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5. Januar 2010, 17:03 Uhr

Wer ist Erika Steinbach?

Stiftungsrat? Vertriebene? Guido Westerwelle? Der Konflikt um die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach eskaliert. Aber: Worum geht's da überhaupt? Und: Wieso sind die Vertriebenen wichtig? Von Florian Güßgen

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An ihrer Person hat sich der Streit entzündet: Erika Steinbach, Präsidentin des Bundesverbandes der Vertriebenen© Boris Roessler/DPA

Wer gewinnt? Guido Westerwelle, der neue Außenminister? Die schäumende Opposition? Oder gewinnt sie, hält sie durch, treibt den Preis für ihren Kopf hoch, so hoch, dass sie am Ende selbst dann als Siegerin dasteht, wenn sie verzichtet?

Die Rede ist von Erika Steinbach, 66. Geigerin. Diplomverwaltungswirtin. Informatikerin. CDU-Bundestagsabgeordnete. Vor allem aber, und das seit 1998: Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) - und in dieser Funktion für ihre Anhänger furchtlose Anwältin, für ihre Gegner unverbesserliche Ewiggestrige, für viele Polen sogar eine Hassfigur. Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze lehnte sie als Abgeordnete ab, auch gegen den EU-Beitritt des Landes stemmte sie sich.

Jetzt ist Steinbach, die in einem Ort nördlich von Danzig geboren wurde, die zentrale Figur im Streit um das geplante Dokumentationszentrum zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung in Berlin. Das Zentrum soll die Erinnerung an die Vertriebenen im 20. Jahrhundert wach halten, nicht nur an die deutschen Vertriebenen, aber auch an die deutschen Vertriebenen. Wer hat das Sagen, wie hier erinnert wird: Die Vertriebenen oder die Bundesregierung? Oder besser: Steinbach oder die Bundesregierung. Wer darf entscheiden, wer in dem wichtigsten Gremium sitzt, das den Aufbau dieses Zentrums steuert? Darum geht es in dem seit Monaten festgefahrenen Konflikt, der jetzt eskaliert.

Rund zwei Millionen Mitglieder

Aber der Reihe nach: Als die Rote Armee zum Ende des Zweiten Weltkrieges immer weiter in den Westen vordrang, als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Polen und in der Tschechoslowakei sozialistische Satellitenstaaten Moskaus errichtet wurden, wurden rund 14 Millionen Menschen vertrieben, rund zwei Millionen starben. In der Bundesrepublik gelang es einem Teil dieser Vertriebenen, im Lauf der Jahrzehnte mit dem 1957 gegründeten Bund der Vertriebenen einen schlagkräftigen Interessenverband aufzubauen - spätestens seit der Ostpolitik Willy Brandts mit einer tiefen Verankerung in der Union, vor allem der CSU. Die Annäherung des sozialdemokratischen Kanzlers an die osteuropäischen Staaten begriff der Verband als Verrat an der Sache der Vertriebenen. Die wirkliche Größe des Vertriebenenbundes ist schwer einzuschätzen. Der Verband selbst behauptet, rund zwei Millionen Mitglieder seien in seinen insgesamt 21 Landsmannschaften und 16 Landesverbänden organisiert.

Eine Belastung im Verhältnis zu Polen, Tschechen und Slowaken war der Bund stets allemal. Den osteuropäischen Regierungen war er schlicht deshalb ein Dorn im Auge, weil der Verband mitunter die Besitztümer seiner Mitglieder zurückforderte. Zudem fürchteten die Osteuropäer, ihre eigenen Leiden als Opfer des Nazi-Regimes würden von den Vertriebenen in den Hintergrund gerückt, klein geredet, relativiert. Genau deshalb ist jener Streit um jenes Dokumentationszentrum, das der Vertreibung gewidmet werden soll, so heikel für das Verhältnis Berlins zu Warschau, Prag und Bratislava.

