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17. Februar 2010, 16:31 Uhr

Das leere W-Wort

Beim Hartz-IV-Urteil ging es um die "Würde des Menschen", beim Skandal um die Gebirgsjäger sieht man sie verletzt. Definiert wird die Würde jedoch nicht. Schauen wir genau hin, zeigt sich: Wir können gut darauf verzichten. Von Frank Ochmann

 
Ethik, Würde des Menschen, Theologie, Würde, Hartz IV

Das Bundesverfassungsgericht entschied vergangene Woche, dass die Hartz-IV-Regelsätze neu berechnet werden müssen© Johannes Eisele/Reuters

Das Grundgesetz nennt sie gleich im ersten Satz des ersten Artikels, das Verfassungsgericht fordert sie von Regierung und Parlament in Sachen Hartz IV ein, die Gebirgsjäger verletzen sie angeblich bei wilden Riten mit viel Alkohol: die Würde des Menschen. Verfolgt man allein die öffentliche Debatte der vergangenen Tage und Wochen, scheint es kaum ein Thema von Gewicht zu geben, bei dem nicht irgendwann die "Würde des Menschen" ins rhetorische Feld geführt wird. Und kaum ist der Begriff gefallen, macht sich allgemein sakrale Stimmung breit. So, als sei man beim vergnüglichen Schlendern durch die Stadt aus Versehen in einen Gottesdienst geraten, von dem man nicht recht weiß, welcher Religion er entspringt, der aber trotzdem feierliche Gefühle weckt.

Schauen wir ins "Handbuch der Ethik". Dessen Autoren müssten uns helfen können. "'Würde' gehört zu den schillerndsten, obzwar auch zentralsten Kategorien der modernen Ethik." Schon dieser erste Satz lässt den Leser vermutlich stutzen. Denn "zentralste" ist ungefähr so sinnvoll wie "töteste". Immerhin erfahren wir einen Satz weiter, dass durch die Würde als "Menschenwürde" dem "Lebewesen 'Mensch' eine besondere Auszeichnung zuteil" wird. Von "besonderer Stellung" ist dann die Rede und von "herausgehobener Behandlung". Die "Begriffserklärung" - so ist dieser Abschnitt zur "Würde" wirklich überschrieben - endet mit dem Satz: "Moralische Handlungen unter der Ägide der Menschenwürde müssen den Gehalt der Menschenwürde adäquat repräsentieren." Ist doch klar, oder?

Kritik an der "Würde"

Nun könnte es natürlich an unserer mangelnden Bildung oder Auffassungsgabe liegen, dass uns der tiefere Sinn der geheimnisvollen Sätze über die "Würde" aus dem Handbuch der Ethik und ähnlichen Werken verborgen bleibt. Doch es mag uns in dieser Hinsicht beruhigen, dass der Begriff der "Würde" auch unzweifelhaft gelehrten und intelligenten Menschen erhebliche Probleme bereitet. Und damit ist jetzt ganz bestimmt nicht der amtierende Vizekanzler gemeint. Der australische, an der amerikanischen Universität Princeton lehrende Philosoph Peter Singer etwa sieht im gängigen Begriff der Menschenwürde eine Missachtung der Rechte von höheren Primaten und anderen Tieren. "Speziesismus" nennt er das und meint, der Mensch stelle sich aus eigener Vollmacht und ohne sonstige Rechtfertigung über alle anderen Arten.

Eine andere Kritikerin der "Würde", die Medizinethikerin Ruth Macklin vom Albert Einstein College of Medicine in New York, kommt am Ende ihrer Analyse zu dem Schluss, die "Würde" sei nichts als ein nutzloses Konzept. Was zum Beispiel ist denn ein so oft gefordertes "Sterben in Würde"? Was anderes könnte es sein, als die Bedürfnisse eines Menschen am Ende seines Lebens so weit zu befriedigen, dass der Tod - körperlich und psychisch - unter so wenig Schmerzen wie möglich eintreten kann? Was mehr könnte "Würde" bedeuten?

