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4. April 2008, 07:12 Uhr

Beck hält Steinmeier für einen Gewinner

Seit Monaten sinken die Umfragewerte der Sozialdemokraten, seit Monaten quält sich die Partei mit der Frage, ob sie mit einem Kanzlerkandidaten Kurt Beck eine Chance bei den Bundestagswahlen 2009 hätte. Nun hat Beck gesagt, wer Wahlen gewinnen könnte: Steinmeier. Von Lutz Kinkel, Wiesbaden

Beck (re.) kann sich Steinmeier wohl auch als Kanzlerkandidaten vorstellen© Tim Brakemeier/DPA

Seine Hände zittern. Er knetet sie, steckt sie zwischen die Beine, umklammert die Tischkante, zwirbelt seine Lesebrille. Erst im Laufe des Abends wird Kurt Beck ruhiger. Tom Buhrow hilft ihm. Der Tagesthemen-Moderator soll den SPD-Parteivorsitzenden auf dieser Diskussionsveranstaltung am Donnerstagabend im noblen Firmensitz der Wiesbadener Sektkellerei Henkell-Söhnlein befragen. Das tut er auch. Aber er fragt nicht nach. Buhrow ist ein Charmebolzen, mitunter listig, aber kein Mann, der Kreuzverhöre führt. Beinahe verschämt, als müsste es ihm selbst peinlich sein, notiert Buhrow die schlechten Umfragewerte Becks: Gäbe es eine Direktwahl zum Kanzler, könnte Beck nur mit zehn bis 16 Prozent der Stimmen rechnen. "Glauben Sie, dass Steinmeier Wahlen gewinnen könnte?", fragt Buhrow.

Steinmeier, immer wieder Frank-Walter Steinmeier. Der Außenminister, der Rivale. Ein Mann, der zum konservativen Flügel der Partei gehört und für die Agendapolitik steht. Ein Mann, der im Vergleich zu Beck wesentlich höhere Sympathiewerte in der Bevölkerung genießt. Der aber nie Bürgermeister war, nie Ministerpräsident, der keine Erfahrung besitzt, wie er missmutige, skeptische Menschen begeistern könnte. Wäre dieser Mann also in der Lage, die SPD als Kanzlerkandidat in die Bundestagswahl 2009 zu führen?

"In vino veritas"

Seit Monaten quält sich die SPD mit der K-Frage. Die offizielle Sprachregelung ist, dass Kurt Beck als Parteivorsitzender den ersten Zugriff auf die Kandidatur hat. Dass Kurt Beck seine Entscheidung Ende dieses oder Anfang kommenden Jahres bekannt geben wird. Währenddessen sinken die Umfragewerte der SPD ins Bodenlose. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa sieht die Sozialdemokraten nur noch bei 23 Prozent, ein katastrophaler Wert, der die SPD des Charakters einer Volkspartei berauben würde. Also verschieben sich die Aussagen von SPD-Spitzenpolitikern zur K-Frage. Zwar nur in Nuancen, aber so, dass neue Perspektiven aufblitzen. Beck werde seine Entscheidung davon abhängig machen, "mit wem die SPD zu diesem Zeitpunkt die größten Chancen hat", sagte Fraktionschef Peter Struck. Hamburgs Spitzenkandidat Michael Naumann brachte eine Urwahl ins Spiel.

Eigentlich muss Beck Buhrows Frage grob abbügeln oder so beantworten, dass die Antwort im Ungefähren verschwindet. Er könnte sagen, dass er seine Entscheidung rechtzeitig bekannt geben werde. Er könnte auch sagen, dass die SPD viele herausragende Führungspersönlichkeiten habe. Er könnte Buhrow für seine List zurechtweisen und die Debatte um die K-Frage gegenstandslos nennen. Aber Kurt Beck macht all das nicht. Er sitzt unter einem riesigen Kronleuchter, der den Marmor und die roséfarbene Galerie dieses Firmenschlosses in einen warmen Schimmer taucht. Auf einem Wappenschild an der Brüstung steht "in vino veritas". Im Wein liegt die Wahrheit.

Beck (nur) für die Seele

Buhrow fragt also, ob Steinmeier Wahlen gewinnen könnte. "Ganz sicher", antwortet Beck. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, laut und vernehmlich. "Die Tatsache, dass man das [also Wahlen, Red.] noch nicht gemacht hat, heißt ja nicht, dass man es nicht kann." Das Publikum, überwiegend Wiesbadener Honoratioren im dunklen Dreiteiler, wirft sich ungläubige Blicke zu. War das wieder so ein spontaner Ausdruck seiner Überlegungen wie seinerzeit auf jenem denkwürdigen Hamburger Abend, als Beck erstmals über eine mögliche Zusammenarbeit mit der Linkspartei in Wiesbaden sprach? Hat er wieder, gleichsam en passant, eine Grundsatzentscheidung der Sozialdemokratie kundgetan? Warum spricht er Steinmeier, seinem Konkurrenten, in aller Öffentlichkeit die Fähigkeit zu, Wahlen zu gewinnen?

Führende Sozialdemokraten denken nicht nur darüber nach, mit einem Duo in die Bundestagswahlen zu gehen: Beck für die linke Seele der Partei, Steinmeier für die Wähler in der Mitte. Sie gewöhnen sich bereits an den Gedanken, dass es wohl so kommen wird. Nur diese Kombination verspricht der SPD die höchsten Wahlchancen, nur so lassen sich die Flügel ausbreiten, um endlich wieder abzuheben.

Ein diskretes Geschenk

Buhrow fragt nicht nach. Er lässt die Sätze im Saal stehen. Nach gut eineinhalb Stunden ist alles vorbei. Während des Gesprächs tranken Beck und Buhrow Mineralwasser. Nun stoßen sie mit Sekt an. Zwei Kisten davon laden Bedienstete im Dunkel der Nacht diskret in den Kofferraum eines grauen Audis mit Mainzer Kennzeichen. Es ist Becks Wagen. Womöglich hat er bald Gelegenheit, etwas zu feiern.

Von Lutz Kinkel, Wiesbaden
 
 
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