Alles hat Josef Fritzl genau geplant, den Ausbau seines Kellers zum Verlies, die Legende für das Verschwinden seiner Tochter Elisabeth, die Pflege seiner Inzest-Kinder. Nie wollte er die Kontrolle verlieren, trank lieber Kaffee als Alkohol. Selbst die Behörden hatte er im Griff.

Josef Fritzl - wegen fortgesetzten Missbrauchs seiner Tochter und Freiheitsberaubung kommt er in Haft© dpa
An jenem Tag, als Elisabeth Fritzl unter die Erde ging und erst 24 Jahre später wieder das Tageslicht erblickte, schien in Niederösterreich die Sonne. Es war ein schöner Spätsommertag, der 28. August 1984, ein Tag aus einer anderen Zeit. Richard von Weizsäcker war in Deutschland kurz zuvor als Bundespräsident vereidigt worden. Ronald Reagan bereitete sich im Wahlkampf auf seine zweite Amtsperiode vor und sprach bei einer Mikrofonprobe von der Bombardierung der Sowjetunion, Franz Beckenbauer beerbte nach der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich den gescheiterten Jupp Derwall.
An jenem Tag, da Elisabeth Fritzl unter die Erde ging, war ihr Haar braun und schulterlang. Als Elisabeth ein knappes Vierteljahrhundert später die Sonne wieder sieht und erstmals frische Luft durch ihre Lungen strömt, hat sie unter der Erde sieben Kinder geboren, eines davon ist gestorben und verbrannt worden, die älteste Tochter Kerstin, 19, kämpft im Krankenhaus von Amstetten um ihr Leben. Elisabeth hat schlohweißes Haar, ihre Haut ist fahl und trägt dem Vernehmen nach Spuren von Krätze.
Die Welt da oben ist eine komplett andere. Es gibt keine Sowjetunion mehr und keinen Eisernen Vorhang, Ronald Reagan ist tot, von Weizsäcker Geschichte und Beckenbauer Pensionär im Unruhestand. Es gibt nun Handys und Internet und hundert Fernsehkanäle und nicht nur ORF 1 und 2 wie damals 1984, als sie der Vater hinunterlockte in den Keller, sie laut ihrer Aussage betäubte und anleinte. Und dann missbrauchte, ein knappes Vierteljahrhundert lang, auch vor den Augen der eigenen Kinder, die zugleich ihre Halbschwestern und Halbbrüder sind und deren Erzeuger Vater und Großvater in einer Person ist. Die vielen Fernsehsender, die ihre Teams nach Amstetten geschickt haben, berichten tagein, tagaus von ihrer Geschichte.

Elisabeth: Seit sie elf oder zwölf Jahre alt war, missbrauchte Fritzl seine Tochter, mit 18 sperrte er sie in den Keller, wo sie sieben Kinder von ihm zur Welt brachte© Privatphoto
Es ist eine Geschichte, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Sie sprengt die Vorstellungskraft. Nicht einmal Schriftsteller haben sich Vergleichbares ausgedacht; diese Geschichte hat etwas von Kaspar Hauser, Dr. Mabuse und Frankenstein. In den Vereinigten Staaten gab es den Fall von Cameron Hooker, der von 1977 bis 1984 ein Mädchen unter Mitwissenschaft seiner Frau in einer Art hölzernem Sarg unter seinem Bett gefangen hielt. Und in Österreich tauchte 2006 nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft Natascha Kampusch auf, gleichfalls festgehalten in einem Verlies. Aber das Schicksal der Fritzls aus Amstetten ist einzigartig. In seiner Komplexität, der Perfidie und der exakten Organisation. Josef Fritzl hatte diesen Tag, den 28. August 1984, genau geplant, wie er fast alles in seinem Leben genau geplant hatte. Er ist Perfektionist, ein Kontroll-Freak, ein Mann, der den Schalter von jovial auf despotisch jederzeit umlegen kann. Ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Fritzl kontrolliert beide Seiten, die dunkle und die helle, scheint sie nach Bedarf zu wechseln. Auch deshalb wird er fast 24 Jahre unentdeckt bleiben. Er erlaubt sich - bis ganz zum Schluss - keinen Aussetzer, keinen Fehler. Und stolpert dann doch über etwas, was sich seiner Kontrolle entzieht.
Josef Fritzl wird am 9. April 1935 in Amstetten geboren. Seine Mutter Maria trennt sich früh, und der Vater Josef sen. verschwindet aus dem Leben der Kleinfamilie. Maria Fritzl erzieht Josef mit harter Hand, sie haben nicht viel Geld, und es herrscht Krieg. Die Spielkameraden nennen ihn "Sepperl" oder "Pepperl", und der ist ein guter Schüler, die Lehrer loben ihn. Nach dem Krieg lernt Josef Elektrotechniker und wird später in den Polizeiberichten als "technischer Angestellter" geführt. Er arbeitet bei der großen Stahlfirma Voestalpine in Linz, dann für einen Baustoffhändler und als Vertreter einer Maschinenfirma. Einem Nachbarn erzählt er von seiner Zeit in Brasilien, wo er Funkanlagen installierte. Ein ehemaliger Chef nennt ihn rückblickend "grenzgenial", und eine Kollegin, Gerda S., erinnert sich, "dass er immer wie aus dem Ei gepellt aussah, wie ein Diplomat". Fritzl wirkt auf Frauen - rank und schlank, der Schnäuzer akkurat gestutzt, stets gut gekleidet. Er ist damals schon verheiratet.
Mit 22 ehelicht Josef Fritzl seine Rosemarie, die 17 ist und Küchengehilfin. Rosemarie, eine einfache Frau, stellt nicht viele Fragen. Sie ist das komplette Gegenteil ihres Gatten: liebevoll, mütterlich, warmherzig. Vor allem aber devot bis zur Selbstaufgabe. Josef besorgt das Geld, sie gebärt ihm im Laufe der Jahre sieben Kinder: Ulrike, Rosemarie, Harald, Josef, Gabriele, Doris und Elisabeth, das vierte Kind, geboren am 16. April 1966. Er wird sie auswählen für die Rolle als Zweitfrau, als Mutter seiner Nebenfamilie und sie schon als Kind missbrauchen - da ist sie elf oder zwölf.
Etwa in dieser Zeit, 1977 oder 1978, muss in ihm der Plan für das Verlies gereift sein. Schließlich geschieht im Leben des Josef Fritzl alles mit Kalkül. Bereits am 31. Oktober 1978 ließ er sich den Zubau in der Ybbsstraße 40 von der Baubehörde bewilligen, neun kleine Wohnungen und einen Standardkeller mit drei Räumen. Die Wohnungen sind seine neue Finanzquelle. Der Kellerzubau ist nichts Außergewöhnliches in Zeiten des Kalten Krieges; viele Menschen bauen sogar komplette Bunker aus Angst vor einem Atomschlag. Monatelang gießt er Beton in Form, bohrt, buddelt und schraubt an dem leblos wirkenden Zubau. Am 26. Juli 1983 erteilt die Stadt die Benutzungsbewilligung für die Kellerräume. Eine Metalltür, die zu weiteren Räumen führt, beteuert die zuständige Behörde heute, habe es damals noch nicht gegeben. Was stimmt. Der Stratege Fritzl hatte selbstverständlich auch diesen Besuch vorausgesehen und sämtliche Eingänge provisorisch zugemauert. Ein gutes Jahr später beginnt das Martyrium der Elisabeth.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2008