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27. Oktober 2009, 15:00 Uhr
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"Versicherte müssen sich warm anziehen"

Steigende Belastungen für gesetzlich Versicherte, aber gute Zeiten für Apotheker, Ärzte und private Kassen: SPD-Experte Lauterbach rechnet auf stern.de mit der neuen Gesundheitspolitik ab.

Karl Lauterbach, SPD ... ist einer der profilierteste Gesundheitspolitiker Deutschlands. Der studierte Mediziner ist Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) der Universität zu Köln - und sitzt für die SPD im Bundestag. Dort engagiert er sich im Gesundheitsausschuss. Lauterbach kämpft für die Bürgerversicherung und gegen die "Zwei-Klassen-Medizin".

Herr Lauterbach, mit Philipp Rösler hat ein Liberaler das Gesundheitsministerium übernommen. Was halten Sie davon?

Ich erwarte eine klassische Klientelpolitik. Also eine Politik, die sich an den Interessen der Apotheker, der Facharztverbände, der Pharmafirmen und der privaten Versicherungen orientiert.

Haben Sie den Gesundheitspolitiker Rösler schon persönlich kennengelernt?

Ich habe mal mit ihm in einer Talkshow gesessen. Er ist nicht unsympathisch. Aber es spielt keine Rolle, welcher FDP-Politiker im Gesundheitsministerium sitzt. Fakt ist: Die Liberalen haben sich ihre Positionspapiere zur Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahren von Lobbygruppen schreiben lassen. Eine Folge ist zum Beispiel die jetzt vorgesehene - und völlig unsinnige - verpflichtende private Zusatzversicherung für die Pflege. Das kommt nur, weil es die privaten Versicherer so wollten.

Auffällig ist im Koalitionsvertrag auch der Umgang mit den Apothekern. Sie sollen wieder das alleinige Monopol auf den Vertrieb von Medikamenten erhalten. Wie passt das mit dem freien Wettbewerb zusammen, den die FDP sonst gerne predigt?

Ich kenne die FDP seit zehn Jahren aus der Arbeit in der Gesundheitspolitik. Für sie gilt immer: Wettbewerb predigen, der Klientel dienen. Insofern hat es mich überhaupt nicht überrascht, dass sie nun verhindern will, dass Apotheken-Ketten entstehen oder fremde Investoren mitmischen. Das bisschen Wettbewerb, das wir stimulieren konnten, wird wieder abgeschafft.

Der Anteil der Arbeitgeber an den Krankenkassen soll künftig eingefroren werden. Das ist ein Abschied aus der paritätischen Finanzierung. Ist das nicht unsozial?

Auf jeden Fall. Und die Folge ist klar: Wenn der Arbeitgeberanteil eingefroren wird, steigen die Kosten für die Versicherten doppelt so schnell, weil sie diese nun allein tragen müssen.

Wenn es nicht wieder Gesetze zur sogenannten "Kostendämpfung" gibt.

Das ist nicht abzusehen. Das ist die erste Gesundheitsreform, von der ich weiß, in der keine Sparziele genannt werden. Nicht einmal genannt! Insofern rechne ich mit einem ungebremsten Anstieg der Kosten ohne Beteiligung der Arbeitgeber. Da müssen sich die Versicherten warm anziehen.

Was heißt das eigentlich in Euro und Cent? Können sie die Kostenkurve abschätzen?

Bisher sind die Kosten pro Jahr für die Versicherten um zirka fünf Prozent gestiegen. Ich rechne mit einer Verdopplung, vielleicht sogar etwas mehr. Heißt: Die Versicherten werden schätzungsweise pro Jahr zehn Prozent zusätzlich zahlen müssen.

Das System, das schwarz-gelb für die Versichertenbeiträge einführen will, scheint komplizierter zu sein als das bisherige.

Wir haben den Einheitsbeitrag wie bisher. Wir haben die kleine Kopfpauschale. Wir haben die privaten Zuzahlungen, zum Beispiel die Praxisgebühr. Wir haben dafür einen kleinen sozialen Ausgleich über Steuern. Und wir haben den Pflegebeitrag plus private Zusatzversicherung. Kurz gesagt: Das System wird bürokratischer und ungerechter.

Der finanzielle Ausgleich zwischen den Kassen, also der Risikostrukturausgleich, soll auf ein Minimum herunter gefahren werden. Was bedeutet das für die Kassen?

