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Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Wieder unterwegs: Ein Castor-Zug aus Frankreich soll heute im Atommüll-Zwischenlager in Lubmin ankommen. Doch der Widerstand pennt. Oder sind plötzlich alle für den Atommüll?

Von Manuela Pfohl

  Keiner da beim Castorzug. Statt Gleisblockaden und Schotter-Aktionen trödeln nur ein paar einsame Polizisten die Gleise entlang.

Keiner da beim Castorzug. Statt Gleisblockaden und Schotter-Aktionen trödeln nur ein paar einsame Polizisten die Gleise entlang.

  • Manuela Pfohl

Leise rieselt der Schnee. Er fällt auf kleine Häuschen in verschlafenen Dörfern, auf Straßen, die keines Menschen Fuß in den vergangenen 72 Stunden betreten hat. Er fällt auf das Atommüllzwischenlager in Rubenow am Greifswalder Bodden, ganz hoch oben im Nordosten Deutschlands. Und er fällt auf Lubmin gleich nebenan. Ein 2045-Seelen-Dorf, pardon Seebad, das gern mal demjenigen eine Klage androht, der öffentlich den Ort in Verbindung mit dem C.-Wort nennt. Denn das Zwischenlager - und somit auch der Castor - gehöre ja gar nicht zu Lubmin. Und deshalb dürfe der Ruf der Gemeinde auch nicht durch beunruhigende Meldungen über ein Atomklo ruiniert werden. So jedenfalls zitiert unter anderem die "Märkische Oderzeitung" den stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde, Robert Köhler. Genau hier müsste eigentlich momentan der Teufel los sein. Denn heute soll ein Zug mit vier Castoren am Bodden eintreffen. An Bord abgebrannte Brennstäbe aus dem Versuchsreaktor Karlsruhe und Atommüll vom Atomschiff "Otto Hahn". Da wären Protest und massenhafter Widerstand eigentlich programmiert. So wie vor fünf Wochen beim Castortransport nach Gorleben.

Als im Wendland nix mehr ging, weil die bulligen "Atomkraft, Nein Danke"-Trecker x-tausendmal quer auf den Kreuzungen standen und unzählige zur Blockade entschlossene Castorgegner auf den Schienen Richtung Zwischenlager Gorleben campierten. Als die Bauern an der Polizeiabsperrung vorbei und wahrscheinlich durch selbstgegrabene Tunnel hindurch vegane Linsenpaste und frisches Biobrot oder Speck mit Kartoffelsuppe zu den Widerständlern ans Gleisbett schafften. Als die grüne Politprominenz aus Berlin sich den Anti-AKW-Schal ums frisch frisierte Haupthaar drapierte und sich auffällig unauffällig in die 30.000 Protestler starke Demo gegen den Castortransport einreihte. Als hinter jeder rauwolligen Heidschnucke ein Polizist und hinter jedem raubeinigen Schotterer ein Kameramann standen und alle Welt sah, dass hier was ganz Großes abgeht. Der Protest nämlich gegen die Atompolitik der Bundesregierung, gegen Laufzeitverlängerungen und natürlich gegen die Ausweitung des Zwischenlagers Gorleben durch immer neue Castortransporte. "Die Renaissance der Anti-AKW-Bewegung" wurde medial gefeiert, als völlig unerwartete Auferstehung der volkseigenen Denkfähigkeiten. Und nun?

"Is auch scheißkalt"

Ist keiner da! "Wo bleibt der Widerstand gegen den Castortransport nach Lubmin?", fragen sich verstört die Hardcore-Umweltschützer in den einschlägigen Foren. Gerade einmal schlappe 3600 Protestler - und auch das ist schon hochgerechnet - kamen zur "Stopp Castor-Demo" am vergangenen Samstag nach Greifswald. Gut, auch da mischte sich die lokale Politprominenz mit Mutti unters Castorgegner-Volk. Aber das wars schon, wenn man mal von ein paar Lichterketten und "Kuchenbacken gegen Castor"- Aktionen absieht, die lokale Kirchgemeinden und ein paar Vor-Ort-Umweltaktivisten anboten. Das Protestcamp in Guest südlich von Greifswald wäre beinahe geschlossen worden, weil nicht genügend Anmeldungen da waren. Irre, wenn man bedenkt, dass die "Zulassung zur zeitweiligen Niederlassung in der organisierten linken Infrastruktur" üblicherweise eher restriktiv erfolgt, weil die Camp-Plätze meist knackevoll sind.

"Leute, es geht doch um die Sache", heißt es fast schon flehentlich in den Anti -AKW-Bulletins. "Da müssen wir Flagge zeigen, da müssen wir hin, nach Lubmin." Schlafplätze und Mitfahrgelegenheiten werden organisiert. Und dennoch, zur Zeit sollen gerade einmal rund 200 Aufrechte vor Ort sein. Vermutlich erklären die einen: "Is ja auch scheißkalt", während die anderen fragen: "Wie jetzt, schon wieder Party?" und die nächsten sich entschuldigen: "Nee, ich muss endlich mal meine Masterarbeit schreiben." Vorgeschobene Argumente. Das Problem ist offenbar, dass Vorpommern eindeutig noch das hippe Protest-Event-Image fehlt, das die "Republik Freies Wendland" sich in 30 Jahren Anti-AKW-Bewegung erarbeitet hat. Noch weiß wahrscheinlich kaum ein Mensch jenseits von Mecklenburg-Vorpommern, wo Lubmin überhaupt liegt, ob das noch zur Bundesrepublik gehört oder schon zu Polen und ob bei dem Wetter überhaupt eine Bahn da hin fährt - jenseits vom Castor.

Schnell mal Kloppe angeboten

Tatsächlich fährt meistens eine Bahn in die Nähe der idyllisch gelegenen Boddenlandschaft. Im Sommer zumindest, wenn die Touristen kommen, über die nahezu unberührte Natur des vorpommerschen Hinterlandes staunen und verzückt jeden Kormoran beim Fische fressen fotografieren, ist hier kaum noch ein freies Bett zu haben. Es ist einfach zu schön auf diesem Fleckchen Erde.

Das Ganze hat nur einen Haken: Wenn die Saison vorbei ist, gibt’s den Rest des Jahres kaum noch Jobs hier. Das war, als es noch Ost und West gab, anders. Da arbeiteten im Kernkraftwerk Greifswald rund 10.000 Leute. Für den Laden, der 1974 in Betrieb ging, waren in Greifswald extra zwei komplette neue Stadtviertel mit Wohnungen für die Beschäftigten hochgezogen worden. Als nach der Wende das Licht im Kernkraftwerk ausging, blieben nur noch für knapp 1000 Leute Jobs übrig. Und zwar hauptsächlich im Atommüll-Zwischenlager, das 1994 eingerichtet wurde. Klar, dass sich da viele die "gute alte Zeit" zurückwünschen und hoffen, wenigstens etwas von einem Ausbau des Zwischenlagers zu profitieren.

Klar auch, dass sich die Proteste gegen das "Atomklo" ebenso bei denen, die noch ihre Jobs haben, in Grenzen halten und den zugereisten Protestlern statt warmer Suppe auch schnell mal Kloppe angeboten wird.

Es hätte also gut sein können, dass die 3000 Beamten, die zur Sicherung des Castortransports eingesetzt sind, mitsamt den Konfliktmanagerteams in Lubmin nicht zwischen Beamten und Demonstranten vermitteln müssen, sondern zwischen den Einheimischen und den Demonstranten. Aber so weit kam es bislang nicht. Es ist ja keiner da. Und es schneit immer noch.

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