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Buchauszug

Kirchen pesten gegen Kinderlose - und bedienen sich an Steuerkasse

Kirchen verurteilen Kinderlose. Sie sollen die Sozialsysteme ruinieren. Dabei greift Vater Staat den Kirchen mit Steuergeld kräftig unter die Arme.

Neben der Kirchensteuer kassieren Kirchen in Deutschland auch ordentlich aus der normalen Steuerkasse (Symbolfoto)

16,8 Milliarden Euro haben die Länder den Kirchen seit der Gründung der Bundesrepublik als Wiedergutmachung für die Enteignungen überwiesen (Symbolfoto)

"Wer keine bekommt, ist egoistisch", sagt der Papst. "Eine Gesellschaft mit einer erfolgsorientierten Generation, die sich selbst nicht mit Kindern umgeben will und für die Kinder vor allem etwas Störendes, eine Belastung, ein Risiko darstellen – das ist eine deprimierte Gesellschaft." Familien mit drei Kindern sind nach Vorstellungen des Papstes optimal. Der Papst selbst hat keine Kinder. Früher soll es Heilige Väter gegeben haben, die echte Papas waren. Papst Hormisdas (514– 523) war Vater eines Sohnes. Papst Hadrian II. (867–872) hatte eine Tochter. Die Katholische Kirche war offenbar lockerer drauf.

Heutzutage erlaubt die ihren Priestern nicht mal mehr, sich offiziell zu ihren unehelichen Kindern zu bekennen. Und wer es tut, fliegt raus. Was die Katholische Kirche diesen Kindern antut, kann man in dem Buch: "Sag keinem, wer dein Vater ist" von Karin Jäckel nachlesen. Die Journalistin hat das Schicksal von Priesterkindern aufgearbeitet. "Kinder, die mit Angst und Lügen aufwachsen – so belegen die erschütternden Zeugnisse und Berichte dieses Buches – haben keine Kindheit", schreibt die Autorin. Aber Papst Franziskus findet ja auch nichts dabei, Kinder zu schlagen.

"Ehe und Familie" sind "gute Gaben Gottes"

Auch die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) hält "Ehe und Familie" für "gute Gaben Gottes". In der familienpolitischen Stellungnahme auf der Internetseite der EKD liest man: "Unsere sozialen Sicherungssysteme sind auf Familien angewiesen." Diese Formulierungen waren einigen Pfarrern offenbar zu lasch. "Ein Menschenrecht auf kostenlose, gewollte Kinderlosigkeit kann es nicht geben", schrieb der emeritierte Theologie-Professor Klaus Meyer zu Uptrup 2014 im Pfarrersblatt. Entweder ihr seid fruchtbar und mehret euch. Oder ihr müsst zahlen. Eine Art moderner Ablasshandel also. "Seit rund 40 Jahren bleibt ein Drittel der Bevölkerung zeitlebens kinderlos und zerstört damit ein ausgewogenes Generationenverhältnis, wie es für das Funktionieren unserer Sozialsysteme (Renten, Pflegeversicherung, Krankenkassen ...) Voraussetzung ist", grollt er. "Das kinderlose Drittel unserer Bevölkerung hat den Generationenvertrag 'aufgekündigt' und schiebt die 'Vertragsstrafe' ab auf die Altersgenossen, die Eltern geworden sind."

Wir Kinderlosen zerstören also den Generationenvertrag, weil wir keine neuen Beitragszahler gezeugt und geboren haben. Nun muss man wissen, dass längst nicht alle Kirchenmitarbeiter, also auch Pfarrer und , den Generationenvertrag stützen und in die Rentenversicherung einzahlen. "Satzungsmäßige Mitglieder geistlicher Genossenschaften", also Mönche, Diakonissen und andere Ordensmitglieder, sind von der Pflicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen, befreit. Und man muss wissen, dass die Kirchen sich die Gehälter ihrer Bischöfe, Priester und Vikare vom Steuerzahler spendieren lassen. Rund 500 Millionen Euro überweisen die Bundesländer (abgesehen von den Stadtstaaten Hamburg und Bremen) jedes Jahr an die Kirchen. Keine Kirchensteuer, wohlgemerkt, sondern sogenannte "Staatsleistungen" aus dem Steuersäckel. Also Geld, das die arbeitende Bevölkerung in diesem Land erwirtschaftet hat. Warum? Nun ja, der Staat leistet mit dieser halben Milliarde Abbitte dafür, dass die Kirchen im 18. und 19. Jahrhundert enteignet wurden. Angeblich wurde ihnen dafür Schadenersatz zugesichert. Kirchenkritiker halten letzteres für eine Legende. Doch selbst wenn es so gewesen sein sollte, wäre diese Schadensersatzforderung inzwischen über 200 Jahre alt. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch verjähren Forderungen in der Regel nach drei Jahren. Und in der Bibel ist gar die Rede davon, dass Schulden alle sieben Jahre erlassen werden sollen.