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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Berlin Hartz
KOMMENTARE (10 von 11)
 
tabularasa (19.02.2010, 17:38 Uhr)
Wie wenig...
Würde wertgeschätzt wird - das ist wirklich eine widerliche Wahrheit!!!!!
Frank_Ochmann (19.02.2010, 13:01 Uhr)
@soondecember
Werter Kommentator, das meine ich vollkommen ernst. Was sie zum Thema bieten ist die völlig berechtigte Forderung, man solle mit anderen nicht veranstalten, was man selbst nicht dulden würde. Wenn Sie meinen Text noch einmal lesen, werden sie genau diese Maxime finden. Was "Würde" sonst noch sein soll, lassen Sie offen. Natürlich können Sie die religiös begründen, wie ich geschrieben habe. Aber das war's dann eben auch.
soondecember (19.02.2010, 09:20 Uhr)
meinen sie das ernst, werter Journalist ?
Also der Sternjournalist kann laut Artikel, nichts mit dem Wort "Würde" anfangen...
Traurig.
Ein Grundgesetz definiert Grundwerte des Zusammenlebens, keine Detailfragen...da kann kein Hartz-satz geregelt werden und keine Richtlinie wann Fernsehen Menschen bloßstellt. Das es aber geschieht, Menschen bloßstellen im Fernsehen (Billigtalk) oder zu demütigen (noch dazu schutzbedürftige Jugendliche in Dieters Super-Show)..dies zeigt wie wichtig solche zentralen Begriffe sind..auch wenn Journalisten oder Mediengeschäftemacher den Begriff scheinbar nicht mehr kennen.
shanghaifreund (18.02.2010, 18:43 Uhr)
Nicht Würde definieren - "Unwürde" erkenene!
Vieleicht ist es schwer den Begriff der Würde exakt zu definieren, aber wir erkennen doch wenigstens, wenn Menschen unwürdig behandelt werden. Auch wenn es viel grau und Diskussion zwischen der Würde und der Unwürde herrscht, so wissen die meisten von uns wo eine extreme unwürdige Behandlung oder ein menschenverachtenes Menschenbild vorliegt. Und genau davor schütz uns Artikel 1 des GG.
Frank_Ochmann (18.02.2010, 15:54 Uhr)
@tobix
Ich denke auch, dass wir eine Vorstellung davon haben. Beim genauen Hinsehen allerdings löst sich der Begriff - außer in seinem religiösen Verständnis - auf. Denn dann ist Würde nur etwas, was gewährt oder auch entzogen werden kann (von den anderen), nicht aber ein fester Teil unseres Menschseins. Das meine ich. Und dass dazu auch die mitmenschliche Zuwendung gehört, die Sie erwähnen, steht am Ende meines Beitrags. Stimme Ihnen in diesem Punkt völlig zu.
Anemone (18.02.2010, 15:17 Uhr)
Würde ?
"Die Würde des Menschen ist von der Würde Gottes abgeleitet, ist Glanz von seinem Glanz. Und damit immer ein Geschenk Gottes an den Menschen. Fertig. Wenn man an (diesen) Gott glaubt jedenfalls. Und wenn nicht?"

Danke, daß Sie diese Wahrheit hier schreiben! Wenn Sie fragen "und wenn nicht?", kann ich nur antworten: Gott IST Liebe und liebt JEDEN Menschen (Würde würde ich als Unterbegriff bezeichnen). "ER will, daß jeder Mensch zur Erkenntnis der Wahrheit kommt" Viele kommen erst sehr spät, mancher zu spät.
tobix (18.02.2010, 13:40 Uhr)
Der Artikel zeigt doch eher, dass der Begriff nötig ist.
"Würde" kann man anscheinend nicht in einem Satz definieren, dafür ist der Begriff zu vielschichtig.

Ein "würdevolles Leben" ist sicher schwer konkret zu definieren, aber wir haben alle eine Grundvorstellung davon. Wenn man stattdessen jedes Mal jede einzelne Eigenschaft davon auflisten würde, würde das ausufern.

Es geht eben nicht nur um gleiche Rechte und körperliche Unversehrtheit.

Auch das "Sterben in Würde": Schmerzfrei ist nur ein Aspekt (und der, den ich am wenigsten mit Würde in Verbindung bringe), Anteilnahme, Respekt, Fürsorge etc. gehören auch dazu.
Lena88 (18.02.2010, 13:01 Uhr)

"Wuerde" ist mit Sicherheit nur eines der Woerter, auf die man in der deutschen Sprache gut verzichten koennte.

Z.B. auch das Wort "eigentlich". Denn eigentlich gibt es eigentlich gar nicht!
felice4711 (18.02.2010, 12:07 Uhr)
Artikel 1 GG
ist der einzige Artikel im Grundgesetz, der nicht einklagbar ist.
Frank_Ochmann (17.02.2010, 22:32 Uhr)
schmerzfrei
@ donfrank43
Völlig richtig. Hab ich nicht aufgepasst. Ich hoffe aber, mein Anliegen ist trotzdem verständlich geworden. Danke jedenfalls.
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