Steigende Belastungen für gesetzlich Versicherte, aber gute Zeiten für Apotheker, Ärzte und private Kassen: SPD-Experte Lauterbach rechnet auf stern.de mit der neuen Gesundheitspolitik ab.
Ich erwarte eine klassische Klientelpolitik. Also eine Politik, die sich an den Interessen der Apotheker, der Facharztverbände, der Pharmafirmen und der privaten Versicherungen orientiert.
Ich habe mal mit ihm in einer Talkshow gesessen. Er ist nicht unsympathisch. Aber es spielt keine Rolle, welcher FDP-Politiker im Gesundheitsministerium sitzt. Fakt ist: Die Liberalen haben sich ihre Positionspapiere zur Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahren von Lobbygruppen schreiben lassen. Eine Folge ist zum Beispiel die jetzt vorgesehene - und völlig unsinnige - verpflichtende private Zusatzversicherung für die Pflege. Das kommt nur, weil es die privaten Versicherer so wollten.
Ich kenne die FDP seit zehn Jahren aus der Arbeit in der Gesundheitspolitik. Für sie gilt immer: Wettbewerb predigen, der Klientel dienen. Insofern hat es mich überhaupt nicht überrascht, dass sie nun verhindern will, dass Apotheken-Ketten entstehen oder fremde Investoren mitmischen. Das bisschen Wettbewerb, das wir stimulieren konnten, wird wieder abgeschafft.
Auf jeden Fall. Und die Folge ist klar: Wenn der Arbeitgeberanteil eingefroren wird, steigen die Kosten für die Versicherten doppelt so schnell, weil sie diese nun allein tragen müssen.
Das ist nicht abzusehen. Das ist die erste Gesundheitsreform, von der ich weiß, in der keine Sparziele genannt werden. Nicht einmal genannt! Insofern rechne ich mit einem ungebremsten Anstieg der Kosten ohne Beteiligung der Arbeitgeber. Da müssen sich die Versicherten warm anziehen.
Bisher sind die Kosten pro Jahr für die Versicherten um zirka fünf Prozent gestiegen. Ich rechne mit einer Verdopplung, vielleicht sogar etwas mehr. Heißt: Die Versicherten werden schätzungsweise pro Jahr zehn Prozent zusätzlich zahlen müssen.
Wir haben den Einheitsbeitrag wie bisher. Wir haben die kleine Kopfpauschale. Wir haben die privaten Zuzahlungen, zum Beispiel die Praxisgebühr. Wir haben dafür einen kleinen sozialen Ausgleich über Steuern. Und wir haben den Pflegebeitrag plus private Zusatzversicherung. Kurz gesagt: Das System wird bürokratischer und ungerechter.
Es hat Jahre gedauert, den Finanzausgleich so hinzubekommen, dass er einen Wettbewerb um Qualität fördert und nicht einen Wettbewerb um junge, gesunde und damit kostengünstige Mitglieder. Auch da kommt es jetzt zu einem Rückschritt. Vieles von dem, was wir sehen, erinnert an die Gesundheitspolitik unter Helmut Kohl - wenig Wettbewerb, ineffiziente Strukturen, keine Modernisierung.
Jede Kasse, die viele chronisch Kranke hat, AOK, Barmer und DAK zum Beispiel. Gewinner werden die kleinen Kassen und natürlich die privaten Versicherungen sein. Dahin werden jene wechseln, die wechseln können und wollen, das heißt gesund sind und genug verdienen.
Die CSU ist vergleichbar mit einem Hund, der bellt aber nicht beißt. Ich habe bei den Koalitionsverhandlungen so gut wie keinen Einfluss von Horst Seehofer auf das Ergebnis gesehen. Die CSU hat viele große Probleme in Bayern, ich glaube nicht, dass sie in der Koalition viel bewegen wird.
Das müssen wir gar nicht. Die Menschen sind nicht dumm. Sie werden ihren Gehaltszettel sehen und das Gerede von Gerechtigkeit im Gesundheitssystem hören. Und daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen.