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Deutschland zieht qualifizierte Zuwanderer an

Zum Thema Einwanderung kursieren viele Vorurteile: Deutschland ächzt angeblich unter der Last von schlecht ausgebildeten Zuwanderern, die die Kassen belasten. Alles Unsinn, sagt ein neues Gutachten.

  Christine Langenfeld überreicht Bundespräsident Joachim Gauck das Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration

Christine Langenfeld überreicht Bundespräsident Joachim Gauck das Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration

Gut ausgebildete Zuwanderer zieht es immer häufiger nach Deutschland. Deutschland sei zu einem "Magnet für gut qualifizierte Zuwanderer aus der EU" geworden, heißt es in einem am Freitag in Berlin vorgestellten Jahresgutachten des Sachverständigenrats der deutschen Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Bundespräsident Joachim Gauck warb bei der Übergabe des Gutachtens für eine sachliche Zuwanderungsdebatte.

Laut SVR waren mehr als zwei Drittel aller Zuwanderer im ersten Halbjahr 2012 EU-Bürger. Von der neuen Mobilität in der EU profitiere Deutschland gleich dreifach: Die Zuwanderer "sind jung, gut qualifiziert, und sie kommen zahlreich". Sie seien durchschnittlich zehn Jahre jünger als die Mehrheitsbevölkerung und hätten häufiger einen Hochschulabschluss als diese.

Dem Gutachten zufolge liegt bei den 25- bis 44-Jährigen der Anteil der Hochqualifizierten an den seit 2004 zugewanderten EU-Bürgern über dem Durchschnitt der Deutschen derselben Altersgruppe: Jeder Fünfte (20,7 Prozent) der Zuwanderer aus den EU-Beitrittsstaaten von 2004 wie Polen oder Tschechien habe einen Hochschulabschluss. Dies gelte mit 20,9 Prozent auch für die Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien. Bei der gleichaltrigen deutschen Mehrheitsbevölkerung liegt der Akademikeranteil mit 18,1 Prozent darunter.

Europäischer Arbeitsmarkt statt Sozialtourismus

"Es entwickelt sich ein echter europäischer Arbeitsmarkt", erklärte die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld. "Die EU-Freizügigkeit bewährt sich gerade in Zeiten der Staatsschuldenkrise." Der Trend, dass vor allem Mittel- und Hochqualifizierte Deutschland verlassen und Geringqualifizierte zuwandern, habe gestoppt werden können. Langenfeld sprach von einer "messbaren Freizügigkeitsdividende" für Deutschland, die "viel zu wenig wahrgenommen" werde.

Diese Beobachtungen stünden "im Gegensatz zu Befürchtungen, dass die EU-Erweiterung einen Sozialtourismus befördert", sagte Langenfeld. Das Ausmaß der Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien werden zudem "weit überschätzt". Allerdings könne es mit dem Wegfall der letzten Mobilitätshürden in der EU Ende des Jahres zu einer verstärkten Armutwanderung kommen.

Gauck forderte, eine "rationale, auf Fakten gestützte Debatte zur Norm" zu machen. Zuwanderung, vor allem Armutszuwanderung, sei ein Thema, das "mit Ängsten verbunden" sei. "Wir wissen aber auch, wie schlecht es ist, wenn wir den Ängsten zu viel Raum geben", sagte Gauck.

Fachkräftemangel bekämpfen

Das Gutachten habe das "Polemisieren gegen 'Sozialtourismus'" als Populismus entlarvt, erklärte der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD). Es sei erfreulich, dass den Ergebnissen nach "das Gefühl der Zusammengehörigkeit in Europa" trotz Krise wachse.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU) erklärte, Zuwanderung sei angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels ein "großer Gewinn" für Deutschland. Als Antwort auf die "mitunter ausgeprägte Armutswanderung" innerhalb der EU müsse Deutschland "passgenaue Angebote" für bleibewillige Zuwanderer finden.

Mit Blick auf die Bundestagswahl forderte Langenfeld, dass die Zuständigkeit für Integrationspolitik "aus dem Innenministerium abgezogen werden" müsse, das den Aspekt der Sicherheit in den Vordergrund stelle. Integrations- und Migrationspolitik sollten in einem "kompetenzstarken" Ministerium zusammengeführt werden, bei dem auch Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik angesiedelt seien.

AFP/DPA/DPA

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