Beim Hartz-IV-Urteil ging es um die "Würde des Menschen", beim Skandal um die Gebirgsjäger sieht man sie verletzt. Definiert wird die Würde jedoch nicht. Schauen wir genau hin, zeigt sich: Wir können gut darauf verzichten. Von Frank Ochmann

Das Bundesverfassungsgericht entschied vergangene Woche, dass die Hartz-IV-Regelsätze neu berechnet werden müssen© Johannes Eisele/Reuters
Das Grundgesetz nennt sie gleich im ersten Satz des ersten Artikels, das Verfassungsgericht fordert sie von Regierung und Parlament in Sachen Hartz IV ein, die Gebirgsjäger verletzen sie angeblich bei wilden Riten mit viel Alkohol: die Würde des Menschen. Verfolgt man allein die öffentliche Debatte der vergangenen Tage und Wochen, scheint es kaum ein Thema von Gewicht zu geben, bei dem nicht irgendwann die "Würde des Menschen" ins rhetorische Feld geführt wird. Und kaum ist der Begriff gefallen, macht sich allgemein sakrale Stimmung breit. So, als sei man beim vergnüglichen Schlendern durch die Stadt aus Versehen in einen Gottesdienst geraten, von dem man nicht recht weiß, welcher Religion er entspringt, der aber trotzdem feierliche Gefühle weckt.
Schauen wir ins "Handbuch der Ethik". Dessen Autoren müssten uns helfen können. "'Würde' gehört zu den schillerndsten, obzwar auch zentralsten Kategorien der modernen Ethik." Schon dieser erste Satz lässt den Leser vermutlich stutzen. Denn "zentralste" ist ungefähr so sinnvoll wie "töteste". Immerhin erfahren wir einen Satz weiter, dass durch die Würde als "Menschenwürde" dem "Lebewesen 'Mensch' eine besondere Auszeichnung zuteil" wird. Von "besonderer Stellung" ist dann die Rede und von "herausgehobener Behandlung". Die "Begriffserklärung" - so ist dieser Abschnitt zur "Würde" wirklich überschrieben - endet mit dem Satz: "Moralische Handlungen unter der Ägide der Menschenwürde müssen den Gehalt der Menschenwürde adäquat repräsentieren." Ist doch klar, oder?
Nun könnte es natürlich an unserer mangelnden Bildung oder Auffassungsgabe liegen, dass uns der tiefere Sinn der geheimnisvollen Sätze über die "Würde" aus dem Handbuch der Ethik und ähnlichen Werken verborgen bleibt. Doch es mag uns in dieser Hinsicht beruhigen, dass der Begriff der "Würde" auch unzweifelhaft gelehrten und intelligenten Menschen erhebliche Probleme bereitet. Und damit ist jetzt ganz bestimmt nicht der amtierende Vizekanzler gemeint. Der australische, an der amerikanischen Universität Princeton lehrende Philosoph Peter Singer etwa sieht im gängigen Begriff der Menschenwürde eine Missachtung der Rechte von höheren Primaten und anderen Tieren. "Speziesismus" nennt er das und meint, der Mensch stelle sich aus eigener Vollmacht und ohne sonstige Rechtfertigung über alle anderen Arten.
Eine andere Kritikerin der "Würde", die Medizinethikerin Ruth Macklin vom Albert Einstein College of Medicine in New York, kommt am Ende ihrer Analyse zu dem Schluss, die "Würde" sei nichts als ein nutzloses Konzept. Was zum Beispiel ist denn ein so oft gefordertes "Sterben in Würde"? Was anderes könnte es sein, als die Bedürfnisse eines Menschen am Ende seines Lebens so weit zu befriedigen, dass der Tod - körperlich und psychisch - unter so wenig Schmerzen wie möglich eintreten kann? Was mehr könnte "Würde" bedeuten?
Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geisteswissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.