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27. Juni 2007, 11:43 Uhr

"Die Gesamtschule ist besser"

Ihr Ruf ist mies, die Schülerzahlen gehen stark zurück: Soll die Hauptschule abgeschafft und das dreigliedrige Schulsystem aufgelöst werden? Jürgen Zöllner, Berliner Bildungssenator, sagt im stern.de-Interview, warum die Hauptschule nicht das eigentliche Problem ist.

Pamina-Schulzenatrum in Herxheim bei Landau: "Wir brauchen ein Angebot für praxisorientierte Schüler"© Ronald Wittek/DPA

Herr Zöllner, die Eltern stimmen mit den Füßen ab: Immer weniger schicken ihre Kinder auf die Hauptschule. Wann reagiert die Politik und schafft sie endlich ab?

Wir müssen eine adäquate Lösung für die Ausbildung und Erziehung dieser jungen Menschen finden. Egal, in welcher Schulform.

Also halten Sie an der Hauptschule fest?

Nein, ich halte nicht prinzipiell an der Hauptschule fest. Aber ich bedaure, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit so verkürzt wird. Egal, in welchem System - wir brauchen ein Angebot für praxisorientierte Schüler. Ob die Schule Hauptschule heißt oder ob sie integriert wird in ein differenziertes Angebot, ist sekundär. Ich persönlich glaube: Der integrierte Ansatz wie in der Gesamtschule, ist der bessere.

Aber die Gesamtschule hat bei vielen Eltern einen schlechten Ruf.

Wenn Eltern der Meinung sind, das integrierte System ist der Untergang des Abendlandes, können wir es ihnen nicht aufzwingen. Für eine solch fundamentale Änderung in unserem Schulsystem brauchen wir einen Grundkonsens in der Gesellschaft. Sonst wird dieses Schulangebot nicht erfolgreich sein. Sondern es besteht die Gefahr, dass es bei der nächsten Wahl wieder gekippt wird. Und so ein Hin und Her ist für Eltern und Kinder unzumutbar.

Aber unser dreigliedriges Schulsystem produziert zu viele Verlierer. Darauf hat auch der UN-Menschenrechtsinspektor Vernor Munoz in seinem Bericht wieder hingewiesen.

Das ist alles nicht neu, denn Herr Munoz hat seine Erkenntnis, dass der Schulerfolg von der sozialen Herkunft abhängt, aus unseren Feststellungen gewonnen. Nach der ersten Pisa-Studie haben wir vor rund fünf Jahren deshalb entsprechende Reformen eingeleitet.

Jedes Bundesland macht seine eigene Reform. Doch die Eltern wünschen sich einheitliche Lernbedingungen. Was können Sie als KMK-Präsident tun?

Als KMK-Präsident vertrete ich die Ansichten aller Bildungsminister-Kollegen. Schule ist Sache der Länder. Die müssen noch mehr gesamtstaatliche Verantwortung für die deutsche Bildung übernehmen und eigene Interessen zurückstellen. So können wir einheitliche Bildungsstandards durch wenige, aber zwischen den Ländern vereinbarte Bildungsziele erreichen. Wir müssen aber auch für die Kompatibilität der Schulsysteme in den Ländern sorgen. Darum werde ich mich bemühen.

Aber brauchen wir nicht eine breite Debatte über unsere Schulstruktur?

Seit 30 Jahren lähmt uns dieser fundamentalistische Kampf: integrierter Ansatz gegen gegliedertes Schulsystem. Er hindert uns, den Unterricht zu verbessern. Aber ich hoffe, dass die sinkenden Schülerzahlen an den Hauptschulen zu einer offeneren Diskussion beitragen.

Sieben von 16 Bundesländern haben nur noch ein zweigliedriges System. Hamburg und Schleswig-Holstein wollen in den nächsten Jahren Haupt- und Realschule fusionieren. Auch die Berliner CDU will die Hauptschule abschaffen. Was halten Sie davon?

Was aus den aktuellen Äußerungen aus den Reihen der Berliner CDU folgen wird, muss sich erst noch herausstellen. Wenn dies aber dazu führt, dass auch die CDU Hauptschüler besser fördern und ihre Chancen verbessern will, bin ich gern bereit, über Schlussfolgerungen zu sprechen. Wir brauchen eine mehrheitsfähige, von den Eltern akzeptierte Schule. Anders wird es nicht funktionieren. Und die Schule muss auch für die jungen Menschen ein gutes Angebot machen, die null Bock auf Schule haben und in den Beruf wollen. Daran ändert sich nichts, wenn nur die Hauptschüler mit den Realschülern zusammengelegt werden. Da muss mehr kommen.

