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Die Patenonkel von der Polizei

Im verarmten Bremerhaven ist ein kleines Wunder geschehen: Die Zahl der Teenie-Gangster ist in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel gesunken. Grund dafür ist ein neues Konzept: Wer auffällt, bekommt einen "Patenonkel" von der Polizei zugeteilt. Und der passt auf.

Eine Reportage von Kerstin Schneider

Es ist kurz nach acht Uhr morgens, als Oberkommissar Addick Dase und seine Kollegin Inga Gdanietz an der Tür eines Mehrfamilienhauses in Bremerhaven klingeln. Es ist eine der besseren Straßen in diesem Problemstadtteil. Sanierte Altbauten, gepflegte Vorgärten. Ein schmächtiges Kerlchen mit blonder Stoppelfrisur öffnet. Der Junge, er trägt nur blaue Boxershorts, ist laut Durchsuchungsbeschluss 14 Jahre alt. Sein glattes Kindergesicht, ohne Pickel und Bartflaum, lässt ihn allenfalls wie zwölf aussehen. Der Junge schlägt sich fröstelnd die Arme um den nackten Brustkorb und blickt die Beamten fragend an.

Addick Dase, der seinen friesischen Namen meist buchstabieren muss, ist trotz ausgeprägter Geheimratsecken und ergrauter Schläfen ein jugendlicher Typ. Der 42-jährige Familienvater trägt Jeans, ein ausgebeultes Sweatshirt und eine braune, leicht speckige Lederjacke. Er ist ein Hüne von fast 1,90 Meter, hat breite Schultern und braucht keine Uniform, die ihm Respekt verschafft. Seine Kollegin Inga Gdanietz sieht mit ihrem braven Pferdeschwanz, Kapuzenshirt und Turnschuhen jünger aus als 35, wirkt wie eine Vertrauenslehrerin, der die Kids gern ihr Herz ausschütten.

"Polizei. Ist deine Mutter da?" Hinter dem Jungen taucht eine Frau auf. "Polizei?", fragt sie verwundert. Dase nickt. "Wir müssen Ihre Wohnung durchsuchen. Ihr Sohn Rick* soll ins Haus seiner Tante und seiner Großmutter eingebrochen sein und Schmuck geklaut haben."

Rick streitet alles ab

Die Mutter lässt die Beamten in die Wohnung, ihre Unterlippe bebt. Die Wohnung ist - was Dase und Gdanietz eher selten erleben - aufgeräumt. Der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Auf dem Boden Flokati, im Regal Bücher vom Dalai Lama.

In der rot getünchten Küche legt Dase den Durchsuchungsbeschluss auf den Tisch. Uhren, Perlenketten, Ohrstecker, Ringe und alte Medaillons im Wert von über 2000 Euro soll Rick bei Tante und Oma geklaut haben. "Oh Gott", stöhnt die Mutter. Tränen steigen ihr in die Augen.

Sie wusste zwar, dass bei ihrer Schwester und ihrer Mutter eingebrochen worden ist. Dass aber ihr Sohn der Täter sein soll? "Alles Quatsch", tönt Rick. "Ich würde nie einbrechen, schon gar nicht bei meiner Tante oder meiner Oma." Dase und Gdanietz ziehen sich weiße Latexhandschuhe über. Der Polizist sagt: "Ich hoffe auch, dass wir nichts finden."

15 "Patenonkel" im Einsatz

Bremerhaven ist, wie es im Polizeijargon heißt, ein "heißes Pflaster". Hier leben die ärmsten Kinder des Landes. Mehr als jedes vierte Kind ist hier auf finanzielle Hilfe des Staates angewiesen. Um die steigende Kinder- und Jugendkriminalität zu bekämpfen, entwickelte die Bremerhavener Polizei vor sieben Jahren das "Scout-Prinzip": 15 Polizisten wurden als Jugendsachbearbeiter ausgebildet. "Wir mussten damals etwas tun, sonst hätten wir eines Tages vielleicht Pariser Verhältnisse gehabt", sagt Bremerhavens Ex-Polizeichef Michael Viehweger. Inzwischen haben andere Städte die Idee aufgegriffen. "Die Kollegen sind unangenehme Patenonkel und Tanten, die den Kids auf die Finger schauen, um zu verhindern, dass sie immer weiter auf die schiefe Bahn geraten", erklärt Viehweger.

