In Deutschland leben 2,6 Millionen Türken. Überwiegend Döner-Verkäufer und Kopftuch-Trägerinnen, die unter sich bleiben wollen? So geht das Klischee. Doch das Klagen über Integrationsprobleme überdeckt: Viele Kinder der Gastarbeiter haben den Aufstieg längst geschafft. Und die Besten haben Erfolg nicht nur in Show und Sport, sondern auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Von Bernd Volland und Christine Zerwes

Nazan Eckes, 30, TV-Moderatorin "Let's Dance", "Explosiv-Weekend", geboren in Köln. Ihr Vater arbeitete als Chemiearbeiter bei Bayer in Leverkusen© Ali Kepenek
Sie sollten bloß nicht glauben, die Deutschen, dass Ahmet Yilmaz kein Wirtschaftswunder erlebt hätte - das steht doch hier vor ihm in kurzen Hosen. Mit braunen Augen, die euphorisch funkeln, unter dem rechten der verblassende Schatten eines Veilchens. Ahmet Yilmaz blickt sehr stolz. Vielleicht wäre er noch stolzer, wenn er richtig Deutsch lesen könnte, dann verstünde er all die schönen Berichte in den regionalen Zeitungen: Pinar Yilmaz, ASV Wuppertal, ist deutsche Meisterin im Leichtgewicht der Juniorenboxerinnen. Pinar, 18, Abiturientin. Pinar, Tochter des türkischen Gastarbeiters Ahmet.
Dann könnte er natürlich auch all die Katastrophenmeldungen lesen: über Arbeitslosigkeit, Sprachbarrieren, Schulabbrecher, Ghettobildung. Über Kopftuchzwang und Ehrenmorde. Über Männer, die ihre Töchter und Frauen schlagen.
Ahmets Tochter wird nicht geschlagen. Ahmets Tochter schlägt Männer. Das sollen die Deutschen ruhig wissen. Pinar, die Handschuhe an den Fäusten, steht in einer Wuppertaler Turnhalle, wo sie im Training immer mit Jungen in den Ring steigt. Sie sagt: "Viele wollen einfach nicht sehen, dass es auch Türken wie uns gibt."
Natürlich, die Zahlen sind erschreckend, mehr als 25 Prozent Türken ohne Job. Die Zukunfts- und Sprachlosen. Aber was ist mit den anderen drei Vierteln, die arbeiten und Steuern zahlen? Das Essener Zentrum für Türkeistudien befragt regelmäßig Türken und Türkischstämmige in Nordrhein-Westfalen. Und es leuchten auch ein paar grüne Lämpchen auf. Von den unter 30-Jährigen sind mittlerweile fast zwei Drittel Facharbeiter, Angestellte oder Selbstständige, jeder sechste hat Abitur.
"Wir haben an den Universitäten 30 000 türkischstämmige Studenten. Menschen, die hier Karriere machen werden", rechnet Faruk Süen vor, Leiter des Zentrums für Türkeistudien. "Auch wenn es zu viele gibt, denen die Integration noch nicht gelingt: Es werden immer mehr, die hier erfolgreich leben und das Land voranbringen. Es gibt durchaus Grund zu Optimismus. Nur, davon wird kaum gesprochen." Vor lauter Klagen über Integrationsprobleme vergessen die Deutschen, jene zu würdigen, die wirklich hier angekommen sind. Immigrantenbiografien, die von Aufstieg handeln, wie die amerikanischen Tellerwäscher-Storys, Mutmachergeschichten, kennen sie kaum.
Regisseur Fatih Akin, Schriftsteller Feridun Zaimoğlu, die Reisebüro-Familie Öger oder Komiker Kaya Yanar werden regelmäßig präsentiert. Als gäbe es lediglich ein paar Exoten, denen man ihren Ruhm nur zugesteht, weil sie irgendwann mal den Problemtürken thematisierten. "Aber diese Leute sollten nicht gefeiert werden, weil sie Türken sind, sondern weil sie gut sind in dem, was sie machen", sagt Sina Afra, Manager bei Ebay in Potsdam.