Zur Person

Zur Person Jürgen Zöllner (SPD), 61, ist Bildungssenator von Berlin und Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK). Als Bildungsminister in Rheinland-Pfalz setzte er sich Ende der 90er Jahre für Vergleichsuntersuchungen in der Schulpolitik ein, die zur Teilnahme an der Pisa-Studie führten.

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Interview: Catrin Boldebuck
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
ganzbaf (28.06.2007, 15:27 Uhr)
Zuerst mal das Beamtentum abschaffen!
...und dann solche "lahmen Bremser" und Dauerverharmloser wie z.B. ein Herrn Zöllner in den unverdienten Luxus-Vorruhestand befördern... (!)
.
Dann klappts auch vielleicht irgendwann mal mit einer Schulreform, die diesen Namen auch verdient!
= Eingliedriges System mit 10-11 gemeinsamen Klassen. Abschlussprüfung. Nach Abschlussgüte berechtigter Besuch weiterführender Schulen/Universitäten.
.
Alles andere ist deutscher Dauermurks!
tagora-sagittara (28.06.2007, 10:16 Uhr)
@Countryjoe
vollkommen richtig.
Meine Kinder haben es am eigenen Leib erfahren. Mein Sohn ist auf der Hauptschule gewesen,...und gescheitert. Anstatt sich mit lernen zu beschäftigen, sind die Schüler dort mit den bekannten Problemen konfrontiert,...Ergebniss: arbeitslos seid Abschluss.
Bei meiner Tochter haben wir rigoros so lange die Grundschulen gewechselt, bis eine angemessene Schule die Fähigkeiten unserer Tochter herausgebracht hat. Im letzten Grundschuljahr hat sie sich im Schnitt um zwei Noten verbessert und hat den Sprung in die Realschule geschafft. Nach dem gleichen Auswahlverfahren sind wir bei den angebotenen Realschulen vorgegangen. Erst die dritte angebotene Schule haben wir gewählt,...Ergebniss im Zeugniss 1,3. Wir können nur jedem Elternpaar raten brutalst die angebotene Schulen zu selektieren und selbst ein NEIN ist manchmal besser als die Zukunft der eigenen Kinder durch unfähige Schulen und Lehrer zu ruinieren. Pisa ist tot und das deutsche Schulsystem ist SCHROTT. Es gliedert sich in Verwahranstallt, Schule und Elitelehranstallt.
Sollte die Haupt mit der Realschule zusammen gelegt werden, bevor meine Tochter durch ist, machen wir die Biege,...alles andere währe nicht zu verantworten.
Haldo (28.06.2007, 09:51 Uhr)
Ideologische Soße
Erstaunlicherweise stellt niemand in dieser ideologisch verbrämten Diskussion die Frage nach der Leistungsfähigkeit hiesiger Gesamtschulen, während unser Schulsystem mit denen kultivierterer Länder verglichern wird. Fakt ist z.B., dass Lernstandserhebungen und Vergleichsarbeiten in NRW deutlich zeigen, dass Realschulen in NRW bei diesen Gelegenheiten stets besser abschneiden als E-Kurse der Gesamtschulen (mit seinen potentiellen Gymnasiasten) und dass sogar die Hauptschulen G-Kurse von Gesamtschulen hinter sich lassen. Wie kann man da die PISA-Studien, die ja die Leistungsfähigkeit von Schulsystemen international vergleichen, als Beleg für die angebliche Überlegenheit des Gesamtschulsystems heranziehen?
Schico (28.06.2007, 09:06 Uhr)
medley
Das Bildungsmonopol liegt eben nicht in den Händen des Staates, sondern in dieser Republik kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen, es liegt also in den Händen der Länder. Bevor Sie hier so oberschlau auf andere Leute einhacken, sollten Sie sich mal richtig informieren! Und noch etwas, in der DDR konnte man sehr wohl das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen. Mir wurde z.B. auch nicht vorgeschrieben, was ich zu lernen oder zu studieren habe.
karl.elvis (28.06.2007, 09:05 Uhr)
Abschaffen=Quatsch
Ich verstehe nicht, weshalb die Hauptschule abgeschafft werden soll. Tatsache ist doch, dass es lernstarke und lernschwache SchülerInnen gibt. Dementsprechend sollten diese SchülerInnen auch unterrichtet bzw. gefördert werden. Und es bringt niemanden etwas (weder den lernstarken noch den lernschwachen), wenn einfach alle Schüler in einen großen Topf geworfen werden.
