Einst ein Bollwerk im Land der Täter, heute ein zerstrittenes Gebilde: Die Juden in Deutschland driften immer weiter auseinander. Seit der Zuwanderung Zigtausender Osteuropäer tobt in den Gemeinden der Streit um Tradition und Identität, aber auch um Einfluss und Macht. Von Stefan Braun

Nichts lassen die ultraorthodoxen Lubawitscher Juden unversucht, um russischen Zuwanderern das Judentum nahezubringen. Hier empfängt der Ulmer Rabbiner Schneur Trebnik in seiner mobilen "Laubhütte". Sukkot, das "Laubhüttenfest", erinnert an den Auszu© Michael Trippel
Beton. Die Mauern, die Treppen, die Wände - Beton. Eine düstere Eingangshalle. Es riecht nach Staub und ein bisschen nach alten Menschen. Man sieht sie kaum. Man ahnt sie nur. Sie sitzen auf farblosen Sofas hinter verstaubten Gummibäumen. Ein Seniorenheim in Deutschland. Für Ilja Riaboi ist es das Glück auf Erden. Schöner, sauberer, luxuriöser als alles in seinem früheren Leben. Riaboi strahlt zur Begrüßung. Er ist 80, er trägt T-Shirt und Jogginghose. Sein Bauch spannt. Riaboi ist ein jüdischer Flüchtling aus Russland. Ein Jude, wie es sie so nicht gab im Nachkriegsdeutschland. Einer von 200.000, die nach der Wende aus Osteuropa hierher kamen. Inzwischen stellen die "Russen", wie sie in den jüdischen Gemeinden heißen, die übergroße Mehrheit. Und sie verändern fast alles im Leben der Juden in Deutschland. Riabois Heim im Warburghof in Hannover: 20 Quadratmeter russische Ukraine. Russland kommt aus dem Fernseher. Auf dem Bildschirm eine dralle Blonde aus Moskau. "24 russische Programme", schwärmt Riaboi. Stolz zeigt er auf seine Satellitenschüssel. Überall sonst ist die Ukraine. Auf dem Sofa, dem Bett, auf dem Sessel, an der Wand - schwarz-braun-weiße Decken mit Tier- und Pflanzenmotiven.
Riaboi ist nicht zum ersten Mal in Deutschland. Seinen 18. Geburtstag feierte er im April 1945 in Berlin - als Panzerfahrer der Roten Armee. Er ist kein Opfer der Nationalsozialisten. "Ich habe gegen Hitler gewonnen." Ein Satz, undenkbar für Juden im Nachkriegsdeutschland. Im Zentralrat der Juden, 1950 gegründet und geführt von Männern wie Heinz Galinski, Ignatz Bubis und Paul Spiegel, hatten alle eine andere Geschichte. Nichts hat sie stärker beeinflusst als das Bewusstsein: Wir leben im Land der Täter. Jetzt kommen jüdische Sieger und ihre Kinder. 400.000 Juden kämpften in der Roten Armee. Ihre Nachfahren wissen vom Holocaust, haben selbst Opfer zu beklagen, aber er beherrscht nicht ihr Leben. Für sie ist Deutschland ein Ort von Freiheit und Wohlstand. Sie stellen die alte Mehrheit und die alte Macht infrage. Die wohlklingenden Worte vom neu aufblühenden jüdischen Leben verstellen den Blick auf die wahre Lage. Julius H. Schoeps, Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam: "Das, was war, wird es nicht mehr geben. Was kommt, ist völlig offen."