Dieser Streit schwelt nun seit neun Jahren. Im September 2000 gründeten Steinbach und der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen". Deren Ziel lautete, ein Dokumentationszentrum als Gedenkstätte in Berlin zu schaffen. Das Problem: Polen und Tschechen protestierten, auch die damalige rot-grüne Bundesregierung war dagegen, nur die Union war dafür. Als die Union 2005 mit der Großen Koalition an die Macht kam, einigte sie sich mit der SPD auf einen Kompromiss.

Das Ergebnis: In Berlin sollte ein "Dokumentationszentrum" entstehen, dass sich Flüchtlingen insgesamt widmen sollte, nicht nur den deutschen Vertriebenen. "Wir wollen im Geiste der Versöhnung auch in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen", hieß es damals im Koalitionsvertrag. CDU-Mann Bernd Neumann erarbeitete als Kulturstaatsminister das Konzept für die Gedenkstätte, die rechtlichen Grundlagen schuf die Koalition im Dezember 2008 mit der Gründung der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Eröffnet werden soll das Dokumentationszentrum wohl 2013, die Ausstellungs- und Dokumentationsstätte soll im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin entstehen.

Seither wird darum gestritten, wer in dieser Stiftung das Sagen hat. Der Stiftungsrat, das oberste Gremium, hat 14 Sitze. Diese dürfen nach einem Proporzsystem von politischen und gesellschaftlichen Organisation besetzt werden: Dem Bundestag, der Regierung, den Kirchen, dem Zentralrat der Juden, den Stiftungen "Deutsches Historisches Museum" sowie "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", und natürlich auch vom Bund der Vertriebenen. Die Steinbach-Organisation hat Anspruch auf drei Sitze.

Seite 1: Wer ist Erika Steinbach?
Seite 2: Wer hat das Sagen im Stiftungsrat?
 
 
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Projekt Versöhnung
KOMMENTARE (10 von 20)
 
langsam-reicht-es (08.01.2010, 11:32 Uhr)
@heiro
das ist schon sehr richtig was Sie schreiben-aber man muss doch mal Realitätssinn beweisen und in die Zukunft agieren--nicht wie diese Leute,die heute noch "aufrechnen".Die Entschädigungen der letzten Jahrzehnte (auf allen Seiten) haben viele schließlich gerne eingesteckt.
heiro (08.01.2010, 10:56 Uhr)
Ethnische Säuberung
Vertreibung ist und bleibt völkerrechtswridrig, auch wenn die Schreiber hier das nicht wissen. Sie verjährt auch nicht. Ist ein europäisches und internationales Problem und lässt sich mit der freiwilligen Wanderung von Wirtschaftsmigranten nicht vergleichen
fredtiger (07.01.2010, 23:40 Uhr)
Steinbach und kein Ende?
Wie lange will sich die Bundesregierung eigentlich noch von dieser eitlen und geltungssüchtigen Berufsfunktionärin auf das Läppischste vorführen lassen? Hat sich mal jemand klar gemacht, dass die Jüngsten, die noch eine persönliche Erinnerung an Vertreibung haben können, heuer ihren Siebzigsten feiern? Wovor hat die Bundesregierung denn um Himmels willen Angst beim Gebrauch ihres Vetorechts gegen diese ewig Unbelehrbare? Wem geschähe denn ein Schaden, wenn das ganze Projekt schlicht und einfach scheiterte?
heiro (07.01.2010, 23:30 Uhr)
Informieren statt diffamieren.
Selten so dumme Beiträge zum Thema Vertreibung gelesen. Aber Vertriebenenbashing ist beim Prekariat angesagt.
langsam-reicht-es (07.01.2010, 20:14 Uhr)
das wird
sich bald biologisch regeln.
Die Alte und viele ihrer "Mitstreiter" sind doch bekanntermassen nie in dieser Gesellschaft angekommen.
Wenn ich schon auf der offiziellen Seite dieses BdV einen Hinweis auf die Zeitung mit dem Titel "Deutscher Ostdienst" lese, dann kommt mir das kotzen.
Die sind sind so ungefähr drauf wie der 60 jährige,der mir neulich an der Kasse im Supermarkt erklärt hat, er wäre Wiederstandskämpfer gewesen.