Während die Anzeigen früher - je nach Straftat - auf den Schreibtischen verschiedener Dezernate landeten, bekommt es heute jedes Problemkind, jeder verhaltensauffällige Jugendliche mit den immer selben Polizisten zu tun. Die Jugendsachbearbeiter begnügen sich auch nicht damit, den Fall am Schreibtisch abzuarbeiten. Sie besuchen die Eltern, sprechen mit den Lehrern, informieren das Jugendamt, pflegen einen kurzen Draht zur Staatsanwaltschaft und zum Gericht.

Rick läuft rot an

Es dauert keine Viertelstunde, dann wird Addick fündig. Aus einer Schublade in Ricks Zimmer zieht der Polizist einen durchlöcherten gelben Sack. "Was ist das denn hier?" Bisher hat der 14-Jährige die Durchsuchung mit verschränkten Armen und teilnahmsloser Miene verfolgt, jetzt läuft er rot an. Inga Gdanietz greift Sekunden später nach einem verschmorten Stück gelben Plastiks im Mülleimer. Mit fragendem Blick verfolgt Ricks Mutter die Szene. "Dealer wickeln ihre Cannabis-Portionen in Plastikstücke ein, die sie aus solchen Säcken reißen", sagt Dase.

Hat Rick also schon erste Erfahrungen als Kiffer? Die Mutter schlägt die Hände vors Gesicht. Ihr Sohn stammelt: "Äh, das stimmt nicht. Ich hab nichts gemacht." Die Mutter schüttelt den Kopf. "Vielleicht ist es ganz gut, dass Sie da sind", bricht es aus ihr heraus. Die 44-jährige Speditionskauffrau ist arbeitslos, lebt von Hartz IV. Ricks Vater wohnt in Berlin, lässt sich kaum blicken und zahlt keinen Unterhalt. "Rick entgleitet mir immer mehr."

"Mit wem hängst du denn so ab?", will Dase wissen. Rick zählt die Namen seiner Freunde auf: "Dennis Hansen*, Daniel Meyer und Anton Saur." Die beiden Beamten blicken sich an. Sie kennen das Trio. Diebe und Hehler, keiner älter als 16. "Das ist wirklich kein Umgang", sagt Dase. Rick sieht zu Boden. Seine Mutter redet sich in Rage: "Du und deine Freunde, ihr verkauft doch alles Mögliche bei ebay. Neulich habe ich erst eine Sporttasche mit drei Mikroskopen in deinem Zimmer gesehen."

Rick rutscht auf den Boden

Rick, der die ganze Zeit betont lässig an einer Wand lehnte, rutscht langsam zu Boden. Dase geht auf ihn zu, bückt sich und sieht dem Jungen ins Gesicht. "Was für Mikroskope?" Es herrscht Stille im Zimmer. "Die gehörten Anton, meinem Freund", presst Rick hervor. Dases Ton wird schneidend. "Freundchen, wir spielen hier nicht im Sandkasten. Ich nehme dich gleich mit. Wo sind die Mikroskope?" - "Bei ebay", flüstert Rick. Dann heult er fast. "Wenn Sie mich jetzt mitnehmen, bin ich die Petze." Seine Mutter sagt: "Nehmen Sie ihn ruhig mit."

Auf der Wache macht sich Inga Gdanietz bei ebay sofort auf die Suche nach den Mikroskopen. Zusammengesunken sitzt Rick in Dases Büro auf dem Stuhl. Die viel zu weite Jacke und die Hose, die tief auf den Hüften hängt, lassen ihn noch kleiner aussehen. "Jetzt glaube ich auch, dass du den Schmuck geklaut hast", sagt Dase. Der Junge spielt am Reißverschluss seiner Jacke, sieht den Beamten nicht an. Inga Gdanietz kommt rein. "Hier", sagt sie und legt ihrem Kollegen einen Computerausdruck auf den Schreibtisch. Eine Cyntia* aus Bremerhaven bietet auf dem Internetflohmarkt ein Mikroskop an - zum "Sofort kaufen" für 170 Euro. Die reguläre Auktion endet um 14.10 Uhr - also in einer Stunde. Noch sind keine Gebote abgegeben worden. Dase checkt Anton Saurs Personalien im Computer: Seine Mutter heißt Cyntia.

