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Die rote Katja links von Oskar

Sie ist 27 Jahre jung, trägt ihr Haar rot und ist Vize-Chefin der Linkspartei. Demnächst sitzt Katja Kipping im Bundestag. Ihrer greisen Partei verpasst sie ein Image von Jugend und Sex-Appeal. Unterschätzen sollten Gysi und Lafontaine sie dennoch nicht.

Von Florian Güßgen

Die Männer sind erzürnt. "Lafontaine ist ein Rassist", sagt einer, "die Linkspartei ist von ihm abhängiger als die Grünen von Joschka Fischer", schimpft ein anderer. Und: "Wer Lafontaine wählt, der soll das Wort links nicht in den Mund nehmen." Drei Männer sitzen auf dem Podium, tief unten im Kellergewölbe der "Moritz Bastei" in Leipzig - und eine Frau. Die Männer sind Altlinke, Kommunisten, Anti-Faschisten, einer gehört zu den "wertkritischen Kommunisten." Und dann ist da diese Frau. Sie heißt Katja Kipping. Gegen sie richtet sich der Zorn, denn sie steht für das, auf das sich die Männer eingeschossen haben. Die "Linkspartei", jene, die sich mit Oskar Lafontaine eingelassen haben.

Die 27-Jährige hat mit den Tiraden kein Problem. Sie steht zu ihrer Rolle, denn sie steht auch zu diesem Linksbündnis. Sie ist nicht nur Abgeordnete im sächsischen Landtag und Vizechefin der Linkspartei - sie ist auch eine glühende Befürworterin der Fusion von PDS und WASG. Die hitzigen Angriffe ihrer Leipziger Mit-Diskutanten perlen an ihr ab. Sie weiß, wo sie steht. Sie weiß, was sie will. Lässig, fast aufreizend, hat sie die schwarze Sonnenbrille in das rote Haar geschoben - im farblichen Kontrast zu der türkisen Kombination aus Ohrringen und Top. Die schwarze Lederjacke, die sie auch während der Debatte anlässt, verleiht ihr etwas Hartes. Den zeternden Gegnern hält sie mit ruhiger, fester Stimme entgegen, dass sie auch Probleme mit Lafontaines Äußerung zu "Fremdarbeitern" habe. So werde sie alles tun, um zu verhindern, dass diese Ansicht in der Linkspartei mehrheitsfähig werde. Aber andererseits sei der Parlamentarismus auch eines jener demokratischen Machtinstrumente, die wohl nicht verschwinden würden - trotz aller Unzulänglichkeiten. Sie sehe keinen Sinn darin, nur auf die Macht der Straße zu setzen. Sie sei Demokratin. "Ich will diese Machtinstrumente nicht Schily und Westerwelle überlassen", sagt sie.

Jugend, Weiblichkeit, und ein Schuss Sex-Appeal

Katja Kipping weiß, was sie will, weil sie weiß, was kommt. Es sieht gut aus für sie. 1999 zog sie als damals jüngste Abgeordnete für die PDS in den sächsischen Landtag ein, nun ist sie Spitzenkandidatin der Linkspartei in Sachsen für die Bundestagswahl am 18. September. Es ist so gut wie sicher, dass sie ein Mandat für Berlin erringen wird. Nur, wenn die Linkspartei an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern sollte, muss Kipping in Dresden bleiben. Aber nicht nur für die sächsischen Genossen, auch für die Bundespartei hat Kipping, freiwillig oder nicht, eine zentrale Aufgabe. Landauf, landab soll sie verkörpern, was der Linkspartei, dieser hoffnungslos überalterten Vereinigung, in der öffentlichen Wahrnehmung, fehlt: Jugend, Weiblichkeit - und ein Schuss Sex-Appeal. Die Dresdnerin soll die Linken aufhübschen. Wer Kipping deshalb für eine naive Politik-Novizin hält, täuscht sich. Sie ist ein Profi. Die Riten der Macht beherrscht sie - selbst bei "Sabine Christiansen" hat sie sich gut geschlagen. Sie ist reif für Berlin.

Museumsshow theorie-erprobter Alt-68er

An diesem Abend in Leipzig ist das Publikumer kleiner als bei "Christiansen". Es sind vor allem Studenten, die gekommen sind, manche barfuß. Die Lafontaines, die Gysis, die Biskys sind hier fern. Nur Kipping ist da - und zeigt, dass sie ihr Handwerk beherrscht. Sie argumentiert schnell, gezielt. Wenn es sein muss, fällt sie den anderen ins Wort. Sie distanziert sich von Lafontaine, der ihrer Partei diesen Schub verliehen hat, vermeidet jedoch jede Schmähung, verteidigt die Linkspartei linientreu. Sie geht auf Distanz zu der gepflegt-akademischen Gesellschaftskritik, die in Wortwahl und Gestus wie eine Museumsshow theorie-erprobter Alt-68er wirkt. Auf dem Podium wirkt Kipping am reifsten, obwohl sie die Jüngste sein dürfte. Spontan wirkt sie dabei nicht, eher ein wenig maskenhaft. "Wir dürfen das, was hier in der Moritz-Bastei passiert, nicht als den herrschenden gesellschaftlichen Diskurs wahrnehmen", sagt sie irgendwann. Sie meint, dass das, was die Linke hier debattiert, an den Problemen der Welt außerhalb der Katakomben vorbeigeht.