Vielleicht bei seiner Ehefrau daheim-ansonsten wohl eher psychisch krank.
Wie so viele eben in diesem Lande.(und anderswo)

Ich hab´s ja schon mal geschrieben-besorgt der Alten einen Strecher und ab auf die Insel-dann ist Ruhe!
rynaldo (07.01.2010, 18:58 Uhr)
Weg mit dem Personenkult
Frau Steinbach ist gescheitert, sie sollte schnellstmöglich die Koffer packen.
G.Rover (06.01.2010, 16:58 Uhr)
Honorare der Stiftungsmitglieder
Mich würde interessieren wie hoch die Vergütung der einzelnen Stiftungsmitglieder, einschließlich aller Nebeneinkünfte, ist?
VolkerRockel (06.01.2010, 12:27 Uhr)
Wieviele Mitglider hat der BdV tatsächlich?
Langsam beginnt sich die Fragstellung, "wen der BdV eigentlich an Vertriebenen noch vertritt?, offensichtlich langsam aufzulösen!?

RP-Online v. 06.01.2010, unter Hinweis auf von der Nachrichtenagentur ddp ermittelte Zahlen (Zitat): ?Allein unter dem Dach des Bundesverband der Vertriebenen (BdV) sollen nach Angaben von Funktionären gut zwei Millionen Menschen organisiert sein. Doch eine Umfrage bei allen Landesverbänden außer Mecklenburg-Vorpommern ergab: Unter dem Dach des BdV mit all seinen landsmannschaftlichen Vereinigungen, Kreis- und anderen Verbänden sind nur rund 550.000 Mitglieder organisiert.?


Von der Frage, wem eigentlich die Diskussion um den Stiftungssitz der Frau Steinbach bislang geschuldet war, mal ganz abgesehen; mir stellt sich - aufgrund des Hinweises in der RP-Online auf die Mitgliederzahlen - dann auch die Frage, auf was sich eigentlich die Bezuschussung des BdV aus öffentlichen Mitteln bislang gestützt hat?
walhalla (06.01.2010, 08:21 Uhr)
Versöhnung
finde ich bei der Mehrzahl der Beiträge hier nicht an vorderster Stelle.
Die Familie meiner Mutter flüchtete 1945 aus Striegau, weiß noch nicht mal wie das heute heißt.
Rein theoretisch wär ich also Vertriebener.
Find ich pervers.
Interessant finde ich immer die Vereinsbildung. Da kochen doch einige Wenige auf Kosten der Mehrheit ihre Suppe.
Die heist dann ab einem bestimmten Zeitpunkt, Wiedergutmachung. Für ein Grundstück, für Betriebsvermögen, also durchaus für die Erben interessant.
Das Wort Versöhnung scheint hier nur eine Tarnfloskel zu sein. Die Frau Steinbach vertritt den harten Kern dieser Klientel, deshalb diese Unnachgiebigkeit.
Frau Merkel ist wie Kohl, aussitzen!
knilch_59 (05.01.2010, 23:10 Uhr)
?Vertriebene
Wir reden, in der breiten Masse, von Menschen, die im heutigen Bundesgebiet geboren sind und kulturell mit der Heimat ihrer Eltern verbunden sein wollen, weil das einmal Deutschland war. Wenn man das dermaßen fördert und unterstützt, kann man gegen Kultur- und Brauchtumspflege auch anderer Bevölkerungskreise nichts einwenden. Aber: überkäme uns alle nicht ein gewaltiges Unbehagen, wenn die Kosovaren, die Kurden usw. für sich ein ähnliches Recht einfordern würden. Wenn die landsmannschaftliche Versammlungen einberufen würden, käme kein Grußwort des Bundestages, keine Auftritte von Parlamentariern, eher im Gegenteil Demonstrationen gegen solche Veranstaltungen. Dabei wären das sogar noch Leute, die in ihrer Heimat geboren sind. Aber von denen verlangen wir ausdrücklich die Integration und damit auch ein Stück Loslassen von ihrer Heimat.
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In Anbetracht unserer Migranten stellt unsere Haltung zu den "Vertriebenen" einen unlogischen Bruch dar! Politik sollte sich aber auch über das Hirn erklären können und nicht immer nur dem Bauchgefühl folgen.
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