Albert Meyer, ehemaliger Vorsitzender der Berliner Gemeinde, wettert gegen die heutige Führung: "Pseudo-Bolschewiki machen aus der Gemeinde einen russischen Kulturverein"© Michael Trippel
Ilja Riaboi zeigt keine Bilder von Opfern. Er zeigt seine Orden, hat sie sich ans Jackett geheftet und dabei die Finger zerstochen. 28 Jahre war er Soldat, nach dem Krieg in der DDR, in Kaliningrad, in der Ukraine. Heute lebt er von Sozialhilfe und ein wenig Erspartem. Seine 20 Quadratmeter machen ihn "total glücklich". Warum er gekommen ist? "Ich bin meinem Sohn gefolgt, als meine Frau tot war. Meine Militärrente war zu wenig." Warum nicht Israel? "Zu heiß, da wollte ich nie hin." Hat er nicht Angst vor Antisemiten? "Nein. Keine Angst. Bin Soldat gewesen." Als das Gespräch sich dem Ende zuneigt, ist an Abschied nicht zu denken. Riaboi zaubert eine Flasche Jamaikarum auf den Tisch. "Ich habe bei Aldi alle getestet - das ist der Beste." Dazu gibt es Hähnchenschlegel, Gurken, Tomaten und eine mächtige Salami, Marke "Botschafter". Als die Gläser bis zum Rand gefüllt sind, ruft er: "Nie wieder Faschismus!" Beim zweiten Glas stößt er an auf die "Völkerfreundschaft!" Beim dritten grüßt er russisch: "Wir sehen uns unterm Tisch wieder!"
Dazwischen erzählt Riaboi, dass er die Synagoge so oft nicht besuche. Jude-Sein sei schwierig gewesen in Russland. Immer wieder schneidet er sich eine Scheibe Salami ab. Die ist nicht koscher, schmeckt ihm aber besonders. "Bitte nicht erzählen in der Gemeinde, was wir hier essen." Als Jude gekommen, ein Russe geblieben. Der Zulauf von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion begann 1990. Tausende kamen in die DDR, nutzten nach der Wende in Ostberlin großzügigere Regeln. Dann trat Heinz Galinski, damals Präsident des Zentralrats, an Helmut Kohl heran, bat den Kanzler, er möge die Tore für verfolgte Juden aus Osteuropa öffnen. Kohl stimmte zu. Keinesfalls sollte Deutschland jüdischen Flüchtlingen die Tür weisen. Was Kohl und Galinski nicht ahnten: dass so viele kommen würden. Im Jahr 2002 kamen mehr Juden nach Deutschland als nach Israel oder Amerika. Ohne Zuwanderung gäbe es 10.000 Juden hierzulande. Heute zählen alle jüdischen Gemeinden rund 105.000 Mitglieder. Insgesamt kamen mehr als 200.000, fast die Hälfte aber blieb den Gemeinden fern - weil sie nicht eintreten wollten, weil sie nach orthodoxen Regeln nicht als Juden akzeptiert wurden oder weil sie mit gefälschten Papieren eingereist waren - Experten sprechen von einigen Tausend. Die Mehrheit der Zuwanderer ist jenseits der 60 und lebt von Sozialhilfe. Mittlerweile sinkt die Zuwanderung, weil die Regeln 2006 verschärft wurden. An den Problemen aber ändert das wenig. In den meisten Gemeinden lassen sich die Russen nicht integrieren. Sie übernehmen.
Wie in Riabois neuer Heimat Hannover. Hier führt seit Jahren Arkadi Litvan die Gemeinde. Litvan empfängt in feinem Tuch und bietet einen scharfen Kontrast zu seiner Umgebung. Die Gemeinde fristet ihr Dasein in schmuckloser Umgebung. Der Putz bröckelt, das Namensschild ist überklebt, der Garten in stetem Kampf gegen das Überwuchern. Der Goldschmied ist 1990 aus Odessa gekommen. 1989 zählte die Gemeinde 379 Mitglieder, heute sind es mehr als 4000. Das ist kein Wachstum mehr, es ist eine Invasion. Litvan trocken: "1998 haben wir übernommen." Am Anfang wehren sich die "Deutschen". In Ratssitzungen wird heftig gestritten, um die Gültigkeit russischer Wählerstimmen, um Manipulationsvorwürfe. Sieger ist die neue Mehrheit. Doch Verletzungen sind geblieben und nähren Gerüchte, Litvan komme vom russischen Geheimdienst. Er lächelt. "Seitdem frühere KGB-Offiziere im Bundestag beklatscht werden, kann mich das nicht stören." Kalt schaut er beim Verweis auf Putin. Kalt bleiben seine Augen auch bei der Frage, ob er die Ängste der Alteingesessenen verstehen könne. "Ich habe diese Paranoia nicht. Ich fühle mich höchstens beleidigt."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2007