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27. Juli 2008, 14:00 Uhr

Weggeworfen

30 bis 40 ausgesetzte Babys werden jedes Jahr gefunden - meistens sind sie tot. stern-Mitarbeiter Manfred Karremann hat Mütter, die ihren Säugling sich selbst überlassen oder getötet haben, im Gefängnis besucht. Er sprach mit Frauen, die in ihrer Einsamkeit keinen Ausweg mehr wussten. Von Manfred Karremann und Werner Mathes

Im Frühjahr 2005 fanden spielende Kinder in Moers ein totes Neugeborenes in dieser Plastiktüte. Die 20-jährige Mutter wurde durch eine Speichelprobe überführt© M. Karremann

Ein kleiner Kletterturm mit Rutsche, ein Schaukelgestell, ein Bolzplatz mit Fußballtor - der Spielplatz Eicker Wiesen in Moers. Ein heiterer Vorfrühlingstag, Samstag vor Palmsonntag. Zwei, drei Jungs hatten eine Plastiktüte vor den Füßen und kickten damit auf dem Weg neben dem Spielplatz herum - bis plötzlich aus der Tüte das Ärmchen eines Babys ragte. Eine halbe Stunde später schon war das Gelände an diesem 19. März 2005 abgeriegelt, hatten Ermittler der Mordkommission aus dem benachbarten Duisburg mit der Spurensicherung begonnen. Um 16.56 Uhr tickerte die Deutsche Presse-Agentur: "Toter Säugling auf Spielplatz gefunden."

Immer wieder schockieren solche Meldungen die Öffentlichkeit. Vor zwei Wochen fand ein Angler ein totes Baby in der Weser bei Bad Oeynhausen. Die Obduktion ergab, dass das Mädchen höchstens drei Tage alt geworden war. Von der Mutter fehlte bis Montag dieser Woche jede Spur. Im Mai entdeckte der 18-jährige Sohn einer Familie im sauerländischen Möllmicke bei Wenden drei tote Babys in der Kühltruhe der Familie. Seine Mutter, heute Mitte 40, hatte die Mädchen zwischen Ende der 80er Jahre und etwa 2001 offenbar unbemerkt zur Welt gebracht und nach der Geburt getötet. Die Leichen versteckte sie unter Tiefkühlpizzen im Eisschrank im Keller.

Da in der amtlichen Kriminalstatistik die Tötung von Neugeborenen - medizinisch: Neonatizid - nicht gesondert erfasst wird, ist man auf Schätzungen angewiesen. Nach der Auswertung von Medienberichten und Angaben einiger Landeskriminalämter kamen die Wissenschaftlerinnen Regula Bott und Christine Swientek für den Zeitraum von 1999 bis 2007 auf 203 tote Babys, also durchschnittlich 25 bis 26 pro Jahr. Dazu werden jährlich zwischen 6 und 14 ausgesetzte Kinder noch lebend geborgen.

Die Babyleichen werden nur zufällig gefunden

"Es ist immer ein Zufall", sagt Heinz Sprenger, "wenn ein kleines Ärmchen oder ein Fuß irgendwo in einer Tüte oder im Müll bemerkt wird." Sprenger ist Leiter der Duisburger Mordkommission und hat einige solcher Fälle in den vergangenen Jahren bearbeiten müssen. Er hatte auch die Mutter des toten Säuglings vom Moerser Spielplatz am Eickschenweg ermittelt, hatte knapp 2200 Frauen aus der Umgebung zu Speichelproben auffordern lassen, um deren DNA-Codes mit dem des Babys abgleichen zu können. Probe 1074 war ein Treffer - die 20-Jährige wohnte zwei Gehminuten vom Spielplatz entfernt.

Praktiker wie Heinz Sprenger gehen davon aus, "dass die Babys, die in den Akten der Mordkommissionen registriert sind, nur ein paar von Hunderten pro Jahr sind, die niemals entdeckt werden". Das vermutet auch Dr. Peter Seiffert, Chefarzt der Kinderklinik des Katholischen Klinikums Duisburg. Seiffert bezieht sich dabei auf Zahlen aus Frankreich, wo - anders als in Deutschland - anonyme Geburten erlaubt sind. Dort kann eine Mutter, die weder ihren Namen noch den des Vaters nennen will, in einem Krankenhaus ihr Kind zur Welt bringen. Hunderte von Kindern werden so jedes Jahr entbunden, sagt Seiffert. "Das könnte der Zahl entsprechen, die bei uns spurlos verschwinden." Kritiker argumentieren, dass man sich damit leicht vor der Unterhaltsverpflichtung drücken kann - und vor allem das Kind seines Rechts um Kenntnis der Herkunft beraubt. An rund 130 Krankenhäusern in Deutschland wird die anonyme Geburt dennoch praktiziert. Entsprechende Ermittlungsverfahren gegen Ärzte und Hebammen werden in der Regel eingestellt.