Ein gutes Gespür für Macht

Der real herrschende Diskurs tobt außerhalb dieser Katakomben, es ist die Welt, in der sich Ost-PDS und West-WASG unter Führung der Ober-Männer Lafontaine und Gysi zu dieser derzeit so erfolgreichen Links-Melange vermischen. Sie habe schon früh für diese Allianz gekämpft, sagt sie – in Sachsen aber auch im Bundesvorstand, dem sie seit 2003 angehört. Lafontaine hat sie vor wenigen Wochen auf einem WASG-Parteitag in Essen getroffen. Oskar habe sich überraschend interessiert gezeigt, am linken Spektrum und an linken Themen, sagt sie. Er sei viel aufgeschlossener gewesen, als sie das erwartet habe. Kipping ist keine, die gegen die mächtigen Alpha-Tierchen zu Felde ziehen würde. Sie scheint ein gutes Gespür für Machtverhältnisse zu haben. Bei den Linken, zumindest im Bundestag, wird Lafontaine das Sagen haben, denn ohne ihn würden sie nicht in den Bundestag gelangen. Das weiß auch Kipping.

Im Radeburger Seniorentreff

Am Nachmittag vor der Debatte in Leipzig hat Kipping einen Termin in der Meißner Straße im Stadtzentrum von Radeburg, einem kleinen Ort unweit von Dresden. Der Boden ist aus Linoleum, die Decke aus einem Material, das mit seinen tausenden kleinen Spitzkegeln an eine Mischung aus Eierkarton und Tonstudio-Wand erinnert. Es riecht nach fünfziger und sechziger Jahren. Um 15.03 Uhr sitzen die Mitglieder des Seniorentreffs der örtlichen Arbeiterwohlfahrt (AWO) an Holztischen und warten auf Kipping. 37 Frauen und drei Männer. Die drei Männer haben sich gemeinsam an eine Tischecke gesetzt. Kipping wird vorgestellt. Es geht um Renten, um Jobs, die Agenda 2010 und um die Zukunft Ostdeutschlands - alles Themen, die den Linken in der Leipziger Bastei zu wirklichkeitsnah wären.

Kipping sei auf dem "Terrain der Politik" schon eine ganze Weile tätig, sagt die Vorsitzende. "Terrain" spricht sie aus wie "Terrang". Kipping referiert über Rente, im Stehen, mit einem Mikro in der Hand. Klar, strukturiert, versucht sie mit den üblichen PDS-Forderungen zu punkten: höhere Rente, Angleichung in Ost und West, und so weiter. Nachdem sie ihren Vortrag beendet hat, schweigen die Frauen, nur die drei Männer melden sich zu Wort, einer nach dem anderen. Sie fragen kritisch nach, verteidigen sogar die Agenda 2010 des Kanzlers. Kipping ist professionell. Sie bleibt ruhig, lässt sich nicht provozieren - sagt zum Rentenniveau ebenso etwas wie zum sächsischen System der Schulbusse. Sie gewinnt hier nichts, aber sie verliert auch nichts. Bevor sie den Saal verlässt, geht sie zu den drei Männern und klopft zum Abschied auf den Tisch. Das gefällt den Herren. Kipping kann bei Christiansen bestehen. Und bei den alten Herren. Auch das ist eine Qualifikation.

Feigenblatt für die Altmänner-Partei?

Überhaupt die alten Herren. Kipping ist nicht die erste Frau, die in der PDS schnell Karriere macht. Im Gegenteil. Das Prinzip des jungen, weiblichen Aushängeschild hat Tradition bei den Sozialisten. In den 90er Jahren war der Punk Angela Marquardt Mitglied im Bundesvorstand der Partei, später saß Marquardt im Bundestag, ebenso die strammlinke Sahra Wagenknecht. Jetzt Kipping. Sie lassen sich instrumentalisieren, wird ihr vorgeworfen, von den mächtigen Herren. Kipping ficht das nicht an. Sie sagt, in der PDS gebe es viele Ältere und viele Junge. Die Generation dazwischen, die fehle - aber an Jungen würde es nicht mangeln. Sie sagt das auf der Terrasse des sächsischen Landtags in Dresden - just in dem Moment, in dem eine andere junge Frau mit rot-gefärbten Haaren, einem Tablett und einer Gruppe junger Männer ins Freie kommt - Julia Bonk, 19, auch Linkspartei, derzeit die jüngste Abgeordnete in Sachsens Parlament. Kipping gehört da schon zu den Älteren. Die Linkspartei habe viele junge Mitglieder - und noch viel mehr junge Sympathisanten, sagt sie. Die Zahlen lassen etwas anderes vermuten. Zwei Drittel der Mitglieder sind über 60. Überhaupt, sagt Kipping, sei es das Problem der anderen, wenn sie glaubten, sie lasse sich instrumentalisieren. Sie habe inhaltliche Ziele - und diese Ziele wolle sie auch durchsetzen. Das habe sie klar gemacht, bevor sie sich 2003 in den Bundesvorstand habe wählen lassen.