Eineinhalb Stunden später sitzt Anton Saur mit Mutter und Vater in Dases Zimmer. Der Polizist hat die Eltern mit ihrem Sohn telefonisch auf die Wache bestellt. Früher hätte es Wochen gedauert, bis Anton vorgeladen worden wäre. Heute bemühen sich die Beamten, so schnell wie möglich mit den Jugendlichen und ihren Eltern zu sprechen. Es ist nicht das erste Mal, dass Anton, gerade 14 geworden, dem Kommissar gegenübersitzt. Mit sieben ist er erstmals beim Ladendiebstahl erwischt worden.

Früher wurden auch in Bremerhaven Verfahren gegen Kinder unter 14 sang- und klanglos eingestellt, weil sie strafunmündig sind. "Die Kids haben das ungute Signal bekommen, dass nichts geschieht, wenn sie Straftaten begehen", sagt Dase. Heute lädt die Bremerhavener Polizei strafunmündige Täter im Kindesalter grundsätzlich vor. Allerdings nur, wenn die Eltern einverstanden sind - sonst haben die Beamten keine rechtliche Handhabe. Im Gespräch versuchen die Polizisten, den Kindern klarzumachen, dass ihre Taten keine harmlosen Streiche sind, sondern dass sie später als Erwachsene unter Umständen im Gefängnis landen, wenn sie so weitermachen. Bei den meisten Kindern hinterlässt so eine "Vernehmung" einen bleibenden Eindruck, und sie kommen nie wieder. Doch es gibt auch Fälle wie Anton.

Dase zeigt ihm das ebay-Angebot. "Steckst du dahinter?" Der Junge nickt. Er gesteht: "Ich habe die Mikroskope bei Ricky ins Internet gestellt, weil ich zu Hause Computerverbot hatte." Antons Mutter schlägt die Hand vors Gesicht, sein Vater senkt den Kopf. "Woher hattest du die Mikroskope?", hakt Dase nach. "Von Daniel. Er hat sie in der Schule geklaut. Das hat er mir aber erst gesagt, nachdem ich sie schon ins Internet gestellt hatte." - "Wieso hast du die Auktion nicht gestoppt?" - "Ich wusste nicht, wie das geht."

"Mach jetzt reinen Tisch"

Anton möchte auspacken, aber seine Eltern sollen vorher rausgehen. Jugendliche haben das Recht, ihre Eltern bei der Vernehmung vor die Tür zu schicken. Bevor Antons Mutter den Raum verlässt, bleibt sie einen Moment neben dem Stuhl ihres Sohnes stehen und sieht ihn an. Sie hat Tränen in den Augen. "Anton", presst sie hervor, "mach jetzt reinen Tisch." Der Junge wirft seiner Mutter nur einen kurzen Seitenblick zu und nickt. Vielleicht will er verhindern, dass die Mutter merkt, dass auch er Mühe hat, seine Tränen zurückzuhalten.

"Das ist ja ein starkes Stück", sagt Dase, als er mit dem Jungen alleine ist. "Du machst deinen Eltern ganz schöne Sorgen." Anton hält seine Arme wie einen Schutzwall vor der Brust verschränkt, sein Blick ist starr auf seine klobigen Turnschuhe geheftet. "Ich dachte, ich würde dich nie wieder hier sehen", setzt der Kommissar nach. "Dachte ich auch", flüstert Anton. "Was läuft schief?", will Dase wissen. Der Junge zuckt mit den Achseln.

"Kriegst du Taschengeld?"

"Ja."

"Wie viel?"

"Mal einen Euro, mal zwei, mal drei."

"In der Woche?" Der Junge schüttelt den Kopf. "Manchmal wochenlang gar nichts." Etwa eine halbe Stunde redet Dase mit Anton, dann hat er ein ungefähres Bild der Familienverhältnisse. Der Vater arbeitet im Schichtdienst, ist Alleinverdiener. Der Junge trägt gebrauchte Sachen, die er für ein paar Euro bei ebay ersteigert. Nach dem Gespräch wirkt Anton, als habe er lange darauf gewartet, dass ihm endlich einmal jemand zuhört. Er verspricht, die Mikroskope vorbeizubringen, und schwört, dass er jetzt "keinen Mist mehr machen will". - "Ich habe ja auch die Nase voll von diesem Ärger", sagt er.