16,8 Milliarden Euro von Ländern an Kirche

Doch die Kirchen kassieren das Geld ungerührt, selbst wenn im Land der Rotstift regiert und bei Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern gespart wird. 16,8 Milliarden Euro haben die Länder den Kirchen seit der Gründung der Bundesrepublik als Wiedergutmachung für die Enteignungen überwiesen. So hat es der Verwaltungsjurist Johann Albrecht Haupt ausgerechnet. Dass der Staat den Geldhahn zudreht, ist unwahrscheinlich. Die Politik traut sich an das Thema nicht heran. Obwohl die Abschaffung dieser Pseudo-Schuld sogar im Grundgesetz steht. Aber die Kirche ist eine Hausmacht im Lande, mit der man sich nicht anlegt.

Und wir zahlen nicht nur diese Staatsleistungen an die Kirchen. Auch steckt Vater Staat den Kirchen großzügig Steuergeld zu. Wie spendabel er ist, kann man im "Violettbuch Kirchenfinanzen" von Carsten Frerk nachlesen. 2015 nahmen die Kirchen über elf Milliarden Euro Kirchensteuer ein. Ein Rekord. Das Geld sei den Kirchen gegönnt, schließlich drücken die Gläubigen es freiwillig ab. Doch der deutsche Staat spielt für die Kirchen den Kassierer. Die Finanzämter treiben die Kirchensteuer ein. Wir sind – der Säkularisierung zum Trotz – kein säkularer Staat. Auch die Arbeitgeber, also zum großen Teil private Unternehmen, müssen den Kirchen zur Hand gehen, die Kirchensteuer ausrechnen und ans Finanzamt überweisen. Diesen Service verdanken die Kirchen übrigens den Nazis, die die Arbeitgeber ab 1935 dazu verpflichteten.

Der Staat verzichtet zu Gunsten der Kirche auf bares Geld, weil man die Kirchensteuer von der Einkommenssteuer abziehen kann. Alles in allem schlagen diese Vorzüge, die der Staat den Kirchen einräumt, für den Steuerzahler nach Frerks Berechnungen mit insgesamt fünf Milliarden Euro pro Jahr zu Buche. Mit dem Geld könnte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) neue Computer für die Schulen kaufen. Fünf Milliarden Euro ist genau die Summe, die Frau Wanka in die Digitalisierung von Schulen stecken will.

Kirchen werden mit Steuergeld finanziert

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Auch sonst greift Vater Staat den Kirchen mit unserem Steuergeld großzügig unter die Arme. Etwa 19 Milliarden Euro überweist der Staat laut Frerk den Kirchen pro Jahr. Zusätzlich zur Kirchensteuer. Steuerzahler sanieren mit ihrem Geld Kirchen und Pfarrhäuser für rund 100 Millionen Euro im Jahr, selbst wenn sie Heiden sind. Wir finanzieren den kirchlichen Nachwuchs. Etwa 500 Millionen steckt Vater Staat in die theologischen Fakultäten der Unis – obwohl Theologie gar keine Wissenschaft, sondern Glaubenssache ist. "Eine Theologie, die sich den wissenschaftlichen Fakten ehrlich stellen würde, müsste sich eigentlich wegen hinreichend belegter Gegenstandslosigkeit selbst auflösen", schreibt der promovierte Theologe Heinz-Werner Kubitza ("Der Jesuswahn").

Aber die Kirchen tun doch so viel Gutes. "Wer die Kirche unterstützt, übt Solidarität mit den Schwachen und Benachteiligten", rühmt sich die auf ihrer Internetseite. Ja, aber auch viele dieser guten Taten zahlt in Wirklichkeit der Steuerzahler. Schätzungsweise zahlen die Kirchen, so die FAZ, "allenfalls fünf Prozent" ihrer Wohltaten aus eigener Tasche.