Es hat Jahre gedauert, den Finanzausgleich so hinzubekommen, dass er einen Wettbewerb um Qualität fördert und nicht einen Wettbewerb um junge, gesunde und damit kostengünstige Mitglieder. Auch da kommt es jetzt zu einem Rückschritt. Vieles von dem, was wir sehen, erinnert an die Gesundheitspolitik unter Helmut Kohl - wenig Wettbewerb, ineffiziente Strukturen, keine Modernisierung.

Also werden AOK und Barmer, die großen Volkskassen, die Verlierer sein?

Jede Kasse, die viele chronisch Kranke hat, AOK, Barmer und DAK zum Beispiel. Gewinner werden die kleinen Kassen und natürlich die privaten Versicherungen sein. Dahin werden jene wechseln, die wechseln können und wollen, das heißt gesund sind und genug verdienen.

Wird die CSU ihrer Einschätzung nach die Rolle der SPD in der Gesundheitspolitik spielen, um soziale Gerechtigkeit sicherzustellen?

Die CSU ist vergleichbar mit einem Hund, der bellt aber nicht beißt. Ich habe bei den Koalitionsverhandlungen so gut wie keinen Einfluss von Horst Seehofer auf das Ergebnis gesehen. Die CSU hat viele große Probleme in Bayern, ich glaube nicht, dass sie in der Koalition viel bewegen wird.

Heißt: Die SPD hat ein Thema, das sich prima für die Oppositionsarbeit eignet. Wann rufen Sie zur ersten Kundgebung auf?

Das müssen wir gar nicht. Die Menschen sind nicht dumm. Sie werden ihren Gehaltszettel sehen und das Gerede von Gerechtigkeit im Gesundheitssystem hören. Und daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Interview: Lutz Kinkel
KOMMENTARE (10 von 50)
 
awroettger (28.10.2009, 10:27 Uhr)
No chance!
Die Verpflichtung, eine private Versicherung abschließen zu müssen - und sei es auch nur als Zusatzversicherung -, ist vielleicht in Diktaturen, wie dem damaligen Chile, machbar. (Und die Folgen für die Bevölkerung sind ja hinlänglich bekannt.) Sollte eine solche Verpflichtung hier wider Erwarten tatsächlich durchkommen, werde ich sicher dagegen klagen. Und ich hoffe sehr, daß dies auch viele andere tun werden.

Die Privaten sollen bitte erst einmal Mackenroth zweifelsfrei widerlegen. Sollte ihnen dies irgendwann einmal wirklich gelingen, mache ich mir nochmals Gedanken über meine Haltung, daß die Daseinsvorsorge nichts in privaten Händen verloren hat. Versprochen!
brainuser (28.10.2009, 08:58 Uhr)
Nun...
stern.de überrascht mich in der letzten Tagen durchaus positiv mit einer eher kritischen Berichterstattung.

Könnte noch etwas härter, nachhaltiger und investigativer sein, aber die Richtung scheint zu stimmen.
jomimo (27.10.2009, 23:17 Uhr)
An alle hier ...
... suchen Sie doch einfach mal nach Zeitungen ch oder at - und Sie werden ojektiv informiert, mehr oder weniger.
Aber es lohnt sich !
Sozimod (27.10.2009, 21:39 Uhr)
Was war mit 100000 DM Schäuble?
Ach ja er hatte sicher einen Blackout(Volkskrankheit der CDU).
Das Volk lässt sich nicht länger treten!
H.Brand (27.10.2009, 21:31 Uhr)
@stern.de-Redaktion
Liebe Stern-Redaktion,
Sie kommentieren: "Mich erschreckt wie hier immer öfters, mehr oder weniger verschleiert zum Sturz unserer im Grundgesetz verankerten Demokratie aufgerufen wird."
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Mich wundern die Reaktionen nicht, denn irgendwann ist es dem deutschen Volk vielleicht wirklich zu viel, was man ihm zumutet.
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Heißt es nicht in unserem (auch von mir durchaus geschätzten) Grundgesetz in Art. 20, Abs. 4 ausdrücklich: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung (die Grundrechte) zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."
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In Art. 20 heißt es ausdrücklich, dass die Bundesrepublik ein demokratischer und sozialer Bundesstaat ist. - Ist es aber sozial, wenn nun das soziale System der Krankenversicherung abgeschafft werden soll? Ich denke eher, hier versuchen nun die Regierenden, gegen das Grundgesetz zu handeln! Es ist ja nicht das erste Mal, dass unsere gewählte Regierung mit ihren Gesetzen gegen das Grundgesetz verstoßen hat.
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Und da sind Sie, liebe Redaktion, erschreckt über die Kommentare? Ich kann manche Kommentare durchaus nachvollziehen.
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Ich hoffe nur, dass unser relativ unabhängiges Verfassungsgericht dem geplanten Gesetz widerspricht, sofern es zur Verabschiedung kommen sollte. - Andernfalls müsste das Volk an eine Alternative denken, damit unser Staat wirklich ein demokratischer u n d sozialer Staat bleibt.
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Habe ich nicht Recht?
- Horst Brand -
Prologo (27.10.2009, 19:12 Uhr)
Einfürung der Zweiklassen Gesundheitsversorgung
Herr Lauterbach hat es in den letzten 11 Jahren nicht geschafft, das zwei Klassensystem abzuschaffen.
Er hat damit seine Unfähigkeit ausreichend bewiesen.

