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"Vielen Dank für nichts" - die Wut des Abgeordneten Kahrs auf die Kanzlerin

Ja zur "Ehe für alle" - die Entscheidung im Bundestag ist historisch. Aber auch der Auftritt des SPD-Abgeordneten Johannes Kahrs im Parlament wird in Erinnerung bleiben. Er las Bundeskanzlerin Angela Merkel die Leviten. Dem stern sagt er, warum.

Um viertel vor neun am Freitagmorgen trat er in der Debatte um die "Ehe für alle" ans Rednerpult im Bundestag in Berlin: , direkt gewählter Abgeordneter aus Hamburg-Mitte. Es waren nur rund drei Minuten, die sich der SPD-Politiker an das Parlament und die Regierung wandte, aber die hatten es in sich. Sie gerieten zu einer Abrechnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrer ablehnenden Haltung zur Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und erinnerten an große Rededuelle im Bundestag - mit dem Unterschied, dass diesmal niemand zurückbrüllte.

"Es war erbärmlich, es war peinlich"

Sichtlich wütend blickte Kahrs die nur wenige Meter entfernt auf der Regierungsbank sitzende Kanzlerin an und rief ihr direkt ins Gesicht, was er von ihrem (Re-)Agieren in der Causa "Ehe für alle" hält: "Wenn man denn sagt (...), dass es eine große strategische Glanzleistung war - ehrlich gesagt: Das war es nicht! Frau , ich kann es Ihnen nicht ersparen: Es war erbärmlich, es war peinlich. Seit 2005 haben Sie die Diskriminierung von Lesben und Schwulen hier unterstützt und haben nichts dafür getan, dass es zu einer Gleichstellung kommt." Die Union habe in der Frage stets eine Blockadehaltung eingenommen. "Dieses ganze Verschwurbeln, es steht mir bis hier", rief Kahrs zu seinem Hals deutend.

Johannes Kahrs bedankte sich bei seinen Mitstreitern

Der 53-Jährige bedankte sich bei Mitstreitern wie dem Grünen Volker Beck, den Aktivisten an den Infoständen und auf den Christopher Street Days für den "großen Tag für Schwule und Lesben" in Deutschland, nahm aber eine Person ausdrücklich aus: "Ehrlicherweise, Frau Merkel: vielen Dank für nichts!" Abgang, Buh-Rufe, Beifall.

Nicht weniger als 41 mal schlug der SPD-Mann während seiner Wutrede mit der Faust oder Handkante auf das Rednerpult. Der stern sprach nach der Abrechnung mit ihm:

Herr Kahrs, herzlichen Glückwunsch zur "Ehe für alle" - tut ihre Hand noch weh?

Nein, die ist es gewohnt, dass ich mal auf den Tisch haue.

Haben Sie geplant, die Kanzlerin derart scharf anzugreifen?

Ehrlich gesagt, hatte ich eigentlich eine sehr seriöse Rede aufgeschrieben. Ich habe mir in dieser Woche den "Brigitte"-Talk mit Frau Merkel noch einmal angesehen, in dem sie unter anderem behauptete, die SPD hätte vier Jahre lang nicht mit ihr über die "Ehe für alle" gesprochen, während ich seit 1998 immer wieder gegen die Union anrenne. Dann kam eben diese Rede dabei heraus - und jetzt bin ich wirklich glücklich.

"Wir sind koalitionstreu, aber nicht doof"

Was werfen Sie Angela Merkel konkret vor? Dass sie gegen die "Ehe für alle" gestimmt hat oder dass sie sich jetzt als Wegbereiterin darstellt?

Wissen Sie, wenn man - wie Frau Merkel persönlich - in der Frage immer wieder blockiert, Gräben aufreißt, die "Ehe für alle" seit 2005 verhindert und jetzt plötzlich eine Gewissensentscheidung freigibt, dann zeigt das: Sie hat kein Konzept. Nehmen Sie das Thema Atomkraft, nehmen Sie die Wehrpflicht oder jetzt die "Ehe für alle", das scheint ihr alles egal zu sein. Und dass Frau Merkel zunächst sagte, die Abgeordneten dürften erst in der kommenden Legislaturperiode nach ihrem Gewissen über die "Ehe für alle" entscheiden, und sich jetzt verstolpert hat - das schlägt dem Fass den Boden aus. Frau Merkel hat einen Mangel an Haltung.

Warum haben Sie denn nicht schon viel früher gemeinsame Sache mit Linken und Grünen gemacht?

Wir waren immer koalitionstreu, bis zum Gehtnichtmehr. Jetzt hatten wir eine neue Lage, weil Frau Merkel ihren verschwurbelten Schabowski-Moment hatte. Martin Schulz hat das sofort aufgegriffen - und dann ging es halt ganz schnell. Das ist jenseits von Parteipolitik und Wahlkampf ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass bis in 1970er-Jahre noch Menschen, die sich für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben eingesetzt haben, ins Gefängnis gesteckt wurden. Von einem Koalitionsbruch spricht in der Union inzwischen auch niemand mehr. Wir sind koalitionstreu, aber nicht doof.

"Ehe für alle" noch nicht das Ende der Gleichstellung

Ist Deutschland damit am Ende der Gleichstellung angekommen? Was muss noch passieren?

Naja, an Artikel 3 des Grundgesetzes müssen wir noch ran (die Aufnahme der sexuellen Identität in den Artikel, d. Red.) und wir müssen dafür sorgen, dass auch die gesellschaftliche Realität mit der neuen Gesetzeslage Schritt hält. Hier gibt es immer noch Diskriminierungen.

Sie feiern gerade mit ihrer Fraktion, Kanzlerkandidat Martin Schulz und einer bunten Hochzeitstorte das neue Gesetz zur "Ehe für alle" - wann wollen Sie denn jetzt Ihren Freund heiraten und die eigene Torte anschneiden?

Wir sind im Mai 25 Jahre zusammen, warten wir mal ab. Im Moment bin ich erstmal sehr, sehr froh.

Vielen Dank.

Merkel unbeeindruckt von Kahrs' Wutrede

Die Kanzlerin reagierte übrigens äußerlich unbeeindruckt auf die Vorwürfe Kahrs' im Bundestag, sie machte nach der Abstimmung ihren Standpunkt noch einmal klar: "Was die Frage der Ehe anbelangt, so ist es meine Grundüberzeugung, dass der grundgesetzliche Schutz im Artikel 6 die Ehe von Mann und Frau beinhaltet. (...) Und deshalb habe ich heute auch diesem Gesetzentwurf nicht zugestimmt. (...) Und deshalb hoffe ich, dass mit der Abstimmung heute nicht nur der gegenseitige Respekt zwischen den unterschiedlichen Positionen da ist, sondern dass damit auch ein Stück gesellschaftlicher Friede und Zusammenhalt geschaffen werden konnte." 

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