Der Polizist weiß, wovon er spricht

Wahrscheinlich wird Anton schon in wenigen Wochen wegen versuchter Hehlerei vor dem Jugendrichter stehen. Früher dauerte es ein halbes Jahr oder länger, bis Jugendliche für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen wurden. Heute bemühen sich Polizisten, Staatsanwälte und Richter in Bremerhaven darum, dass die "Strafe auf dem Fuße folgt". "Vielleicht ist das für Anton der Schock, den er braucht, um endlich vernünftig zu werden", sagt Dase. Doch er klingt skeptisch, hat "das komische Gefühl", dass hier "etwas nicht stimmt". Ein paar Tage später weiß der Kommissar, dass ihn seine Ahnung nicht getäuscht hat. Daniel Meyer sagt aus, dass er die Mikroskope gemeinsam mit Anton geklaut habe. Aus der Anklage wegen Hehlerei wird nun eine wegen Diebstahls.

Der Polizist weiß selbst, wie es ist, vor dem Jugendrichter zu stehen. Er war 15, als er mit drei Kumpels nachts die Gullydeckel einer ganzen Straße aushob. Ein Mofa und ein Golf blieben in den Löchern stecken. Wenig später klingelte die Polizei bei Dases Eltern. Wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr wurde er zu 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Außerdem mussten seine Eltern den Schaden von über 10.000 Mark bezahlen.

Dase schwor sich, nie wieder Mist zu bauen. Nach dem Fachabitur bewarb er sich bei der Polizei. Trotz guter Noten wurde er in Niedersachsen nicht zum Test eingeladen - die alte Sache mit den Gullydeckeln stand noch im Polizeicomputer. Die Hessen waren großzügiger. Dase war schon in der Ausbildung, als sein Zugführer ihn zu sich rief. "Was war das damals für eine Sache mit den Gullydeckeln?", wollte er wissen. In diesem Moment keimte bei dem angehenden Polizisten der Wunsch, sich eines Tages um kriminelle Jugendliche zu kümmern und ihnen zu einer neuen Chance zu verhelfen.

Wieder nix mit der Lehrstelle

Am Nachmittag desselben Tages fahren Dase und Inga Gdanietz zur "GauSS III" - einer Schule für lernbehinderte und verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche. Auf dem Pausenhof werden die beiden Polizisten sofort von Schülern umringt. Als wäre es ein Ritterschlag, reißen sich die Jungs darum, "die Bullen" mit Handschlag zu begrüßen.

"Du, Herr Dase, ich muss dich mal eben alleine sprechen." Chris, ein pummeliger Junge, der früher wegen kleinerer Diebstähle aufgefallen ist, hat schlechte Nachrichten für seinen "Scout". Er bekommt die Lehrstelle als Bäcker nicht. Der Teenager wirkt kein bisschen frustriert, plaudert munter drauflos. "Ich will jetzt mehr Sport machen, damit ich abnehme. Vielleicht klappt es ja dann bei der Bundeswehr." Zukunftsangst scheint Chris nicht zu haben. Fast sarkastisch wirkt der Schriftzug, der auf seiner roten Bomberjacke prangt. "Fearless".

Dase lässt sich seine Enttäuschung nicht anmerken. Stundenlang hatte er mit dem Bäckermeister geredet, damit der dem Sonderschüler eine Chance gibt. Doch der Junge fehlte schon während des Praktikums immer wieder. "Kein Wunder, bei dem Elternhaus", seufzt Dase. Der Vater, ein Alkoholiker, hat die Familie verlassen. Die Mutter erzieht ihre vier Kinder allein, lebt von Hartz IV und hatte Angst, dass ihr die Beihilfe gekürzt wird, wenn ihr Sohn für das Praktikum beim Bäcker Geld bekommt. "Bei solchen Eltern können wir uns noch so viel Mühe geben. Das ist fast aussichtslos", sagt Dase. Eine Erfahrung, die auch Lehrerin Vera Mangels oft macht. "Alle wollen ein anderes Leben", sagt sie über ihre Schüler. "Aber die wenigsten schaffen es. Sie haben von zu Hause einfach nichts mitbekommen." Die Lehrerin steht morgens früher auf, um ihre Schüler vor dem Unterricht aus dem Bett zu klingeln. "Mitunter schläft die ganze Familie noch."