OK, natürlich brauchen wir eine Bildungsreform, die an diesem Gesamtthema etwas macht; PISA hat ja nun mal aufgezeigt, dass wir Deutschen nicht gerade die Hellsten sind. Aber einfach das Abschaffen der "untersten" Schulform > das kann's doch wohl nun nicht sein. In unserem Ort (NRW-OWL) gibt es momentan einen Trend, dass die Eltern ihre Kinder lieber zur Haupt- anstatt zur Realschule schicken; weil dort einfach das bessere Berufsvorbereitungsmodell angeboten wird. Dort werden ab Klasse 9 AGs angeboten, mit denen die Schüler auf dem künftigen Arbeitsmarkt eine echte Chance haben. > Dieses Projekt wurde mit dem "Hauptschulpreis 2007" auf einem der vorderen Plätze gerade vom Bundespräsidenten geehrt. Hier gibt es momentan eine Übergangsquote von rd. 60% in die Ausbildung. Da kann es doch nicht gewollt sein, eine solche Schulform abzuschaffen. Statt dessen sollte deutschlandweit überlegt werden, welche Schulform für welche Berufe oder weitere Ausbildung geeignet ist. Ich bin Jahrgang 1970 > da war die Grundidee (zumindest habe ich sie so verstanden) folgende: Hauptschule= Vorbereitung auf gewerbliche Berufe; Realschule= kfm. Berufe; Gymnas.=Studium. >> Diese Aufteilung ist doch heute gar nicht mehr gegeben.
Ninichan (28.06.2007, 08:48 Uhr)
Was?
Haupt- und Realschule fusionieren? Was soll das denn? Dann werden die Realschüler mit den Hauptschülern gleichgestellt und am Schluss wollen alle nurnoch Gymnasiasten! Hallo? HIER liegt das Problem!! Na danke....
Vollkommener Schwachsinn.. wenn man Realschule mit Hauptschule fusioniert, wird dieses System und die Schüler die nicht aufs Gymnasium kommen, verrotten..
sportartmakler (28.06.2007, 08:27 Uhr)
medley
es ist traurig zu lesen, wie sie ihr falsches "wissen" bezüglich der ddr auch noch öffentlich niederschreiben.
wenn sie ihre informationen zur wirtschaftlichen leistung und zum bildungssystem der ddr aus dem kinderkanal beziehen kann man ihnen noch nicht einmal nen vorwurf machen.
mein vorschlag: klappe halten bei themen wo man sich nur halbherzig informiert hat!!!
Miksz (28.06.2007, 08:20 Uhr)
Hören Sagen
@ Medley,
di meißten die heute DDR und BRD Systeme vergleichen können das doch gar nicht, Sie haben die Systeme nämlich nicht zeitgleich erlebt. Das DDR- System war sehr erfolgreich weil es ein breites fundementierstes Wissen an eine Masse vermitteln konnte. Sicher hatten wir in der DDR nicht die Wahlfreiheiten der BRD deshalb gingen wir ja auf die Straße ( ohne Gewalt ). Die Frage ist doch eine andere, warum versperrt man sich von politischer Seite einer System, das in anderen Ländern erfolgreich ist??? Ob das System von der DDR, vom Mars oder aus einer anderen Galaxy stammt ist doch völlig nebensächlich. Es geht darum für unsere Jugend Chancen zu eröffnen und nicht schon ab der 4. Klasse festzulegen wer mal Ing., wer mal Facharbeiter und wer mal HarzIV-Empfänger wird (man verzeihe mir die harte Formulierung). In einer industrialisierten Welt in der der Wissenstand, die Flexibilität und Motivation eines jeden über seine Zukunft entscheiden werden wir es uns nicht mehr leisten können ein Drittel unserer Schüler auf das Abstellgleis der Selbserziehung in die Hauptschule abzustellen.
Countryjoe (28.06.2007, 08:05 Uhr)
Politkinder
Die Sprößlinge der Politiker werden sicherlich auf unsere Kosten gut abgeschirmte Privatschulen mit Abitur- und Karrieregarantie aufsuchen.
Countryjoe (28.06.2007, 08:03 Uhr)
Hauptschule
Grundsätzlich muß die Hauptschule ja nicht schlecht sein. Zumindest war sie es früher nicht. Heute aber möchten viele Eltern ihre Kinder nicht der Gefahr aussetzen, dort Misshandelt, Beraubt und Erpresst zu werden. Aber auch das liegt nicht an der Hauptschule, sondern daran, daß hier nicht entschieden gegen Kriminalität und Integrationsverweigerung vorgegangen wird.
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