19 Milliarden aus der Steuerkasse an die Kirchen – eine schöne Stange Geld. Von dem Geld könnten wir locker die Mütterrente finanzieren. Deren Aufstockung soll jährlich 6,7 Milliarden Euro kosten. Also: Kürzen wir den Kirchen das Geld, geben wir es den Müttern.

Auch die Kosten für die Zuwanderung könnte der Staat von diesem Geld berappen. Und die Bekämpfung von Fluchtursachen gleich mit. Für diese beiden Posten hat die Bundesregierung genau 19 Milliarden im Haushalt veranschlagt.

Wenn wir den Kirchen die Milliarden streichen würden, könnten die Bildungsminister auch endlich anfangen, Deutschlands Schulen zu sanieren. 34 Milliarden Euro, so schätzt das Deutsche Institut für Urbanistik, würde es kosten, kaputte Heizungen, versiffte Toiletten, marode Turnhallen, einsturzgefährdete Dächer und undichte Fenster in Deutschlands Schulen zu reparieren. Gerade mal 2,8 Milliarden gaben die Flächenländer (die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen ausgenommen) 2015 für die Sanierung von Schulen aus. Kinder sind, so ist auf der Internetseite der EKD zu lesen, "ein köstlicher Schatz". Warum lassen wir zu, dass unsere köstlichen Schätze in heruntergekommenen Klassenzimmern hocken, während sich Bischöfe von unserem Steuergeld Protzbauten leisten?

Nur zwei Drittel aller Steuerzahler sind Mitglieder einer christlichen Kirche, aber alle werden zur Kasse gebeten. Von "systemisch bedingter Ausbeutung des Steuerzahlers" schreibt der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf.

Ich will hier gar nicht davon anfangen, dass sowohl katholische als auch evangelische Pfarrer Kinder, die ihnen anvertraut waren, im großen Stil sexuell missbraucht haben. Oder von den Millionen, die Ex-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst für seinen Protzbau in Limburg verprasst hat.

Meine Menschenrechte sind unveräußerlich

Ich bin ein Fan guter Taten, auch von denen der Kirche. Dass sie Geld aus dem Steuersäckel bekommen, könnte ich vielleicht noch verschmerzen, wenn auch nicht in dieser Höhe. Aber ich lasse mir von solchen Leuten nicht sagen, dass ich "kein kostenloses Menschenrecht auf gewollte Kinderlosigkeit" habe. Menschenrechte sind unveräußerlich. So steht es im Grundgesetz: "Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt." Keine Kinder zu haben, ist ein Menschenrecht, das 1968 auf der Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen (UN) in Teheran festgeschrieben worden ist: "Eltern haben ein grundlegendes Menschenrecht, frei und selbstverantwortlich über Zahl und zeitliche Planung ihrer Kinder zu entscheiden, sowie ein Recht, darüber eine angemessene Erziehung und Information zu erhalten." Familienplanung ist Privatsache und die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, macht mit Blick auf die drohende Weltübervölkerung vielleicht sogar Sinn. Die Welthungerhilfe geht davon aus, dass alle zehn Sekunden auf der Welt ein Kind an Mangel- oder Unterernährung stirbt. Aber die Kirche will mehr Kinder. Was sie mit dieser Art von "Bevölkerungspolitik" anrichtet, kann man sich unter anderem auf den Philippinen ansehen. Die Regierung will Verhütungsmittel für seine Bürger und Bürgerinnen, um die Armut zu bekämpfen. Die Katholische Kirche stemmt sich dagegen. Mehr als 100 Millionen Menschen lebten 2014 auf den Philippinen. UNICEF zählt die Philippinen zu den zehn Ländern weltweit, in denen die meisten unterernährten Kinder unter fünf Jahren leben. Warum kriegen die Leute dort so viele Kinder? Sie haben verinnerlicht, was die Katholische Kirche dort seit Jahrhunderten predigt: Kinder seien ein "Geschenk Gottes".

Noch bei seinem Besuch 2015 auf den Philippinen wetterte Papst Franziskus gegen Kondome und Pille. "Manche Menschen glauben, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen", sagte der Papst auf seiner Rückreise zu Journalisten. Das sei falsch. Auch katholische Eltern könnten die Zahl ihrer Kinder durchaus planen. Durch "verantwortungsbewusste Elternschaft". Der Papst führte allerdings nicht näher aus, was er damit meinte. Enthaltsamkeit vielleicht?

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel auf stern.de 

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