Kein Faustrecht mehr an der Schule

Früher herrschte an der GauSS III auf dem Pausenhof das Faustrecht. Die Lehrer mussten zusehen, wie ihre Schüler geschlagen, erpresst und beraubt wurden. Die Gewalt gipfelte darin, dass ein junger Libanese mit seinem Vater und seinen beiden Brüdern auf dem Schulhof einen Lehrer zusammenschlug. Seitdem zeigen die Lehrer "jede Backpfeife" an.

Den Vorwurf, dass sie ihre Schüler kriminalisieren, nehmen Vera Mangels und ihre Kollegen gelassen in Kauf. "Früher hatten die Täter in der Schule Narrenfreiheit und waren nicht zu bremsen, weil ihnen niemand Grenzen gesetzt hat." Seitdem Jugendsachbearbeiter wie Addick Dase in der Schule aus- und eingehen, Anzeigen aufnehmen, Täter zur Rede stellen oder Opfern in Selbstbehauptungskursen beibringen, sich nichts gefallen zu lassen, herrscht "eine friedliche Schulatmosphäre", wie Mangels es in einem Dankesbrief an den Polizeichef formuliert hat.

Neue Taten. Aber es werden weniger

Am nächsten Morgen sitzt Dase um 7.45 Uhr in der Frühbesprechung. Kollege Herbert Meyer, Spezialist für Graffiti, hat einen merkwürdigen Schriftzug entdeckt. "Brigada" hat jemand in kyrillischen Buchstaben an die Wand einer Stadtteilbibliothek gesprüht. Hier leben viele Russlanddeutsche. Besonders die Jüngeren kommen immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Meyer hat recherchiert, dass "Brigada" ein russischer Film ist, der erzählt, wie kriminelle Jugendliche einen Stadtteil terrorisieren. "Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen, aber wir sollten die Sache im Auge behalten", sagt der Polizist. Der Chef nickt.

Im Stakkato liest er die neuen Strafanzeigen vor. "Felix H.*, 14 Jahre, ist mit einer Eisenkette niedergeschlagen worden. Hat für kurze Zeit das Bewusstsein verloren. Verletzungen an Kopf, Nase und Stirn. Tatverdächtig: Marcus S.*, ebenfalls 14." Dase übernimmt den Fall. Ein weiterer in der nicht enden wollenden Kette. Und doch: Die "Scout"-Strategie scheint aufzugehen. In den vergangenen sechs Jahren nahm die Kinder- und Jugendkriminalität trotz schwierigster sozialer Verhältnisse stetig ab. Die Zahl der straffällig gewordenen Jugendlichen sank von 661 auf 448.

Es sind solche Zahlen, die Addick Dase helfen, den Glauben nicht zu verlieren. Abends fährt er mit der Fähre über die Weser nach Blexen. Von der Bremerhavener Tristesse durch den Fluss getrennt, lebt er dort mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Grünen. "Ich mag meinen Beruf sehr", sagt er. "Aber manchmal fehlt mir abends die Kraft, meinen eigenen Kindern noch zuzuhören." Er weiß, wie wichtig das ist. Kürzlich hat er den eigenen Sohn erwischt: Er hatte einem Schulkameraden Legos geklaut. Keine große Sache; einerseits.

Auch Rick braucht einen Patenonkel

Am nächsten Tag steht der Lebensgefährte von Ricks Mutter in der Tür. Er hat im Keller des Nachbarn eine schwarze Sporttasche gefunden. Inhalt: ein Faxgerät, ein paar gefälschte Fabergé-Schmuckeier, zwei alte Taschenuhren mit Monogramm, eine Perlenkette und ein goldener Ehering. Diebesgut. Rick oder einer seiner Freunde hat die Tasche offenbar ganz bewusst im Keller eines Nachbarn versteckt, damit die Polizei sie bei einer Durchsuchung nicht findet. Der Schmuck gehört allerdings weder Ricks Oma noch seiner Tante. Das Diebesgut spricht dafür, dass der Junge etwas mit einem anderen Einbruch zu tun haben könnte. Nun hat auch Rick, der bis zur Durchsuchung nie aufgefallen war, einen "Scout".

*Name von der Redaktion geändert

Diese Reportage ist am 24. März 2007 bei stern.de erschienen. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir sie erneut, d. Red.

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