Ihr Ruf ist mies, die Schülerzahlen gehen stark zurück: Soll die Hauptschule abgeschafft und das dreigliedrige Schulsystem aufgelöst werden? Jürgen Zöllner, Berliner Bildungssenator, sagt im stern.de-Interview, warum die Hauptschule nicht das eigentliche Problem ist.

Pamina-Schulzenatrum in Herxheim bei Landau: "Wir brauchen ein Angebot für praxisorientierte Schüler"© Ronald Wittek/DPA
Wir müssen eine adäquate Lösung für die Ausbildung und Erziehung dieser jungen Menschen finden. Egal, in welcher Schulform.
Nein, ich halte nicht prinzipiell an der Hauptschule fest. Aber ich bedaure, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit so verkürzt wird. Egal, in welchem System - wir brauchen ein Angebot für praxisorientierte Schüler. Ob die Schule Hauptschule heißt oder ob sie integriert wird in ein differenziertes Angebot, ist sekundär. Ich persönlich glaube: Der integrierte Ansatz wie in der Gesamtschule, ist der bessere.
Wenn Eltern der Meinung sind, das integrierte System ist der Untergang des Abendlandes, können wir es ihnen nicht aufzwingen. Für eine solch fundamentale Änderung in unserem Schulsystem brauchen wir einen Grundkonsens in der Gesellschaft. Sonst wird dieses Schulangebot nicht erfolgreich sein. Sondern es besteht die Gefahr, dass es bei der nächsten Wahl wieder gekippt wird. Und so ein Hin und Her ist für Eltern und Kinder unzumutbar.
Das ist alles nicht neu, denn Herr Munoz hat seine Erkenntnis, dass der Schulerfolg von der sozialen Herkunft abhängt, aus unseren Feststellungen gewonnen. Nach der ersten Pisa-Studie haben wir vor rund fünf Jahren deshalb entsprechende Reformen eingeleitet.
Als KMK-Präsident vertrete ich die Ansichten aller Bildungsminister-Kollegen. Schule ist Sache der Länder. Die müssen noch mehr gesamtstaatliche Verantwortung für die deutsche Bildung übernehmen und eigene Interessen zurückstellen. So können wir einheitliche Bildungsstandards durch wenige, aber zwischen den Ländern vereinbarte Bildungsziele erreichen. Wir müssen aber auch für die Kompatibilität der Schulsysteme in den Ländern sorgen. Darum werde ich mich bemühen.
Seit 30 Jahren lähmt uns dieser fundamentalistische Kampf: integrierter Ansatz gegen gegliedertes Schulsystem. Er hindert uns, den Unterricht zu verbessern. Aber ich hoffe, dass die sinkenden Schülerzahlen an den Hauptschulen zu einer offeneren Diskussion beitragen.
Was aus den aktuellen Äußerungen aus den Reihen der Berliner CDU folgen wird, muss sich erst noch herausstellen. Wenn dies aber dazu führt, dass auch die CDU Hauptschüler besser fördern und ihre Chancen verbessern will, bin ich gern bereit, über Schlussfolgerungen zu sprechen. Wir brauchen eine mehrheitsfähige, von den Eltern akzeptierte Schule. Anders wird es nicht funktionieren. Und die Schule muss auch für die jungen Menschen ein gutes Angebot machen, die null Bock auf Schule haben und in den Beruf wollen. Daran ändert sich nichts, wenn nur die Hauptschüler mit den Realschülern zusammengelegt werden. Da muss mehr kommen.
Zur Person Jürgen Zöllner (SPD), 61, ist Bildungssenator von Berlin und Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK). Als Bildungsminister in Rheinland-Pfalz setzte er sich Ende der 90er Jahre für Vergleichsuntersuchungen in der Schulpolitik ein, die zur Teilnahme an der Pisa-Studie führten.
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