauben, dass Brandstifter zum Feuerlöschen geholt wurden. Vor allem Asmussen steht in der Kritik. Keiner hat sich einst in rot-grüner Zeit so eingesetzt für freie Finanzmärkte wie er. Außerdem gibt es da einige, nun ja, delikate persönliche Verquickungen. Asmussens Lebensgefährtin lobbyiert ausgerechnet für die Deutsche Börse. Im Ministerium bearbeitet er deshalb nichts, was mit der Börse zu tun hat. Ganz korrekt. Seine Feinde, und davon hat der smarte Staatssekretär einige, kreiden ihm die vermeintlich große Nähe trotzdem an, ebenso wie sein Versagen als Aufsichtsratsmitglied der Pleitebank IKB.

Nicht zuletzt werfen FDP, Linke und Grüne Asmussen vor, er habe die drohende Pleite beim Immobilienfinanzierer HRE nicht rechtzeitig erkannt oder zu spät gehandelt. "Im Frühjahr 2008 gab es noch keine Anzeichen dafür, dass die HRE gefährdet sein könnte", verteidigt sich Asmussen. Die Opposition verlangt dennoch seinen Rauswurf und lässt ihn vor dem HRE-Untersuchungsausschuss antreten. Da muss er mal richtig raus aus dem Schatten.

Es mag auch eine Rolle spielen, dass sich selbst Abgeordnete der Großen Koalition von den Nebenregenten schlecht informiert oder übergangen fühlen. "Meist müssen wir den Beamten die Details mühsam aus der Nase ziehen", klagt SPD-Haushälter Carsten Schneider. Tatsächlich treten Asmussen und Co. nur nach außen samtpfötig auf. Jens Weidmann erklärte Parlamentariern mal, wie das Soffin-Gesetz geändert und formuliert werden sollte, bis einem Abgeordneten der Kragen platzte: "Aber noch machen wir die Gesetze, oder?" Walther Otremba vertrat Exwirtschaftsminister Michael Glos oft in internen Runden. Einmal fragte Kanzleramtschef Thomas de Maizière, warum Glos nicht gekommen sei, worauf Otremba antwortete: "Ich bin Glos."

Fachsimpeln

Jörg Asmussen hat noch etwas Zeit, bevor er zur Kanzlerin fährt. Er redet über die Banken, wie sie weltweit immer mehr Geld abschreiben. Zahlen fliegen durch den Raum. 2000, 3000, 4000 Milliarden Dollar. Er sagt, dass man beim Krisenmanagement auch das Risiko eingehen müsse, Fehler zu machen: "Die Lösung der Krise steht in keinem Lehrbuch." Er braucht Sparringspartner, wenn er nachdenkt. Dann telefoniert er mit Weidmann oder Weber, fachsimpelt mit ihnen über "Bad Banks", "Bondholder" und "Triple-A-Ratings".

Asmussen ist ein fixer Junge, der sich nach oben geboxt hat. Drei Minister hat er schon überlebt. Der "Jörgi", wie ihn Freunde nennen, weiß, wann er selbstbewusst sein darf und wann er flexibel sein muss. Geht es ihm zu langsam, ruft er lang gedienten Beamten zu: "Kinder, so geht das nicht. Macht mal voran." Einer, der ihn oft erlebt hat, sagt: "Der ist kein Herzensfänger."

In seinem Büro hängt ein Spruch von Henry Ford: "Das Geheimnis des Erfolges ist, den Standpunkt des anderen zu verstehen." Der klassische Ministerialbeamte meidet Politiker, weil er sie für überfordert hält. Asmussen traf sich früh mit SPD-Abgeordneten, ging zu CDU und CSU, Grünen und Liberalen. CDU-Finanzexperte Otto Bernhardt schwärmt: "Wenn ich mit der SPD zu einem Kompromiss kommen will, dann rede ich häufig mit Asmussen. Der setzt ihn in der SPD durch."

Die Banker mögen Asmussen

Asmussen kenne sich auch "bestens in der deutschen Bankenszene aus", wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lobt. Er duzt sich mit Commerzbank-Chef Martin Blessing, kennt den US-Finanzminister Timothy Geithner seit Langem. Lädt die Deutsche Bank zum Hauptstadtfest, läuft er kaum zwei Schritte, ohne angesprochen zu werden. Die Banker mögen ihn.

Die Männer aus dem Schattenkabinett kennen sich lange. Asmussen und Weidmann schwitzten Anfang der 90er Jahre bei Klimmzügen und Liegestützen in einer Sporthalle an der Friedrich- Wilhelms-Universität in Bonn. Asmussen studierte Ökonomie, Weidmann schrieb an seiner Doktorarbeit über europäische Geldpolitik. Zweitgutachter: Axel Weber. 1996 ging Asmussen ins Finanzministerium - als Gedankenlieferant für Walther Otremba, der dem damaligen Finanz- minister Theo Waigel die Reden schrieb.

Als Asmussen dann das Büro von Hans Eichel leitete, empfahl er 2002 dem Minister, seinen alten Professor Weber in den Sachverständigenrat zu schicken. Zwei Jahre später schlug er Weber als neuen Bundesbankchef vor. Mit Weber wechselte Asmussens Studienkollege Jens Weidmann zur Bundesbank. Und als die Kanzlerin 2005 nach einem Abteilungsleiter fahndete, empfahl Weber seinen Weidmann.

