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Steinbrücks gefährliches Ego-Marketing

Die PR-Maschine läuft heiß: Auftritt bei Jauch, Gespräche in "Spiegel" und "Zeit" - Peer Steinbrück lässt sich von Altkanzler Schmidt zum Kanzlerkandidaten küren. Doch ist Schmidt der Richtige dafür?

Von Hans Peter Schütz

Die Frage ist - bei allem Respekt vor Lebensleistung und Alter Helmut Schmidts - fast schon ungehörig, aber sie muss gestellt werden: Ist es akzeptabel, dass der 92-jährige Ex-Kanzler sich so massiv für einen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück einsetzt und einsetzen lässt? Ist das nicht eine vollkommen aus dem Ruder gelaufene Form des Polit-Marketings, die der schwierigen Entscheidung über den nächsten SPD-Kanzlerkandidaten nicht gerecht ist? Wer 2013 für die SPD antritt, geht keineswegs in eine aussichtslose Konkurrenz um die Kanzlerschaft. Er könnte tatsächlich Regierungschef werden.

Die Entscheidung über den SPD-Kanzlerkandidaten darf daher nicht nur fallen unter dem Eindruck, den die Autorität Helmut Schmidts über den SPD-Bewerber vermittelt. Seit Schmidts Zeiten hat sich vieles verändert: die gesamtdeutsche Gesellschaft, das innenpolitische Parteienfeld, die außenpolitische Gesamtsituation, die Problematik der Finanzpolitik - und vor allem die politische Situation der SPD. Selbst der "Spiegel", der bei der Promotion dieses Kandidaten durch Helmut Schmidt eifrig mitwirkt, räumt ein, dass der Alt-Kanzler "ein Mann aus einer anderen Zeit" ist. Reichen Schmidts Maßstäbe also aus, um die Qualifikation Steinbrücks fürs Kanzleramt hinreichend zu bewerten?

Nahles warnt - zu Recht

Aber nicht nur das ist fragwürdig, auch die Person Steinbrück wirft Zweifel auf. Wie soll denn jetzt die Vergangenheit vergessen, ausradiert werden? Jene Zeiten, in denen Steinbrück mehrfach gezeigt hat, dass er keinen Zugang zum Herz der SPD besitzt. In denen er die Jahrzehnte währende Macht der Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen verspielt hat. Ist diese von ihm, ja, man muss es so sagen, damals praktizierte Missachtung des Bauchs und der Seele der SPD-Wähler nicht ein Handicap? Offen ist auch, ob die SPD von heute für einen Kandidaten Steinbrück überhaupt bereit ist. Die Parteirechte schwärmt zwar von Steinbrück. Aber längst nicht alle haben vergessen, dass es Steinbrück einst war, der der WestLB das Spielgeld besorgt hat, mit dem sie sich letztlich in den Bankrott zockte. Weitere Fehler unter seiner Verantwortung sind nicht zu leugnen. Während der Großen Koalition hat er durchaus Beschlüsse mitgetragen, an denen sich die Abneigung vieler Wähler gegen die SPD bis heute festmacht. Er hat die Agenda 2010 verteidigt und, zumindest anfänglich, mitgeholfen, die Finanzmärkte zu liberalisieren.

Vor diesen Hintergrund sich gleichsam selbst zum Kandidaten auszurufen, wie Steinbrück es derzeit praktiziert, ist kühn, fast schon tollkühn. Mehr als zwei Jahre Zeit bleiben dem politischen Gegner noch, die Schwachstellen des Kandidaten bloßzustellen, seine programmatischen Leerstellen zu beleuchten. Das wird ausführlich geschehen, etwa dadurch, dass man diesen Kandidaten einmal zur Bildungspolitik befragt. Andrea Nahles weiß genau, weshalb sie immer wieder davor warnt, die Debatte derart einseitig in Richtung Steinbrück zu beschleunigen.

Freudige Erregung - bei den Linken

Freudig erregt dürfte nur die Linkspartei sein. Steinbrück wäre für sie die Idealbesetzung. Wunderbar anzugreifen als Symbol der alten SPD, und einst ein fügsamer Partner einer Angela Merkel, die politisch für die Misere dieser Tage steht. Das gilt zwar auch für Frank-Walter Steinmeier, aber nicht für Sigmar Gabriel. Vielleicht erinnert sich Helmut Schmidt auch noch einmal daran, dass auch ihn die öffentliche Strahlkraft seiner Person am Ende nicht vor der Niederlage bewahrt hat.

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