Was ich nicht verstehe ist, warum der Stern einem solchen abgetakelten SPD Politiker so eine Plattform gibt??

Und das jetzt erst, nach der Wahl!!
Vor der Wahl wäre das die Pflicht des Stern gewesen, den Artikel zu bringen.

Da steckt gesteuerte Absicht dahinter, was ich dem Stern nicht zugetraut hätte.

MfG,
Tobi
Margrit1 (27.10.2009, 18:53 Uhr)
Schuden zurück zahlen
Weterwelle muß schließlich seine Schulden zurück zahlen. Die FDP hat im Wahlkampf Hundertausende ? an Spenden erhalten, vorrangig von Banken und Versicherungen. Darum der Schnellschuß mit der zwangswisden priv. Pflegevers. ähnlich dem Betrug wie die Rieserrente.
Auch Spenden sind nun mal niht umsonst, eine Gegenleistung wird erwartet, ist doch logisch
Aber Lauterbach redet und die SPD, die diesem Fond von Merkel zugestimmt hat, ist ja leider nicht schuldlos daran.
Und nur reden hilft in diesem Land nicht mehr. Bevor wir nicht zu Tausenden auf die Straße gehen, wird sich nichts mehr ändern. Eine Kanzlerin, die uns vorspielt, sie sei, bloß weil die Mauer fiel, plöztlich über Nacht zur lupenreienn Demokratin geworden, die mal eben so im Federstrich a.) die Partität der Krankenvers. schon gekippt hat und nun mit der FDP das gesamt Gesundheitswesen kippen will was noch von Bismarck installiert wurde und üer viele Jahrzehnte nützlich war, gehört schlicht und einfach weg gejagt.
Erneuerungen heißen ja nicht, das alte zerstören.
Ich gebe es offen zu, ich habe dieser DDR-Jule nie getraut und ich weiß, dass ich Recht habe.
Warum legt sie ihre Stasi-Akte nicht offen?
Warum kratzt nicht endlich die Presse am Lack dieser Frau?
Sollen wir wirklich zusehen, wie sie unser Land völlig zerstört?
bR4iNST0RM (27.10.2009, 15:08 Uhr)
@HombreUno
Die Frage stellen Sie Ernsthaft? Ich bemerke, es bringt nichts, weiter zu schreiben. Die Wähler wollen verarscht werden, und wer sich dagegen auflehnt, dem wird das Wort im Munde umgedreht. Asche auf mein Haupt, dass ich es überhaupt versuche, an den Verstand zu appellieren.
JanvanHelsing (27.10.2009, 15:02 Uhr)
@HombreUno
ist dies offen genug ???

Wenn die Regierung die Rechte des Volkes verletzt, dann ist das Recht zum Aufstand das heiligste
aller Rechte und die unerlässlichste aller Pflichten des Volkes und eines jeden Teils des Volkes.
Art. 33 ? 35 der Verfassung der ersten Republik Frankreichs von 1789
nightmare_online (27.10.2009, 14:31 Uhr)
@Conval
Der neue Koalitionsvertrag schreibt fest, das einerseits der Verdandhandel von Medikamenten "überprüft" werden soll, und das die Apotheker vor den Marktmechanismen (durch Apotheken-Ketten) geschützt werden sollen. Insofern wurden die marginalen Liberalisierungen, die von der SPD erreicht wurden, schon vor Regierungsantritt gekippt.
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