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Die Namen der "Heuschrecken"

Seit Wochen geißelt SPD-Chef Franz Müntefering die Heuschreckenmentalität von Unternehmen. Namen der größten Übeltäter hat er nie genannt. stern.de liegt nun eine Liste der nach Meinung der SPD gierigsten Kapitalisten vor.

"Einen ehrlichen Mann kann niemand in die Knie zwingen", singt die Deutsch-Soulband "Superpunk" und SPD-Chef Franz Müntefering hatte das auch mal geglaubt. Seitdem aber im kuscheligen Deutschland der Wind des Kapitals rauer weht, weiß er es besser und geißelt daher seit Wochen den Kapitalismus, wann wo er nur kann. "Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir." O-Ton Franz Müntefering, Mitte April 2005.

Auch Ex-Manager Edzard Reuter stellt sich auf Müntes Seite

Die "Macht des Kapitals" ist dem Arbeiterkind Müntefering nicht geheuer. Und nicht nur ihm. Die mehr oder weniger pauschale Kapitalismuskritik ist in Frankreich genauso zu hören wie in Italien. Hierzulande bekommt der SPD-Vorsitzende außer Buhrufen aus allen Ecken auch Applaus aus allen Ecken. Der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter etwa sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Es gibt schreckliche Beispiele in der Managerkaste. Furchtbare Menschen, die in ihrer Gier sämtliche Verantwortung beiseite gelassen haben. Das ist eine Erscheinung des modernen Kapitalismus in einer globalisierten Finanzwelt."

Wer oder was aber genau die skrupellosen Heuschrecken sind, die über die Industrielandschaften ziehen und sie abgrasen blieb bisher im Dunkeln. So weit raus wollte sich Franz Müntefering nun doch nicht aus dem Fenster hängen. Jedenfalls fühlten sich eine Reihe deutscher Unternehmenslenker auf den Schlips getreten und wie sich nun herausstellt: zu Unrecht. Denn Müntefering meinte eigentlich ganz andere Firmen, wie aus einer internen Argumentationshilfe hervorgeht, die diese "Heuschreckenfirmen" beim Namen nennt - das von der Planungsgruppe der SPD-Bundestagsfraktion erstellte Hintergrundpapier "Marktradikalismus statt sozialer Marktwirtschaft - Wie Private Equity-Gesellschaften Unternehmen verwerten", liegt stern.de vor.

Im Visier: US-Investment-Gesellschaften

Dabei nimmt die SPD die Finanzinvestoren, Firmen oder auch Personen, mit großem Vermögen ins Visier, hauptsächlich solche aus den USA. Wie der stern in seiner Ausgabe vom 17. April berichtet hat, gehören diesen Investoren mit rund 5000 Firmen und etwa 400.000 Angestellten mittlerweile zu den größten Arbeitgebern Deutschlands. Ihr vorgehen folgt dabei einem gängigen Muster: Private-Equity-Gesellschaften suchen sich die "Schmuckstücke einer Branche heraus" (Thomas Middelhoff), kaufen sich ein, schließen oder veräußern diejenigen Unternehmensteile, die sie für unpassend halten und verkaufen den Rest oder bringen ihn an die Börse.

Im Mittelpunkt der SPD-Kritik steht dabei offenbar die amerikanische Beteiligungsgesellschaft KKR. 1999 etwa übernahm sie zusammen mit der US-Bank Goldman Sachs den Elektronik- und Geldautomatenhersteller Siemens Nixdorf. Mitte 2004 wurde Siemens-Nixdorf an die Börse gebracht. Von dem Erlös durch den Börsengang in Höhe von 350 Millionen Euro blieben der Firma selbst aber nur 125 Millionen, den Rest von 225 Millionen steckten KKR und Goldman Sachs ein. In den Jahren zwischen Übernahme und Börsengang ließen sich die Gesellschafter zudem Beteiligungen von 160 Millionen Euro auszahlen. Die von KKR und Goldman Sachs erzielte Rendite durch den Deal liegt zwischen 20 und 30 Prozent - eine übliche Höhe in dem Geschäft.

Ein anderes Opfer von KKR: Der Hersteller von Kommunikationsprodukten, Tenovis, vormals Telenorma. Noch Ende 2002, das Unternehmen war gerade durch KKR übernommen worden, verzichteten die Mitarbeiter auf 12,5 Prozent ihres Lohnes um ihre Arbeitsplätze für mindestens ein Jahr zu retten. Im Sommer 2003 aber entließ Tenovis kurzerhand fast die Hälfte der Mitarbeiter. Parallel dazu baute KKR ein kompliziertes Finanzgeflecht auf, in dessen Folge Telenorma umbenannt wurde. Weitere Folge der Finanzjongliererei auf höchsten Niveau: Durch Briefkastenfirmen, Kreditbeschaffungen und –ablösungen, Mietzahlungen sowie Millionen-Honorare für KKR-Berater wurde Tenovis wie eine Zitrone ausgequetscht – einziger Profiteur: KKR.

Auch Haim Saban unter den Heuschrecken-Firmen

Das SPD-Papier nennt viele weitere Heuschrecken: konkret auch die Beteiligungsgesellschaft WCM, die Klöckner übernommen hatte und daneben die Private-Equity-Firmen Apax, BC Partners, Carlyle, Advent, Permira, Blackstone, CVC und auch Saban Capital, Noch-Eigentümer von Prosieben Sat1. Die Opfer der großen Aufkäufer: Neben Siemens Nixdorf und Tenovis, Rodenstock, Autoteile Unger, Debitel, Celanese und Dynamit Nobel.

Prominente Unterstützung bekommt der SPD-Chef nun aus der eigenen Partei: Überraschenderweise schwenkte am Donnerstag auch Wirtschaftsminister Clement auf Müntes Heuschrecken-Linie ein. Der SPD-Vize: "Es sind Finanzinvestoren unterwegs, die sind allein auf die Ausbeutung betrieblicher Vermögen aus."

Die Namen der Aufkäufer

FondsDeutschland-ChefFonds-VolumenBeteiligungen
ApaxMichael Philips5 Milliarden EuroKabel Deutschland
BC PartnersJens Riedel4,3 Milliarden EuroTelecolumbus
Blackstone GroupHans Ostermeier6,5 Milliarden EuroCelanese, Sulo
CVC CapitalSteven Koltes4 Milliarden EuroVitera Energy Partners
KKRJohannes Huth5,1 Milliarden EuroDuales System; MTU, Dynamit Nobel
PermiraThomas Krenz5,1 Milliarden EuroDebitel, cognis, Rodenstock
stern.de/nk
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