Vertrauen und Respekt

Über die Jahre ist zwischen Asmussen, Weber und Weidmann ein enger Draht entstanden. Was sie besprechen, dringt nicht nach außen. "Wir arbeiten effektiv zusammen, weil wir einander vertrauen und respektieren", sagt Weidmann.

Jens Weidmann grinst. Es ist das Grinsen eines großen Jungen. Er sitzt auf einer Ledercouch. Die blonden Haare sind gescheitelt, einige Strähnen fallen in die Stirn. Man kann sich nicht vorstellen, dass Weidmann irgendwann brüllen könnte. Seine Stimme lullt ein, ab und zu nutzt er sanfte Ironie. Leidenschaftlich wird er nur, wenn er über Afrika redet. Er war in Ruanda, im Tschad und auf den Kapverden, lebte bei Entwicklungshelfern, verhandelte für den Internationalen Währungsfonds Entschuldungsabkommen und wanderte durch die Nationalparks, wo die Berggorillas leben. Zu Hause schiebt er manchmal eine afrikanische CD in den Spieler.

Weidmann will keinem beweisen, wie toll er ist. Es genügt ihm, dass er es selbst weiß. Vielleicht hat ihn Angela Merkel deswegen geholt. Sie erträgt keine Wichtigtuer, denen bei jedem Wort das Testosteron aus den Poren dampft. Sie schätzt Weidmann wegen seiner Nüchternheit und Effizienz. Wenn sie auf dem G-20-Gipfel in Pittsburgh den anderen Staatsund Regierungschefs erklärt, wie sie nachhaltig wirtschaften sollen, hat Weidmann die Vorlage dazu geschrieben. Sie vertraut ihm wie nur ganz wenigen. Manchmal geht sie aus Runden und sagt: "Den Rest erklärt Herr Weidmann. Der kann das sowieso besser."

Kein Parteibuch

In der Union sehen ihn trotzdem viele als Leichtgewicht. Sie sagen: Er ist unpolitisch. Er hat kein Parteibuch. Schimpfen: "Der Steinbrück hat diesen tollen Asmussen, und wir haben nur diesen ... Fachmann."

Über Asmussen dagegen sagen selbst manche Genossen: "Der hat uns den ganzen Schlamassel eingebrockt." Und: "Er hat den Finanzleuten aus Frankfurt zu viel geglaubt." Zu rot-grünen Zeiten murmelte Asmussen das Mantra, wonach gut für das Land war, was gut für den Finanzplatz Frankfurt war. Er war nicht allein. Viele sorgten sich um die heimische Finanzindustrie, von Guido Westerwelle über Angela Merkel bis zu Franz Müntefering. Sie wollten international nicht abgehängt werden, und so trieb Asmussen entsprechende Gesetze voran. Dem Finanzministerium sei "stets wichtig", dass "sich der Markt für Asset Backed Securities (ABS) in Deutschland stärker als bislang entwickelt", schrieb er 2006 über die neuen Wertpapiere. Auch sollten den Banken "keine unnötigen Prüf- und Dokumentationspflichten entstehen". Heute zählen die ABS zu den Giftmüllpapieren, die die Banken Milliarden kosten. Am Ende wird der Steuerzahler dafür zahlen müssen.

Die Krise hat Jörg Asmussen verändert. Er ist skeptischer geworden. "Wenn die Lage sich ändert, ändert sich auch die Meinung", sagt er. Er habe Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfern zu viel geglaubt und unterschätzt, wie eng das Finanzsystem vernetzt sei. Er hat ein Bild im Kopf: Wenn eine Bank kriselte, dachte er an ein isoliertes Feuer, das man leicht löschen könne. Doch dann sprangen Funken über und lösten einen Flächenbrand aus. Jetzt sagt er: "Wir brauchen die ordnende Hand des Staates, die Regeln setzt und durchsetzt." Wann die Krise ausgestanden ist? Da will sich Asmussen nicht festlegen. "Ich bin vorsichtig geworden, was Prognosen angeht", sagt er. "Auch bei den eigenen."

"Die Welt ist komplexer"

Jens Weidmann hat sich auch geändert. Früher hätte er sich nie vorstellen können, dass der Staat eine Bank verstaatlicht; Konjunkturprogramme hielt er für nutzlos. Heute setzt er sich für beides ein. Vielleicht begann der Wandel mit den Bankern, die auf seiner Ledercouch saßen. Die ihm erzählten, dass die Krise kein Problem sei - und bald danach Milliardenverluste einräumen mussten. Er mag die einfachen Antworten einiger Experten nicht mehr hören: "Die Welt ist komplexer, als Angebots- und Nachfragetheoretiker manchmal glauben machen."

In seinem Büro schmiegt sich an den Rahmen eines Bildes eine Plüschmaus. Sie stammt von seiner Tochter Charlotte. Manchmal bedankt sie sich auch mit Bildern, wenn er mal unter der Woche daheim im Rheingau war. Normalerweise sieht er die beiden Kinder und seine Frau nur am Wochenende. In Berlin verabredet er sich zuweilen mit sich selbst, damit er Zeit zum Nachdenken hat.

Asmussen erholt sich beim Joggen oder am Küchenherd. Im Sommer legt er eine Dorade auf den Grill, im Winter schiebt er Hirschbraten in den Ofen. Er kommt nicht mehr oft dazu. Er schaffte es nicht einmal in die Klinik, als seine Partnerin die zweite Tochter zur Welt brachte. An jenem Montag im Oktober saß er im Kanzleramt - und schnürte das erste Bankenrettungspaket.

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