Ein "Bündel von Motiven" führte zur Tat

An eine anonyme Geburt hatte auch Sabine Schüssler* (*Namen von der Red. geändert), heute 40, gedacht, bevor sie dann doch daheim niederkam, ihr Kind umbrachte und die Leiche in einer Gefriertruhe versteckte. Deswegen wurde sie im vergangenen Jahr wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt. "Für die Tat gibt es nicht nur ein einziges Motiv, sondern ein ganzes Bündel", hatte der Richter gesagt, "die Frau hatte Angst um den Bestand der Familie - außerdem war sie durch die Erziehung der beiden Kinder, die ganz allein auf ihr lag, völlig überlastet." Und: "Sie lebte in einer Traumwelt und ist eine Meisterin des Verdrängens."

Schon das erste Kind, heute elf Jahre alt, hatte sie heimlich in einer Klinik zur Welt gebracht, und als sie mit dem zweiten schwanger war, erfuhr es ihr Lebensgefährte erst kurz vor der Geburt. "Ich habe im Prinzip immer darauf gewartet, dass ich unter Druck gesetzt werde, dass ich zugeben muss, tatsächlich schwanger zu sein", sagt sie heute. Sie habe immer nur funktioniert, sei immer ruhig und still gewesen, habe nie rebelliert, sei vor Problemen lieber davongelaufen oder habe sie einfach verdrängt - ständig beherrscht von der Angst, verlassen zu werden. "Er hat zu mir gesagt, falls ich noch einmal schwanger werden sollte und ihm das verschwiege, dann trennt sich die Familie, trennen sich die Wege." Das hatte Gerhard Berger* auch vor Gericht eingeräumt: "Damals habe ich ihr gedroht, sie rauszuschmeißen."

Sabine Schüssler verbüßt ihre Strafe in einem Frauengefängnis. Sie spricht leise, zögernd, wendet immer wieder den Blick ab, wenn sie von der furchtbaren Zeit im Sommer 2005 erzählt.

Einsamkeit und Desinteresse

Sie sei "sehr einsam gewesen". Das Paar wohnte mit den beiden Söhnen in einem Dreifamilienhaus in einer kleinen Gemeinde. Die Woche über arbeitete ihr Lebensgefährte, ein Ingenieur, auswärts, und wenn er freitagabends nach Hause kam, verschwand er oft gleich in seinem Computerzimmer. Wenn sie mal gemeinsam bei Tisch saßen, beschäftigte sie sich mit den Kindern - er las. "Mein Partner interessierte sich in den letzten Jahren nicht mehr für mich", sagt sie, "er wusste wenig über mich, meine Persönlichkeit oder meine Interessen." Samstags ging Gerhard Berger zur Jagd. Dass sie wieder schwanger war, bekam er angeblich nicht mit. Sie sagt: "Ich glaube, er hat auch nichts mitkriegen wollen." Andere hätten es gewusst, so Schüssler. Die Kindergärtnerin der Buben, auch der Metzger, bei dem Sabine Schüssler immer einkaufte. "Mit denen hab ich reden können", sagt sie, "mit meinem Partner aber nicht." Warum hat sie dort keine Hilfe gesucht? "Mir fällt es sehr schwer, Hilfe zu suchen oder anzunehmen - habe mich lieber treiben lassen, einfach verdrängt: Ich bin nicht schwanger."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 30/2008

Erste Hilfe

Erste Hilfe Zwischen 2000 und 2007 wurden in Deutschland insgesamt 76 Babyklappen eingerichtet, in denen Mütter ihr Neugeborenes anonym ablegen können. Nach Auskunft des Bundesfamilienministeriums waren bis Ende 2007 mindestens 143 Kinder in solchen Klappen abgegeben worden - Nordrhein-Westfalen (21 Klappen) und Bayern (14) lieferten dazu keine Zahlen. Jede Babyklappe ist mit einem Wärmebett ausgestattet. Die Mutter findet dort in der Regel einen Umschlag mit Hilfsangeboten und der Offerte, ihr Kind innerhalb einer bestimmten Frist - meist acht Wochen, in denen der Säugling in einer Pflegefamilie unterkommt - wieder zurückholen zu können. Wenn sich die Klappe geschlossen hat, wird ein "stummer Alarm" ausgelöst und das Kind vom benachrichtigten Fachpersonal übernommen. Kameras gibt es keine an der Außenseite der Klappe. "Wenn wir nur einige der sonst ausgesetzten Babys so retten können, lohnt sich schon der ganze Aufwand", sagt Professor Peter Seiffert (Foto) vom Katholischen Klinikum in Duisburg, das eine eigene Babyklappe betreibt. Wer sein Kind nicht allein zur Welt bringen will, hat - obwohl in Deutschland nicht legalisiert - auch die Möglichkeit der anonymen Geburt in einer Klinik. Rund 130 Krankenhäuser bieten eine vertrauliche Entbindung an, bezahlt vor allem aus Spenden. Vermittelt werden anonyme Geburten unter anderem vom Projekt Findelbaby des Hamburger Vereins SterniPark e. V. (bundesweiter Notruf: 0800/4560789) oder vom bayerischen Moses Projekt des Vereins Donum Vitae e. V. (bayernweiter Notruf: 0800/0066737).

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