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Nimm doch mein Geld, Mami!

Das Rentenpaket ist ein teures Geschenk an die Alten, zu Lasten der Jungen. Doch die 20- bis 40-Jährigen wehren sich nicht. Eine Anklage an die eigene Generation

von Laura Himmelreich

  Die Regierung beschenkt die Rentner - die Rechnung zahlen wir Jungen

Die Regierung beschenkt die Rentner - die Rechnung zahlen wir Jungen

Wir haben es nicht anders verdient. Wir könnten uns ja wehren. Aber das tun wir nicht. Wir, die in den 70er und 80er Jahren Geborenen, nehmen einfach hin, dass die Regierung unser Geld verschenkt. Nun beschließt der Bundestag die Mütterrente und die Rente mit 63. Mindestens 160 Milliarden kostet das Ganze bis 2030. Das Geld geht vor allem an jene Rentner, die ohnehin genug haben. Die Große Koalition belohnt sie dafür, dass sie brav ihr Kreuzchen bei Union und SPD gemacht haben. Die Rechnung für die Geschenke bezahlen großteils wir Jungen.

Wir werden in Zukunft noch mehr in die Rentenkasse einzahlen, im Wissen, am Ende noch weniger rauszubekommen. Ein paar junge Hinterbänkler im Bundestag protestieren. Doch der Otto Normal 20- bis 40-Jährige würde nicht auf die Idee kommen, seinen Biergartenbesuch abzusagen für eine Demo gegen die Rentenreform. Eine Online-Petition, die den Verrat der Politik an den Jungen anprangert unterzeichneten lediglich 3400 Menschen. Drei Gründe gibt es für unser Schweigen: Ignoranz, Defätismus und Egoismus.

Die Politik versorgt die Babyboomer

Ja, wir haben viel zu tun: die erste eigene Wohnung, der erste Job, das erste Auto, das erste Kind. Der Tag ist voll und die Rente unendlich weit weg. Wir interessieren uns nicht dafür, wie leichtfertig die Politik unser Geld ausgibt. Gerade deswegen sind wir so leicht übers Ohr zu hauen. Wer hat schon gemerkt, dass im Januar der Rentenbeitrag nicht wie gesetzlich vorgeschrieben um 0,6 Prozent gesunken ist? Um die teuren Rentnergeschenke zu finanzieren, hat die Regierung die vorgeschriebene Beitragssenkung nach der Wahl flink wieder einkassiert. Die Politik versorgt die Babyboomer üppig, weil sich mit ihnen Wahlen gewinnen lassen. Wir Jungen sind wenige. Umso lauter müssten wir schreien, um gehört zu werden.

Stattdessen nicken wir das Umverteilungsprogramm der Regierung sogar ab. Das Arbeitsministerium wirbt damit, dass angeblich über drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen das Rentenpaket richtig finden. Das Ministerium hätte kaum diese Zustimmung bekommen, hätte es ehrlich gefragt: Seid ihr auch dafür, obwohl deswegen eure Beiträge steigen, ihr weniger Rente bekommt, die wirklich armen Rentner nichts vom Paket haben und die Lasten einseitig von den gesetzlich Versicherten getragen werden? Nur mit diesen Fragen hätten die Zustimmungswerte wirklich Aussagekraft.

Wer nichts erwartet, hat nichts zu verlieren

Für einen Protest gegen die Reform fehlen auch die Gruppen, die das Aufbegehren organisieren. Die Verbände, die aufmucken, sind rar. Da gibt es zum Beispiel die Jungen Unternehmer oder die Jungen Liberalen. Doch kaum jemand kann sich mit denen identifizieren. Deswegen haben sie auch keine Macht, die Massen zu mobilisieren.

Statt aufzubegehren, geben wir uns dem Defätismus hin. Lethargisch blicken wir jährlich auf unseren Rentenbescheid - und legen ihn schnell wieder weg. 81 Prozent der 30- bis 44-Jährigen zweifeln daran, dass ihre Rente sicher ist. Wer nichts erwartet, hat auch wenig zu verlieren. Und so verteidigen wir erst gar nicht das Bisschen, das uns zusteht.

Die Sorgenfreien müssten protestieren

Zu guter Letzt sind wir Egoisten. Beim Geld denkt jeder an sich. Gerade junge Bildungsbürger machen sich wenig Sorgen. In Deutschland sind die gut Ausgebildeten meist Kinder wohlsituierter Eltern. Und wer Papis Häuschen erbt, muss sich nicht um die gesetzliche Rente scheren. Allein bis 2020 werden in Deutschland 2,6 Billionen Euro vererbt. Auch deswegen bleiben die Proteste aus.

Demonstrationen und soziale Bewegungen, so schätzt der Protestforscher Dieter Rucht, werden zu zwei Dritteln von Bildungsbürgern angeführt. Die Sorgenfreien müssten also jetzt auf die Straße gehen, um für die Rente ihrer weniger begüterten Altersgenossen zu demonstrieren. Doch die bleiben Zuhause und lassen zu, dass die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Generation auch im Alter weiter wächst.

So werden wir auch am Freitag in der Sonne sitzen, den Mai genießen, während der Bundestag unser Geld verteilt. Um uns aufzuregen, geht es uns schlicht zu gut.

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