Das Projekt Grundeinkommen

Die Inhalte. Im Parteivorstand der PDS leitete sie die Arbeitsgruppe, die die "Agenda Sozial" formulierte, gleichsam die "Anti-Agenda" gegen das Schrödersche Reformkonzept. Außerdem kümmert sie sich um soziale Bewegungen - das vielfältige Gemisch der linken Verbände, von den Montagsdemonstranten bis zu den Attac-Aktivisten. Sie sei eine emanzipatorische Linke, sagt sie. Ihr gehe es um einen neuen Arbeitsbegriff, der anerkenne, dass es wohl nicht für jeden mehr einen Job geben werde, weil einfach nicht mehr so viele Jobs da sind. Daraus müssten Konsequenzen gezogen werden, sagt Kipping - und fordert, dass jeder Bürger ein Recht auf ein Grundeinkommen von 1000 Euro haben soll. Zuerst in Deutschland, dann in Europa, dann weltweit. Das sei ein Projekt, an dem sie arbeite, sagt sie. Sie glaubt fest daran, dass das Geld dafür aufzubringen ist. Auch Freiheit sei ihr wichtig. Die Freiheit des Einzelnen, sich gegen Zwänge des Staates zu verteidigen - niemanden soll zum Arbeiten gezwungen werden können. Kipping ist Hartz-IV-Gegnerin. Auch bei den Montags-Demos im vergangenen Jahr lief sie mit. Ansonsten trägt sie das Programm und die Parolen der Linkspartei mit. Wie eine kleine Mao-Bibel zückt sie den Entwurf des Wahlprogramms, wenn es etwa um die Frage geht, wo das Geld für all die wohltätigen Projekte eigentlich herkommen soll.

Rund 2000 Euro im Monat

Schülersprecherin, Stadträtin, Abgeordnete, Vize-Chefin. Den Boden unter den Füßen habe sie während dieser langen politischen Lehrzeit nicht verloren, sagt Kipping. Trotz der Abgeordneten-Arbeit habe sie studiert, ihren Abschluss in Slawistik gemacht. In Dresden wohnt sie in einer Vierer-WG, auch das Zimmer in Berlin-Kreuzberg, das sie wegen der Vorstands-Arbeit gemietet hat, gehört zu einer Wohngemeinschaft. Dieser Lebensstil garantiere Bodenhaftung, versichert Kipping. Nach allen Abgaben blieben ihr von ihrer Abgeordneten-Diät rund 2000 Euro sagt sie. Sie will nicht wie eine Abzockerin wirken.

"Du gehst in die Vollen"

Irgendwann, im Laufe dieses Tages in Sachsen, sagt Kipping, für sie sei Hedonismus ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Menschen bräuchten Zeit zur Muße und zum Nachdenken. Sie hätten sogar ein Recht darauf. Ihr selbst wird in den kommenden Wochen wenig Zeit für diesen Hedonismus bleiben. Nach dem Rückzug des "Tatort"-Kommissars Peter Sodann ist sie die Nummer eins in Sachsen - und eine Allzweckwaffe im Wahlkampf der Bundes-Linkspartei. Sie, die Vorstandsfrau, die Befürworterin der Liaison mit der WASG, wird durch das ganze Land geschickt, gerne auch in den Westen. Rund vierzig Veranstaltungen wird sie bis zum Wahltag noch absolvieren, allein in den kommenden Tagen ist sie in Hamburg und in Bayern. Sie, die Pragmatikerin, wird allerorts die Vorzüge des Bündnisses von WASG und PDS preisen. Sie wird die Versprechen der Linkspartei propagieren. Sie wird sich mit etwas Abstand schützend vor Lafontaine stellen und die rote Katja links von Oskar geben. Das alles ist politisches Handwerk. Sie ist jung, aber sie beherrscht es schon jetzt. "Du gehst in die Vollen", sagt einer der Männer auf dem Podium in der Leipziger Moritz-Bastei. Das klingt wie Kritik. Es hätte aber auch ein Lob sein können.

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