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Wehret den Anfängen, ihr Väter!

Unionsfraktionschef Kauder will das Elterngeld demnächst überprüfen. Das ist nicht schlimm. Schlimm wäre, es abschaffen zu wollen. Dennoch sendet Kauder ein familienpolitisch fatales Signal.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

  Gut, das ist nicht Volker Kauder, der Impulsgeber für diesen Kommentar. Aber das Bild zeigt schon, freilich recht assoziativ, worauf's ankommt bei der Debatte um das Elterngeld

Gut, das ist nicht Volker Kauder, der Impulsgeber für diesen Kommentar. Aber das Bild zeigt schon, freilich recht assoziativ, worauf's ankommt bei der Debatte um das Elterngeld

Es ist bisweilen so, dass Politik etwas mit Wirklichkeit zu tun hat. Deshalb vorab ein Geständnis: Ich habe Elterngeld bezogen. Zwei Mal. Jeweils vier Monate. Und: ich habe mir in dieser Phase des Wickelvolontariats zwar einen Familienurlaub gegönnt, aber keine ausgedehnte Exkursion an einem Karibikstrand. Die Zeit war in vielerlei Hinsicht unbezahlbar, vor allem aber aus zwei Gründen: erstens, ich hatte ausschließlich Zeit für die jeweils betreute Tochter. Und zweitens, meine Frau hatte Zeit, sich ausschließlich ihrem Wiedereinstieg in den Job zu widmen, nachdem sie sich zuvor zehn Monate um das Kind gekümmert und Elterngeld bezogen hatte. Der Begriff "Zeit" ist in dem Absatz jetzt schon mehrmals aufgetaucht. Er ist, vielleicht sollte ich das schreiben, im Zusammenhang mit dem Elterngeld von großer Bedeutung. Unterm Strich hat dieses familienpolitische Instrument bei uns bewirkt, dass wir beide viel mehr Zeit für unsere Kinder hatten und dass meine Frau es leichter hatte, wieder in ihren Beruf zurückzufinden, weil sie anfangs ihre komplette Zeit dem Job widmen konnte.

Soviel vorweg. Und jetzt kommt Volker Kauder, Unionsfraktionschef im Bundestag. Der "Süddeutschen Zeitung" hat er gesagt, dass man ja jetzt festgestellt habe, dass die Geburtenrate sinke und dass man sich deshalb in der nächsten Legislaturperiode "das Elterngeld und seine Wirkung noch mal anschauen" sollte. Kauders Aussage muss man nicht dramatisieren. Der Mann will das Elterngeld und seine Wirkung bislang lediglich überprüfen. Das ist nur recht und billig. Außerdem ist Sommer und politisch jenseits der leidigen Eurokrise eh nichts los, mit dem man Flügel der eigenen Partei ein bisschen bewegen kann. Allerdings ist gerade deshalb zu befürchten, dass gerade die Möchtegern-Konservativen und Herdprämien-Fetischisten in CDU und CSU Kauders Einlassung schon jetzt als Halali aufs Elterngeld begreifen. Und deshalb sind an dieser Stelle ein paar vorsorgliche Bemerkungen angebracht.

Geburtenrate kein Maßstab für Elterngeld

Der Sinn des Elterngelds besteht zuvörderst nicht darin, eine direkte Auswirkung auf die Geburtenrate zu haben. Das ist demografisch und ökonomisch zwar wünschens- und erstrebenswert. Aber es wäre ein Irrglaube, den Zeugungswillen von Paaren und die Gebärfreude von Frauen direkt und alleine auf das Elterngeld zurückzuführen. Deshalb ist es absurd, die Geburtenrate - wie es Kauder jetzt tut - als Maßstab für das Funktionieren oder Nichtfunktionieren des Elterngelds zu benutzen.

Nein, das Elterngeld ist lediglich eine von mehreren Maßnahmen, die es Familien erleichtern soll, in dieser Gesellschaft Kinder zu haben. Dabei hat es vor allem zwei Zielgruppen: relativ gut verdienenden, arbeitenden Frauen soll es erleichtern, ihre Kinder ohne gravierende finanzielle Einbußen für eine begrenzte Zeit zu betreuen und schneller wieder zurück in den Job zu kommen; und Männern soll es erleichtert werden, sich ebenfalls ohne gravierende finanzielle Einbußen um die Kinder zu kümmern. Diese Ziele werden halbwegs erreicht, so scheint es. Jedenfalls stellte der Chef des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, vor weniger als zehn Tagen neue Zahlen zu Elterngeldanträgen vor. Egeler sagte damals, dass deutlich mehr Väter das Elterngeld in Anspruch nehmen als das frühere Erziehungsgeld, Tendenz steigend. Bei den im Jahr 2007 geborenen Kindern lag der Anteil der Väter, die Elterngeld beantragt haben, noch bei rund 18 Prozent. Bei Kindern, die 2010 geboren wurden, ist der Anteil auf über 25 Prozent gestiegen.