Es ist gerade mal 15 Jahre her, da wagten Regierungspolitiker erstmals, das Wort "Einwanderungsland" in den Mund zu nehmen, ohne "das sind wir nicht" dranzuhängen. Seitdem steht es noch immer als Synonym für "Problem". "Das ist zwar kein Rassismus. Aber man hält zumindest starr an einem Negativbild fest", sagt Wirtschaftsprofessor Şen.
2005 gab es 64 600 türkische Selbstständige in Deutschland, die Zahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast verdreifacht, wie das Zentrum für Türkeistudien in einer bisher unveröffentlichten Studie errechnet hat. Es sind keineswegs nur Dönergriller oder putzende Ich-AGs, sie haben 323 000 Arbeitsplätze geschaffen, setzen 29,5 Milliarden Euro um. Fast die Hälfte hat sich mittlerweile aus den traditionellen Nischen herausgewagt: Baubranche, Handwerk, verarbeitendes Gewerbe sind neue Großbereiche. Migranten sind nicht nur eine Last, sie sind auch eine Chance. Professoren, Manager, Künstler, Sportler. "Es sind Vorbilder, wie sie junge Türken brauchen", sagt Şen. "Aber sie werden von der Gesellschaft und der Politik kaum gezeigt. Man verschenkt Motivationspotenzial."
Genau da könnte man von den Türken lernen, meint Bülent Arslan: "Auf Menschen zuzugehen, positiv anzuspornen. Das sind für Türken wichtige Eigenschaften, die der deutschen Politik gar nicht schaden würden." Arslan, 31, kümmert sich um Integrationspolitik - bei der CDU in NRW. Ein Wählerpotenzial von 60 Prozent bei den Türkischstämmigen wittert er für die Union - nur hatte die Rüttgers-Oettinger-Koch-Partei mit hysterischen Unterschriftsaktionen und Einwanderungsfragebögen die Klientel bisher nicht gerade gepflegt. Die Türken hören, was sie nicht sein sollen, begleitet vom Generalverdacht, es eben doch zu sein: Islamisten, Kopftuchträgerinnen, Gestrige, Bildungsverweigerer. Mit freundlicher Bitte um den Gegenbeweis.
"Ich habe es satt, dafür bestaunt zu werden, dass ich es geschafft habe, obwohl mein Eltern doch aus Anatolien kommen", sagt Hatice Akyün. Menschen wie sie tragen eine Last: Sie sehen ihren Erfolg als selbstverständlich an, und sie wollen, dass er auch so wahrgenommen wird. Aber die Selbstverständlichkeit ist noch weit entfernt, und bis es so weit ist, braucht man Vorbilder, Menschen, die sich erklären.
Akyün ist Journalistin und Buchautorin. In "Einmal Hans mit scharfer Soße" erzählt sie ihre Familiengeschichte: von kleinen Generationskämpfen und davon, wie sie ihr deutsches Rock'n'Roll-Leben mit Mann, Wein und Gesang austobt und mit dem Vater über den Islam diskutiert, einem Mann, der als Ziegenhirte nur den freien Himmel kannte und dann in Deutschland im Dunkeln der Bergwerksschächte schuftete. Es ist ein heiteres Buch. Harmlos!, schimpften deutsche Rezensenten. "Harmlos? Es ist mein Leben", sagt Akyün. "Ich kann leider nicht mit Kopftuchzwang und einem prügelnden Vater dienen."
Akyüns Buch war ein Bestseller. Und dann sitzt sie auf Lesungen in Pforzheim, Pfullingen oder sonst wo. Das Publikum lacht und klatscht, aber nach dem Lesen muss sie doch wieder über Ehrenmorde diskutieren. Und immer diese Fragen: Fühlen Sie sich als Türkin oder als Deutsche? "Warum fällt es so schwer zu glauben, dass man sowohl Türkin als auch Deutsche zugleich sein kann, ohne zutiefst unglücklich zu werden?", fragt sie.
Übernommen aus ...
Ausgabe 06/2007