Familie als gemeinsames Projekt

Dabei wird an Frauen und Männer mit dem gleichen Mittel - dem Elterngeld - jeweils ein anderes Signal gesendet. Für die Frauen lautet die Botschaft: Mädels, ein Kind bedeutet nicht gleich den finanziellen Absturz. Für die Männer: Jungs, es ist schon ok, ja staatlich gewollt, wenn ihr euch um eure Kinder kümmert. Das Elterngeld ist der familienpolitisch richtige Versuch des Staates, Familie und Job als jeweils gemeinsames Projekt von Mann und Frau zu definieren. Auch das ist wirtschaftlich sinnvoll. Denn dass das Wohl dieses Landes künftig auch immer mehr von der Arbeitskraft der Frauen abhängt, dürften mittlerweile wohl fast alle begriffen haben.

Gleichwohl sind wir, mal ehrlich, noch himmelweit davon entfernt, auch nur halbwegs eine Chancengleichheit für Männer und Frauen in Familie und Job herzustellen. Die Mängelliste ist bekannt. Männer werden besser bezahlt, flexible Arbeitszeitenregelungen sind oft Hirngespinste - und die Betreuungssituation ist in vielen Landstrichen desaströs. Und auch die elternzeitwilligsten Väter sollten sich zwei, drei Jahre nach dem Wickelvolontariat mal ehrlich angucken, wer eigentlich langfristig jobtechnisch zurücksteckt in Sachen Kindererziehung. Da mutet es einmal mehr als Hohn an, wenn man an den Irrsinn der geplanten Herdprämie nur denkt.

Und auch bei der Nutzung der Elterngeldes ist das Land längst nicht so weit, wie das wünschbar wäre. Die Zahlen des Statistischen Bundesamt zeigen etwa, dass der Großteil der Väter - 76 Prozent - nur die Mindestelternzeit von zwei Monaten beantragt, die sogenannten "Partnermonate". Das mag, klar, zudem zwischen Berufsgruppen variieren. Aus guten Gründen. In manchen Jobs, auch bei uns Journalisten, ist da einiges möglich, da gehört die genommene Elternzeit bisweilen sogar zum guten Ton unter Vätern. Das kann aber nicht überdecken, dass in manchen Branchen und bei manchen Betriebsgrößen die Bitte um Elternzeit als existenzgefährdender und schlechter Witz begriffen würde. "Hast du keine Eier, Mann?" Es wäre viel sinnvoller, über eine stärkere Durchsetzung der Elternzeit als Norm nachzudenken, als über deren "Prüfung" zu philosophieren.

Und jetzt: Beifall für Kristina Schröder

In den USA tobt seit etwas über einer Woche eine interessante Auseinandersetzung, vor allem unter Frauen. Anne-Marie Slaughter, Feministin, Top-Professorin, zwischenzeitlich Top-Beraterin im Außenministerium Hillary Clintons und, ja, Mutter, hat einen Aufsatz über die Lebensbedingungen an der Spitze geschrieben. Ihre These lautet: Super-Job und Super-Mutter? Mädels, das geht nicht. Ihr müsst euch entscheiden. Denn es geht nicht, solange die gesellschaftlichen und vor allem beruflichen Strukturen nicht familienfreundlicher gestaltet werden. Die Debatte in den USA zeigt, dass die deutsche Familienpolitik hier schon ein Stück weiter ist. Das Elterngeld gehört zu den Errungenschaften, die das belegen. Es abzuschaffen, wäre ein erheblicher Rückschritt. Denn es kann künftig nur darum gehen, das Kinderhaben für Frauen und Männer massiv zu erleichtern - nur das kann überhaupt dazu führen, dass sie wieder mehr Lust aufs Kinderkriegen haben. Es ist ja selten der Fall, dass man Familienministerin Kristina Schröder applaudieren kann. Dafür, dass ihr Haus Kauder jetzt zurückpfeift, verdient sie aber Beifall.

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